sind, kennen wir zur Genüge, nein, zum Ueberdruß aus den hohlen Mahnwerken der Nachweimarer im neunzehnten Jahrhundert, und es mag ja sein, das; die Klnssizistik des Versmaßes die historisch gerichtete Denkweise und die Vorliebe für das Ausspinnen der Gedanken im Original den Ueberseßer zu jenen Hohlheiten verfuhrt. — Ganz unleidlich find die undeutschen gequälten Wortumstellungen, die „nötig" sind, um manchmal einen möglichst wörtlich übersetzten Gedanken im Verszeile und Reim hineinzupressen. Vulpinus hat immerhin das Verdienst, eine gute Auswahl aus den Gedichten des Königs getroffen und unter die Ueber- fetzungcn stets den französischen Wortlaut gesetzt zu haben.
Auf diesen Wortlaut müssen wir immer zurück und wir werden großen Gewinn davon haben. Jrn sranzösischen Unterricht auf der Oberstufe deutscher höherer Schulen müßten die Werke Friedrichs des Großen ausführlich gelefen werden, denn hier zeigt sich ein Französisch ganz einzigartiger Prägung: nicht bloß das blendende glatte Bauwerk, sondern von dämonischem Genie erfüllt, also von einem Bildungswert, der in der französischen Literatur seinesgleichen sucht. Auch wäre dies eine Lektüre, die zugleich Lehrstoff für den Geschichte- und Philosophie-Unterricht böte, also Lehrer und Schüler dem großen, sehr erwünschten Zusammenwirken der Lehrfächer nahebrächte.
Also nicht bloß die in gebundener Rede geschriebenen Gedichte kämen in Betracht. Friedrichs Dichtertum zeigt sich lebhaft schön auch in seinen dramatisch geballten Reden (an die Berliner Offiziere 1740, an die Generale 1757 vor Leuthen), in feinen drängenden Gesprächen, in seinen der Tatsache dienenden Berichten (man lese die Schilderung der Schlacht bei Rollwitz, „histoire de mon temps“ Capitel 3), in seinen'abgeklärten pädagogischen Schriften. Daß er bei seiner Vorliebe für wohlgebildete poetische Form den „Sturm und Drang" in deutscher Dichtung seinerzeit ablehnte, ist verständlich, aber daß er die Innigkeit und Formen-Schönheit eines Klopstock und die klare kämpferisch« Sprache eines Lessing nicht anerkannte, ja wahrscheinlich nicht einmal genauer kennenzulernen sich die Mühe gab, stellt einen sehr kleinlichen Zug im sonst so großen Bilde des Königs'fest und Goethes sehr bürgerliche Entschuldigung dieser Unkenntnis (Dichtung und Wahrheit VII) macht diesen Zug noch unliebsamer. Diese Feststellung trübt aber keinesfalls unsere Hochachtung vor seiner Dichterkraft.
Dor allem in den Schulen sollten seine Schriften studiert werden. Vorsichtigen Jugendführern fei übrigens im voraus gesagt, daß sie in diesem Schriftsteller, Friedrich dem Großen, keinen Kriegshetzer und keinen unbedingten Lobredner der Monarchie finden werden: den Krieg erkannte er als ein Uebel, wenn auch unter Umständen als ein gewaltig notwendiges liebel; und die Tyrannis verachtete er aus der Höhe feiner Selbstlosigkeit.
Grenzen der Entwicklung.
Von R. H. France.
(Nachdruck verboten.)
Es gibt vielleicht keinen Gedanken der gesamten Naturkunde, der so ost durchdacht und betrachtet wurde wie der Entwicklungsgedanke. Die Generation unserer Väter und Großväter war von ihm geradezu betört, und es wäre ein überaus fruchtbares Beginnen, wollte man einmal die politische und kulturelle Geschichte der Erde in der Zeit feit 1860 schreiben unter dem Gesichtspunkt: wie hat sich in ihr der Glauben an das absolute Entwicklungsgesetz, das in der Sprache der Politik doch Fortschritt heißt, ausgewirkt. Um so verwunderlicher mag es daher erscheinen, daß man bis jetzt immer noch die Tatsache übersehen hat, daß die Entwicklung eine sehr begrenzte Erscheinung ist und keineswegs als allgemeines Naturgesetz gelten kann.
Entwicklung ist nur auf die lebendigen Dinge begrenzt. Schon im Reich der Kristalle gibt es sie nicht mehr, und die Erde als Ganzes entwickelt sich überhaupt nicht. Es sind zwar die Spuren fortwährender Klimawandlungen, Erdschollenverschiebungen, Gebirgsabtragungen und Neubildungen da; sie befolgen aber keine Linie eines einheitlichen Werdens, wie das im Reiche der Lebendigen so deutlich geworden ist, sondern arbeiten gegeneinander. Das eine baut auf, das andere reißt nieder. Das Endergebnis ist, daß die unbelebte Erde als Ganzes genommen heute keinen anderen Anblick bietet wie zur Kreidezeit ober in der Periode der Steinkohlenwälder.
