GiehenerZamilienbMer
________Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang 1950________________ Montag, den 2y.Dezember Kummer M
Was ist ein Lahr?
Von Hans Gäfgen.
Was ist ein Jahr?
Ein kleiner Tropfen,
Aus ew'ger Quelle niederfließend,
Sich spiegelnd in dem gold'nen Lichte, Hell perlend durch der Nebel Dichte lind sich ins Zeitenmeer ergießend.
Was ist ein Jahr?
Ein bunter Falter,
Aus ew'gen Gärten niederwehend.
Leicht schwebend durch die wirren Tage lind bald wie eine ferne Sage Im kaum geahnten All vergehend.
Was ist ein Jahr?
Ein Nichts dem Hasten,
Durch leere Stunden rastlos eilend.
Ein Brunnquell ewig neuer Freude, Ein wundersames Glücksgeläute Dem Weisen, still im Tag verweilend.
Jahreswende.
Von Georg v. d. G a b e l e n tz.
Nachdruck verboten.
Grauer Tag. Tief liegen die Wolken über dem Lande. Schnee treibt gegen die kleinen Scheiben. Gelangweilt rückt eine mit grellen Blumen bemalte Wanduhr di« Minutenzeiger.
General von Yorck geht im niederen Zimmer auf und ab. Seine Sporen klirren auf dein Estrich. Karten find über einen bäuerischen Tisch geworfen. Yorck blickt auf die Uhr. Dann öffnet er die Tür, tritt durch den Flur ins Freie. Windgewehter Schnee wirft ihm Silbersterne ins ergrauende Haar. Das Gewehr im Arm stampft ein Posten frierend mit ben Füßen. Er hat den Kragen hochgeschlagen, zuckt zusammen, als er den gestrengen General in der Tür erscheinen sieht, und präsentiert. Der schmelzende Schnee rinnt ihm übers Gesicht in den struppigen Schnurrbart.
Yorck atmet tief die kalte, erfrischende Luft ein und späht ungeduldig die Straße hinab. Müde blinken jenseits des Flusses einzelne Lichter des Städtchens Tauroggen. Vom Föhrenwald herüber lärmen Krähen. Hundegekläff irrt aus der Ferne über gefrorenes Land.
Eben will der General ins Haus zurück, da taucht aus dem Nebel gespenstisch ein Reiter hervor. Yorck erwartet ihn. Der Husar springt, am Häuschen angelangt, vom dampfenden Pferde, salutiert, zerrt mit klammen Fingern aus einer Ledertasche einen gesiegelten Brief und übergibt ihn.
Des Generals Augen leuchten auf. Er nimmt hastig das Schreiben an sich, kehrt ins Zimmer zurück, wo zwei Lichter zwischen den Karten brennen, sieht die Anschrift, sieht das königliche Siegel, reißt den Umschlag auf und liest.
Jäh meißelt sich Grimm in seine Züge. Die Faust knüllt das Papier zusammen, will es zu Boden schleudern, läßt es aber dann fast mit einer Bewegung des Ekels auf den Tisch fallen.
„Also doch", stöhnt er. „Der König kann sich nicht frei machen!"
Er klingelt heftig. Eine Ordonnanz klopft an. Yorck befiehlt, seinen Stabschef zu holen. Der Oberst tritt bald darauf ein, in manchen Kämpfen ergraut, frühzeitig, wie sein General.
„Lesen Sie!" Yorck weist auf den königlichen Brief. Der Oberst blickt erschrocken in das eiserne' Antlitz des anderen, nimmt das Papier, glättet es rasch auf dem Tische, hebt es ans Licht und studiert es. Es scheint, er braucht lange, es sich klar zu machen.
„Ihre Ansicht?" fragt Yorck.
Mit einem Seufzer legt der Oberst den Bogen auf eine der Karten.
„Unsere Situation ist klar. Seine Majestät", fährt er fort, „geruhen beim ersten Befehl zu bleiben. Wir sollen mit dem gesamten Korps abmarschieren und es weiterhin zur Verfügung des Kaisers halten, an den Preußen durch Vertrag gebunden sei." Der Oberst macht eine kurze Pause und zuckt mit den Achseln. „Majestät erinnert an die Gebote der Disziplin, warnt, das Vaterland in Gefahr zu bringen. Es hat genug gelitten. Wir haben nicht das Recht der Kritik an den Meinungen und Befehlen des Kriegsherrn. So bitter es ist, daß wir heute zu Dienern
der Franzosen wurden, wir müssen gehorchen, weiter den allgemeinen Ruckzug der großen Armee decken. Seine Majestät befiehlt es zum zweiten
• Unjer Abfall von Frankreich wäre eine Art Rebellion, und das Schicksal, scheint s, will die Rebellion nicht. Es ist stärker als der Mensch.
„Oberst! Der Mensch soll stärker als das Schicksal sein!"
„Kann er es?" zweifelt der Stabschef. „Mag fein, daß Sie recht haben, Herr General, und daß wir eine Gelegenheit versäumen. Aber Berlin will es. Gut! Denen dort die Verantwortung." Und da Yorck schweigt, nimmt er eine der Karten auf und fragt nach einer Weile: „Soll 'ch unseren Regimentern den Abmarschbefehl ausfertigen?"
