ihn bedenkt, trotzt er mit
das gottesrühmliche Leben von Millionen. Dieser Zweck steht höher als der Zweck eines einzelnen Lebens und selbst der Königsseele. In diese
Ueberlegung meckert Karls
Nur wer Liebe und Hatz überwunden hat, ist König. Philipp hat den Haß nicht überwunden, er ist nicht König, er durste nicht urteilen, er handelt als gemeiner Mörder an seinem Sohne Karl! ____________
kindischster Eigensinn mit quäkender Stimme kommt es auf den einzelnen, aus sein ein-
hinein: nein! Vor allem L....... —, — ------ . .
zelnes Leben an! Den einzelnen zu opfern, sei die Sünde des Unglaubens gegen den Geist. Denn den einzelnen hat Gott gemacht, das Reich aber die Menschen.
Poltern und Gekrach ist die Antwort!
Philipp ist ausgesprungen, der Stuhl ist umgestllrzt. Unsinn über Unsinn! Niemand beobachtet Philipp. Philipp gestattet, daß seine Fäuste schütteln, daß seine Miene sich verzerrt.
Philipp rennt auf und ab. Warum?
Nicbt der Einwand an sich ist es, aber seine ausgesuchte Albernheit, mittels deren wie im Sprung Karls von Dummheit und nichts als Dummheit verwüstetes Gesicht vor Philipp heraufgefahren ist und höhnischen Blickes die eiternde Frage des Hasses angerührt hat, des Hasses, den Philipp gegen seinen Sohn hegt. Hast du nicht eben geprahlt, daß du die Liebe zu deinem Fleisch und Blute überwunden habest um des Reiches willen? Aber wie ist es mit dem Haß?
Harmonie steht als leuchtende Hoffnung über allen Kämpfen des Seins, sogar über dem Artentod. Harmonische Formen sind der Endzustand des großen Entwicklungsbogens. Wer harmonisch lebt, hat mehr Aussicht nicht nur selbst länger zu leben, sondern seinem Geschlecht auch die Zukunft zu sichern. . m
Alle die düsteren Vorhersagungen vom Geburtenrückgang des Menschen und den Gefahren, die das in sich schließt, haben einen Gegenpol in den Gewißheiten, die diese, noch nicht genügend durchdachte aber schon unzweifelhafte Tatsache vor uns eröffnet. Im ewigen Kreis des Naturganzen hat auch der Mensch seinen Platz. Aber er muß ihn erst verdienen. Nur das Aufgehen im Weltgesetz, Erkenntnis der göttlichen Machte und getreue Befolgung des Auferlegtcn kann ihn in Einklang bringen mit her großen Harmonie, die ftets und überall irn Weltenbau auch mit dem „ewigen Leben" belohnt wird, soweit ein solches gemäß dem Welten- plan überhaupt möglich ist.
Oer König wartet.
Erzählung von Eduard R e i n a ch e r.
(Schluß.)
Er liegt seit einer Reihe von Tagen an der Ruhr. Es ist den Aerzten nicht gestattet, ihm Diätvorschriften zu machen: nur Arzneien dürfen sie ihm nach Belieben verordnen. —
Die Kerze flackert. Ihr Licht trübt sich bis an das Erlöschen heran. Philipp beschneidet den Docht. Leise wie ein Jäger, der kein Geräusch machen darf, legt er die Lichtschere wieder hin.
Der Arzt hat den Tod des Jnfanten auf den Nachmittag angeklln- digt Jetzt ist es Nachmitternacht, und Philipp will sich nicht entschließen, das Warten auszugeben. Die Meldung muß noch kommen, Philipp ist nicht gewillt, morgen, übermorgen und weitere Tage wieder so zu warten. Nicht gleichgültig hat er sich heute an diese Arbeit herangemacht. Solche Arbeit muß zum Ende geführt werden, wenn sie einmal begonnen ist. Philipp besteht darauf, daß er diese Nacht noch die Meldung erhalte, der Jnfant sei verschieden.
Philipp hat die Liebe überwunden. Er hat sie so überwunden, daß er sie beinahe hegen kann, ohne fürchten zu müssen, daß sie ihn wankend machen werde. Oder ist es Abwehr gegen ihre verborgensten Angriffe, daß er sich einige Gründe vor Augen hält, warum Karl gegen seinen Vater gereizt sein durfte?