Man hat in den Jugendtagen der Entwicklungslehre mit der Vorstellung gespielt, auch die'Erde habe ihre Entwicklung gehabt, vorn Gasball zur Feuerkugel, dann zur Schlackenwelt, zur unbelebten, schließlich zur lebentragenben Kugel. Sie sei mitten in ber Weiterentwicklung begriffen, nämlich im Altern und Abkühlen. Die Lufthülle werbe eines Tages verfliegen, als gestorbenes Gestirn taumle ber Planet Erbe einem bunflen unb traurigen Schicksale entgegen.
Alle biefe Vorstellungen haben heute mehr ober minber ihren Halt verloren. Die Umwanblung bes einen ©tabiums in bas andere kann man nicht Entwicklung nennen, auch wenn sich die irdische Urgeschichte bewahrheiten würde. Für eine Abkühlung unb Schrumpfung finb nicht genügenbe Anhaltspunkte vorhanben. Das Wort vom „Altern ber Erbe" nimmt heute kein besonnener Naturforscher mehr in ben Munb.
Unb schließlich: wenn sich auch nur eine Naturtatsache der Entwicklung entzieht, so hat man das Recht verloren, von einem allgemeinen Entwicklungsgesetz der Natur zu reden. Das Meer aber hat niemals eine Entwicklung, auch nur eine Aenderung mitgemacht. Sie Seemuschel Lingula könnte nicht von der ältesten Versteinerungszeit bis heute darin unverändert leben, wenn das Meer irgendwie anders geworden wäre. Alle Seetiere finb für bie leisesten Aenberungen höchst empfinblich, wie bie Aquarienbesitzer nur zu gut wissen.
Die Existenz unb Unveränberlichkeit bes Meeres burchbrtcht asto bas Entwicklungsgesetz. Genau so ber Kreislauf ber Klimate, ber Kreislauf der Stoffe, ja zuletzt auch ber große Kreislauf, ber sich im Weltall ab spielt.
Auch bas Weltall als Ganzes kennt unb hat keine Entwicklung. Die Zerstreuung unb Zusammenballung ber Gestirne, bas Werben unb Versehen von Sonnen in Nebeln, Glut unb Abkühlungsstabien, ber Nieder
gang von Welten, die sich auflösen um Auferstehung zu feiern, alle diese wunderbaren, von der Sternwissenschaft in so vielen Einzelheiten bereits geklärten unb unleugbaren Tatsachen, machen bie Vorstellung einer Entwicklung ba broben unmöglich.
Ein ewiger Kreis ist bas Weltall unb Sonnensystem. Erbe, irbische Natur unb Menschheit ist in ihn hineingerissen. Wenn bie Sonnen wiederkommen, bann erneuert sich in ewiger Wiederkunft auch bie von ber Sonne abhängige Natur.
Das ist wahrscheinlicher als bas Gegenteil, ^ebenfalls haben bie Einzelerscheinungen am Himmel keine Dauer, wohl aber hat sie bas Ganze. Und damit ist der Gedanke der Weltentwicklung aufgehoben.
Wie kommt es aber dann, fragt der zweifelnde Geist, daß gerade die lebendige Natur unb mit ihr der Mensch davon eine Ausnahme macht?
Tatsächlich ist bie Frage schwerwiegenb. Aber es gibt vielleicht auf sie eine Antwort, welche besriebigt unb das lebenbige Geschehen in einem neuen Lichte zeigt, in bem man es bisher noch nicht betrachtet hat.
Es kann nicht ber geringste Zweifel baran fein, baß ein Großteil aller Lebensformen, die bisher die Erde bevölkert haben, auch wieder aus- geftorben ist. Wir haben diesen Vorgang des Werdens und Vergehens der Arten eingehend kennengelernt. Immer vollzieht er sich so, daß sich aus einer Stammform eine große Mannigfaltigkeit „entwickelt", die alle möglichen Anpassungen sucht und auch findet. Ist das erreicht, dann „blüht" die betreffende Gruppe von Lebewesen und steigt auf den Gipfel ihrer Verbreitung unb bamit ihrer Macht.
