Ausgabe 
31.10.1930
 
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Tat war, gerade sür die gelungensten Blätter zu gewinnen. Labei war er sich seiner äußeren Wirkung ziemlich bewußt.Mein größtes Pech im Leben ist es, daß ich um einen Kopf zu klein bin", versicherte er mir einmal. Um so mehr reckte sich der kämpferische Geist hinter der starken ostpreußischen Stirn.

In jene Zeit fiel seine Ernennung zum Mitglied der Dichtcrakademie und seine erregte Attacke gegen ihre veralteten Satzungen. Mit unbeschreib­licher Stärke und Siegesgewißheit zog er von seiner staubigen Burg noch einmal zu Felde, im Glauben, für eine große Sache zu kämpfen. Tag und Nacht feilte er an seiner Polemik, von der er dann bekanntlich ziemlich unverrichteter Sache lassen mußte. Seine Art war es überhaupt, schnell aufzubrausen, zäh auf seinem Standpunkt zu verharren, bis die Zeit die Waffen etwas anrosten ließ.

An seine dichterische Sendung glaubte er bis zur letzten Minute seines Daseins. Neue entscheidende Werke schienen ihn zu jener Zeit nicht mehr zu beschäftigen. Er arbeitete nur noch an der letzten Fassung desPhan- tasus", die zwar vollendet, aber noch nicht im Druck erschienen ist. Ge­meinsam mit seinem Freund und Anhänger Robert Reß, der sich durch rcrschiedene Schriften über das Werk Arno Holzens bekannt gemacht hat, vollzog sich diese Arbeit. Reß schrieb damals an dem BuchDie Zahl als formendes Weltprinzip", in dem es sich um das in der Holz- jchen Lyrik angewandte Zahlengesetz handelt, anhand dessen sie damals gemeinsam demPhantasus" die letztgültige Fassung gaben.

Dieses Gesetz übertrug Robert Reß in seiner Schrift auf alle Erschei­nungen des Kosmos. Es ging schon seltsam zu auf der Stübbenburg. Wenn Holz schrieb, kam einem unwillkürlich der Begriff der Dichter- werkstatt. Denn seine Arbeitsweise war wohl die eigenartigste, die bisher ein Dichter anwandte. Zu Holz gehörten zwei Dinge: seine Bleistift­spitzmaschine und seine große Schere. Mit stets aufs feinste gespitztem Stift schrieb er seine kunstvollen Zeilen in wahrhaft kalligraphischer Schönheit. Dann schnitt er sie zeilenweise vom Bogen ab und hantierte mit diesen zahllosen Versstreifen wie ein Baumeister, indem er sie auf einem sauberen Bogen hin und her, unter- und übereinander schob, bis sich das Ganze seinem strengen Formengesetz fügte. Auf großen Pappen, die in der Stübbenburg heilig behütet wurden, lagen so manchmal große Teile des Werkes zerschnitten da, um dann mit Klebstoff endgültig auf den Bogen fixiert zu werden.

Einmal, als alles bereits auf einem langen Tisch zum Kleben fertig war, entstand plötzlich ein heftiger Windstoß, der die Arbeit vieler Tga- oöllig durcheinanderwirbelte und den Dichter fast um {ein» «nfftino brachte. " u 11 a

Im übrigen herrschte auf der Stübbenhur» tQft pedantische Ord­nung- So hatte Arno Holz feine Ko^ponde^ in zahllos gestapelten Zigarrenkisten ^verliehst registriert. An Zigarrenkisten, leeren und Rollen, roar überhaupt kein Mangel dort oben. Der große - «rtT vielen Jahre hatte bereits einen regelrechten Zigarren- zusammengebracht, der nur unterbrochen wurde von enormen Säcken, die mit dem Abfall seiner zerschnittenen Manuskripte angefüllt waren.

Natürlich kamen wir während der zahllosen Sitzungen immer wieder aus Fragen der Kunst; dann wurde Holz, der meist zu lauten Scherzen ausgelegt war, unerbittlich. Er hatte die feste Ueberzeugung, daß die deutsche Dichtung erst durch sein Werk die ureigene Form erhalte. Klassi­ker ober lebende Dichter ließ er nur selten gelten. Ich glaube, daß ihm Heine nach der liebste war. Am meisten belustigte es ihn, wenn ich während meiner Arbeit Bemerkungen in einer Art van Knittelreimen formulierte; vielleicht dokumentierte ich ihm als Unzünftiger damit am besten seine alte Fehde gegen den Reim. Einmal empfing er mich mit einer Zeile aus dem II. Teil desFaust", die es ihm angetan hatte. Ein großer Kahn ist im Begriffe, auf dem Kanäle hier zu fein." Lange Zeit war es das geflügelte Wort auf der Stübbenburg.

