Ausgabe 
25.8.1930
 
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Verantwortlich: Dr. Hans Thhrivt. Druck und Verlag: Brühl'sch« Universitäts-Duch» und Steindruckerei, "-X. Lange, ®e8elt

Hugos Befürchtungen schienen sich nicht erfüllen zu sollen, das Examen war Ende März gewesen, und schon war es Mitte April, ohne daß Thilde vom Asses'sorexamen und Vorbereitung dazu ge­sprochen hatte. Sie lieh es gehen, war doll kleiner Aufmerksamkeiten, unter denen Dramenvorlesen aus kleingedruckten Reclamheften oben­an stand, und hatte sich nur darin geändert, dah sie minder häuslich schien als früher und jeden Vormittag ein paar Stunden in der Stadt verbrachte.

Hugo selbst kümmerte sich nicht darum und auch kaum die Alte, bis sie eines Tags sagte:Thilde, du bist jetzt immer gerade weg, wenn die Duntschen kommt und reinemacht. Ich will ja nichts sagen, aber sie rennt immer gegen, weil sie nichts sehen kann, und schlägt alles 'zwei. Heute wieder die grüne Lampenglocke."

2a, das is schlimm, Mutter..."

«Wo gehst du denn eigentlich immer hin?"

Lesehallen für Frauen, Mutter."

Na, und da?"

Da lese ich Zeitungen."

Aber Hugo kriegt doch jeden Tag eine!"

Freilich, aber eine is nich genug, ich brauche viele."

Na, wenn du meinst für mich wär es nichts."

And dabei blieb es. Die Alte kam nicht wieder darauf zurück bis eine Woche später diese halb geheimnisvolle Zeitungsleserei auch ohne weitere Frage ihre Erklärung fand. w

Es war ein Sonntag, an welchem Tag di« Lesehalle nur von elf bis eins auf war, und um halb zwei war Thilde wieder zu Hause.

Guten Tag, Mutter. Es riecht ein bißchen nach verbrannt. Du ha» wohl nicht recht nachgesehen?"

Doch, Thilde, jetzt eben. Und da habe ich es auch gleich gemerkt und habe ein paar Kohlen rausgenommen und habe auch aufgegossen. Und geärgert habe ich mich auch, denn es kost't ja so viel, aber ich konnte nich eher rausgehen, weil die Schmädicke hier war."

Na, di« hätt auch wegbleib«n können I Die Schmädick« bedeutet nie was Gutes und kommt immer bloß aus Neugier oder aus Boshaftigkeit und um einem armen Menschen einen Floh ins Ohr zu setzen."

Ach, Thilde, da tust du ihr aber unrecht, wenigstens heut. Sie kam bloß, um uns zu gratulieren von wegen Hugos Examen, und wann denn nu Hochzeit sei..."

Und da hast du gesagt, noch lange nicht, nicht wahr? Kann ich mir denken. Denn du bist ewig in einer Todesangst und glaubst immer noch es wird nichts werden, und alles is umsonst gewesen und alles für nichk ausgegeben. Das is immer deine Hauptangst, und wenn du deine Aengste kriegst, dann machst du dich klein und jämmerlich und auch vor solcher Person wie dieser Schmädicke, dieser spitznasigen Posamentierswitwe."

Nein, Thilde, das hab ich nich gesagt. Ich habe nich gesagt ,noch lange nich'. Ich habe bloß gesagt, ich wüßte es nich, aber du tätest mitunter so, als ob es wohl bald losgehen würde."

Und da, was sagte sie da?"

Nu, da sagte sie: ,3a, liebe Frau Möhring, manche haben Kurag«. Referendar is nich viel un eigentlich bloß ein Anfang. Aber aller Anfang is schwer, un ich kann man sagen, es is immer etwas, un Minister wird er ja wohl nich werden wollen. Oder am Ende vielleicht doch. 3ott, wenn ich mir denn Thilden denke.. .'"

Das sagte sie?"

Ja, Thilde, so was war es."

Unverschämte Person. Und dumm dazu. Aber sie wird sich wundern, wenn wir ihr die Hochzeitsanzeige schicken."

Ach Thilde, rede doch nicht so was. Wenn man so was red't, denn bered't man's, un es wird nie was. Aber es hat doch schon so viel gekostet, un ich weiß mitunter gar nich, wo's herkommt."

Ja, Mutter", lachte Thilde,ich kann eben hexen."

