Im Abendland haben die Priesterschaften den Ansichten über das Leben nach dem Tode freieren Spielraum gelassen. So konnten die Dich­ter, ohne ketzerisch zu erscheinen und Einengungen zu erfahren, ihre viel­fältigen Einbildungen malten lassen. Bei den Griechen scheint, bis in hellenistische Zeit, die Vorstellung, daß ein Leben im Jenseits minder beglückend verlaufen müsse als während unseres Aufenthaltes unter der Sonne oder Sternen, vorgeherrscht zu haben. Besonders in späteren Zeiten haben Griechen scharenweise, durch ihre Einweihung in Myste­rien, beispielsweise zu Eleusis, die Ueberzeugung gewonnen, daß sie nach dem Tode bestimmt sortleben würden: und zwar in einem gehobeneren Bewußtseinszustand.

Im christlichen Mittelalter sind Freude aufs Himmelsreich, Angst vor der Hölle sehr ausgesprochen gewesen. Ein Dichter, Dante, der über die anderen Welten herrlich gesungen hat, galt vielfach als Seher wahrhafter Reiche, in die wir eingehen müssen.

Im Norden müssen die Visionen eines Swedenborg aus der anderen Welt vor allen anderen ernst genommen werden: er ist ein be­deutender Gelehrter gewesen, und man hat unanfechtbare Berichte über seine außergewöhnlichen okkulten Fähigkeiten feststellen und bezeugen können.

Halten wir uns daran, daß unser Stern, wenn er auch nicht der ein­zig bewohnte sein muß, doch ein zuhöchst erlesener ist. Die christliche Lehre spricht uns von des Schöpfers unendlicher Liebe zu feiner irdischen Kreatur. Wir wissen nur von seinem Sohne, daß er auf Erden als Mensch wie wir zur Welt gekommen ist. Was er uns versprochen hat, kann nur zutiefst Wahrheit sein.

Das Seemannsgrab im Mein.

1 Von Heinz Steg »weit.

Genau so hat es sich zugetragen, es steht alles in den Akten der Wasserpolizei, nur die Lösung des Mirakels blieb ein Familiengeheim­nis: Um die Herbstwende von 1887 hatte der Obstkahn Sankta Maria am Kunibertsufer von Köln Anker geworfen, um den ganzen Schiffs­bauch voll Aepfel und Trauben nach und nach auf den Markt zu brin­gen. Das Rheinwerft roch hier festlich nach Most, so daß jeder Spazier- Slänger sich wunderte, warum allein die Schiffersleute dieses Obstbootes o traurige Gesichter machten. Man erfahre den Grund: In der Wohn- kajüte lag nämlich der alte Derk ten Vondelaer im Sterben, ein greiser Mann, der über ein Lebensalter lang die Sankta Maria zur Zeit der Aepfelernte und Traubenlese vom Oberrhein bis zur holländischen Nie­derung gesteuert hatte. Und nun konnte er nicht mehr, der Fünfund­siebzigjährige lag gelb und wächsern in seinem Bett, am Kopfende rauch­ten zwei Sterbekerzen, am Fußbrett knieten die Rosenkranzjungfern. Alle waren sie um ihn versammelt: der Sohn, die Tochter, die schluchzende Ehefrau und der Pfarrer von Sankt Kunibert. Und Derkt ten Vondelaer, vom Schlagfluß mächtig ins Gehirn getroffen, reckte sich stöhnend auf, er wollte sein Testament unter Zeugen verkünden: das sagte er denn stockend und mit erlöschenden Augen:

Ich hab' immer ein richtiger Seemann werden wollen, aber der Rhein hat mich festgehalten. 75 Jahre lang. Der Kahn gehört meiner Familie, das Obst müßt ihr verkaufen, bevores faul und patschig wird mich selber aber sollt ihr mitten im Rhein versenken, dann habe ich wenigstens ein Grab, das dem des richtigen Seemanns ähnlich ist...!"

Der Pfarrer wollte dem sterbenden Schiffer das noch ausreden, gütig und mit streichelnder Hand, aber der Alte war schon hinübergefallen, sein Mund stand zuckend offen, als wollte er noch einmal Luft holen: kurzum: Derk ten Vondelaer, der greise Besitzer der Sankta Maria, war tot, sein Testament mußte erfüllt werden, draußen wurde das kleine Fähnchen pietätvoll halbmast gehißt. Da hatte die Familie ihre Sorgen:

Ist das christlich, Herr Pfarrer? Darf das angehen? Einen Toten ins Wasser zu werfen?"

Der Gottesmann hob die Schultern:

Tja, richtige Seeleute werden eingesegnet und versenkt, aber ein Traubenschiffer vom Rhein...?"

