Leben mit hundert Bildern.
Holland: Landschaft und Kunstwerk.
Von Felix P a n t e n.
Holland, das Land der deutschen und französischen Impressionisten: eine theoretische Tatsache, deren Notwendigkeit aber erst auf dem niederländischen Boden begriffen werden kann. Auch wer das Land noch nie gesehen hat, kennt es von Ausschnitten: die holländischen Maler hängen in unseren Museen, ihre Interieurs sind auf Ansichtskarten tausendfach vervielfältigt, die Delfter Porzellane und ihre Nachahmungen bilden einen vertrauten Begriff, und jedermann weih, was eine Gracht ist, sprichwörtlich ist auch die holländische Sauberkeit, die ziegelgepflasterten Stuben und die glänzenden Messinggeräte, die Holzpantinen, und der Mynheer, der auf feinem Tabaksack thront und seine Tonpfeife schmaucht, wurde zum Urbild eines behäbigen und gelassen wohlhabenden Volkes. Aber alle diese verstreuten Vorstellungen vereinen sich erst in Holland gbst zu einem großen Bilde, alle Erinnerungen an die niederländischen elfter erwachen, werden wesentlich und bekommen einen greifbar-sinnlichen Charakter. Hat man die Grenze überschritten, beginnt ein neues Leben, man lebt sozusagen inmitten von hundert Bildern.
Ist Holland, ein malerisches Land? Wer hierunter alte Ruinen, Waldesdüster und hohe Berge versteht, wird es verneinen. Die Impressionisten aller Nationen haben es begeistert bejaht, denn das flache Land ohne Erhebungen, merkliche Wälder und Hügel ist beinahe schattenlos, es ist ein Land des vollen ungehemmten Lichteinfalls; auch im Osten gibt es keinen „deutschen Wald" mit romantischen Dämmerungen, es gibt nur parkartige Landschaften und ein jeder Park ist gerodet, gepflegt und kultiviert und aller mythischen Geheimnisse bar. Aber er ist lichtdurchlässig und auf seinen glatten gesunden Rasenflächen tanzen und spielen die kleinen Scheine. Für alle Künstler, die Licht malen, für alle Menschen, die Licht sehen wollen und können, ist Holland vielleicht das malerischste Land der Welt.
Ein Ausländer, der Deutschland nur aus mittelalterlichen Meistern kennt und dieses Deutschland heute sucht, wäre bitter enttäuscht, weil es sich nach Rothenburg, Nürnberg und an den Rhein zurückgezogen hat — aber das alte Holland seiner Meister ist noch vorhanden und kann nicht schwinden, denn es trägt das Gebot seines Bestandes in sich selbst. Man lernt es schon in der Schule, daß dieses ganze Land bis fünf Meter unter dem Meeresspiegel liegt, daß es in jahrtausendelanger opferreicher Arbeit dem Wasser durch Deiche und Kanäle abgerungen wurde, und wenn auch auf den Straßen die hohen zweiräderigen Karren durch Autos, Lastkraftwagen und Scharen von Radfahrern verdrängt werden, so lebt doch das Land noch immer in seiner Vergangenheit. Noch immer spannt sich über die fetten holländischen Wiesen jener wolkenhohe Himmel, den die alten Meister malten, immer noch gleiten durch die Grachten die Schuten mit ihren dreieckigen Segeln, die wir von Delfter Porzellanen kennen, die großen Mühlen stehen am Horizont und ihre Flügel kreisen in einer grau verhangenen Lust wie vor Jahrhunderten auch. Ein Land, das selbst bis ins einzelne durchgearbeitet und ein künstliches Land, eine eigentlich technische Sache geworden ist, wird, merkwürdig genug, durch zahllose Kunstwerke bestätigt, durch die alten Bilder alle, die mit uns gehen und wieder zum Dasein erweckt wurden. Eine Landschaft läßt sich durch die Kunst bestätigen, die vor manchen hundert Jahren aus ihr entstand: dieses Phänomen ist in solchem Umfange nur in Holland möglich, das eine einzige Tradition darstellt. Und noch immer wird das Land so gewonnen wie vor Jahrtausenden, durch Eindämmung und Baggerung. So geschieht es eben trn Zuiderseegebiet, dessen Entwässerung eins der großartigsten technischen Projekte bedeutet, nur, daß man heute nicht mehr mit dem Spaten gräbt, sondern sich aller modernen Mittel bedient.
Diese Landschaft, flach, übersichtlich, nur von langen Weidenalleen durchschnitten, ist vielleicht eine der gcheimnislosesten, und wenn es bis zu einem gewissen Grade doch wohl wahr sein wird, daß ein Volk durch sein Land erzogen wird, so kann man aus dem Lande den Charakter
zu mir her und sagte: „Ohne es so gewollt zu haben, streichelte ich rhr schwarzes Haar. Und — da fragte sie mich etwas. Ihre Stimme klang rein, fast ein bißchen mütterlich. Im Geiste höre ich sie immer noch ziemlich deutlich..Er horchte hin. Ich zupfte ihn wieder.