Mit Seele, Metaphysik ober sonstigen Argumenten, die vielleicht mancher Verrichtung ihren künstlerischen Wert geben, durfte man ihm, dem es eigentlich ausschließlich um die reine Form ging, nicht kommen. Dabei hatte er im Leben für Uebersinnliches ein seltsames, fast naiv- gläubiges Interesse. Wir besuchten sogar einmal gemeinsam eine Hell­seherin und ich hatte den Eindruck, als ob Arno Holz ihre Aeußerungen merkwürdig ernst nähme.

Sein so ausgesprochen aufs Formale gerichteter Sinn konnte es geschehen lassen, daß ihn in seinen Werken der Gang der Handlung weitaus weniger interessierte als die Gestaltung des Wortes. Vielleicht erklärt sich dadurch die Tatsache, daß Holz fast zu allen Zeiten eines Mitarbeiters bedurfte, um des gewaltigen Stoffes fast in jeder Hinsicht Herr zu werden.

In ausfälligem Gegensatz zu dem dicken Staub und Schmutz feiner Behausung stand die ungewöhnlich sorgsame Pflege, die er seinem Aeuße- ten widmete. Einmal besuchte er mich. Als er in meinem Garten einen Barren entdeckte, machte er uns daran turnerische Hebungen vor, die ihm in jedem Turnverein höchste Ehren eingetragen hätten.

Wir sprachen oft über seine wirtschaftliche Not, und seine ganze Hoff­nung, sie zu beheben, galt dem Nobelpreis. (Ganz kurz vor seinem Tode stand Holz in engster Wahl für die Verleihung des Preises.) Aber das Geschick seines Lebens war es, daß ihm seine Unternehmungen niemals zum Glück ausschlugen.

. Nachdem unsere gemeinsame Arbeit beendet war, sah ich Arno Holz nnmer seltener. Er heiratete noch einmal und zog in die bürgerliche -Wohnung seiner jungen Gattin, die ihm bis zum Tode eine getreue Gefährtin gewesen ist. Er, der stolz darauf war, in seinem Leben niemals krank gewesen zu sein, begann jetzt zu kränkeln. Der Arzt, der bald die Unheilbarkeit des Leidens erkannt hatte, konnte nichts anderes tun, als °em Dichter die letzten Lebensjahre möglichst zu erleichtern und das war Cci flolz, der durch die Untätigkeit immer schwerer zu behandeln wurde, 8emiß nicht einfach.

Erst die Todesnachricht rief mich wieder ins Holzfche Haus. Man hatte »n die ehrenvolle Aufgabe zugedacht, die Totenmaske abzunehmen. Da ug der Dichter der Stübbenburg nach kampfreichem Leben auf dem

letzten Lager. Der strenge Mund leicht zufammengepreßt, In den Winkeln, noch im Tode, jener leise ironische Zug, der mir bei meiner Arbeit soviel Freude gemacht hatte. Seine Hautfarbe hatte nun jenes Tabakgelb, das seine geliebten Importen, die er schon lange nicht mehr hatte rauchen dürfen, dem kleinen GipsreUef auf der Stübbenburg gegeben hatten.

Um das Totenzimmer war eine merkwürdige Unruhe. Jetzt, da er dahingegangen war, tarnen sie zu Arno Holz.

Oer letzte Oodo.

Die Schicksale eines seltsamen Tieres.

Von Fedor o. Z 0 b e 11 i tz.

Was ist ein Dodo? Die Gelehrsamkeit des geschätzten Leserkreises in Ehren, immerhin glaube ich, daß nur die wenigsten es wissen werden. Dann greift man natürlich zum Konversationslexikon und findet auch Dodo" mit dem Hinweissiehe Bronte". UnterDronte" wird das Lexikon gesprächiger, bringt sogar im Text die Abbildung eines unglaub­lich häßlichen Vogels und erzählt einiges aus dem märchenhaften Dasein dieses völlig ausgestorbenen Viehs, aber doch nicht so eingehend und unterhaltsam, wie das in einem von mir zufällig entdeckten Artikel des Bulletin de la classe physio-mathematique" der Kaiserlichen Akademie zu St. Petersburg vom Jahre 1849 geschah. Cs ist eine kuriose Geschichte.

In den trägen Fluten des Vijvers im Haag spiegeln sich ebenso träge dickgefütterte Schwäne und ahnen nicht, daß ganz in ihrer Nähe das Porträt eines interessanten Artgenossen hängt, der geraume Zeit hin­durch die Ornithologen der ganzen Welt in Atem gehalten hat. Besagtes Gemälde stammt von Roelant Savery, dem holländischen Maler, 1576 in Courtai geboren, 1639 in Utrecht gestorben, bekannt auch als Reisebeglei­ter Kaiser Rudolphs II., was in bezug auf den Dodo von einiger Wichtig­keit ist. Das Bild stellt Orpheus dar, wie er mit seiner Leier alles brzau- bert, was da kreucht und fleucht. Nun kann man Bilder ngtüxs-L Con fehr- verschiedenen Standpunkten aus betrachten: um der Auffassung, der Tech­nik, auch des Gegenstandes willen, in welch festerem Fall der schlichte Sterbliche wahrscheinlich dem musi.ri^stven Orpheus die meiste Sympathie entgegenbringen würde.

