eine stolze und freie Haltung. — ..... .
Wieder Straßengesang. Ein Mädchen diesmal singt in silbernen Trichter; Geige, Bagno, Harmonika. Wieder alle mit Noten im Kreis, und alle ernst. *
Es fällt uns schwer, uns zu trennen.
Wie gern haben wir unsere kleine Straße, und wir entdecken immer noch Neues darin. Sie ist unerschöpflich. Antiquitäten, vor denen mir immer wieder stehen: Kupferstiche, orientalische Seidenfetzchen, lebendige Katzen — ganz verstaubte, mit rätselhaftem gläsernem Blick — zwischen den alten Lampen; alles drängt sich auf die Straße heraus.
Und die drei Stickerinnen mit dem Kater am Fenster, ,ung und über das Kissen gebeugt, worauf sie malen. .
Am schönsten war es, herumzusitzen auf den eisernen Stühlchen und den Spatzen und Springbrunnen zuzusehen, und abends die Strahen- sänger zu hören. Und sich treiben zu lassen durch das weite, glanzende, das Helle seidene Paris.
* Untergrundbahn.
Friedrich der Große als D'chier.
Von Dr. Johannes Günther.
(Nachdruck verboten.)
,Am Vorabend der Schlacht von Zorndorf" — erzählt Friedrichs Freund und Vorleser Henri de Catt — „ward ich noch zum König gerufen. Ich traf ihn in der kleinen Stube einer Muhle. Er schrieb gerade. Ich glaubte, der König wäre mit Anordnungen für die Schlacht beschäftigt; doch nein, er schrieb Verse. Verse, Majestät?, fragte ich, und morgen wollen Ew. Majestät eine Schlacht liefern? Nun, antwortete er, was ist weiter dabei? Kann ich mich nicht an diesem Abend mit Dichten zerstreuen? Ich habe mich den ganzen Tag der Hauptsache gewidmet, habe alles nach allen Seiten überlegt, mein Plan ist fertig, mein Entschluß gefaßt." — Fünfzig Jahre suchte er nach der Poesie als nach einer Statte der Erholung, Besinnung und Klärung im Drang seines Lebens. Es durfte nur ein Nebenbei [ein; der „Hauptsache" blieb immer feine stärkste Kraft gewidmet. Er war König. Und was er „Zerstreuung nannte war meistens nur Betrachtung dessen, was wesentlich sein Leben und seinen Lebenssinn und -zweck ausmachte, nichts Abseitiges eigentlich, nur Hebung, nur Läuterung der Hauptsache
Betrachtungen über den Ruhm, über den wahren Ruhm und den eitlen, der wie ein Traum zergeht, über Schmeichelei, über Standhaftigkeit über Preußen und Deutschland, über des Krieges Greuel und harte Notwendigkeit, über geliebte Tote, Mutter, Schwester, Freund, über mühseliges Sich-Plagen, einsames Alter und letzte Fragen nach letzten Dingen, Tod und Gott — das find die Gegenstände seiner Gedichte, seiner Oden" und „Episteln". Manchmal freilich erlaubt er sich ein Lächeln und n)ir lachen mit über das Spiegelbild des Humors im Gedicht: über den Feind der ich erst großspurig dünkte, nun aber verhauen nach Hause hinkt über die Prinzessin, die Pate stehen soll bei der Hundemama und mit dem Einladungsbillett ein zynisches Denkzettelchen bekommt sie solle nun aber auch nicht mehr lange mit einem Spröhling auf sich warten lassen..., über Zeisig und Spatz in der Fabel, und über die brillanten journalistischen Fechtkunststücke, die Lessing in der Vosslschen Zeitung übersetzte; denn so gut wie alles, was dieser seltsam eigenwillige Preuhem könig schriftlich äußerte, und alles, was er dichtete, ist französisch geschrieben.
Das Französische ist eine Formsprache, die Ueberbildung einer toten Sprache, des Lateinischen. Ihre Lebensquellen sind längst verschüttet. Sie führt nur noch ein glänzendes äußeres Dasein. Sie ist etwas ganz Fertiges (im Gegensatz zu der sich wandelnden, bodenständigen und von ihren Menschen in ihrem Ouellwert gesühlten deutschen Sprache), man kann dieses Französisch anwenden, man kann mit ihm spielen, aber man kann es nicht persönlich formen. Dieses Fertigsein, dieses ein für alle Mal Formbestimmte gefiel Friedrich, der unbedingt Klarheit ,m Denken anstrebte und der die Musik liebte. So schloß er sich aus denkerischer^ und künstlerischer Überzeugung dem Zeitgeschmack an und wählte das Französische zu seinem poetischen Ausdrucksmittel. Das Französische bietet von sich aus fertige Formen, es läßt keine Wandlungen zu, aber es ist gewissermaßen so glatt, so gläsern, daß, unter seltenen Umstanden die Persönlichkeit dessen, der es braucht, hindurchscheint. Und das ist, kaum erklärbar, nur fühlbar, bei der französischen poetischen Sprechart tfneö» richs des Großen der Fall. Friedrich geniale Dämonie leuchtet hindurch.
