„Ma scha allah!"* * bekräftigte er. „Sie haben Zeit genug. Der Scheck» von Kassr soll Ihnen ein gutes Pferd geben. — Rames, sorge dafür! Achmed kann El Dogan (den Falken) heute noch nach Tanta bringen. Dort wird er Sie am Bahnhof erwarten."
„El Dogan?" rief Rames erstaunt, nahm jedoch sogleich wieder die Miene einer altgriechischen Marmorbüste an.
„El Dogan!" sagte Halim bestimmt. „Ich möchte Ihnen ein Vergnügen machen, Herr Eyth. Sie sollen wenigstens einmal in Ihrem Leben arabisch reiten, wie Sie noch nie geritten sind. Gehen wir frühstücken."
Er wandte sich nach dem Rand des Hügels und begann hinabzuklettern. Rames und ich folgten. Und zwei-, dreimal hörte ich den Tscherkeffen, als wir herabstiegen, unruhig zwischen den Zähnen murmeln: „El Dogan! El Dogan!" wie wenn er noch nicht begriffen hätte, um was es sich handle. Ich war viel weiter davon entfernt, es zu begreifen, aber völlig beruhigt.
El Dogan.
Eine Stunde später, als der Fahrplan es wollte, kam ich gegen Mittag des folgenden Tages, von Kairo zurückkehrend, in Tanta an.
Auf dem schattenlosen Platz hinter dem Bahnhof lagen in glühender Mittagsonne Hunderte von Baumwollballen, die hier aus dem Innern des Deltas zusammenströmen und wochenlang auf Weiterbeförderung warten. Bald aber fehlten Wagen, bald Lokomotiven, bald beides, so daß sich das kostbare Landeserzeugnis vor dem wichtigsten Bahnhof des Landes bergehoch auftürmte. Im Schatten eines dieser Berge entdeckte ich eine größere Gruppe Fellachin, Schreiber und Kaufleute, die bewundernd zwei Pferde umstanden. Achmed war zur Stelle und hielt El Dogan am Zügel, das zweite Pferd hatte er einem Sais* anvertraut, den er mitgebracht hatte.
Die Umstehenden waren sichtlich in einiger Erregung und begrüßten mich mit mehr als üblicher Höflichkeit. Dann fuhren sie fort, El Dogan zu loben und den Mann glücklich zu preisen, dem ein solches Tier zur Verfügung stand. Achmed war sichtlich in der Übelsten Laune und stand mürrisch zwischen den Leuten und seinem Pferde, indem er jeden Versuch der Annäherung eines der kühneren Eingeborenen mit einem geschickten, aber boshaften Fußtritt oder dem bedrohlichen Schwingen einer halb- zerbrochenen Reitpeitsche beantwortete. Sooft einer der Umstehenden den kleinen Kopf, die feinen Fesseln, die Augen oder Ohren El Dogans pries, murmelte er ein „Ibn el Selb!" und ein kurzes Stoßgebet zwischen den Zähnen: „O ihr Söhne von Hunden! Segnet den Propheten, anstatt mein Pferd mit eurem ungewaschenen Lob zu verhexen! Allah, der Allgütige, schütze dich, o Dogan! Hätte ich gesegnetes Alaun hier" — Alaun ist nämlich ein bewährtes Gegenmittel gegen die üblen Folgen öffentlicher Lobpreisungen —, „so würde ich mir aus dem ganzen Dorfgesindel von Tanta so viel machen!" Er spuckte kräftig aus; aber all dies half nichts. Ein alter Kawaffe erzählte, wie er El Dogan schon vor zehn Jahren als das schönste Füllen in den Ställen Abbas Paschas, Gott sei ihm gnädig, zu Benha gekannt habe. Ein Katib (Schreiber) der Baum- wollhandler, die auf den Ballen herumlungerten, berichtete, daß ihn der vorige Vizekönig Said Pascha dem Sultan habe schenken wollen, daß aber Halim, sein jetziger Herr, sich nicht um dreihundert Beutel* von ihm getrennt hätte; und ein verschmitzt aussehender, spärlich in Lumpen gehüllter Derwisch versicherte den Umstehenden, daß Allah nur e i n Pferd geschaffen habe, welches El Dogan gleichkomme, das fei feine Schwester El Hamam, und auch sie habe der Günstling Gottes, Halim Pascha, in feinem Stall zu Schubra. Achmed, bei dem ich noch nie einen Ueberschuh von Frömmigkeit bemerkt hatte, betete heftiger und fluchte abwechslungs- weife. Denn er war fest überzeugt, daß dieses öffentliche Bewundern und Loben lebensgefährlich war und der böse Blick irgendeines Neidischen einen der boshaften Afrit* herbeilocken konnte, die uns auf Schritt und Tritt auflauern. Er war deshalb sichtlich erleichtert, als ich rasch Anstalt machte, aufzusteigen.
