Ausgabe 
17.1.1930
 
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Hemd, kein Schmuck; nichts im Besitz als Träume. Der ärmste Pariser Straßenvagabund hatte noch Hoffnungen. Um ihn war alles dunkel.

Die Treppe, die sie hinaufgingen, hatte jenen knarrenden traurigen Klang, der um alle Dinge der Armseligkeit liegt. Ihm schien der letzte Tritt aus das uralte, von den Würmern zerstochene Holz als ein Schritt in das Licht, in dem er einst wandelte, und das er wieder zu sehen glaubte, aber es war nichts anderes als eine neue Fratze des Schicksals. Es hatte feine grausamen, furchtbaren Krallen in die Schultern dieses Mannes geschlagen und wollte feine Zerstückelung bis zum letzten.

Kobosky, der nun draußen war in dem Garten von Beaurivage, den er am Morgen durch eine zierliche grüne Tür betrat, fühlte nichts von dem Schatten, der drohend über ihm hing.

Er tat so wie alle alten Männer tun, war zaghaft und bedächtig, war bescheiden und nahm alle Dinge hin als wären es wunderbare Ge­schenke, die ihm gegeben würden. Er liebte das kleine Haus mit dem Spalier, die Vogel, die hinein- und hinausflogen, den Wind, der darum pkiff, das Obst, das an den Zweigen hing, die Blumen, die in den Beeten standen. Rührend und über alles Maß zärtlich war die Zu­neigung feiner Gastgeberin. . m a

In der Mitte des Gartens sprang aus grauen Tuffsteinen em Wasser­strahl empor: Kobosky liebte dieses Wasser, das jenseits von Gut und Böse die ewige Gegenwart für ihn zu fein schien. Es wurde Sommer. Die Sterne standen feurig und glühend in den Nächten. Die beiden Alten sahen unter dem großen Maulbeerbaum: eine abklingende Melo­die vom Leben; Bruder und Schwester fast geworden unter dem unbe­greiflichen Lauf und Sturm des Schicksals. Sie vertrieben sich, kleine Gesellschaften gebend, mit Bridge und Schachspielen die frühen Herbst­abende, die über die Seine mit schleifenden und nassen Nebeln kamen. Im Winter besuchte er manches Mal mit Frau Louise die Rue de Martyrs, wo sich in einem kleinen Saal die russischen Emigranten von Paris trafen, als ein Bruchstück jenes Petersburg, das einmal eine glänzende und elegante Hofgesellschaft war, bestehend aus Fürsten, Grä­finnen, Baronessen, berühmten Wissenschaftlern, Modeärzten, Diplomaten und Offizieren. Aber heute waren sie Chaufseure, Empfangsdamen, Kellne­rinnen, Diener, Modistinnen, Sänger in Kabaretts, Gespenster einer gro­ßen Vergangenheit, hinuntergestoßen von der unerklärlichen Gewalt des Lebens, das niemals sichere Grundlagen bietet.

Exzellenz und Kammerzofe waren nicht mehr zu unterscheiden: er war heruntergestiegen und s i e war hinaufgewachsen: im Alleingültigen, im Menschlichen, trafen sie sich. Der Einsturz einer Welt hatte die An­schauungen verändert: Madame wurde seinesgleichen und so behandelt, als wäre sie eine erlauchte Dame von je und je gewesen. Aber es gibt Stürze, die nicht aufzuhalten sind, mit grausamer Verbissenheit wälzt sich das Unerklärliche über ein Schicksal bis es nicht mehr sichtbar ist. Die gespenstischen Hände, die den Grasen Kobosky aus den Festsälen des Lebens gestoßen hatten, stießen weiter zu und zertrümmerten auch das sanfte und glückliche Idyll seines Alters.

Nach einem Abendspaziergang legte sich Madame Ingres zu Bett, Fieber durchraste ihren Körper, und der Arzt, der eine heftige und be­sorgniserregende Angina feststellte, ordnete die Ueberführung in ein Krankenhaus an.

Für Kobosky gab es nichts Heiligeres und (Beliebteres als diese kleine zusammengehutzelte Frau, mit der ihn nicht nur die Gegenwart, sondern auch die Vergangenheit verband. Er erbat sich von den Aerzten die Er­laubnis, an ihrem Bette sitzen zu dürfen. So saß er nun Tag für Tag am Bette der Kranken, die immer weniger und verfallender wurde. Er sah sie an mit der unsäglichen Trauer des Einsamen, er streichelte die Decke oft unablässig, da er ihre Hand nicht berühren durfte. Er ließ sich von den Schwestern, die mit ihm Mitleid und vor ihm Ehrfurcht zugleich hatten, Essen zustecken, ein Stück Zucker oder Schokolade, eine Tasse Suppe oder Tee; des Abends jedoch mußte er sich entfernen. In den Gärten und Anlagen, die um die Krankenstation herumwuchfen, fand er eine Bank, die unter einem großen gewölbten Rhododendronstrauch ge­stellt war. Dort legte er sich jeden Abend zum Schlafen nieder. Das Haus in Beaurivage betrat er nicht mehr.

