Ausgabe 
18.8.1930
 
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Schriftleitung: i. V. Dr. Fr. W. Lange, Gießen. Druck und Verlag: Brühl'sche Aniversitäts-Buch- und Steindruokerei, R. Lange in ®'(

r' ^Ach, Frau Leutnant, bei mir is es nich mehr ängstlich."

Thilde war am selben Morgen in einer gehobenen Stimmung. Sie war nun Braut, und das andere mußte sich von selber geben. Solange sie bloß Fräulein Thilde war und den Tee zu bringen und eine Bestellung auszurichten hatte, lag die Sache noch schwierig genug, jetzt aber hatte sie das Recht zu sprechen und zu handeln. Das mit den Theaterstücken war ein Unsinn und mit dem ewigen Lesen auch, und Rybinski und seine Braut, die ihr übrigens trotzdem sie die Sachlage durchschaute sehr gut gefallen hatte, muhten über kurz oder lang beseitigt werden. Rybinski war eine Gefahr, noch dazu eine komplizierte. , ....

Zunächst aber konnte von einem Vorgehen keine Rede sein, weil sie deutlich einsah, daß sie zur Erreichung ihrer Zwecke der Fortdauer guter Beziehungen zu Rybinski und seiner Mitwirkung durchaus bedurfte. Wenn für sie feststand, daß sie Hugo zu trainieren habe, so stand auch ebenso fest daß sie so was wie Zuckerbrot beständig in Reserve haben müsse, um Hugo bei Lust und Liebe zu erhalten, und dazu war Rybinski wie geschaffen. Ueberhaupt nur nichts Gewaltsames, nur nichts Uebereiltes, alles mit Erholungspausen.

Ihrem natürlichen Gefühl nach hätte sie den ersten Feiertag nicht vor­übergehen lassen sollen, ohne mit ihrem Verlobten über ihre Zukunft zu sprechen und gleich ein bestimmtes Programm aufzustellen, aber in ihrer Klugheit empfand sie, daß etwas Nüchternes und Prosaisches darin liegen würde, den Tag nach der Verlobung, der noch dazu der erst« Weih­nachtsfeiertag war, mit der Behandlung solcher Fragen zu profanieren, und so bezwang sie sich und nahm sich vor, ihm eine Woche Weihnachts­ferien zu bewilligen und ihn zu kleinen Vergnügungen anzuregen. Er sollte sehen, wie gut er's auch im behaglichen getroffen habe, und daß Thilde durchaus verstand, sich seinen Wünschen anzupassen. Am Ende dieser Ferienwoche wollte sie dann mit der Prosa herausrücken unter Hinweis, daß ohne Durchführung ihres Programmes von Glück und Zufriedenheit und überhaupt von einem Zustandekommen ihrer Ehe keine Rede sein könnte. *

Ja, diese Ferienwoche. Thilde war nicht zum Wiedererkennen und schien eine Verschwenderin geworden.

Hugo, das ist nun unsere Flitterwoche, wenn ich mir solch Wort, das uns eigentlich gar nicht zukommt, erlauben darf. Aber ich will es mir erlauben, es ist so schön, später solche Erinnerung zu haben. Und ich denke es mir hübsch, wenn wir mal , alt geworden sind, von solcher Zeit sprechen zu können. Und darum muh alles wie Sonnenschein sein, und wir wollen es so recht genießen."

Hugo hielt Thildens Hand in der seinen und sagte:Das ist recht, Thilde. Das freut mich, daß du so sprichst; ich dachte, du hättest gar nicht recht Sinn dafür, für die Freude, für das süße Nichtstun, was doch eigent­lich das Beste bleibt."

Thilde hielt es nicht sür klug, ihn eines andern zu belehren, sie schwieg unter freundlichem Lächeln, und Hugo fuhr fort:Ich dachte, du seiest immer nur für Pflicht und Ordnung und Stundehalten, was mir so sehr es mir gefiel doch auch wieder etwas ängstlich war, weil man auch im guten zu viel tun kann. Und nun sehe ich, daß ich eine heitere, lebenslustige Braut habe. Ja, das ist beinah mehr Glück, als ich ver­diene ... Aber nun sage, Herz, was nehmen wir heute vor? Wähl« aber nicht zu ängstlich und sprich nicht von Geld und bescheidenen Verhältnissen. Wenn man sich verlobt hat, da darf man in nichts ängstlich sein und muß einem zumute sein, wie wenn man das Tischlein-deck-dich hätte."

Schön", scherzte sie,dann wollen wir ins Opernhaus, Proszeniums­loge, vielleicht haben wir den Kaiser vis-a-vis."

Nein, Thilde, so darfst du nicht sprechen. Ein bißchen Spott ist gut, das kleidet. Aber so viel nicht, sonst werde ich wieder irre an dir."

