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Unterhaltungsbeilage zum Siebener Anzeiger
Jahrgang <950 Montag, den 23. Zum Nummer <8
Wandersprüche.
Von Josef Freiherrn von Eichendorfs. Es gehl wohl anders, als du meinst: Derweil du rot und fröhlich scheinst, ist Lenz und Sonnenschein verflogen, die liebe Gegend schwarz umzogen: und kaum hast du dich ausgeroeint, lacht alles wieder, die Sonne scheint — es geht wohl anders, als man meint.
* *
Herz, in deinen sonnenhellen Tagen halt nicht karg zurück! '»lllroärts fröhliche Gesellen trifft der Frohe und sein Gluck.
Sinkt der Stern: allein« wandern magst du bis ans End' der Welt. — Bau du nur auf keinen andern als auf Gott, der Treue hält.
*
Die Lerche grüßt den ersten Strahl, daß er die Brust dir zünde, wenn träge Nacht noch überall durchschleicht die tiefen Gründe.
Und du willst, Menschenkind, der Z: verzagend unterliegen?
Was ist dein kleines Erdenleid? Du mußt es überfliegen!
Legende vom Kreuz.
Von Kurt Münzer.
Ich wanderte durch das gottverlassene Land, das der Krieg zerstört hatte, und kannte das einst in seiner Ueppigkeit geliebte nicht wieder. Wo einmal dunkle Wälder mit Tannenduft und scheuem Wild, mit Sögeln und blumigen Lichtungen meilenweit gelagert hatten, war un- sruchtbare nackte Ebene. Obstbaumalleen, Akazienreihen an weißen Straßen waren ohne Spur verschwunden.
Der aufgewühlt« Sand hatte noch die wunden Stümpfe der Bäume bedeckt. Und statt der grün und golden wogenden Felder war kümmerliche Saat im Boden, dessen Humus die Granaten in die Tiefe gewirbelt und Steinbrocken und Lehm statt dessen hinaufgezogen hatten.
Um so wunderbarer schien es mir, auf einem Hügel, unweit einem neuerbauten, trostlos armseligen Dorf ein Bauerngut zu sehen, das im Schein des Abendlichtes wie eine Vision aus vergangener blühender Zeit »schien. Linden beschatteten es, uralt, üppig blühend. Mich nähernd, horte ich den Chor der Bienen, die die heiligen Wipfel frohlockend und preisend umschwärmten. Ein Garten quoll über von Phlox und Lilien, Rosen, Balfaminen und Nelken.
, Di« sinkende Sonn« zögerte in den Fenstern, Rauch kräuselte sich wie »ne stumme sanfte Melodie in die Musik dieses plötzlich glücklich und sromm gewordenen Abends. Den Hügel hinab wogte Weizen, blau Mprentelt von den Blumen, die des Himmels schönste Farbe eingesogen Men. An Spalieren hingen Früchte in Menge, Hühner sammelten ihre Wen, ein Hund kenn mir gastfreundlich entgegen, und neben einem weis auf der Ofenbank saßen drei Kinder, blühend wie diese Oase im verwüsteten Land.
.2tber vor der Tür ins Haus stand ein übermannshohes leeres Kreuz Mfgerichtet. Aus dunklem rissigem Holz, schwer und wuchtig, war es roh tommert, fast gefährlich ragte es mit feinen harten Balken über ein «et weißer Federnelken, die da wucherten und dufteten, als gälte es, er Symbol zu bringen.
j, ad) mürbe freundlich im Haufe empfangen von den jungen Eheleuten.
Mann war damals heil aus dem Kriege zurückgekehrt und hatte „'.W im zerstörten Lande Haus und Frau, Kinder und Vater unversehrt Ki' -in Vliihen und Wohlstand. Und «he ich in die Kammer zur Kur geführt wurde, erzählte mir die Frau die wundersame Geschichte ^glücklichen Fleckchens Erde.
m Xer Ee Vater saß dabei und sah auf ihren Mund und nickte zustim- un!) lächelnd. Er war seit kurzem taub geworden. Die Kinder g.“ft der junge Vater schnitzte Löffel und Quirle, und der Mond warf
-?chE«n des Kreuzes über die Bank, auf der wir saßen.
on _i)ötte ich die Geschichte dieses Kreuzes.
die <)rrr "Cln$ roar im Lande. Seine Kugeln mähten die Wälder nieder, aiieen, wühlten die Aecker um. Die Bauern flohen, Angst und
Schrecken peitschten sie aus der alten Heimat fort, die sich von. Tag zu Tag schrecklicher in unfruchtbare Wüste verwandelte.
Nur der alte Bauer hier oben mit seiner Schwiegertochter und den drei kleinen Buben wollte sein Vatergut nicht im Stiche lassen. Die junge Frau widerriet nicht, sie gingen dem Tag und der Arbeit nach und vertrauten sich Gott.
Einmal hatte der alte Bauer in der Stadt zu tun, die zwei Stunden weit fort am Fluß lag. Am Abend kehrte er zurück, und es war noch hell, September war es, heiß und dunstig, als er den Kreuzweg erreichte, der eine Stunde von hier am damaligen Waldrand lag.