Er gesteht, Karl zwei Bräute weggenommen zu haben, und muß sich Mörder der ersten von ihnen nennen lassen. Philipp nimmt es hin, wenn Karl behauptet, alle Torheiten seines Lebens im Auftrage des Vaters begangen zu haben. Du wolltest mich schwach und untüchtig haben, aus Neid, und darum war ich es! Philipp leugnet es nicht. Er hört den Ansturm von Beschuldigungen an mit einer Art von Höflichkeit, die chm gleichsam angenehm prickelnd in den Gliedern liegt. Er sagt einmal nebenhin: „Und wenn ich auch den königlichen Sinn in dir an der Wurzel getroffen habe, indem ich dich unweisen Erziehern überließ, die dich auf unwürdige Weise züchtigten, und wenn ich auch zu tot in der Seele war, um dich Mutterlosen zum Leben zu erwecken, und wenn ich dich auch zerstört habe: zum mindesten habe ich zur rechten Zeit erkannt, daß du zerstört warst, und habe gesorgt, daß du deine Zerstörung nicht an das Reich vererbst. Ich habe die Folgen auf mein Leben und auf mein Gewissen genommen. Mögen sie auf mich kommen!" Und er steckt lächelnd eine rasende Beschimpfung ein, die seine Phantasie im Namen des Sterbenden bietet: Mörder der Lilie aus Frankreich!
Abseits von diesem Phantasieren sagt sich Philipp mit einer andern Stimme, daß Karls Seele für eine selige Ewigkeit gesichert sei. Karl hat gebeichtet, er hat die Sterbesakramente genommen, er hat mit rührender Zärtlichkeit und Büßfertigkeit von seinem Vater gesprochen. Philipp redet sich zu, daß diese Gottseligkeit gewiß vorhalten werde, bis die Seele den entscheidenden Sprung getan haben werde. Karl wird selig sterben.
Verantwortlich: vr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Drühl'sche Llniverfitäts-Buch- und Steindruckecei, Ä. Lange, Oieben.
Philipp ist darüber beruhigt.
Aber nein, meldet sich wieder eine Stimme, nicht weil Karls Seligkeit gesichert sei, sondern weil der Arzt geurteilt habe, daß Karl nicht gerettet werden könne, darum sei Philipp beruhigt. Darum also? Und wenn auch! Nicht um Philipp und Karl handelt es sich ja, sondern um das Reich. Das Reich ist alles. Das Reich ist wichtiger als selbst das selige Ende Karls — ober Philipps selbst. Philipp erschrickt über diesen Zusatz, den sein Gedankengang ihm ungeheißen liefert. Aber indem er " einem Ja! aus. Der Zweck des Reiches ist
Gemeiner Mörder! kreischte es
Philipps Herz jagt das Blut in Raserei. Gedanken und Grundsätze regieren seine Vorstellungen nicht mehr, er lodert von einem brünstigen Gefühl.
Ja, Haß! Siebenfachen Haß!
Haß, das ist es. Der Alte haßt den Jungen. Es geht nicht um das Beste des Reiches, sondern um den Besitz des Reiches. Philipp will nicht, daß ein anderer nach ihm König werde! Er will zehnfach nicht, daß dieser Knabe nach ihm König werde, der so anders ist als er, den er haßt, weil er anders ist, und den er hassen würde, wenn er ein Engel wäre, weil er nicht Philipp ist.
Der Haß braust um Philipps Ohren wie ein hinunterreißender Strom. Er ist beglückt vor Haß.
Eine Fliege summt um die Kerze; ihr Summen ist abscheulich. Philipp haßt auch sie, und auch dieser Haß beglückt ihn. Er hört einen Sturm im Zimmer wie von unzähligen boshaften Mücken, deren Gesumm ein menschliches Geflüster nachahmt: dieses Geflüster, daß er ein Mörder sei. Aus den büftern Ecken bringen bie wiberlichen Stimmen gegen ihn an, unter den Möbeln kommen sie hervor. Karls Atem ernährt sie alle, und Philipp, wie ein angestochener Stier, haßt sie bereitwillig alle. Er läuft im Zimmer hin und her und späht vorüberlaufend die Ecken aus. Sein Blick vermeidet es, den Wandaltar zu bemerken.
Schließlich bringt in ihm durch, daß er sich gegen das alles behaupten müsse, und er zwingt sich zur Ruhe. Er stellt den Stuhl auf, zieht ihn an den Tisch, setzt sich steif aufrecht und betrachtet die kleine Flamme der Kerze, die jetzt nahe dem Tellerchen brennt.
Er legt die Hände vor sich auf den Tisch, wie um anzudeuten, daß er ein großes Abwägen vornehmen wolle. Wie oft hat er diese Gewichte schon verteilt! Aber sein eigener Zorn will ja, daß es immer wieder geschehen muß.
