Ausgabe 
3.2.1930
 
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hakte er es bei den Brautleuten durchgefetzt, daß ein Teil von Annas Vermögen als deren Sondergut unter seiner Verwaltung geblieben war: jetzt sollte auch dieses in das Kompaniegeschüft hineingerissen werden; aber Anna, welche, seit sie Mutter geworden war, diesen Rest als das Eigentum ihres Kindes betrachtete, hatte alles in ihres Ohms und Vaters treue Hand gelegt. Stöhnend, wenn nach solcher Verhandlung der Sohn ihn unwillig verlassen hatte, blickte der Greis wohl nach dem Ofen, in dem vor Jahren die Reste jener Briefe verbrannt waren, oder er stand vor seinem Familienbilde und hielt stummen, schmerzlichen Zwiesprach mit dem Schatten seiner eigenen Jugend.

Ein anscheinend unbedeutender Umstand kam noch hinzu. In einer Nacht, es mochte schon gegen zwei Uhr morgens sein, erkrankte die alte Brigitte plötzlich, und da nur über Tag eine Aushilfsfrau im Haufe war, so machte Carsten sich selber auf, den Ärzt zu holen.

Sein Rückweg führte ihn an jener vorerwähnten Wirtsstube vorüber, aus deren Fenstern allein in der dunkeln Häuserreihe noch ein Lampen- schein auf die Straße hinausfiel. Gäste schienen nicht mehr dort zu sein, denn es war ganz still darinnen; und schon hatte Carsten bas Haus im Rücken, da drang von dort ein heiserer Laut in seine Ohren, der ihn plötzlich stillstehen machte; in dieser häßlichen Menschenstimme, in der sich eine andere ihm bekannte zu verstecken schien, war etwas, das ihn auf den Tod erschreckte. Er konnte nicht weiter, er mußte zurück; lauernd und gierig, noch einmal und genauer dann zu hören, stand er unter dem Fenster der verrufenen Kneipe. Und noch einmal kam es, müde wie von lallender Zunge ausgestoßen. Da schlug der Alte beide Hände über den Kopf zusammen, und sein Stock fiel schallend auf die Steine.

Brigitte genas allmählich, soweit man im fünfundsiebzigsten Jahre noch genesen kann; Carsten aber hatte seit jener Nacht auch seinen letzten Schlaf verloren. Immer meinte er, von jener Trinkstube her, die doch mehrere Straßen weit entfernt lag, die heisere Stimme seines Sohnes zu hören; er setzte sich auf in seinen Kissen und horchte auf die Stille der Nacht; aber immer wieder in kleinen Pausen löste sich aus ihr jener furchtbare Ton; seine hagere Hand griff in das Dunkel hinein, als wolle sie die des Sohnes fassen; aber schloss fiel sie alsbald über den Rand bes Bettes nieder.

Seine Gedanken flogen zurück in Heinrichs Kinderzeit; er suchte sich das glückliche Gesicht des Knaben zurückzurufen, wenn es hieß:Am Deich spazieren gehen"; er suchte seinen Jubel zu hören, wenn ein Ler­chennest gefunden oder eine große Seefpinne von der Flut ans Ufer getrieben wurde. Aber auch hier kam etwas, um feinen kargen Schlaf mit ihm zu teilen. Nicht nur, wenn es von den Nordseewatte her an seine Fenster wehte, sondern auch in todstiller Nacht, immer war jetzt das ein­tönige Tosen des Meeres in seinen Ohren; wie zur Ebbezeit von weit draußen, hinter der Schmaltiefe (der schmale Meeresarm, der den Hu- umer Hafen bildet) schien es herzukommen; statt des glücklichen Gesichtes eines Knaben sah er die bloßgelegten Strecken des gärenden Watten- chlamms im Mondschein blänkern, und daraus flach und schwarz erhob ich eine öde Hallig. Es war dieselbe, bei der er einst mit Heinrich ange- ähren, um Möwen- oder Kiebitzeier dort zu suchen. Aber sie hatten keine gefunden; nur den aufgeschwemmten Leichnam eines Ertrunkenen. Er lag zwischen dem urweltlichen Kraut des Queller, von großen Vögeln um­flogen, die Arme ausgestreckt, das furchtbare Totenantlitz gegen den Him­mel gekehrt. Schreiend, mit entsetzten Augen, hafte bei diesem Anblick der Knabe sich an den Vater angeklammert.

Immer wieder, ja selbst im Traum, wohin diese Vorstellungen ihn verfolgten, suchte der Greis seine Gedanken nach friedlicheren Orten hin- zulenken; aber jedes Wehen der Luft führte ihn zurück auf jenes furchtbare Eiland.