Cs gehört nicht zu meinem Beruf, etwas von Pferden zu verstehen, aber so viel konnte fast ein Blinder sehen, daß ich kein gewöhnliches Tier vor mir hatte. El Dogan, wie mir Achmed im Laufe des Tages ehrfurchtsvoll flüsternd zehnmal erklärte, war in der Tat ein Araber reinsten Blutes, aus dem Redjed, vom erhabenen Stamme der Kofchlanis. Das mußte, meinte er, jeder fühlen. Ein solch zartes, glänzendes Haar, einen solch feinen Kopf mit einem Mäulchen wie ein Mädchen hatten nur die Kofchlanis; auch solch kleine lebhafte Ohren, solch große, kluge, feuchte Augen, aus denen eine Menschenseele herausfah, solch sehnige Beine, die zugleich zierlich waren wie die eines Hirsches! Ibrahim Pascha, der die Stute El Habibi, seine Mutter, nach Aegypten gebracht habe, sei gezwungen gewesen, ihren früheren Herrn zu vergiften, um sie zu bekommen. Aber der tapfere Pascha hoffte auf die Vergebung Gottes für fein Tun, denn die Versuchung war zu groß gewesen.
Das Wundertier sah mich lange prüfend an, schüttelte den Kopf und wandte sich mit sanft ablehnender Gebärde an feinen Begleiter, das Mameluckenpferd, das laut wieherte und stampfte, als wollte es große Heldentaten verrichten. El Dogan blieb still und sichtlich gedrückt. Hatte ich ihm wirklich so schlecht gefallen? Doch ließ er mich ruhig auffteigen, während Achmed nicht ohne Schwierigkeit fein übermütiges, tänzelndes Tier erkletterte, das der Sais kaum zu halten vermochte. Nach einem
* Jnfchallah — wenn Gott will; Ma fcha allah — wie Gott will.
* Sais heißen die Läufer, ohne die kein angesehener Mann einen Ausritt oder eine Ausfahrt unternimmt.
* Ein Beutel ist rund hundert Mark, eine jetzt wohl nur noch im Volksmunde übliche Geldeinheit.
* Außer mit Menschen und Tieren ist nach dem Koran die Welt mit für gewöhnlich unsichtbaren Geistern bevölkert, die sich in der verschiedensten Weife bemerklich machen. Die guten heißen Ginn, die boshaften Afrit.
vergeblichen Versuch des scherzliebenden Geschöpfs, feinen Reiter über die nächsten Baumwollballen zu schießen, die uns den Weg verlegten kamen wir in Bewegung. Der Sais zerteilte die gaffende Menge mit einem Schwung feines Stocks. Wir ritten davon.
Bald lag Tanta mit feinen engen, dumpfigen Gäßchen und der stattlichen Moschee de; größten Heiligen Aegvpiens des Seirpd Abmed ei Beoaui, hinter uns. Nach einer Viertelstunde stießen wir auf den Kanal, der von hier in fast geradliniger Richtung nach dem Bezirk von Kaffr-Schech führt, dem er während acht Monaten des Jahres das erforderliche Nil- waffer zubringt. Unser Weg war deshalb nicht zu verfehlen. Man hatte nur auf dem Damm zu bleiben, der das Ufer des Kanals und eine erhöhte, leidlich feste Straße bildet, von der aus nach rechts und links ein schönes Stück des fruchtbaren Deltas zu übersehen war. Hier außen, in der freien offenen Gegend, war die Hitze trotz der schattenlosen Umgebung erträglich. Ein fünfter Luftzug aus Norden, dem wir entgegen« ritten, belebte fühlbar Herz und Sinn. Es war trotz feiner Einförmigkeit ein herrliches Land voll stillen, grünenden Lebens, das vor uns lag.
Durch die Stadt waren wir im Schritt geritten. Auf dem Damm schlugen die Pferde von selbst einen leichten Trab an. Einen Trab wie den El Dogans hatte ich noch nie empfunden. Man spürte kaum, daß das Pferd sich bewegte. Und auch innerlich tarnen wir uns näher. Er hatte sich mehrmals nach mir umgesehen. Ich klopfte ihm liebevoll den Hals, sooft er es tat. Dies schien ihm zu gefallen. Unser gegenseitiges Pertrauen wuchs, und jedesmal nach einer derartigen kleinen Begrüßung trabte das Pferd ein wenig schneller. Achmed und der Sais blieben schon etwas zurück. Aber ich brauchte ja ihre Führung nicht. Der Kanal führte mich richtig genug.
Und dann, nach etwa einer Stunde und nach einem besonders zärtlichen Austausch unsrer jungen Freundschaftsempfindungen, begann El Dogan ganz von selbst zu galoppieren. Das war nun wirklich unbeschreiblich angenehm: das reine Wiegen. Man fühlte dabei den weichen, elastischen Körper des Tieres in feiner Kraft und Sicherheit unter sich, die leichte Bewegung der Muskeln, die spielende Anstrengung eines fröhlichen Willens. Es war klar, das edle Tier wollte sich zeigen und wollte mir eine Freude machen. Und auch ich wollte ihm eine Freude machen, legte die Zügel auf feinen Hals und lieh es laufen.
