einander. Der Sultan sprach: ,Was sagen |ie?‘ Der Wesir erwiderte: ,Die eine sagt zu der andern: Gib mir deine Tochter für meinen Sohnl Die andre antwortete ihr: Ich gebe if)n_ dir nur um die dreihundert Ruinen von den Ländereien, die der Sultan zerstört hat/
Da gingen die beiden (der Sultan und sein Wesir) heim, und er sandte den Ausrufer aus: ,Der Sultan ist bereit, die Ländereien zu bebauen: wer imstande ist, zu schirren und zu zäumen, der komme urn- [onftl* Die Leute kamen herbei, erhielten Geld, schirrten an und bebauten die Ländereien."
Ist diese arabische Bauernerzählung nicht wirklich ein Bruder der in chinesischer Uebersetzung erhaltenen indischen wie der sizilianischen?
Alles stimmt in ihr, besonders mit der indischen Erzählung überein: Der tyrannische Fürst, der „seinem Volke das Gold wegnimmt" und, um das Letzte auszufinden, ein schönes Weib (in Indien ist es seine Tochter, in Arabien eine Nebensrau) sür Gold durch einen Ausrufer feilbietet. Der verliebte Jüngling, die Mutter, die zu raten weiß, das Gold im Munde des längst begrabenen Vaters, — ja schließlich sogar dies, daß die Erzählung in eine Lehre ausmündet, die dem König gegeben wird, und daß er sich anschickt, den Schaden, den er früher angerichtet hat, wieder gutzumachen. In der Tat, deutlicher kann eigentlich Abhängigkeit einer Erzählung von der andern nicht zutage treten 1
Die westliche Form der Erzählung, die sizilianische ist schon in einem Zuge verändert: Statt des Mädchens wird „ein Zelter" ausgeboten. Zweifellos ist das keine Verbesserung: der Jüngling, der „fast vor Liebe stirbt", ist wahrscheinlicher als der sizilianische Prinz, der ein Pferd besitzen will.
Man sieht aus solchem Beispiel, wie eng und wie geheimnisvoll die Völker über Länder und Meere hinweg und auch über alle Grenzen der Rassen und Kulturen miteinander verbunden sind. Und nichts ist dabei so aus einer Hand in die andre gegangen, wie gerade die Erzählungen. Cs ist ja auch heute noch so. Was wissen wir denn etwa von Rußland? Erzählungen von Tolstoi, von Gorki, von Dostojewski — die sind es, die uns mit Rußland verbinden.
uns mit dem Volk des fremden Landes verbinden.
Dabei zeigt unser Beispiel, wie wenig in solcher Frage der Ueber- lieferung die Zeit bedeutet: die indische Erzählung aus der alten, die sizilianische aus der mittelalterlichen und die arabische aus der gegen« bärtigen Zeit gehören zusammen.
Es ist eine poesievolle Vorstellung von Austausch und Einheit und Verbundenheit die damit vor uns aufsteht.
Rudolf G. Binding.
Von Dr. Carl Walbrach, Gießen.
„Du weißt, mein Freund, daß ich meine Zeit, trotz aller ihrer Scheußlichkeiten, allen anderen Zeiten vorziehe ... Vielleicht ist es nicht gerade beneidenswert in ihr zu leben. Aber es liegt auch ein besonderer Reiz darin, den Kampf zu bestehen. „Den Kamps?" fragst du. Ja. Denn ich halte davon, daß einer der gigantischsten Kämpfe zweier Mächte — vielleicht auch anderswo — sicher zumal in unserem Volk sich abspiele und von jedem einzelnen zu bestehen ist ... Denn nicht um Macht, Erfolg, politische oder wirtschaftliche Größe geht der Kampf, sondern darum, ob unser Volk, ja die Welt, genug ethische Kräfte aufzubringen vermag, um sich dem Sturz in eine Lebensauffassung entgegenzustemmen, die keine Seren Werte kennt als die Wirtschaftlichkeit der Dinge: vor welcher ctschaftlichkeit selbst die (ehemalige) „verdammte Pflicht und Schuldigkeit" der Menschen die Segel zu streichen hätte ... Wenn ich sage, ich erwarte jenes Hinaustragen des Sieges vom deutschen Volk, so ist es nicht deshalb, weil ich dieses Volk für besonders bevorzugt Halte, sondern weil ich irgendwo, wankenden ethischen Grundlagen zum Trotz, in diesem Volk im Vergleich zu anderen die größere Jugendlichkeit verspüre. Unser aller Sehnsucht bürgt mir dafür. Ich mag mich täuschen. Wie dem auch sei
All Geschick ist heilig, fromm betrachtet. Dunkel von Geburt gehn große Nächte. Hauptgebeugt, verendet fast, geächtet. Sind wir schon zu neuem Tag umnachiet." ♦