Da finb, um diese Vorgänge an einem Beispiel anschaulich zu machen, die Säugetiere. Sie treten sehr frühzeitig in die Weltgeschichte ein. In der Kreidezeit sind sie schon da; es besteht aber auch ein gelehrter Streit, ob sie nicht schon vordem die Erde belebt Haden. Nur darüber ist keine Meinungsverschiedenheit, daß sie zunächst so klein unb einförmig beginnen als sogenannte Beuteltiere, welche eine tletternbe Lebensweise führen unb sich von Kleintieren nähren. Am Enbe der Kreidezeit aber nimmt dieser Säugetierftamm eine große Entwicklung. Zunächst standen die ältesten Formen und Bau und Entwicklung noch mit den Reptilien in Zusammenhang, aus denen man die Säugetiere wohl ableiten muß. Nun ändert sich das. Es gibt nicht nur Schnabeltiere, die an Flüssen leben, Beutelmarder, die im Busch umherhuschen unb Känguruhs, bie sich auf ben Ebenen tummeln, fonbern es entstehen aus ben Urformen höchst verschiedene Anpassungen an alle nur denkbaren Lebewesen. Die Faultiere hängen sich an den Urwaldbäumen an unb führen ein Dasein, bas Beweglichkeit meidet unb so zu Plumpheit unb Riesenwuchs leitet. Die Gürteltiere unb Schuppentiere finb nahverwanbte Formen, bie sich burch Hautauswüchse in Form eines Kugelpanzers ober Fichtenzapfen ähnliche Schuppen schützen statt ihren Feinden bavonzulausen. Anbere Säugetiere wanbern ins Wasser ein unb lernen schwimmen. Sie formen ihren Körper um in Fischgeftalt, werben Meister im Fischfang unb betunben ihren Erfolg burch ausgezeichnete Ernährung, bie zu Riesenwuchs führt. Das ist bie Entwicklungslinie von Delphin über ben Pottfisch zum Bartenwal. Wieber anbere verlassen sich auf das Weiden; sie suchen die Steppen und Wälder auf unb werben Pflanzenfresser. Sie schützen sich entroeber burch schnellen Lauf wie bie pferbeartigen, bie Antilopen, bie Hirsche, ober sie bleiben träg unb kämpfen lieber mit ihren Feinben. Der Fall ber Tapire, ber Schweine, Mastobonten, Elefanten unb Schreckenstiere. Jedes spezialisiert ba auf seine Art. Die Flußpferde gehen in die Flüsse, die Tapire in die Sümpfe, die Kamele suchen bie Wüstenränder auf, Schafe unb Ziegen wanbern in bie Felsenhaiben, bie Hasen rennen auf freier Flur, Eichhörnchen, Stachelschwein, Mäuse ziehen sich in bie Wälder zurück, der Biber wählt eine Lebensweise im Fluß, ganz Hochentwickelte, den Raubtieren nahe, kehren wieder zum Meer zurück unb führen ben schweren Beruf ber Walrosse unb Seehunde. Sie finb Fischesser, währenb bie große Gruppe ber fleischessenden Raubtiere, als katzenartige, Hunbe, Bären, Marber in ungemeiner Mannigfaltigkeit sich über bie ganze Erbe zerstreuen. Sogar in bie Lust bringen bie Säugetiere ein. Fliegender Fuchs, Flattermaki, Flebermaus geben den Vögeln wenig nach. Andere werden die besten Turner der Welt. Brüllaffen, Meerkatzen, Paviane erringen damit erste Preise. Die Menschenaffen sind darin schon wieder eine Art Rückgang, unb ber Mensch ist keinem Tiere gleich, weder an Kraft, noch an Schnelligkeit, nicht an Schwimmfähigkeit, an Größe, an Geschicklichkeit. Er hat von allen etwas unb nur eines speziell: er ist bas erste auf ben Geist gestellte Geschöpf.
Zur Braunkohlenzeit ist ber ganze Säugetierftamm voll entwickelt. Wasser, Erbe, Steppe, Wüste, Wald, Gebirge, Luft ist mit ihnen bevölkert, sie finb in mehrere taufenb Arten geschieben, beherrschen bie Welt. Unb nun beginnt ber Rückgang, eine Rückentwicklung, wenn man so will. Die größten unb schwerfälligsten werben vom Geburtenrückgang befallen unb sterben aus. Die Schreckenstiere unb größten Raubtiere sind schon verschwunden, bie Riesenelefanten, bie meisten Beutler finb bereits bahin. Elefant, Nashorn, Flußpferb, Menschenaffen ringen mit bem „Artentobe". Man sieht, wie ber Tob bie Säugetiere umschleicht.
Sie finb eine junge Lebensform, ihre älteren Vorgänger finb schon rückentwickelt. Die Drachen waren ebenso mächtig, vielgestaltig unb weit verbreitet, bie Tintenfische, bie Brachiopoben, viele, viele anbere finb schon rebuziert. Auf einige, wenige Formen. Unb bas ist es, worauf ich hier zum Schluß bie Aufmerksamkeit lenken möchte.
Das Aussterben ist nie vollständig. Einige bleiben stets über, bis Brachiopoben haben bie Terebrateln Übriggelaffen, bie Ammoniten bas Papierboot, von ben Sauriern blieben Krokodil, Eidechsen, Waranen lebenskräftig unb so werben auch nicht alle Säugetiere unb nicht alle Menschenrassen aussterben.
Untersucht man von biefem Gesichtspunkt bie Welt ber ßebenben, wirb man immer unb überall finben, nicht nur baß gewisse Formen von bem großen Schnittergang des Artentodes verschont blieben, sondern auch, daß diese Formen stets harmonische, wohlgestaltete, nicht einseitig spezialisierte, sondern im Ausgleich mit ihrer Umwelt dahinlebende Lebensformen find. Harmonie scheint also der Endzustand der Entwicklung auch im Leben zu sein