Hinter mir, in weiter Ferne, hörte ich Achmed ein paarmal rufen. „Ruf du nur!" dachte ich, „und sieh, wie du mit deinem Streitroß nach- kommst. Ich und mein Falke wollen jetzt einmal luftig fein." Als ich am nächsten Fell-ahdörfchen vorübergekommen war, wo Weiber und Ziegen kreischend und meckernd aus meinem Weg flogen und uns dann mit einem „Pa Salaam! war das ein Afrit?" nachsahen, verlor- ich meinen Führer völlig aus dem Auge.
Es ging immer rascher. Der laue Nordwind blies uns entgegen, so daß El Logans Schweif und die weihe Kufie, die ich um meinen Korkhelm trug, fast wagerecht hinausflatterten. Manchmal schnaubte mein vierbeiniger Freund, wie wenn er die herrliche Luft in vollen Zügen einsaugen wollte; manchmal schnaubte ich in dem gleichen Gefühl unbeschränkten Lebensgenusses, den das herrliche Tier mit mir teilte. Eine solche urrveltliche Zentaurenempfindung hatte ich zuvor im Leben nie tennengelernt. Natürlich! Ich hatte ja auch nie zuvor, ehe ich nach Aegypten kam, einen Sohn Kofchlanis zum Freund gehabt.
Von Zeit zu Zeit unterbrach den Damm, auf dem wir hinflogen, ein Quergraben, der im Herbst und Winter das Hochwasser des Kanals nach den benachbarten Feldern leitet, während er in der trockenen Jahreszeit nach Fellahart ruhig offen liegen bleibt. Als ich ein solches Hindernis fünfzig Meier vor uns zum erstenmal bemerkte, war ich ernstlich besorgt, was in den nächsten Minuten aus uns werden würde. Aber El Dogan spitzte nur die Ohren ein wenig. Wie er mit seinen vier Beinen zurechtkam, weiß ich nicht. Es muß doch immerhin schwieriger fein, vier Beine über einen Graben zu bringeh als zwei; das leuchtet selbst einem völlig Pferdeunverständigen ein. Aber er machte sich nicht das geringste daraus und flog über die drei Fuß breite Rinne weg, als ob sie nicht existierte. Ich fühlte kaum ein etwas heftigeres Zucken feines Rückens. Später war es mir wie ihm völlig gleichgültig, ob der kommende Graben zwei oder acht Fuß breit war. Ich wußte, El Dogan wußte, was zu tun war, und berechnete schon in der Ferne, wie er die Hufe zum Sprung aufzufetzen habe, ohne den regelmäßigen Galopp zu unterörechen.
Dann tarnen wieder Viertelstunden, in denen ich halb träumend die Landschaft betrachtete, an der wir vorüberflogen. Hier das einsame Grob eines Weli, eines Dorfheiligen, dort ein nicht abgeerntetes Baumwollfeld, weiß, wie wenn es ein Schneegestöber geschmückt hätte, hier eine Gruppe jammernder Fellahs um einen Büffel, der stöhnend am Boden lag — es war die Zeit der großen Rinderpest im Jahre 1864 —, dort eine Fellah- frau und ein Esel vor einem altarabischen Pflug, mit dem der Monn den harten Boden aufzukratzen suchte. Es fehlte nicht an Abwechslung trotz aller Einförmigkeit.
Das Galoppieren hatte über zwei Stunden gedauert, und mein guter Dogan schien noch nicht genug zu haben. In unermüdlichem, wiegendem Takte bewegte sich der geschmeidige Rücken unter mir. Wir konnten nicht mehr weit von Kaffr-Schech sein; ein großes Dorf lag mitten auf meinem Weg. Vor demselben bot eine Sakia, ein Brunnenschacht mit einem Schöpfrade, neben einer mächtigen Sykomore ein schattiges Ruheplätzchen und wohl auch Trinkwasser für uns beide. Hier wollte ich halten, um auf Achmed zu warten. Ich nahm die Zügel auf. El Dogan stand, machte einige ungeschickte Schritte vorwärts und stand dann wieder.
Ich sprang ab, ging nach dem stillstehenden Brunnenrad, um zu fegen, ob alles vertrocknet sei. Das war nicht der Fall. Es fand sich in einem Trog neben dem Schachte sogar eine ziemliche Menge klares, wenn mmj lauwarmes Wasser. So wandte ich mich, um El Dogan zu holen, den im mitten auf dem Weg hatte stehenlaffen.
(Fortsetzung folgt.)
Verantwortlich: Dr. Hans Thhriot. — Druck und Verlag: Brühl'fche UniversitätS^Buch. und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.