Und bn bedauerte er: „Ich verstand aber nicht die Sprache, in der sie zu mir redete. Und darum antwortete ich ihr mit irgendwelchen netten Worten, die nun sie allerdings nicht verstand. Auf einmal deutete sie aus mich und richtete drei fragende Worte an mich. Ich erwiderte ihr so ganz von selbst nur ein Wort, meinen Vornamen. Und da rückte sie dicht an mich heran und lächelte und sagte ganz erfreut: ,Masaldctt..." Er schwieg da wieder, eine ganze Weile.
Und er schaute nieder auf seine großen, harten Hände und bekannte: „Mit den knorrig gewordenen Händen kann man Mafalda nicht mehr fein genug behandeln. Ich liebte sie, basta!", betonte er und nickte versonnen: „Aber — ich war arm; ich hatte kein Geld, um für Mafalda sorgen zu können; ich suchte Arbeit; ich fand keine; ich bettelte sogar die Straßenbahnen ab, aber umsonst; ich geriet ganz von Sinnen; ich hätte mich, als es dunkel wurde, aufopfern können für Mafalda. Und als ich, so um Mitternacht, wieder auf der Domtreppe erschien, war Mafalda nicht mehr da. Fünfzehn oder mehr Nächte verbrachte ich dann auf der Treppe dort. Aber nie traf ich Mafalda wieder. Und ich kann es nie vergeßen, daß ich mich dort mal glücklich gefühlt habe...' Er schwieg. Und sein Antlitz verfinsterte sich wieder, da die Sonne unterging. Und ich stieg den Niedergang hinunter ins Logis der Heizer, legte mich in meine Koje und — dachte, da ich nun zum erstenmal ganz verliebt war und mich nicht mehr unglücklich fühlte, an — Mafalda.
Ja, als wir am nächsten Abend am Pier in Lissabon angelegt halten, konnte ich nicht mehr auf dem Schiff bleiben. In der Dunkelheit schlich ich mich an Land und ging, obwohl ich niemand mehr hatte, der sich um mich bekümmerte, meinen Gedanken an Mafalda nach, nach Hause...
Und das war meine schönste Reise...
seiner Bewohner Weiten, ohne fehlzugreifen. Sie sind so unfompii^j und geheimnislos, wie chre Kunst, die sich im Haager Mauritshuis und im Amsterdamer Rijksmuseum in überwältigender Fülle darstellt: eint sachliche Malerei des Sinnlich-Wahrnehmbaren, keine Abstraktionen, keine Gigantenkämpfe, keine Mythen, keine Gedankenmalerei, die mit dem Göttlichen ringt. Das Genrebild, das Interieur, die Landschaft, das Poo ttiit: alles sehr irdische und nahe Dinge des alltäglichen Lebens. Rijksmuseum hängen die gewaltigen Rahmen, aus denen uns Männer und Frauen in ihren alten Trachten anschauen, das sind die Gildebilder auf denen sich Vorstände von Zünften und Korporationen abinale»' liehen, denn solcher nützlichen Art waren die „Aufträge"; die Kirchen sind beinahe schmucklos. In dieser nüchternen Umgebung versteht man erst völlig die menschliche und künstlerische Gröhe eines Genies, das hinter die sichtbaren Dinge schaute und in Farben dichtete und deutete, di! titanische Meisterschaft R e m b r a n d ts.
Und von den Bildern wieder in die Landschaft. Eine Gracht zieht durch eine Stadt, Körbe, Kisten und Ballen frischen Gemüses werden einer Schute entladen und am Ufer gestapelt; ein Bündel roter Tulpen leuchtet aus dem Hellen Grün, das Licht schwimmt, sättigt sich und fangt an den Farben: das hat etwa Max Liebermann gemalt und es Delfter Gemüsemarkt genannt, aber ob Delft oder anderswo, es ist gleich, gültig, dieser Anblick ist hundertfach. Die Mädchen in Landestracht, die alten Männer in Holzpantinen, die in der Abgeschlossenheit eines Gört chens vor Ziegelmauern auf einer Bank warten, nach Liebermann find fk immer wieder gemalt worden. Wie am Strande von Scheveningen jetzt die Mädchen ihre Fahrräder in die Ausläufer der Brandung Icnten, so daß die Wasser durch die blitzenden Speichen schlagen und sich im Sonnenschein spritzend brechen, so tummeln sich, im Hochsommer, hier dk Badenden und die Reiter zu Pserde und auf Eseln, die wir aus den Bildern der Impressionisten kennen. Wenn der gelbe Sand der Düne» in der sinkenden Dämmerung ergraut, der bleiche Strandhafer rocket und die Schatten trüber werden, belebt sich eine Bodensenke, und bk Frau mit den Ziegen, die Liebermann gemalt hat, kommt mit ihre» Tieren leibhaft daher. Das ganze Land wird ein einziges Gemälde.
