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Oie schwarze Spinne.
Erzählung von Jeremias Gott Helf.
(Fortsetzung.)
Da nahm die Gotte das Kind im Dackbette auf die Arme, die Hebamme legte das schöne, weiße Tauftuch mit den schwarzen Quasten in den Ecken über das Kind, sorgfältig den schönen Blumenstrauß an der Gotte Brust schonend, und sagte: „So geht jetzt in Gottes heiligem Namen!" Und die Großmutter legte die Hände ineinander und betete still einen inbrünstigen Segen. Die Mutter aber ging mit dem Zuge hinaus bis unter die Tür und sagte: „Mein Bübli, mein Bübli, jetzt sehe ich dich drei ganze Stunden nicht, wie halte ich das aus!" Und aljobald schoß es ihr in die Augen, rasch fuhr sie mit dem Fürtuch darüber und ging ins Haus.
Rasch schritt die Gotte die Halde hinab den Kirchweg entlang, auf ihren starken Armen das muntere Kind, hintendrein die zwei Götteni, Vater und Großvater, deren keinem in Sinn kam, die Gotte ihrer Last zu entledigen, obgleich der jüngere Götti in einem stattlichen Maien auf dem Hute das Zeichen der Ledigkeit trug und in seinem Auge etwas wie großes Wohlgefallen an der Gotte, freilich alles hinter der Blende großer Gelassenheit verborgen.
Der Großvater berichtete, welch schrecklich Wetter es gewesen sei, als man ihn zur Kirche getragen, vor Hagel und Blitz hätten die Kirchgänger kaum geg.aubt, mit dem Leben davonzukommen. Hinterher hätten die Leute ihm allerlei geweissaget dieses Wetters wegen, die einen schrecklichen Tod, die anderen großes Glück im Kriege: nun sei es ihm gegangen in aller Stille wie den anderen auch, und im fünfundsiebzigsten Jahre werde er weder frühe sterben noch großes Glück im Kriege machen.
Mehr als halben Weges waren sie gegangen, als ihnen die Jungfrau nachgesprungen kam, welche das Kind nach Hause zu tragen hatte, sobald es getauft war, während Eltern und Gevatterleute nach alter schöner Sitte noch der Predigt beiwohnten. Die Jungfrau hatte auch anwenden wollen nach Kräften, um auch schön zu sein. Ob dieser handlichen Arbeit hatte sie sich verspätet und wollte jetzt der Gotte das Kind abnehmen: aber diese ließ es nicht, wie man ihr auch zuredete. Das war eine gar zu gute Gelegenheit, dem schönen ledigen Götti zu zeigen, wie stark ihre Arme seien, und wieviel sie erleiden möchten. Starke Arme an einer Frau sind einem rechten Bauer viel anständiger als zarte, als so liederliche Stäbchen, die jeder Bysluft, wenn er ernstlich will, auseinanderwehen kann; starke Arme an einer Mutter sind schon vielen Kindern zum Heil gewesen, wenn der Vater starb, und die Mutter die Rute allein führen, allein den Haus- haltungswagen aus allen Löchern heben mußte, in die er geraten wollte.
Aber auf einmal ist's, als ob jemand die starke Gotte an den Züpfen halte oder sie vor den Kopf schlage, sie prallt ordentlich zurück, gibt der Jungfrau das Kind, bleibt dann zurück und stellt sich, als ob sie mit dem Strumpfband zu tun hätte. Dann kömmt sie nach, gesellt sich den Männern bei, mischt sich in die Gespräche, will den Großvater unterbrechen, ihn bald mit diesem, bald mit jenem ablenken von dem Gegenstand, den er gefaßt hat. Der aber hält, wie alte Leute meist gewohnt sind, seinen Gegenstand fest und knüpft unverdrossen den abgerissenen Faden immer neu wieder an. Nun macht sie sich an des Kindes Vater und versucht diesen durch allerlei Fragen zu Privatgesprächen zu verführen: allein der ist einsilbig und läßt den angesponnenen Faden immer wieder fallen. Vielleicht hat er seine eigenen Gedanken, wie jeder Vater sie haben sollte, wenn man ihm ein Kind zur Taufe trägt, und namentlich das erste Bübchen. Je näher man der Kirche kam, desto mehr Leute schlossen dem Zuge sich an, die einen warteten schon mit den Psalmenbüchern in der Hand am Wege, andere sprangen eiliger die engen Fußwege hinunter, und einer großen Prozession ähnlich rückten sie ins Dorf.