Auch die Tage waren anders geworden; der alte Carsten Curator führte zwar noch diesen seinen Beinamen; aber er führte ihn fast nur noch wie ein pensionierter Beamter seinen Amtstitel, und freilich ohne alle Pension. Die meisten seiner derartigen Geschäfte waren in jüngere Hände übergegangen; nur das kleine städtische Amt, das er derzeit wirk­lich erhalten hatte, wurde noch von ihm bekleidet, und auch der Woll­warenhandel ging in Brigittens alternder Hand seinen, freilich immer schwächeren Gang.

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Es war an einem Nachmittag zu Anfang des November. Der Wind kam steif aus Westen; der Arm, mit dem die Nordsee in Gestalt des schmalen Hafens in die Stadt hineinlangt, war von trüb grauem Wasser angefüllt, das kochend und schäumend schon die Hafentreppen überflutet hatte und die kleinen, vor Anker liegenden Jnselschiffe hin und wieder warf. Hier und da begann man schon vor Haustüren und Kellerfenstern die hölzernen Schotten (Scheidewände; sperrende Holzwände) einzulassen, zwischen deren doppelte Wände dann der Dünger eingestampft wurde, der schon seit Wochen auf allen Vorstraßen lagerte.

Aus dem Hause an der Twiete trat, von Brigitte zur Tür geleitet, ein junger Schiffer, der sich mit einer wollenen Jacke für den Winter aus­gerüstet hatte; aber der Sturm riß ihm das Papier von seinem Packen und den Hut vom Kopfe.Oho, Jungfer Brigitte", rief er, indem er sei­nem Hut nachlief,der Wind ist umgesprungen; das gibt bös Wasser heut!"

Her du mein Jesus!" schrie die Alte;sie dämmen überall schon vor! Christinchen, Christinchen! sie wandte sich zu einem Nachbarskinde, das sie in Abwesenheit der Eltern in ihrer Obhut hattedie Schotten müssen aus dem Keller! Lauf' in die Krämerstraße; der lange Christian, er mutz sogleich herüberkommen!"

Das Kind lief; aber der Sturm faßte es und hatte es wie einen armen Vogel gegen die Häuser geworfen, wenn nicht zum Glück der lange Chri­stian schon gekommen wäre und es mit zurückgebracht hätte.

Die Schotten wurden herbeigeholt und vor der Haustür bis zu hal­ber Mannshöhe eingelassen. Als die Dämmerung herabfiel, war fast der

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ganze Hafenpkatz schon überflutet; aus den dem Bollwerk nahegelegenen Häusern brachte man mit Böten die Bewohner nach den höheren Stadt­teilen. Die Schiffe drunten risien an den Ankerketten, die Masten schlugen gegeneinander; große, weiße Vögel wurden mitten zwischen sie hinein- geschleudert oder klammerten sich schreiend an die schlotternden Taue

Brigitte und das Kind hatten eine Zeitlang der Arbeit des langen Christian zugesehen; jetzt saßen sie im Dunkeln in der Stube hinter den fest angeschrobenen Fensterläden. Draußen das Klatschen des Wassers das Pfeifen in den Schiffstauen, das Rufen und Schreien der Menschen; wie grimmig zerrte es an den Läden, als wollte es sie herunterreißen. Hu", sagte das Kind,es kommt herein, es holt mich!"

Kind, Kind", rief die Alte,was sprichst du da? Was soll herein­kommen?"

Ich weiß nicht, Tante; das, was da außen ist!"

Brigitte nahm das Kind auf ihren Schoß.

Das ist der liebe Gott, Christinchen; was der tut, das ist wohl­getan. Aber komm, wir wollen oben nach meiner Kammer gehen!"

Währenddessen war Carsten hinten im Pesel beschäftigt; er packte die in dem einen Schranke lagernden alten Papiere und Rechnungsbücher aus und trug sie nach der Kammer des Seitenbaues hinauf; denn erst nach etwa einer Stunde war hohe Flut; das untere Haus war heut« nicht sicher vor dem Wasser.

Eden trat er, eine brennende Unschlittkerze in der Hand, wieder in den Pesel; das im Zuge qualmende Licht, welches er in Ermangelung eines Tisches auf die Fensterbank niedersetzte, ließ den hohen Raum mit den mächtigen Schränken nur um so düsterer erscheinen; bei dem schräg von Westen einfallenden Sturme rasselten die in Blei gefaßten Scheiben, als sollten sie jeden Augenblick auf die Fliesen hineingeschleudert werden.