„Nein!" Stählern schneidet Yorcks Stimme durch die dumpfe Luft Zimmers. Stllle. Jm großen Ziegelofen knacken die Holzkloben. Ein Windstoß wirft grobkörnigen Schnee gegen die Fenster.
Der General steht breit hinter dem Tische. Langsam greift seine Hand nach dem Briese des Königs und hält das Papier in die Glut eines der Lichter, daß es aufflammt und seine Reste verkohlend zu Boden taumeln. Mit gerunzelter Stirn beobachtet der Oberst das Tun seines Chefs. '
"Herr General", sagt er dumpf, „das ist wohl das erstemal, daß ein preußischer Offizier dem Befehl seines Königs ein Nein entgegensetzt."
Yorck antwortet nicht. Er ist ans Fenster getreten und hat die Hände auf dem Rucken verschränkt. Er schweigt lange. Der Oberst kennt den harten, überlegenen Willen des anderen und stützt in schweren Gedanken die Hand gegen den Ofen.
Aorck, was sind das für Zeiten? Seit Bonaparte in die
•Kober der Weltgeschichte griff, zermalmen sie Reiche und Fürsten und ' äerpslugen alle Grenzen, werfen die Völker gegeneinander wie Dreck ; Rollen schon die Könige beschworene Verträge zerreißen? Fordern Sie heute von Ihrem Könige nichts Unmögliches, nichts — darf ich agen: Unehrenhaft? Wir find unseres Königs und des Staates Diener Erzellenz, und haben den Gesetzen zu gehorchen. Es war Preußens Größe, daß es gehorchen lernte der Obrigkeit. Möchte man auch; man darf solche Ordnung, von Gott gesetzte Ordnung, nicht mißachten."
Yorck dreht sich um, trift dicht vor den Obersten und betont scharf jeöes Wort: „Woher wissen Sie fo genau, welche Ordnung Gott einsetzte? Gott ist nicht immer in dem, was Menschen auf Papier schreiben." Er Ichlagt mit der geballten Rechten auf seine Brust. „Auch hier drin kann er sein! fragte Casar, als er den Rubikon überschritt, nach Gesetzen? Fragte das Rostoptschm, als er Moskau anzündete?"
Der Oberst sieht in das herrische Gesicht feines Generals. Dann blickt er zur Seite. „Es ist zuweilen schwer. Recht und Unrecht zu unterscheiden. Was soll ,ch nach Berlin schreiben?"
ich hier stehenbleibe, und daß ich nunmehr meinen Kopf brauchen werd« nach meinem Willen. Später erst stelle ich ihn Seiner Majestät zur Verfügung,"
Katastrophenpolitik!
Der Oberst verbeugt sich und will gehen. Da weist Yorck auf Papier und -Linte, welch beides sich am Rande des großen, ungestrichenen Holztisches vorfindet, und winkt seinem Stabschef, Platz zu nehmen. Kaum aber macht der Miene, sich zu fetzen, schiebt ihn Yorck beiseite.
„Halt! Nichts schreiben! Der König soll aus dem Spiel« bleiben. Und fetzt lassen Sie einen Parlamentär aufsitzen und sofort zu den Russen hmuberreiten."
„Zu — den — Russen?"
„So! Ich erwarte General von Diebitsch morgen früh hier in der Muhle von Poscherun."
Der Oberst fährt entsetzt zurück, und schwer fallen seine Worte ins Zimmer: „Das ist Hochverrat, Exzellenz."
Yorck wendet mit scharfem Ruck den Kopf und faßt den Untergebenen cme Weile in den Zwang seiner Augen. Nichts verrät, was hinter feiner Stirn vorgeht. Endlich bemerkt er:
„Sie haben recht. Ich nehme Ihnen darum die Verantwortung für olles ab und werde den Mann selbst abfertigen." Yorck macht «ine Bewegung gegen die Tür. „Schicken Sie mir den Parlamentär!"
„Nicht so! Ich weiß um Ihre Tat und bitte, sie mit Ihnen tragen zu dürfen, Herr von Yorck!"
Die Männer reichen sich die Hand.
Entschlossenen Schrittes geht dann der Oberst hinaus. Yorck bleibt allein. Eine Viertelstunde später traben ein Parlamentär und ein Trompeter ostwärts, wo General von Diebitsch mit dem russischen Korps steht.
Yorck tritt ans Fenster, öffnet es und schaut den Nebelgestalten nach, die sich rasch entfernen. Noch könnte man sie zurückrufen; noch! Yorck preßt die Lippen zufammen. — Nun sind die Reiter verschwunden. — Es hat aufgehört zu schneien. Einige Sterne blitzen kalt und klar. Ein Tag nur, und das neue Jahr bricht an. Ein neues Jahr. Eine neue Zeit?
Und des eisernen Yorck Hände falten sich.
„Gott, du weißt, das Vaterland darf alles von uns fordern."