Es war am fünften Morgen, als er wieder beim Pförtner des Kranken­hauses klingelte:Exzellenz," sagte die kleine Schwester an der Türe, Madame Ingres ist heute nacht gestorben. Ich bemitleide Sie."

Nichts ging auf feinem Gesicht vor. Er dankte leise für die Teil­nahme, er zuckte mit keiner Muskel, und keine Träne tarn aus seinem Auge.

Ich bitte um eine Gunst: darf ich die tote Madame Ingres noch ein­mal sehen?" Der leitende Arzt bewilligte den Wunsch. Kobosky trat an das Bett heran, man zog das Leintuch von ihrem Gesicht und er schaute wie aus Ewigkeiten her auf die Tote, die nicht anders ausfah wie sie als Lebende war; dann beugte er sich nieder und küßte sie leise und gütig auf die blutleeren Lippen. Er stellte sich wieder auf, betete ein paar Worte und machte das griechische Kreuz über sie. Die ihm zusahen, waren ergriffen. Dann ging er weg, dankte leist mit dem Kopse, und seine Ge­stalt streckte sich, als wäre sie von einem großen und unabänderlichen Willen durchglüht.

Er ging die Treppen hinunter und suchte in den Anlagen die Bank, die in den letzten Tagen sein Bett war. Er hatte in der Tasche einen kleinen Revolver mit drei Kugeln, die er sich für fein letztes Geld von dem ehemaligen Obersten eines sibirischen Schützenregimentes gekauft hatte. Als er faß, knarrte ein weißer Kinderwagen vorüber, in dem ein kleines Mädchen war, vor sich hinlallte und in die Händchen klatschte. Das sinn- lofe Leben hatte ihm noch Akteure bestellt, die zu dem großen Trauer­spiel noch Beifall klatschen mußten. Kobosky setzte den Revolver auf die nackte Haut, dahinter sein Herz schlug. Es knallte breit und laut, so daß die Vögel, von dem Schuß erschreckt, aus den Büschen fliegen. Als die Leute tarnen, war er schon umgefunten. In dünnen Tropfen sickerte Blut über die Vankritzen in den Sand.

Er lebte noch ein paar Minuten. Es war neun Uhr vormittags. Die Parkwächter kamen, entfernten die Bank und warfen Sand auf die SSlutfpuren.

In den Pyrenäen.

Von Hans Siemsen.

Ich kannte die Pyrenäen bisher hauptsächlich aus einem Gedicht von Fräulein Droste-Hülshoff, Münster in Westfalen, altes Fräulein. Und Deutschlands größte Dichterin. Das ist aber etwas lange her.Loup garou" hieß das Gedicht und handelte von einem Gespenst, einem Wer­wolf, der den bösen Menschen, den Tyrannen und grausamen Geizhälsen auf der Landstraße zwischen den einsamen Bergdörfern nachts auflauerte sie hatten den Weg verfehlt, die Nacht hatte sie überrascht, und er biß ihnen die Kehle durch! Wunderschön und schauerlich war das, sehr kalt, ehr winterlich es schien mir durchaus den Pyrenäen ähnlich.

Ist das eine Fahrerei, bis man hier herauf kommt! Frankfurt, Straßburg, Belfort, Lyon, Tarraseon, Nimes, Gelte, Narbonne, Per­pignan. Dann kommt eine Kleinbahn, da muß man noch einmal nm- fteigen, und dann kennt man überhaupt keinen Ort mehr, durch den man kommt. Oder kennen Sie Ria, Santo, Cftavar? Font-Romeu? Font- Romeu ist ein sehr bekannter internationaler Höhenkurort, achtzehn­hundert Meter hoch. Hier liegt ein Riefenhotel, ein riesengroßes über­lebensgroßes, ungeheuer prächtiges Grandhotel, de gründ Luxe. Jeder Komfort der Neuzeit. 300 Betten. In Worten: dreihundert Betten. Es ist zur Zeit geschloffen! Keine Saison! Dann können wir also wieder nach Haust fahren? Nein. Hinter demGrandhotel" im Walde liegt noch ein na, eine Art Hotel. Es ist keine Eremitage in unserem Sinne, aber es heißt so. Es ist oder war in der Hauptfach« erst mal eine Kapelle mit einem Muttergottesbild. Immerhin kein alltäglicher Anfang für ein Hotel.

Weil vor vielen hundert Jahren schon viele Pilger hier herauf ge­wandert sind, die abends nicht mehr nach Haufe konnten, hat man vor vielen hundert Jahren ein Logierhaus neben die Kapelle gebaut und, weil dann noch mehr Pilger kamen, noch ein Logierhaus und noch eins und immer noch eins. Wie Ställe stehen sie um die Kapelle. Die zahl­losen kleinen Logierzimmer sind so klein und so kahl und kalt und stei­nern wie die Zellen in einem Kloster oder einem Gefängnis. Aber das letzte Logierhaus, das noch nicht mal fünfzig Jahre alt ist, bat Zentral­heizung. Und da wohnen mir nun. Wie in einem richtigen Hotel.