Für diese Dämonie zwei Interpretationen aus neuerer und neuster Zeit: Wie hebt sich auf Adolph Menzels Holzschnitt (nicht dem Gemälde) Tafelrunde zu Sansfouci" Friedrichs Kopf strahlend weiß von der Nacht ab die hinter ihm durch die offene Flügeltür hineindustert! Wie ist auf Menzels Holzschnitt zu Friedrichs Ode „An meinen Bruder Heinrich alles in Nacht getaucht, auch der frierende Poften vor dem Bauernhause — aber das Fenster, zu dem der Posten kaum mit dem einen Auge emporzulugen wagt, ist erleuchtet und da fitzt, ganz im Drang seiner Eingebungen, ganz licht von innen heraus, der König und dichtet.
Das neueste Werk des Dramatikers Hans Fritz von Z w e h l heißt „Um den König"; es zeigt, wie der König Friedrich, von seinem geradezu goeihisch-egmontischen Daimonion hingerissen, seine Bahn vollenden mutz, selbst darob leidet und doch, doch „ja" dazu sagt — und mit der großen Unverantwortlichkeit des Genies auch andere Menschenschicksale, ov fie sich ihm verschrieben haben oder ob sie widerstreben, mit sich Ztzstit. Hier führt uns ein Dichter zum Heros und zum Dichter Friedrich dem
Gewiß, gelegentlich unterbricht Friedrich die gleichförmig fechsstoßigen Alexandriner-Verse mit kleinen Kurzzeilen-Gruppen — diese gleichen eindringlich aufgerichteten Mahnfprüchen oder, in den Kriegsgedichten, geradezu körperlich den Mauerresten niedergebrannter Häuser —, hie uno da wählt er auch für ein ganzes Gedicht kürzere Zeilen: ich denke 3- »■ an das feiner zärtlich geliebten Mutter gewidmete Gedicht; hier em- fprechen den kurzen Zeilen viele schnell aneinandergereihte kurz Wortbilder und versinnbildlichen die Stimmung des ganz von vant erfüllten, nach würdigen Worten suchenden, um ihr Leben sich angstucy sorgenden Sohnes. --
Aber solche Abwechslungen sind selten. Die meisten Gedichte stehen m glatten gleichmäßigen Versen — eben den Formen des ^Alexandriners vor uns. Und da geschieht nun das poetisch-menschliche Wunder: duny die gläserne Form leuchtet hindurch jene Dämonie, die fturmifd) getrieoe! ist und sich doch noch, zum großen Besten einer Idee, zu galten mW Das empfindet man, wenn man die Verse Friedrichs lieft, fremd)- lieft, nicht bloß „mit den Augen" überfliegt. Und man muß btcfe in ihrer ursprünglichen Fassung, also in ihrem französischen Wo ' lesen. Uedersetzungen sind hier unmöglich, zeigen keine Spur meyr dem Kunstwerk — es fei denn, daß ein, Friedrich dem Großen im wem verwandter Dichter sich zu dem Werke getrieben fühlte; bas roare em Zufallsgnade, auf die man nicht rechnen kann Was kommt fonfi Uedersetzungen, etwa der, die Th- Vulpinus bot, fjeraus. ®,e den, gläsernen Alexandriner stehen vor uns, aber das Genie, oas > durchscheinen müßte, fehlt. Die Wortbilder, die zur Uebertragung g
t Es regnet nicht mehr viel. Bald gehen alle.
Die Sonne kommt. *
Versailles. . VT..
Großer freier Schloßhof, breit gepflastert. Der dunkle Louis XIV. um ihn in lockerer Ordnung die weißen Standbilder seiner Feldherren.
Der Park im menschenleeren Oktobermorgen. Die Atmosphäre ist luftig und klar, voll Tau und voll Stille.