Dort stand seit Urgedenken ein riesiges schwarzes Kreuz, von Jahr- hunderten verwittert und zerrissen, doch zäh, unzerstörbar. Es war leer, trug keinen Gesalbten an seinen Armen und galt von je als Wahrzeichen wie als Schutz der Gegend.
Nun fand der Alte dieses Kreuz von einer Kugel umgebrochen, sein Schaft war zersplittert, es lag im Sande, groß, schwer, düster, wie die gestürzte Gottheit selbst.
Da erbarmte es ihn, dieses alte heilige Holz so im Staube liegen zu sehen, bestimmt, verweht zu werden, bedeckt vom Flugsande, nach Jahrhunderten stolzen, demütigen, gnädigen Lebens ein Opfer der Straße.
Und er nahm, wie einstmals der Herr, das Kreuz auf sich und beschloß, es heimzuschleppen aus diesem aufgegebenen Bezirk des Landes in fein heut noch sicheres Heim und es dort wieder aufzupflanzen zu Fortbestand und Segen.
Der alte Bauer war schon längst von harter Arbeit müde, gebückt und schwach geworden. Er hatte seine Kraft dem Leben, dein Felde, den Nachkommen gegeben. Und er bedachte nicht, welch unmögliche Last er mit diesem riesigen schweren Kreuz auf seine schon so gebrechlichen Schultern nahm.
Er brach zusammen, als er endlich das Holz gelupft und sich auferlegfr hatte. Aber mit stillem Gebet, mit Liebe, mit Ehrfurcht und Dank ftemmte er sich empor und begann, die Arme um das Querholz geschlungen, den gewaltigen Schaft den Berg heraufzuschleifen.
„O Herr", dachte er, „nun erst weiß ich, wie schwer du dir deinen Tod verdienen mußtest. Laß ihn auch mir leicht werden, Herr, und laß mich zu dir eingehen."
Und ganz in tiefsten Gedanken an Jesus schleppt« er seine heilig« Last aus Untergang und Vernichtung der neuen Aufrichtung zu. Aber seine Kraft versagte bald. Es galt, eine Stunde weit dieses Kreuz zu tragen. Di« Nacht fiel nun schon ein, blieb heiß und dunstig. Seine Arme erlahmten, seine Kni« versagt«n, und schließlich brach sein, alter Rücken unter der Last.
Da, ehe er niedersank, sich und die Rettung des Kreuzes aufgab, bat et den Herrn um Vergebung, daß seine Kraft nicht reichte, ihm zu dienen, und «r jammerte, daß er nun auf offenem Wege müsse das Kreuz liege« lassen und also sein frommes Beginnen unvollendet.
Und wie seine alten Augen von Tränen der Scham und des Erbarmens überfloffen, er die Arme sinken ließ und der Ermattung nachgab, da spürt« er' plötzlich, wie die starren Kreuzesarme weich und warm wurden, ihn liebreich umfaßten, hielten, auf richteten; der starre Schaft wurde lebendiger atmender Leib; er hob ihn empor, und — wie eine Mutter ihr Kind — trug eine himmlische Gestalt ihn, den Alten, in sanften wiegenden Armen dahin, schnell und sicher, geborgen, zärtlich und still.
Der 2(lte rührte sich nicht; wie ein Kindlein kam er sich vor. Er satz nur Schimmer um sich, darin ernste milde Augen, deren Blick ihn wie Kirche und Feiertag umfing.
Er lag an einem schlagenden Herzen, in dessen Takt sich sein ganzes Leben wie ein frommes Lied loste. Die Lüfte wurden kühl, umwehten ihn lind und frisch, er spürte Duft und Wohlgeschmack, alle Beschwerde verließ ihn, und noch strömte wunderbares Behagen, Ruhen im Sein, Denken im Frieden.
So trug ihn, statt daß er trug, das leibhastige Wunder die Stunde Wegs, die Landstraße, den Hügel hinauf.
Inzwischen war es Nacht geworden; die Schlacht im Osten schwieg, kein Kanonendonner erschütterte das feierliche Schweigen der aufgegangenen Sterne. Vor der Tür des Hofes ließ es den Alten hinabgleiten, sanft und wohlig; er sah in einem Fenster Licht, da wartete die Schwiegertochter auf seine Heimkehr.
Plötzlich stand er wieder auf seinen Füßen, frisch und ausgeruht, und auf seinen Schultern tag das schwere große Kreuz, so leicht und sanft, als wäre es Wolke und Flaum.
Bauern bestätigten jpäter feine Erzählung dieses Wunders. Sie wollte« in jener Nachtstunde auf der dunklen Landstraße einen wandelnden Schimmer gesehen haben, einen ziehenden Glanz, über dem Sterne im silberne« Licht mitgewandert wären.
Das Kreuz aber wurde vor dem Tor des Hauses in den Boden gerammt, und von der Stund« an blühte das Gehöft auf. Während