lieber alledem spannt sich der hohe Himmel, soweit man sehe» kann. Er ist selten ganz heiter und blau, und die Sonne hat Widerstände der Wolken zu überwinden. Um so wechselvoller und malerische! wird ihr Weg. Die Luft ist immer staubfrei, aber von der Feuchtigkeit der unendlichen Kanäle und Gräben gesättigt, und im Schatten der User- roeiben entsteht ein silbern-nebliges Flimmern. Fest und satt ist bas Grün der Wiesen, glänzend von Feit das Schwarz der Erde. Dicht a» einem Kanal steigt eine Mühle mit ragenden Flügeln empor und spiegelt sich gebrochen und zitternd in seinem Wasser. In den Sttahen die schmale» Häuser, deren Giebel sich in die Lust schwingen und den fortlaufende Rhythmus betonen. In jedem Augenblick kann man ein neues Bild erhaschen, und an allen arbeitet das volle Licht des schattenlosen Lande«, um alle flimmert die Feuchte der Luft. Holland ist das malerische ßanb des freien Lichtes. Der Tag ist von'Nebeln begrenzt. Er hängt am frühe» Morgen dicht an den Straßen, er steigt an den Abenden langsam aus den Feldern, und die Weiden, so alt und grau werden zu den Töchter« Erlkönigs, die Dunkelheit ist gespensterhast und lebt von romantisch» Gesichten. Am Tage ist der kurze Spuk zerstreut. Die Tulpenfelder flammen eben in diesen Frühlingstagen, und wenn der Himmel jetzt noch oft schwer und verhangen ist, wenn die Dünen auch jetzt nichts von ihrer nordischen Herbheit verlieren, so breitet sich dicht hinter ihre« der farbige Segen der blühenden Blumen, das Land brennt von exotisch» Farben und über allem Strahlen die Blütenkränze der Obstgärten, heiter, zierlich und japanisch in diesem Lande des Nordens.
Einiges über Kurzwellen.
Von Dr. Hellmuth Thomasius.
Das große Gebiet der elektrischen Wellen ist bisher in • einseitiger Weife bearbeitet worden. Die Wellen dienten und biw hauptsächlich der Nachrichtenübermittlung, sei cs auf telegraphischem, sei es auf telephonischem Wege. Der zu so hoher VollkomM- heit durchgebildete Rundfunk ist mit allem was damit zusammenlM also mit Bildfunk und Fernsehen, ein Zweig der drahmfi Telephonie. Er kann «iso nicht als ein außerhalb dieses Gebietes liegen» Betätigungsfeld betrachtet werden.
An Versuchen, noch weitere Anwendungen der elektrischen Wellen i- schaffen, hat es nicht gefehlt. Im allgemeinen ist man damit jedoch M sehr weit gekommen. Der Geist der Techniker mar zu sehr von de» gaben erfüllt, die sich beim Nachrichtenwesen ergaben. Hier boten M ständig so viele neue und meistenteils äußerst reizvolle Fragen, daß i* darüber zu nichts anderem kam. Wo wettere Bemühungen einsetzren, w lagen sie hauptsächlich auf dem Gebiete der Kraft ü b ertragw Schisse wurden aus der Ferne drahtlos gesteuert. Es ist auch gelungen drahtlos übertragene Energie zum Schmelzen von Metallen und zu w Reihe weiterer Zwecke auszunützen. Hier handelte es sich allerdings sß um Laboratoriumsversuche, nicht um eine Verwertung im pro"1!™ Betrieb. -
Das mag vor allem daran liegen, daß sich die Energie vom ociw draht aus nach allen Richtungen hin verbreitet. Jeder kann sich aU5 * Aether davon einen Teil entnehmen und ihn sich dienstbar machen. u« Ueberwachung, eine Verhütung von Mißbrauch ist kaum möglich. halb bleibt man schon aus grundsätzlichen Erwägungen heraus uever der Kraftübertragung in Drahtleitungen, hat man hier noch heil daß die in die Ferne gesandte Energie wirklich nur dem aufiroinr, i den sie bestimmt ist. Schon aus diesem Grunde hatten die SBerfuax . drahtlosen Kraftübertragung in erheblichem Maße die Merkmale « interessanter Experimente, denen aber vorerst weiter keine pranW beutung zukam. -u
Das kann sich vielleicht einmal ändern. Im Gegensatz zu de» lich gebrauchten Telegraphie- und Telephoniewellen lassen sich "- ig nannten „kurzen Welle n" richten. Unter „kurzen Wellen lin" ' 1