Wir setzen uns auf die weißen Stufen, neben Marmorvasen, und sehen hinab und ins Weite. Bassins zu unfern Füßen mit lierbrunnen — goldene Schildkröten, goldene Fröfche im Kreis, fie sehen sich an; und die weihen Marmorpferde springen. Zwischen den beiden Baumwänden liegen Rasen und Wasserbecken, Marmorbilder beugen sich unter rieselnden Lichtern — bis alles schmal und fern sich verliert m die Helligkeit offener Landschaft. Langsam immer mehr Natur.
Alles ist einfach und herrlich.
Wir gehen dem entgegen, in der sonmgen Mitte. Schrage Platanenalleen — drei Schiffe wie in Kirchen — münden guer aus dem Dunkel in unsere Helligkeit. Ihre Außenwandungen grenzen an lichten Wald, der, scheinbar ungepflegt und voll von raschelnder Stille und geheimem herbstlichem Glühen, alle Zwischenräume füllt.
Wo die Wasserstraße seitlich umbiegt und sich zwischen ungeheuren Bäumen zum Teich verbreitert, steigen am Ende zwei Marmortreppen ins Wasser es gibt eine kleine verwunschene Plätscherbrandung an den Stufen, und ein Tor verschließt die Welt mit dunkel grünblauem und golden sprudelndem Gitter.
' Wir finden eine kleine Pforte und stehen am Grand Inanon.
Ein Schloß, das glücklich macht. Es ist niedrig, ganz aus sanftglanzendem rosa Marmor mit kleiner weißer Säulengalerie am flachen Dach. Blumen in der gleichen glückhaften Farbe, unten um die Marmortreppe Verspielte Beete, unter fremden alten Bäumen, die flüsternd und unmerklich zum Wald überleiten. Dazwischen Springbrunnen in den Becken rekelnde goldene Engelchen, ein kleiner Faun, em wildes Xier mit Trauben fütternd. ,, , , .. , .
Das Tor an der Außenseite, einfach und blau, festlich züngelnd in goldenen Blitzen. ..
In der Ferne hüpfen Droschken im Grün. . .
Seitenwege. Die vielen tausend wunderschönen Kastanien; sie springen, verbergen sich, ruhen und glänzen, bedecken alle Wege.
Schloß Petit Trianon, altdamenhaft und bescheiden im Heuotropdust des Oktobertags ...
Rückfahrt: als einzige oben auf dem zweistöckigen Bähnchen; ein rußiges, luftiges Abenteuer. Meudon Sevres. Der Eiffelturm m zartem Duft. *
Später im Bus zum Montmartre. „Pre Pias" (prenez place) fagt der Schaffner, und wenn er es gesagt hat, ruft er es singend leiser noch
Vor der Opera bleibt der Bus stecken im Gewühl, immer wieder. Unter uns ist es gepflastert mit Autodächern, die alle mit uns einen Äuck tun und wieder stehen.
Endlich Montmartre. Kabarets, Helligkeit. Alle Verkaufe draußen.
Plötzlich finstere Seitengassen und schmale, steile, endlose Treppen, 'leber uns manchmal Sacre Coeur wie aus Mondlicht.
Eine'Windmühle in der Dämmerung, richtige alte Windmühle mitten in Paris. „ . . , . ,
Oben vor der weißen Kirche stehen wir ganz allem und sehr fremd. Nur noch der Mann, der Laternen anzündet. Er klettert die Treppchen herauf und läßt die grünlich fahlen Lichter seltsam in dem Ganzen s ^Tief unten die dämmernde Stadt, Lichter, die Mondsichel, locker m das Graublau gehängt, in dem die ganze Welt nun ruht. Rur dicht über Paris steht ein himbeerroter Dunst. Links noch gerade die eckigen Türme von Notre Dame, zwei graue vertraute Schatten. Rechts, in tausend Lichtern ausglitzernd und wieder versickernd, der Eiffelturm.
Rue de l’Opera im höchsten Straßenbetrieb. An den Uebergangen Franoaisen der Fußgänger: in zwei langen Ketten rennt man aufein- einber los.
Paare, die sich im Gehen küssen.
Mitten im Gewimmel die Polizisten, breitbeinig, mit kurzem Umhang.
In der Metro*. Die Lust ist heiß, stickig, hell. Plötzlich ist man hinem- qeworfen zwischen Menschen. Sie lesen, ruhig und ernst. Geschminkte Mädchen in der Ecke, oft rührend müde, mit geschloffenen Augen, wie welke Blumen. Immer null) ein oder zwei von den dicken Mannern, die viel Platz wegnehmen und hilfreich sind. Und meist i»nge Arbeiter. Der Mstro-Feger hat ein Alabastergesicht mit schwadern Vollbart, und