Es kommt ja doch nicht auf seinen Haß ober seine Liebe an. Es sind ja boch die Tatsachen, die entscheiden, die er entscheiden läßt. Es steht ja doch nicht bei ihm, die Dinge anders zu fügen, als sie gefügt sind. Er hat sich ja boch oft geschworen, unb er glaubt an seinen Schwur bei verbachtoollster Prüfung, daß er Karl hegen und fördern würde, obwohl er ihn haßt, wenn Karl taugte König von Spanien zu werden. Und wenn er Karl falsch erzogen hat, so steht es nicht bei ihm, die Ergebnisse der Erziehung zu ändern. Es ist nichts mehr zu ändern, es gilt, alles nur noch auf sich zu nehmen. Das Gewicht der Erdkugel hängt als Siegel an der furchtbaren Urkunde.
Es steht nicht in Philipps Macht, die Verhältnisse der von Menschen bewohnten Welt so zu ändern, daß sein Nachfolger sich nicht der höchsten Gefahr und dem Kampf um Größe oder Zertrümmerung des Reiches gegenübersehen müßte. Ja, die ganze Erdkugel hat Philipp zur Verfügung, um sie gegen bie Klage seines Sohnes in bie Waagschale zu legen, die Erdkugel, von Spanien ausgehend. Es gibt in Spanien Schas- züchter und andere Berufszweige; hat Karl über bie notroenbige Sonber- ftcUung der Schafzüchter je ein brauchbares Wort gesprochen? Oder über bie Regelungen, die gegenüber brr Hafenstabt Barcelona nötig sind? Was wird Karls zappelnde Hand gegen bie aufstänbifchen Nieber- (anbe ausrichten? Unb was gegen bie Mohammebaner Afrikas und Asiens, die zu satanischen Keulenschlägen gegen die katholischen Länder unb beren Vorposten Spanien ausholen? Karl hat sich einmal für biefe Angelegenheit erhitzt, als ihm ein Malteser La Valettes Taten erzählte. Das Ergebnis war, daß er mit dem Vetter Don Juan von Oesterreich zur Front durchgehen wollte, um Rittertaten zu verüben.
Die Erde ist eine ungeheure Kugel, und wo Land ist, da ist es bewohnt, unb zwar zumeist von Menschen, bie Spanien feinblich sinb. und die Spanien beherrschen soll. Wie wird ein Mensch dem Erdball befehlen^ der noch nicht sich zu befehlen versteht und bei weitem nicht einem Fähnchen Soldaten?
Philipp hat die Hände gefaltet. Er hat Ruhe gefunden; seine Gestalt ist ein wenig zusammengesunken.
Der Schatten von einer Stimme, diese Täuschung, als ob Karl redete, stört ihn wieder auf. Gerade weil das alles so sei, bürfe Philipp Karl nichts zuleide tun. Philipp höhnt: wieso, gerade weil alles dies so sei? Karl antwortet in der ganz und gar widersinnigen Art, bie so be- sonbers empörend wirkt: weil Philipp sein Vater sei.
Philipp schüttelt den Kops. Er kann nicht mehr. Ist es Zorn, Ermüdung oder Jammer und Dual: es laufen ihm, ohne daß er schluchzt, Tränen aus den Augen. Er steht auf unb meint heftiger. Sein Kummer beginnt ihn zu rühren. Er vergißt Karl unb weint über sich selbst, ohne an bas zu benten, was ihn bekümmere.
Dann fällt es ihm roieber ein. Er sagt nun zu sich selbst, baß es ihm gehe, wie es Abraham ging, als er ben Befehl erhielt, Isaak zu opfern. Er nickt mit gefalteten Hänben unb bekräftigt es: (Bott habe ihm besohlen, seinen Sohn zu opfern. Unb er will zum Altäre gehen, um mit Gott zu sprechen — unb, es ist Wahrheit, unb um Gott zu bitten, baß er für Karl wie für Isaak ein Lamm nehmen möge.
Er will zum Altäre gehen. Da erlischt bie Kerze wie von einem starken Hauch.
Der Kammerbiener gleitet mit Licht herein.
Melbung: der Jnfant ist tot.
Geht, reitet, fliegt oder träumt Philipp durch die Nacht? Ehe er einen neuen Gedanken gedacht hat, steht er vor der Tür, hinter der fein Sohn gestorben ist. Die Wachen reißen auf. Er tritt hinein. Karl liegt blaß da, ein Kind, lächelnd in Trotz unb in erstem, blühendem Reiz. Die Engel haben ein Kind aus dem Bette genommen. Phmpb legt seinen Mantel über ben Körper. Er gleitet nieber, er kriecht mir feinem Kops unter ben Mantel. Mit bem Wasser seiner Augen wasäst er bas Gesicht bes Toten, solange er kniet.