Das Beste, was Binding zu geben habe — hat ein Kritiker von ihm gesagt — das Beste auch i n seinen Büchern und besser als seine Weltanschauung, fei feine aufrichtige männliche, fchicksalgefaßte Persönlichkeit. Ein Ausspruch, der an ein Wort Schillers erinnert: „Den Schriftsteller überhüpft die Nachwelt, der nicht mehr war als sein Werk." Das heißt: es gibt fein echtes Kunstwerk in und hinter dem man nicht den Menschen fühlt, der es schuf. Wenn dieses Wort wahr ist — und niemand wird daran zweifeln beim Blick auf die Dichter unserer Vergangenheit einerseits und die Bücherflut der heutigen Tagesschriftsteller anderseits — dann wird Binding zu denen gehören, die nicht „überhüpft" werden. Zwar — er selber rechnet sich nur zu den Mittelmäßigen. Und als einmal ein in der Literatur bekannter Mann allzu lebhaft dafür eintrat, es muffe eine „Notgemeinschaft der deutschen Literatur" geben, da die Schriftsteller weder von den zuständigen Behörden noch vom Publikum die nötige Unterstützung fänden, erklärte Binding, ein künstliches Am- Leben-erhalten minderer Kräfte billige er nicht: was nicht so gut sei, sich irgendwann durchzusetzen, sei bloß wert unterzugehen, obwohl er selber dann zu diesen Untergehenden gehören werde. So ist es aber doch wohl nicht. Und zwar weil Binding Schillers Forderung entspricht, als Mensch und Persönlichkeit mehr zu sein denn als Dichter. Das erhellt am deutlichsten und unmittelbarsten aus seinen Büchern „Erlebtes Leben" und „Aus dem Kriege". Beide sind, wie überhaupt alles, was er geschrieben, unsensationelle, man möchte sagen: männliche Schriften, die ein Stück der deutschen Geschichte und Kultur widerspiegeln. „Erlebtes Leben" ist ein echt deutsches Buch, das fast unpersönlich ist, weil Bindings Schicksal sich mit dem deutschen Schicksal deckt, weshalb er sagen darf, fein Leben stehe für viele. Er erkannte früher als mancher andere, daß die Deutschen jener Vorkriegszeit mit ihrem „tun, als — ob" auf einem
falschen Weg waren. Er vermachte das vielleicht eher, weil er nicht durch seinen Beruf in einen engen Kreis gebunden war, weil er Ne Heimat oft aus der Fremde sah und nicht nur in unserer Kultur bewandert ist. Daher auch wohl seine Neigung zu den Engländern, die schon einen Carl Hillebrand durch ihr Gleichmaß zwischen geistiger und körperlicher Ausbildung an die griechischen Vorbilder erinnerten.
Binding hat die recht seltene Gabe, Dinge und Ereignisse, von denen er nicht berührt fein will, fern zu halten und an sich vorübergleiten zu lassen. Das tat er mit dem deutschen öffentlichen Leden bis zum Sommer 1914. Da meldete er sich, 47jährig, als Freiwilliger und gab sich dem Krieg hin wie nur wenige, als einer, der — fest und sicher im wirklichen Leben stehend — ihn innerlich erlebte. Deshalb hat er ein Recht, über den Krieg etwas auszusagen. Binding hak sein Schicksal als Reiteroffizier hingenommen als etwas Selbstverständliches. Er reitet „auf dem Rücken der Zeit" — läßt sich nicht im Gewühl mittreiben, weil er immer Abstand von den Dingen bewahrt. So kann er auch von dem Kriegsbuch sagen: „Nicht ich habe es geschrieben — es hat sich selber geschrieben." Eindrücke, wie sie der Tag und die Stunde gaben, sind hier aus Briefen und Tagebuchblättern zusammengestellt. Es ist bis heute eigentlich das einzige Buch, das unmittelbar aus dem Unterstand, vom Pferd herab, zu uns spricht, und kann im Bücherschrank nur etwa mit Otto Brauns „Nachgelassenen Schriften eines Frühvollendeten" zusammenftehen, nie aber mit dichterischen Bearbeitungen wie Unruhs „Opfergang" oder Carossas „Rumänischem Tagebuch" verglichen oder der erzählenden Kriegsliteratur von Renn, Remarque oder anderen zugerechnet werden. Denn gerade darauf beruht fein vielleicht erst von einer späteren Zeit richtig gewürdigter Hauptwert, daß es keine nachträglich bearbeitete, dichterische Darstellung ist wie Bindings Novellen „Unsterblichkeit" und „Wingult" ober auch seine Gedichte aus dem Feld. Es enthält vielmehr Ouellenmaterial zum Erleben des Krieges.