Nun, dann wollen wir zu Kroll und die Weihnachtspantomime ansehen."

Er stimmte freudig zu, fragte bann aber:Und die Mutter, müssen wir sie nicht mitnehmen?"

Wir werden es ihr wenigstens anbieten müssen, vielleicht, daß sie ,nein sagt. Ich bekenne, daß ich gern mit dir allein wäre, solche Freude genießt sich am schönsten zu zweien."

Hugo war wirklich glücklich. Er entdeckte Seiten an seiner Braut, die eine Perspektive auf ein höheres und feineres Glück eröffneten, als er an jenem Abend des ersten Geständnisses erwartet hatte. Was damals in ihm lebte, war eine Dankbarkeit, war ein weiches, sentimentales Gefühl, in dem die vorangegangene Krankheit noch nachspukte. Jetzt schien es ihm, daß Thilde wärmerer Gefühle fähig fei, vielleicht sogar einer Leiden­schaft, und sein« Brust hob sich.

So begann die Festwoche. Man ging zu Kroll und vergnügte sich ganz leidlich trotz Gegenwart der Mutter, die nach anfänglicher Ablehnung ihren Entschluß geändert hatte, als sie hörte, daßSchneewittchen und die sieben Zwerge" gegeben würde. Thilde war eigentlich froh darüber, denn der Alten eine Freude zu machen war ihr fast wichtiger als alles andere. Was sie zu Hugo vonGenießen zu zweien" gesprochen hatte, war nur so hingesagt, weil sie wußte, daß er gern so was hörte.

Am zweiten Feiertag fuhr man in einer offenen Droschke, deren Vor­bau den Wind abhalten mußte, nach Charlotienburg hinaus, aber nicht die große Chaussee hinunter, sondern im Umweg erst nach der Rousfeau- insel und bann am Neuen See vorüber. Auch hier war Mutter Möhring zugegen. Es war rührenb, bie alte Frau zu sehen. Am Neuen See stieg man einen Augenblick aus, um ben Schlittschuhläufern zuzusehen, unb bie Alte freute sich wie ein Kind über bie vielen Flaggen unb Fahnen, aber bloß über die großen. Von den kleinen meinte sie, sie sähen aus wie Taschentücher auf der Leine. Möhring habe auch solche bunten gehabt, weil er immer viel geschnupft habe.

So brachte jeder Tag was Neues. Das Glanzstück war aber ein Diner a pari im Restaurant, zu dem auch Rybinski geladen war. Natürlich mit Braut. Bei diesem Diner fehlte bie Alte, weil sie wohl infolge ber

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Fahrt durch den wintersichen Tiergarten und zu langem Stehen im bei den Schlittschuhläufern ihren Hexenschuß gekriegt hatte. Hugo uw damit nicht unzufrieden und diesmal auch Thilde, weil sie einsah, bas feine Restaurant kein Lokal für Mutter war.

Rybinski sprach von seinen neuesten Bühnentriumphen und mach, bamit einen großen Eindruck aus seinen Freund und Landsmann Hum, was Thilde mit einiger Sorge wahrnahm. Cs kam ihr aber Hilfe yA Bella, bie die ganze Kunstfrage großartig überlegen behandelte y beständig lachte, wenn das WortTalent" fiel. Denn sie meinte, bas gänzliche Fehlen davon fei es ja gerade, was ihr ihren Hans so unoiis. sprechlich teuer machte. Ueberhaupt Talent! Talente gäbe es so viele, fe erschrecke schon immer, wenn sie von einem neuen höre. Aber Hans Rybinski gäbe es nur einen, und ber wiege ihr zehn Talente auf. sei nun mal für bas schöne Menschliche unb in ber Liebe für bas Heben menschliche.

Glaubt ihr nicht", sagte Rybinski gutmütig,mein Kosinskn hat jh Herz erobert. Ein unvergeßlicher Moment! Noch am selben Abend fm unser Glück an."

Da sagt er bie Wahrheit aber warum war es so? Als Kofinsd war er er selbst. Schabe, daß die Rolle nicht bedeutender ist unb daß n», sie drüben nicht recht kennt. Ich ginge sonst mit ihm nach Amerika rife, immer quer durch, und wenn wir bei San Franzisko wieder rauskän«, wären wir Millionäre. Jeden Tag bloß Kosinsky mit Polenmütze iife Silbersporen."

Während des Essens trank Rybinski auf bas Brautpaar, und ijuti hätte diesen Toast eigentlich in gleicher Form erwidern und auch 0« Brautpaar sprechen müssen. Das konnte er aber doch nicht über fej bringen, und so begnügte er sich, bie Kunst leben zu lassen und zA befreundete Herzen. Die andern waren damit zufrieden.