Zunächst der Kirche stand das Wirtshaus, die so oft in naher Beziehung stehen und Freud und Leid miteinander teilen, und zwar in allen Ehren. Dort stellte man ab, machte das Bübchen trocken, und der Kindbettimann bestellte eine Maß, wie sehr auch alle einredeten: er solle doch das nicht machen, sie hätten ja erst gehabt, was das Herz verlangt, und möchten weder Dickes noch Dünnes. Indessen als der Wein einmal da war, tranken doch alle, vornehmlich die Jungfrau; die wird gedacht haben, sie müsse Wein trinken, wenn jemand ihr Wein geben wolle, und das geschehe durch ein langes Jahr durch nicht manchmal. Nur die Gotte war zu keinem Tropfen zu bewegen, trotz allem Zureden, das kein Ende nehmen wollte, bis die Wirtin sagte: Man solle doch nachlassen mit Nötigen, das Mädchen werde ja zusehends blässer, und Hofmannstropfen täten ihm nöter als Wein. Aber die Gotte wollte deren auch nicht, wollte kaum ein Glas bloßes Wasser, mußte sich endlich einige Tropfen aus einem Riechfläschchen aufs Nastuch schütten lassen, zog unschuldigerweise manchen verdächtigen Blick sich zu und konnte sich nicht rechtfertigen, konnte sich nicht helfen lassen. An gräßlicher Angst litt die Gotte und durfte sie nicht merken lassen. Es hatte ihr niemand gesagt, welchen Namen das Kind erhalten solle, und den die Gotte nach alter Hebung dem Pfarrer, wenn sie ihm das Kind übergibt, einzuflüstern hat, da derselbe die eingeschriebenen Namen, wenn viele Kinder zu taufen sind, leicht verwechseln kann.
Im Hast ob den vielen zu besorgenden Dingen und der Angst, zu spät zu kommen, hatte man die Mitteilung dieses Namens vergessen, und nach diesem Namen zu fragen, hatte ihr ihres Vaters Schwester, die Base, ein für allemal streng verboten, wenn sie ein Kind nicht unglücklich machen wolle; denn sobald eine Gotte nach des Kindes Namen frage, so werde dieses zeitlebens — neugierig.
Diesen Namen wußte sie also nicht, durfte nicht danach fragen, und wenn ihn der Pfarrer auch vergesse hatte und laut und öffentlich danach fragte oder im Verschuß den Buben Mädeli oder Bäbeli taufte, wie würden da die Leute lachen, und welche Schande wäre dies ihr Leben lang! Das kam ihr immer schrecklicher vor; dem starken Mädchen zitterten die Beine wie Bohnenstauden im Winde, und vom blassen Gesichte rann ihm der Schweiß bachweise.
Jetzt mahnte die Wirtin zum Aufbrechen, wenn sie vom Pfarrer nicht wollten angerebelt werden; aber zur Gotte sagte sie: „Du, Meitschi, stehst das nicht aus, du bist ja weiß wie ein frischgewaschenes Hemd."
stöndig umhorwandernden Abenteurers, der überall durch schwindelhafte Versprechungen Leichtgläubige zu betrügen sucht. Er war der Sohn eines kursächsischen Offiziers, der zugleich mit zwei Brüdern 1726 in die Meißener Manufaktur als Porzellanmaler eintrat. Sein abenteuerliches Zigeunerleben begann, als er zehn Jahre später unter Mitnahme eines Pferdes nach Bayreuth entfloh. Bald wurde ihm auch dort der Boden unter den Füßen zu heiß, und er entwich bei Nacht und Nebel nach Fulda. In Fulda scheint sich Löwenfinck großer Sympathien erfreut zu haben, denn er kehrte dorthin wiederholt auf längere Zeit zurück, als er bereits in Höchst Direktor der Manufaktur war. Seine Höchster Kompagnons erlebten wenig Freude mit ihm. Man wirft ihm vor, daß er leichtsinnig arbeite und nur geringe technische Kenntnisse besitze, so daß durch seine Schuld ein Brand verdorben wurde und der Glasurofen gesprungen sei. Schlimmer aber noch war, daß er eine Reihe von sehr zweifelhaften Persönlichkeiten nach Höchst zog. Besonders sein jüngerer Bruder und der mit ihm befreundete Maler Rode gaben zu ständigen Klagen Veranlassung. Rode mußte schließlich wegen eines blutigen Zweikampfes mit dem Maler Dannhofer, der durch einen Streit beim Zechgelage verursacht war. Höchst verlassen. Mit ihm verschwand, scheinbar als Flüchtling, der jüngere Löwenfinck. Beide wollten sich nach Straßburg begeben. Als man aber ihr Gepäck in Mainz revidierte, stellte es sich heraus, daß Löwenfinck die Fabrik um verschiedene Formen, eine große Anzahl Farben, ein Paket Papillons und einen Tiegel bestohlen hatte. ,Auch ein Ofenmodell, das sicher für die Straßburger Konkurrenzfabrik bestimmt war, fand man in seinem Gepäck. Die Untersuchung ergab, daß olle diese Gegenstände nur unter Mitwirkung des Direktors Löwenfinck aus der verschlossenen Farbstube entwendet sein konnten. Nachdem noch einige sehr zweifelhafte Beziehungen des Direktors zu Konkurrenzunternehmungen aufgedeckt wurden, wurde auch er durch kurfürstliche Verfügungen aus Höchst verwiesen.