Weil Binding — nicht um die Leser zu unterhalten — einfach sagt, was er erlebt hat, fühlt man seine Persönlichkeit hinter allen seinen Werken, die dadurch eine Zusammengehörigkeit, eine innere Einheit erweisen. Das gilt naturgemäß von den beiden erwähnten Büchern, aber auch, um nur dies eine noch zu nennen, von der Legende von „Sankt Georgs Stellvertreter". Dieser Rittmeister, der, als der Tod ihm sein Ende ankündigt, alle Kraft aufbietet, ohne Beichte und also nicht als „armer Sünder" vor seinen Gott zu treten — von dem der Tod bei seiner Unterhaltung mit St. Georg an der Himmelspforte gesagt hatte: „Glaube nicht, daß ihn jemand je klein kriegen würde, ober daß er feinen Nacken beugen würde, es fei denn, er stände vor Gottes Thron und sähe ihn von Angesicht zu Angesicht" — dieser ritterlichen Gestalt scheint nur Binding selber wesentliche Züge geliehen zu haben, wie sie auch sonst z. B. in dem Fliegeroffizier in „Unsterblichkeit" zu finden sind. So darf man sagen: Binding ist mehr als sein Werk, das bald in dieser, bald in jener Gestalt ein Stück seines Wesens spiegelt.
Es ist nicht einfach, Bindings Wesen zu fassen, man kann wohl nur — wenigstens in diesem engen Rahmen — den einen großen Zug festlegen, der durch fein Leben zieht und von den gefährlichen Hammer- kämpfen seiner Knabentage bis zum Erleben des Krieges und bis heute reicht. Es ist das Gentleman-Ideal, „das wunderbare geheime Rittertum unserer Zeit, dem die Besten Gefolgschaft leisten", für das aber unsere Zeit, die so allmählich alle Formen glaubt abtun zu können, wenig Verständnis hat — als ob es Kultur ohne Form geben könne! Der Gentleman Bindings — er erinnert mich an den Prinzen Louis Ferdinand, den der General von Clausewitz in feiner Charakteristik der Heerführer des Jahres 1806 „den preußischen Alkibiades" nennt — wird in „Erlebtes Leben" von Eduard VII. während der Unterhaltung mit Alkibiades folgendermaßen gekennzeichnet: „Er ist sachlich, unsentimental, unverdrossen, immer bereit, wie eine geschliffene Klinge. Er tut nicht, als ob und nennt die Dinge beim richtigen Namen. Er ist ehrlich und wahrt seinen Vorteil. Er ist nie laut und ist in allen Lebenslagen frisch rasiert und richtig angezogen. Er macht kein Aufhebens von sich, aber er wirft sich nicht weg und gibt sich nie auf. Er genügt sich ... Vielleicht ist er die höchste Form des Daseins." Im ersten Augenblick mag es scheinen, als seien bas boch im wesentlichen bloß äußere Dinge. Daß. dem nicht so ist, wird man bald erkennen. Der von Binding aus dem Englischen ins Allgemeine ober besser Deutsche herüber — und hinaufgetragene Gentleman ist „Der Kavalier" schlechthin, der nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich echt ritterlich gesinnte Mensch. Freilich, Dinge wie Patriotismus oder Christentum wird man vergeblich in der Definition suchen. Ein Patriot wie sie heute nicht feiten sind: die von Vaterlandsliebe reden und habet an ihre kleinen Geschäfte denken, ist Binding nicht, auch zählt er nicht zu den Kirchen-Christen. Wenn ich aber hier aus seiner Sammlung „Rufe und Reden" noch ein Wort anführe, so dürfte das genügen, um zu zeigen, daß Binding nicht a 11 es gesagt hat in der Gentleman-Charakteristik, was einzubegreifen ist. „Es ist fast, als ob wir von ethischen Kräften, von Recht und Sitte, Ehre und Wehrhaftigkeit, Stolz, Freiheit und Größe, Inbrunst und Frömmigkeit im Menschen nichts mehr müßten; so sehr spielen des Leibes Notdurft, Ne seltsam ängstlichen Wünsche nach Zusammenschluß und Zusammenlegung äußerer Kräfte, Gefühle sozialer und politischer Nützlichkeit ihre tägliche, aufdringliche Rolle."
Wie Dürers Ritter scheut Binding weder Tod noch Teufel,'er bietet, in welcher Lebenslage es auch sei, dem Schicksal die Stirn und stellt sich ihm zum Kampfe. Er will stets auf sich selber stehen und bedarf keiner Gnade, keiner Erlösung. Es gebe eine Höhere Religion als den Glauben an Gott: „Das ist der Glaube an den Menschen." Er lehnt die christliche Religion der Liebe ab, weil er der Ueberjeugung ist, man dürfe wohl an sich selber, aber nicht an andere Menschen Forderungen stellen, die das Innenleben betreffen. Das fei das höchstpersönliche Gebiet jedes einzelnen, auf dem er mit sich allein die Kämpfe auszusechten habe. Die christliche Forderung: liebe deinen Nächsten wie dich selbst, kann Binding demnach nicht anerkennen, denn: „Siebe den Menschen gepredigt, Liebe geboren aus Willen ist tot ... Wo Liebe sein wird, bedarf es des Wortes nicht: wo keine sein wird —: aller Wille der Welt wird keine