Der Greis schien es desungeachtet und trotz der Schreie und Rufe, die von der Straße zu ihm hereindrangen, nicht eben eilig mit der Arbeit 3» haben. Sein Haus, das steinerne, würde schon stehenbleiben; ein an­derer Untergang seines Hauses stand ihm vor der Seele, dem er nicht zu wehren wußte. Am Vormittage war Anna dagewesen und hatte, als letzte Rettung ihres Mannes, nun selbst die Auslieferung ihrer Wert­papiere von ihm verlangt; aber auch ihr, die zu dieser Forderung berech­tigt war, hatte er sie abgeschlagen.Verklage mich; bann können sie mir gerichtlich abgenommen werden!"

Er wiederholte sich jetzt diese Worte, mit denen er sie entlassen hafte, und Annas gramentstelltes Antlitz stand vor ihm auf, eine stumme An­klage, der er nicht entgehen konnte.

Als er sich endlich wieder an dem Schranke niederbückte, hörte er draußen die Tür, welche von der Twiete in den Hof führte, gewaltsam aufreißen; bald darauf wurde auch die Hoftür des Pesels aufgeklinkt, und wie vom Sturm hereingeworfen, stand mitten in dem düsteren Raume eine Gestalt, in der Carsten allmählich seinen Sohn erkannte.

Aber Heinrich sprach nicht unb machte auch keine Anstalt, bic Tür, durch welche der Sturm hereinblies, wieder zu schließen. Erst nachdem sein Vater ihn aufgefordert hatte, tat er das; doch war ihm mehrmals die Klinke dabei aus der Hand geflogen.

Du hast mir noch keinen guten Abend geboten, Heinrich", sagte der Alte.

Guten Abend, Vater."

Carsten erschrak, als er den Ton dieser Stimme hörte; nur einmal, in einer Nacht nur hatte er ihn gehört.Was willst du?" frag er.Wes­halb bist du nicht bei Frau unb Kind? Das Wasser wird schon längst in eurem Garten sein." -

Was Heinrich hierauf erwiderte, war bei dem Tosen, das von allen Seiten um das Haus fuhr, kaum zu hören.

Ich verstehe dich nicht! Was sagst du?" rief der Greis.Das Geld? die Papiere deiner Frau? Nein, bic gebe ich nicht!"

Aber ich bin bankerott schon morgen!" Die Worte waren ge­waltsam hervorgestoßen, und Carsten hatte sie verstanden.

Bankerott!" Wie betäubt wiederholte er das eine Wort. Aber bald danach trat er dicht zu seinem Sohne, und die hagere Hand wie zu eige­ner Stütze gegen seine Brust pressend, sagte er fast ruhig:Ich bin weit mit dir gegangen, Heinrich; Gott und dein armes Weib wollen mir das verzeihen! Ich gehe nun nicht weiter; was morgen kommt, wir büßen beide dann für eigene Schuld." .'H

Vater, mein Vater!" stammelte Heinrich. Er schien die Worte, die zu ihm gesprochen wurden, nicht zu fassen.

In jähem Andrang streckte der Greis beide Arme nach dem Sohne aus; und wenn die in dem großen Raume herrschende Dämmerung es gestattet hätte, und wenn seine Augen klar genug gewesen wären, Hein­rich hätte vor dem Ausdruck in seines Vaters Angesicht erschrecken müssen: aber die Schwäche, welche diesen für einen Augenblick überwältigt hatte, ging vorüber.Dein Vater?" sagte er, und seine Worte klangen hart. Ja, Heinrich! Aber ich war noch etwas anderes die Leute nann­ten mich danach nur ein Stück noch habe ich davon behalten; sieh zu, ob du es aus meinen alten Händen reißen kannst! Denn betteln gehen, das soll dein Weib doch nicht, weil ihr Curator sie für seinen schlechten Sohn verraten hat!" Bon draußen drang ein Geschrei herein, unb aus entfernten Straßen scholl der dumpfe herkömmliche Notruf:Water! Water!"

Hörst du nicht?" rief der Alte;die Schleuse ist gebrochen! Was stehst du noch? Ich habe feine Hilfe mehr für dich!" ®

Aber Heinrich antwortete nicht; er ging auch nicht; mit schlaff herav- hängenden Armen blieb er stehen.

Da, wie in plötzlicher Anwandlung, griff Carsten nach der slackern- ben Unschlittkerze unb hielt sie dicht vor seines Sohnes Angesicht.

Zwei stumpfe gläserne Augen starrten auf ihn hin. V

Der Greis taumelte zurück.Betrunken!" schrie er,tut bist be­trunken!"

(Schluß folgt.)

Drühl'sche Universitäts-Buch- und Steindruckerei, A. Lange, Gießen.