Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang 1931

Hreitag, -en 2. Oktober

Nummer 7Z

Herbsttag.

Von Rainer Maria Rilke*.

Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß. Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren, und auf den Fluren laß die Winde los.

Befiehl den letzten Früchten voll zu sein; gib ihnen noch zwei südlichere Tage, dränge sie zur Vollendung hin und jage die letzte Süße in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr. Wer-Zetzt allein ist, wird es lange bleiben, wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben und wird in den Alleen hin und her unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

Herbsttage in Paris.

Von Wera Wagenschein.

(Nachdruck verboten.)

Unser kleines Hotel liegt in der kleinen Rue Delambre, wo Mont- jarnasse und Quartier latin Künstler und Studenten sich mischen.

Die Straße im frühen Morgen. Oben sausen Wölkchen vor blauem Himmel. Unten kehren Nächtlinge heim, blaß im hochgeschlagenen Mantel. Ein Lumpensammlerpaar sucht aus den Kasten sich, was es braucht, singt chwer vor sich hin.

Wir hören die Straßengeräusche wie Musik eines Orchesters. Die Aus- mfer haben nicht das sorglose Singen der Italiener. Es klingt fast 'rohend.

Im Cafe .du Dome.

Die Leute sitzen auf der Straße an kleinen Tischen, wie Wellensittiche mmer zu zweit, die Gesichter zum Fahrweg gewandt; ausgereiht wie Rabatten. Literaten, Künstler, Mondäne. Ein Mulatte putzt die Tischchen.

Wir lassen uns treiben und bezaubern.

Boulevard Montparnasse, so breit, daß die Menschen drüben wie

-Inder klein sind. , , , . ,

Schwerer Himmel. Von weitem der Eiffelturm, so hoch und fern, > er immer mitgeht.

Champs Elysees. ... ...

Wir sitzen im Regen auf eisernen Stühlchen in kleiner oßener Halle unter Bäumen. Unaufhörlicher Autoreigen. Auf den Alleen große Be­legung: Matrosen mit roten Pompons und hellblauen Kragen, Reger, lrelonische Häubchen, Kokarden, Federbüsche, rot und weiß, Feuer- vle alte Teufel mit Kapuzen: Zeitungsverkaufer. Bronzenes Blatter- lsriesel. Ein betäubender Strom. c t

Place de la Concorde, so groß, daß uns fast die Luf g|

Im Tuilerienqarten plötzlich bunteste Sonne. Ein Karussellchen im l:-rünen. Der große Blick Louvre-Etoile. Ueberall Glanz und Freudig- lit. Wind stäubt uns Fontänen ins Gesicht.

Wir setzen uns arglos auf eiserne Sessel, da mutzen wir

-Zahlen. Neben uns ein Junge füttert die wimmelnde Sp-tz'nschar. vorübergehende müssen ausweichen, d,e Spatzen wachen mch tz pringbrunnen-Andreher in Heldenpose. Wir werden uberspritzt

l-rrlichen Wind. *

fiten, glitzernd und groß. Wolkenschatten. Große Klarheit, Blaue und '-Sind. Ferne regnende Wolkenberge, Walder und weites Land ring

die Stadt, die Schlingen der Seine, versihwender sche Matze. , s i'm Montmartre die Moschee-Kirche Sacre Coeur, alabasterwe.tz leiernen Wolken, orientalisch hingezaubert.

*

Champ-de-Mars.

Viele kleine Leute ... Sonntagnachmittag.

Wir stehen lange vor einem Kinderkarussell

Cs wird langsam dunkel. Lichter auf dem Eiffelturm.

Blätter fallen und werden mitgewirbelt im \ aroßeM

Der dicke Karussellmann mit rosa Backen unter d r^Kat P ^g Schnurrbart und kleinen dunklen gütigen -lugen. L

^HHmBuch der Bilder"; Gesammelte Werke Band II, Jnfel- ^erlag, Leipzig.

und sieht auf die kleinen Kinder, die auf Pferdchen sitzen und herum- fahren. Feine Drehorgelmusik, rhythmisch, orientalisch, dumpfes tarn tarn und leise hohe Trillermelodie. Die Kinder alle blaß, still, fröhlich und zart. Sie haben Stäbchen in der Hand, mit denen sie Ringe zu stechen suchen, die eine Frau ihnen hinhält. Von weitem schon, wenn sie dieser Stelle näher kreisen, sind die Gesichter voll Spannung. Jedes anders. Das ganze Wesen öffnet sich. Manche sind ganz Bewußtsein und Absicht, zielen in den Ring. Andere überlassen sich spielend dem Glück. Ein ganz Kleiner ist noch zu dumm, merkt nicht, warum es geht: viel zu spät sticht er in die Luft und enttäuscht erstarrt er in dieser Haltung. Wer einen Ring gefangen hat, darf noch einmal umsonst fahren. (Sonst kostet es vier Pfennig.)