3od, Kind, nu red'st du auch noch so. Wenn man den Teufel ruft, is er da. Und zum Spaß darfft du doch so was nich sagen in einer so ernsthaften Sache. Vater sagte auch immer: ,3a, die Leute glauben, es is n' Vergnügen. Aber es is kein Vergnügen, un der Hochzeitstag is der erfthafteste Tag, und manche, die sich nich recht trauen, sehen auch scheu so aus/ Und nu sprichst du von Hexen und tust, als ob alles schon da wäre, und als ob es zu 3ohanni losginge."

Geht es auch, Mutter."

3a, aber Thilde, das fährt mir ja in alle Glieder! Denn du stehst ja so da, wie wenn du alles schon in der Tasche hättest!"

Hab ich auch", und dabei holte Thilde einen halben, zweimal zusam- mengefalteten Konzeptbogen aus der Tasche, schlug ihn auseinander und sagte:Nu lies mal, Mutter."

Ach, wie kann ich denn lesen, und alles Bleistift geschrieben, und ohne Brille..."

Nun, dann hör zu, dann will ich lesen."

Und Thilde las:Qualifizierte Personen... Verstehst du, Mutter?" Oh, ich werd' schon, lies nur weiter."

Qualifizierte Personen, das heißt Personen, die mindestens das erste juristische Staatsexamen bestanden haben und darüber vollgültige Zeug­nisse vorlegen können, werden bei Geneigtheit hierdurch aufgefordert, sich um die Bürgermeisterstelle unserer Stadt zu bewerben. Gehalt 3000 Marl bei freier Wohnung und einigen andern Emolumenten. Aspiranten wer­den ersucht, ihre Zeugnisse einzusenden, wenn sie nicht vorziehen, sich dm Unterzeichneten, gleich persönlich vorzustellen.

Magistrat und Stadtverordnete zu Woldenstein,

Westpreußen."

Die Alte war an die Chaiselongue gegangen und ließ sich daraus nieder, was sie sonst immer vermied, namentlich seit das Wertstück durch Hugos fünfwöchige Krankheit etwas gelitten hatte.

3ott, Thilde, is es denn möglich? Du bist doch ein und aus. Bon Hexen red' ich nich, denn fliegt es wieder weg. Aber hat er denn « Stelle schon? Es gibt ja doch jo viele für so was. Und wenn er auch n sehr schöner Mann is und den Augenaufschlag hat, daß man gleich denkt: nu liest er die Sonntagsepistel ja, ich denke mir, es gibt so viele P' Und manch« sind fixer wie er und schnappen es ihm weg..."

Das laß nur gut sein, in Fixigkeit soll ihm diesmal keiner über je«. Er muß noch heute weg mit dem Nachtzug. Woldenstein liegt eine «tun« von der Bahn, und ein Omnibus wird doch wohl da sein. Um fünf er auf der Station und um sechs in Woldenstein in Westpreußen u Gasthof zum .Goldenen Roß' oder so irgend etwas wird doch wohl o» sein, ich denke mir, dem Rathaus gerade gegenüber, und da kann er zehn Uhr schlafen. Denn ausschlafen muß er erst, sonst is er nicht z brauchen. Und dann frühstückt er und macht sich fein, und um «w » zwölf tritt er an und macht seine Verbeugung. Und ich will nicht -W heißen, wenn sie nich gleich alle sagen: Natürlich, der muß es wer« Und der Neid von der alten Schmädicke hilft auch noch, und den s nach 3ohanni hat sie die Anzeige."

(Fortsetzung folgt.) ___

(fläbe es immer hübsche Frauen) hätten die Hand im Muff, und wenn .es sehr kalt wäre, auch die Hand von ihrem Partner.

3ott", sagte die alte Möhring,was heißt Partner? Wo sind denn die richtigen Siänner, die dazu gehören?"

Die sind in einem andern Schlitten."

Hugo plauderte noch so weiter, und es gelang ihm, auch Thilden ein kleines Lächeln abzugewinnen. Die Moralia der Owinsker waren ihr um so weniger ängstlich, als sie sich überzeugt hielt, daß ihres Bräu­tigams Hand nie in solchem Muff gesteckt hatte. Hugo malte nur gern so was aus, weil er es hübsch sand, aber es tag nicht in ihm, solche Bilder in Taten umzusetzen. All das wußte Thilde recht gut, die denn auch, statt sich mit Eifersucht zu quälen, aus Hugos Schilderung des Owinsker Gebens nur das heraushörte, was sie für ihre eigenen Pläne brauchen konnte. Was immer bei ihr festgestanden hatte, daß Hugo in eine kleine Stadt und nicht in eine große gehöre, das war ihr jetzt klarer denn je zuvor.