Und nun ging die Weihnachtswoche ihrem Ende zu. Der 31.Dezemfei war ba unb mit ihm bie Frage, ob man in eine Siloestervorstellung mit Schlußakt im Cafe Bauer gehen ober aber zu Hause bleiben, einen gute« Punsch machen und Blei gießen wolle. Man entschied sich für bas letzte», weil bie alte Möhring zwar schon roieber außer Bette war, aber des immer noch Schmerzen hatte. Geladen wurde nur ber Beter Archüch und Ulrike sollte ganz wie am Weihnachtsabend bei Tisch aufwarten.

Die Alte kann ich nicht sehen", hatte Hugo mit großer Bestimmt^ erklärt. Das muhte berücksichtigt werden; aber man wollte sie doch auf nicht ganz weglassen, und so sah sie draußen in der Küche unb doch nachher ben großen Blechlöffel halten, in bem Thilde das Blei schmolz.

Als diese zuerst gegossen hatte, erhob sich die Frage, was es sei. Si Runtschen hielt es für eineKrone", Ulrike aber ging weiter unb er» es für eineWiege". Mathilde, die Verlegenwerden albern fand, beftriii Ulrikens Auslegung unb erklärte nur, bas ginge nicht. Worauf Ulrili meinte:Jott, Fräulein, es geht alles". Denn Ulrike war eine sehr schlm Person, bie ihr Geschlecht kannte. Aber bei Thilde verfing es nicht. Dich ging mit der Kron«, ober was es sonst war, in bas Vord«rzimmer zuck, wo man eine Weile weiterorakelte, bis Hugo die Gläser mit einem gut«, nach eigenem Rezept gebrauten Punsch füllte. Seines Vaters Haus trat berühmt für Punsch gewesen. Der Alte hatte solche Spezialitäten.

Es war noch nicht viel nach Mitternacht, als Mutter unb Tech!« wieder allein in ihrem Zimmer waren. Es war etwas stickig, eine mch würdige Luftmischung von Punsch, Wachsstock unb türkischem Tabu!, it daß Thilde sagte:Mutter, wenn es dir nicht schadet, möchte ich » bas Fenster noch ein bihchen aufmachen."

Ja, mach auf, Thilde, was soll es mir am Ende schaden, und da« is mir auch so sonderbar zurnut und so feierlich, weil gerade Neujcho nacht is. Ich möchte wohl di« Singuhr fpielen hören, bie spielt im« so was Schönes unb Frommes."

Thilde rückte ber Alten einen Lehnstuhl ans Fenster, aber so, K sie -ber Zug nicht traf, bann sagte sie:Ach, Mutter, die Smguhr, ii denkst immer noch, du wohnst in ber Stralauer Straße, ba wohnen K doch aber nicht mehr. Und dann is ja Mitternacht nun schon, lange vom und die Singuhr muß sich doch auch ein bißchen ausruhen."

Ja, du hast recht, Thilde; ich vergeß immer. Ich weiß nicht, ich»« doch noch nicht so alt, aber ich bin schon so taprig. Mitunter denk 4 es is gar kein Unterschied mehr zwischen der Runtschen und mir.

So mußt du nicht sagen, Mutter, du hast überhaupt so was Kl» und Aengstliches. Und man muß sich nicht so klein machen, bann tw einen die Leut« immer noch kleiner." .

Ja, bas is schon richtig, aber man mutz sich auch nich zu P- machen, und daß wir die Ulrike wieder hier hatten, die bloß in® bie Augen so schmeißt und immer denkt, sie is es, unb die alte RuiM muhte draußen sitzen und den Gietzlöffel halten, und ich sah wohl, wie _ die Hand zitterte, weil sie recht gut gemerkt hatte, daß wir sie hier ° nich mehr sehen wollen ja, Thilde, bas is, was ich so sage, man I sich auch nich zu groß machen. Unb wenn du auch sagen wirst, «5 J es nich sind, und daß bloß unser Herr Hugo es nich will, 1« w will er es nich? Daß sie das Pflaster hat, das is kein Unglück, uu meisten haben eins. Und ich sage dir, Hochmut kommt vor dem ö Und so hoch is er doch auch nich. Es is wie ein hartes Herz uns Grausamkeit." , , . .

Ach Unsinn, Mutter, wenn der ein hartes Herz hat, hat ledes u _ chen auch eins. Ein zu weiches Herz hat er, das is es. Das mutz n? > ab gewöhnen. Denn die, die ein zu weiches Herz haben, sind imwe und bequem unb können auch nicht anbers, weil alles, was yie keinen rechten Schlag hat."

Meinst du, Thilbe?"

Ja, Mutter, wenn man verlobt is, hört man mitunter ben W weil man sich so nahe kommt. Und wenn man anbers wollte, I» es Ziererei. Ja, was benkst du wohl, was er für einen HerzillM Wie ne Taschenuhr."

(Fortsetzung folgt.) ___