Sein Nachfolger wurde ein Johann B e n k g r a f, dessen Herkunft dunkel ist. Er scheint an Unzuverlässigkeit seinem Vorgänger nicht nachgegeben zu haben, denn der Inhaber der Manufaktur, der Frankfurter Kaufmann Gültz, lieh sein Besitztum und seine Briefschaften beschlagnahmen und ihn verhaften. Man warf ihm vor, ebenfalls ein Brennofenmodell und Porzellanmasse entwendet zu haben, um es an andere Fabriken gewinnbringend zu verkaufen. Auch soll aus seinen Briefen hervorgegangen sein, daß er um die Entführung einiger Arbeiter für die neugegründete Porzellanfabrik von Wegelin in Berlin gewußt und diese begünstigt habe. Die Angestellten und Arbeiter beklagten sich, daß er sie in der Trunkenheit bedrohe und mißhandle. Das kurfürstliche Gericht jedoch schenkte der Verteidigung Benkgrafs Glauben, obgleich er zugeben mutzte, sich das Ofenmodell angeeignet und das Arkanum seinem Schwiegersohn als Morgengabe geschenkt zu haben, der dann auch prompt damit entfloh und es dem Herzog Karl von Braunschweig zur Gründung der Fürstenberger Porzellanmanufaktur auslieferte. Das Ofenmodell sollte Benkgrafs Tochter angeblich zerschlagen haben. Nach seiner Frei- jprechung zog er gleichfalls vor, das Weite zu suchen und seinem Schwiegersohn nach Fürstenberg zu folgen, wo er aber schon im nächsten Jahre starb.
Geradezu groteske Formen nahmen die Begleiterscheinungen der Porzellanfabrikation in Pfalz-Zweibrücken an. Der dortige Herzog Christian IV. war ein leidenschaftlicher Anhänger der Alchemie. Das üppige Hofleben ging weit über die Leistungsfähigkeit des kleinen Territoriums. Die jährlichen Einkünfte beliefen sich auf etwa 800 000 Gulden. Trotzdem erbaut sich der bereits stark verschuldete Herzog ein Schloß, das mehr als 14 Millionen Gulden kostete. Da sich die Einkünfte aus dem Lande nicht mehr steigern ließen, blieb die Goldgewinnung als letzte Hoffnung. Kein Wunder, daß dev Fürst schnell einem der zahlreichen das Land durchziehenden Abenteurer zum Opfer fiel. In Zweibrücken war es der Medikus Josef Michael Stahl, der nach einem unsteten Wanderleben und einer mehr als zweifelhaften Vergangenheit 1766 auftaucht. Sie Tätigkeit dieses Mannes in Zweibrücken ist eine ununterbrochene Kette von Betrügereien. Der Herzog vertraute ihm das gesamte Gold und Silber seiner Ringe an, um es zu vermehren. Bei einem mit Wolkenbruch verbundenen Gewitter wurde es, da es sich gerade in aufgelöstem Zustand befand, angeblich weggeschwemmt. Stahl besaß, als er nach Zweibrücken kam, nicht einen Pfennig, trotzdem verstand er es, dem Herzog klar zu machen, daß er die ganze Porzellanfabrik aus feiner Tasche errichtet habe, und der Herzog erstattete ihm die angeblich ausgelegten Gelder zurück. Er hatte ein einfaches Rechensystem, alle Gelder — auch die aus Landeseinkünften stammenden Zufchüffe — die für feine schwindelhaften Unternehmungen eingingen, die inzwischen noch um einige vermehrt waren, betrachtete er als fein Privateigentum, dagegen gingen die ständig wachsenden Ausgaben stets zu Lasten des Herzogs. So konnte er sich bald einen stattlichen Haushalt leisten und zwei Hofgüter erwerben. Trotz Zahlreicher Klagen und Verdächtigungen blieb die Gunst des Fürsten unerschüttert. Christian verlieh ihm den Titel eines Geheimkammerrats und machte ihn zum Oberbergrat mit einem Sitz im Kollegiatsrat, was eine Art Ministerstellung bedeutete. Dann wurde er Direktor der Chausseen und Polizeidirektor des Amtsbezirks, in dem eines seiner Güter lag. Auch me bei diesen Aemtern eingehenden amtlichen Gelder flössen in seine -oasche und um seine Einnahmen zu erhöhen, belegte er die Bevölkerung Mündlich mit Geldstrafen. Zwar war es inzwischen gelungen, aus Pas- |?Ucr Erde ein brauchbares Porzellan zu erzeugen, aber das Rezept hierzu Wchnite nicht von Stahl, sondern war Heb erlauf ern abgetauft worden. , wenig er auch später, als der Betrieb bereits lief, von der Por- . ?ritatian verstand, zeigt die umständliche Niederschrift des Arka- n‘*n?5- das er dem Herzog für teures Geld anhängte. Als Christian IV. mih ’ ^ar ^ahls Schicksal besiegelt. Er wurde abgesetzt und Anklage töt:/ ’^n Phöben. Sechzehn Jahre war die Untersuchungskommission m v ?*m die zahlreichen betrügerifchen Machenschaften aufzudecken. Ünb « *e!en sechzehn Jahren wurde ihm Stück für Stück das erworbene iit „ 0Mn wieder abgepreßt. Wo er dann später geblieben und gestorben ' "chdem er alles verloren hatte, ist nicht bekannt.