Hugo selbst zog sich früh zurück, denn wenn auch siegreich, war es doch ein heißer Tag gewesen. Aber er mochte noch nicht schlafen und ging auf und ab in feinem Zimmer. Alles in allem war ihm nicht sehr siegerhaft zumute. Er war Referendar, alles gut, aber nun blieb noch der Assessor, und wenn er daran dachte, daß diese zweite Weghälfte notorisch viel, viel steiniger sei, so überkam ihn das gleiche Angstgefühl wieder, das er schon auf dem Heimweg von der Examinationsstätte bis zur Georgenstraße gehabt hatte. Mit Thilde war nicht zu spaßen. Und er rechnete mit halber Bestimmtheit darauf, daß sie vielleicht morgen schon das am Neujahrstag mit ihm geführte Gespräch wiederholen und ihm zum zweitenmal die Leviten lesen würde, vielleicht wieder unter Bewilligung einer Ferienwoche. Dann nahm das Repetieren bei Tag und das Frag- und Antwortspiel bei Abend wieder von neuem seinen Anfang, und davor erschrak er und zweifelte, daß ers überwinden werde. Vielleicht wäre es besser gewesen, er wäre durchgefallen, dann wäre die ganze Quälerei vorbei. Verlobt war er freilich, aber doch erst ein Vierteljahr. Das wollte nicht viel sagen. Und am Ende muhte es denn gerade die 3uristerei sein, die so gar nicht zu ihm paßte, weil alles so steif und hölzern war? Rybinski lebte doch auch! Und wenn er auf der Posener Bahn fuhr dessen entsann er sich jetzt mit Vorliebe und an den kleinen Stationen vorüberkam, wo das Bahnhofsgebäude halb im wilden Wein lag und der Bahnhofsvorstand mit seiner roten Mütze den Zug abschritt, während eine junge Frau mit einem Blondkopf neben sich halb neugierig und halb gelangweilt aus dem Fenster der kleinen Beletage sah, Gott, da war ihm schon manch liebes Mal der Ge­danke gekommen: ja, warum nicht Bahnhofsvorstand? Und dieser Ge­danke kam ihm wieder, und wenn nicht Bahnhofsvorstand, warum nicht Güterinspizient oder Telegraphist? Das bißchen Tippen mußte sich doch am Ende lernen lassen, und mitunter tarn auch ein interessantes Tele­gramm, und man kriegte Einsicht in allerlei.

Diesen Betrachtungen hingegeben, wurde er ruhiger. Aber am andern Morgen war die alte Sorge wieder da, und er war verlegen, als ihm Thilde seinen Kaffee, den er immer noch allein nahm, in fein Zimmer brachte.

Guten Morkgen, Hugo. Sieh bloß, wie prächtig die Sonne heut scheint, das ist dir zu Ehren! Und es ist auch warm draußen. Du solltest spazieren gehen und dich nach all den Strapazen ein bißchen erholen. Denn wenn einer auch noch so tapfer ist" und sie lächelte dabei, vor einem Examen hat doch jeder Furcht. Gehen macht wieder frisch, und vielleicht bringst du uns ein paar Neuigkeiten mit. Die Tochter der Luft ist ja wohl nicht mehr da, sonst ließe sich darüber reden, und wir könnten vielleicht hingehen... Heut vormittag muh ich in die Stadt. Soll ich dir etwas mitbringen, oder hast du viel-« leicht auf etwas Appetit, mein lieber, alter Mensch, du? Du bist mir doch recht blaß geworden!"

And dabei gab sie ihm einen Kuß mit ihren schmalen Lippen und nickte ihm dann im Hinausgehen von der Tür herüber nochmal freund­lich zu.

Merkwürdiges Mädchen!" dachte Hugo;so gut und so tüchtig. Aber Küssen ist nicht ihre Force... Nun, man kann nicht alles ver­langen, und jedenfalls bin ich froh, daß sie nicht gleich wieder davon angefangen hat. Es wird wohl nur eine Galgenfrist gewesen sein, aber wie viele Tage Hat denn das Leben, und ein Tag ist schon immer was."

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