Wir stehen viele Stücke lang, bis wieder das erste kommt, das berückende.

Das Karussellchen zieht die Kinder an. Don allen Seiten des Mars- feldes kommen sie gerannt. Die Erwachsenen lächeln und gehen mit. Sie lieben die Kinder.

Der dicke Mann in der Mitte dreht und lächelt im Kreise.

Wir gehen.

Straßenmusik, Chansons, Bänkelsänger im Kreis. Ein Mann ver­teilt Blätter mit Noten und singt dann vor. Seine schöne Stimme hat Leidenschaft und Emst. Dann spielt er wieder Ziehharmonika und verteilt. Allmählich singen sie mit, haben ganz ernste Gesichter. Ein Soldat, Frauen, junger Herr mit steifem schwarzem Hut und weißem Schal.

Turkos.

Der Himmel wird grün, der Eiffelturm schattenhaft, mit Lichterwellen. Der Mond auf der einen Seite, still und schmal in Wölkchen: kirschrote Lichtreklame auf der andern. Beide mischen ihr Licht zu seltsamem Schein.

Ganz früh gehen wir fort. Unsere Straße ist noch feuchtkalt und still. Nur ein altes Individuum mit leeren Augen wühlt systematisch in den Mülltrögen.

Die Seine. Bouquinisten am Ufer, lange Reihen: alte friedliche Männer vor aufgeklappten Büchertruhen. Man darf darin herumkramen. Die. schönen alten Bilder im Deckel.

*

Oben im Wind auf der Galerie von Notre Dame. Die Chimären schauen übers Geländer zur Stadt tief unten, oder sie sehen den Engel an aus dem Dach, der starr und schmal aus der Tuba spielt. Am andern Dachende steigen nach allen vier Seiten je vier lange hellgrüne Kupferheilige und ein Ungeheuer hinab.

Unten die Stadt. Perlgraue Häusergruppen, die Seine-Brücken, der grüne Fluß an den Windungen schimmernd, die winzigen Bou- quinisen; Eissel und Sacre Coeur schweben darüber.

Oben der Himmel, ganz nah bei uns, mit schweren Wolken bunt und wild.

Die Türmerin neben uns füttert Tauben.

Zwei Chinesen, blaß im Wind.

»

Luxembourg.

Eingeregnet auf gemieteten Stühlen in einem Pavillon.

Sehr viele Kinder sind hier, alle mit dem zarten porzellanenen Teint. Kinderwagen.

Fünf kleine Geschwister. Die Aufsichtsfrau spielt Springseil mit ihnen. Alle sind voll Charme und Frohsinn.

Sechszehnjährige Gymnasiasten spielen Fangen. Einer hockt am Boden auf feiner Mappe: schlank und langgliedrig, mit blonden Locken und einem ernsten Lächeln zu den andern herauf. Er gleicht wohl seiner Mutter.

Ein Mädchen mit breitem schwarzem Filzhut, ärmlich, und ein junger Mann, wohl Maler, sprechen zueinander mit aufgeschlossenem liebenahem Freimut. Sie zeigt ihm endlich ein kleines Oelbild, Bäume aus dem Luxembourg Er findet es wohl schlecht, hält und besieht es lange mit unaussprechlich freundlichem Lächeln. Beide sind ganz jung, kaum zwan,pg.^^tter ber c^nf fommt mit fünf Gummieapechen. Auf ihrem Gesicht liegt der gleiche Frohsinn. Sie schlagen das Seil und springen in Variationen, nach einem Kinderlied.

Neben mir eine blasse Frau am Zwillingswagen singt demeher petit Christian" ein rieselndes Schlaflied und sieht still ins Leere dabei.