Anders der t>er Wissenschaft. Um die Mitte des vorigen Jahr- hundyrchit^pielsroeife stand der hochgelahrte Professor Hamel, Lehrer Ornithologie an der Petersburger Akademie, vor diesem Gemälde, hatte indes kein Auge für den Orpheus und unter der entzückten Tier­welt nur Interesse für ein feistes, federarmes, mordsgarstiges Vogel­geschöpf im Vordergrund, in dem er ohne weiteres einen Dodo erkannte. Diese Stunde wurde nun entscheidend für die Geschichte des Tieres. Pro­fessor Hamel folgte von da ab mit ungeheurem Eifer den Spuren des Dodo und brachte auch allerhand Wissenswertes heraus. Thomas Herbert, der 1629 noch einige Dodos auf Mauritius entdeckte, beschreibt das Tier kurz folgendermaßen:Das Gesicht drückt Melancholie aus, als ob der Dodo fühle, daß die Natur ihn beleidigt habe, indem sie ihm für sein Gewicht (bis zu 50 Pfund) viel zu kleine Flügel gab. Sein Magen ist so hitzig, daß er selbst Steine und Eisen vertragen kann." Und Cauche, ein junger französischer Reisender, erzählt etwas später, der Dodo seigrößer als ein Schwan, der Körper mit schwarzem Flaum bedeckt, bas Hinter­teil mit ebenso viel krausen Federchen, als der Vogel Jahre zählt". Er will auch wissen, daß der Dodo eigentlichNazaire" heiße, nach einer Insel gleichen Namens, die es aber nie gegeben hat.

Was ist authentisch? Es scheint, daß die alten Reiseschriftsteller sich gewöhnlich gegenseitig beschrieben haben, und zwar mit allen Ueber- setzungsfehlern. So hat vermutlich auch Herr Cauche aus dem Oiseau de nausee, demEkelvogel", wie die Matrosen das Biest nannten, durch unrichtige Schreibart dennazaire" gemacht, den Didus Nazarenus, der nur in der Phantasie existierte. Professor Hamel ist in dem obenerwähn­ten Bulletin seinem ungeschlachten Liebling jedenfalls durch alle Zeugnisse hindurch bis zu den letzten Resten im Ashmole-Museum zu Oxford nach­gegangen, wo sich ebenfalls das Porträt eines Dodo befindet, von Johan­nes Savery gemalt, einem Sohn des Roelant. Ein drittes Bild eruierte Hamel in der Sloane-Sammlung des British-Museum, auch fand er ziem­lich zahlreiche Illustrationen in Kupfer und Holzschnitt, die Dodos dar- stellen sollten, aber nur Kasuare, Pinguine und derlei mehr waren.

Es erging den großen dummen Gesellen ähnlich wie anderen hilf­losen Wilden beim Einbruch der Zivilisation: sie wurden überrannt. Da die Vögel mit ihren verkümmerten Flügelstumpen nicht fliegen konnten, so schlugen die Schiffsmannschaften sie mit Knütteln tot, wobei sie noch klagend erwähnten, die Dodos hätten geschrienwie die Esel". So wurden 1589 auf Mauritius, der einzig nachweisbaren Heimat des echten Dodo, die Vögel in Massen getötet und eingesalzen. Die holländischen Mörder nannten sie ihres Aussehens und schlechten Geschmacks halberWalg- vögel", und daraus mag derOiseau de nausee", derEkelvogel", ent­standen fein, der später zumnazaire" wurde. Das war, wie gesagt. Anno 1589, am 18. September, und dieser Tag bezeichnet den Eintritt des Dodo in die Naturgeschichte. Schon hundert Jahre später war seine irdische Laufbahn beendet. Seguat, der von 1693 bis 1696 auf Mauritius hauste, erwähnt die Vögel in feinem Werke überhaupt nicht mehr. Der holländische Gelehrte Cornelius Bentekoe (den auch der Große Kurfürst hochschätzte, und dem man die Einführung des Teegetränks in Berlin nad)fagtj will sie auf der Insel Bourbon entdeckt haben, bringt in seiner 1646 gedrucktenAbenteuerlichen Reise" aber keine Abbildung des Tieres. Die drollige Darstellung eines Dodo, die Thevenot seiner französischen Übersetzung des Buches einfügte, stammt aus einer Reisebeschreibung des Pieter van den Brocke, der 1617 auf Mauritius war, im Text aber gar nicht von den Dodos spricht. Vermutlich handelt es sich in dem Bilde auch nicht um einen Dodo, sondern um einen Solitär, einenEinsiedlervogel", und es ist anzunehmen, daß die angeblichen Dodos Bontekoes gleichfalls Einsiedler waren, zumal darre schon vorher zwei dieser Vögel mit nach Frankreich gebracht hatte, die aber bald darauf eingingen.

Auch die Einsiedlervögel sind total ausgeftorben, und ihre Familien­geschichte ist gleichfalls reich an Geheimnissen. Sie sollen nach einer Schil-