Wir", das ist die Hotel-Familie und ich. Ich bin hier der einzige Saft. Nicht doch! Ein Priester ist gekommen, aber der Priester ist kein Priester, sondern der Oekonom von einer großen katholischen Erziehungs­anstalt in Perpignan, er trägt Priesterkleidung, er ist eine Art weltlicher Kirchenbeamter.Abbe" sagen die Leute von ihm, und er versorgt die große katholische Anstalt in Perpignan mit Kartoffeln und Brot und Kohlen und was man sonst so braucht zum Leben.

Na, derAbbe" scheint da ganz nett verdient zu haben, denn nun gehört ihm die ganzeEremitage", die Kapelle und die Logierhäuser, die heilige Quelle und die Zentralheizung, alles gehört ihm. In das Hotel" hat er als Wirt seinen Bruder gesetzt.

Er, derAbbe", kommt nur selten hierher aus Perpignan und sieht nach dem Rechten. Augenblicklich ist er da, und da leben wir nun fol­gendermaßen in unseremHotel": Ich bin der Gast, ich habe weiter nichts zu tun. Der Abbe sieht nach dem Rechten. Er läuft mit einem großen, riefengroßen Schlüssel und schließt die Kapelle auf, kommt auch eine alte Frau, und kauft eine große Kerze, die wird vor das Mutter- gottesbilb geklebt und angezündet.Haben Sie die Kerze gesehen?" sagt der Abbe zu mir, und dann gehen wir in die Kapelle und er zeigt mir die Kerze. Er muß aber auch nachsehen, ob noch genug Kohlen da sind? Und Kartoffeln? Kartoffeln sind hier selten und eine Delikatesse. Und was ist mit den vielen kleinen Zellen in den Logierhäusern, in denen jetzt niemand logiert? Er schließt die Türen auf und guckt hinein und reißt *f>ie Fenster auf und guckt hinaus. Und was ist mit der Zentralheizung?

Aber da darf er nicht ran, obwohl er der Besitzer ist! Die Zentral­heizung ist das Ressort seines Bruders, des Wirts. Niemand außer ihm darf da ran! Die Zentralheizung ist ein großer eiserner Ofen, der steht im Gastzimmer und hat viele Riegel und Hebel und Ventile und ein Thermometer. Und der Wirt steht am Ofen und macht die eine Tür auf und die andere zu, und mit dem einen Hebel macht er fo und mit dem anderen fo und wenn er abends auf das Thermometer guckt und an den Hebeln herumarbeitet, dann sieht er aus wie ein höherer Kapitän, der unser kleines, gut geheiztes Schiff sicher durch Nacht und Unwetter steuert.

Frau Wirtin, feine Frau, sie hat sogar einen Bubikopf, eine niedliche, schwarze, kleine Person, mit, leider, furchtbar schlechten Zahnen, aber was erst ihr Sohn für Zähne hat - sie besorgt die Post und schenkt d,e Getränke ein: Kaffee, Kaffee-Kognak, einfach Kognak, Byroh, Pernod, Nicolas, Tog, Suze, Mandarin alle die unzähligen Aperitifs, die es in Frankreich gibt. Gisela Werbezirk, die gute, dicke, alte Frau, ist in der Küche tätig. Und ein hübscher, schwarzer Junge von achtzehn, neun­zehn Jahren ist der Koch, was sage ich, der Küchenchef.

Na", ruft der Abbä, wenn ich vom Essen komme,haben Sie gut diniert? 'Gefällt Ihnen die französische Küche?"O ja, die ist ja welt­berühmt."Ja", ruft er (er ruft immer, er spricht nie),ja, die ist be­rühmt! Und gut!"Ja, die ist gut."Das macht den Menschen fröhlich! Soll ich sagen: nein? Es ist ja auch wahr, die Küche ist gut. Gebackene Artischockenböden, frische Melonen, richtige, schöne, frische Langusten wo gibt es bas in einem Landwirtshaus außer in Frankreich?

Der Abbe hat längst gesehen, daß ich mir ein Buch genommen habe. Er tut, als hätte er nichts gesehen.Ich habe da ein paar Bucher nut« gebracht," sagt er so nebenbei.Ja, ich habe hier schon eins.211), tote haben schon eins? Ja, die Bücher! Lesen! Das ist etwas Großes! Eine Stunde später:Haben Sie gelesen? Das sind Bücher, was? Das sind Bücher! Ah, die Bücher!" ruft er und wirft die Arme gen Himmel. Er ist ein Verehrer der Wissenschaften, ein Humanist, ein Mann der Lite-