Köln war damals noch eine Stadt, die sich um den Schmerz des ein­zelnen kümmern konnte. So kam es, daß am andern Morgen schon viele Frauen und Männer am Kunibertsufer standen, das ganze Obst von der Sankta Maria zu kaufen. Diese armen, trauernden Schisfersleute sollten ihr Geld flüssig kriegen, sie hatten doch einen Sarg zu bezahlen, ein Totenhemd und einen Kranz, sie hatten auch noch Schulden beim Doktor und in der Apotheke. Aber noch jemand fand sich auf dem Deck des hölzernen Obstnachens ein, und das war die strenge Polizei. Warum? Zunächst stammte der tote Derk ten Vondelaer aus Wefel; wehe dem also, der seine Leiche in Köln zu begraben wagte!

Wir wollen ihn ja gar nicht in Köln begraben", meint« Jupp ten Vondelaer, der Sohn des Verstorbenen, und die Mutter pflichtet« ihm ebenso wacker bei, wie es die Schwester Katharine tat.

Jaa", wieherte der Polizist und zwirbelte seinen Schnurrbart an den Ecken hoch,jaaaa, bat wissen wir, wo aber wollt ihr ihn denn bejraben?"

Im Rhein", sagte Jupp,mitten im Rhein, so steht es im Testa­ment, der Pfarrer hat es ausdrücklich ausgeschrieben!"

Der Unwille des Polizisten wundert uns nicht. Ja, wir billigen ihn sogar. Man bedenke: Ein Strom, der durch Städte und Wiesen flieht, ist kein Meer. Wohin sollte es führen, wenn jeder sein Toten dem Rhein­wasser anvertraute wie die braven Hindus dem Ganges? Heute oder morgen würde der Fluß seinen Sarg ans Ufer spülen, und dann?

Nee, liebe Leute, bat jetzt nid)", meinte ber Polizist,bat machen wir nich, bazu jede ich im Namen des Königs und der Strombauver­waltung nich die diesbezügliche Jenehmijung!" Jupp ten Vondelaer wurde rot und blau vor Wut, stampfte mit dem Stiefel aufs Schiff und schrie den Polizisten an:

Ich tu, was der selige Vater will, damit basta!"

Die Mutter, die heulend dabei stand, trocknete jetzt ihre Tranen mit ber Schürze ab; diese Frau war stolz! Stolz auf ihren Sohn, stolz auf

den Jupp, der den harten Dickschädel seines Vaters geerbt hatte. Der arme Derk, der immer ein richtiger Seemann sein wollte, der aber 75 Jahre lang nur über den Rhein plätschern durfte also der Tote sollte sein Grab im Wasser haben? Gegen den Willen der Polizei? Wundervoll!

Mittlerweile war der Gendarm in die Stadt zurückgegangen, nach­dem er alles genau in sein amtliches Notizbuch geschrieben hatte. In­dessen halfen Katharine und die blasse Witwe ihrem Jupp, den schwe­ren Sargdeckel Über den Vater zu legen; sechs eiserne Schrauben wur­den angezogen, bis sie knackten.

So. Schluß. Den kriegt keiner mehr auf", knirschte Jupp, er hatte seinen fertigen Plan.

Aber die Polizei war nicht so dumm und so nachgiebig, wie die Schiffersleute gehofft hatten. Kaum war es dunkler Abend geworden, kaum hatte sich der herbstliche Fluß mit kalten Nebelwolken eingeschleiert, als ein Kommando von drei Gendarmen an Bord der Sankta Maria erschien, just in dem Augenblick, da Jupp den Anker heimlich zur Fahrt hochdrehen wollte. Und was sagten die Polizisten von 1867?

Seid vernünftig, liebe Leute, jetzt den Sarg raus, wir laden ihn in einen kleinen Nachen und fahren ihn runter nach Wesel, ba ist ein anstänbiger Friedhof!"

Jupp unb bi« Frauen sahen grollend ein, daß sie gehorchten mußten. Sie öffneten also die Wohnkajüte, sie machten auch den kleinen Nachen am Heck los:

In Gottes Namen, rudert den Vater nach Wesel!"

Einer darf mitfahren von euch", meinten die Gendarmen,aber nur einer, cs sehen bloß vier Mann in den Nachen, denn der Sarg nimmt viel Raum weg!"

Da entschloß sich Jupp dem Toten das letzte Geleit zu geben; der Ab­schied kostet« noch einige Tränen, sonst aber blieb man tapfer. Bald war der kleine Nachen in Nebel und Finsternis verschwunden. Der Sarg stand brav auf dem inneren Kiel, über dem Deckel lag ein Kranz aus Herbst­laub und Aftern. Die Polizisten ruderten, Jupp hockte schweigend am Steuer, kalt war es, wann würden sie wohl ankommen? Bis Wesel war eine gute Strecke, na, die Polizei muhte es ja wissen.

Eine Stunde ging so dahin, die zweite wurde angebrochen, da geschah etwas Seltsames: Jupp, der den Sarg des Vaters traurig be­trachtet, tarn plötzlich auf den Gedanken, zum allerletzten Abschied noch einmal an den Deckel zu klopfen. Und da stockfinstere Nacht war und da ferner einer der Polizisten die unheimlichsten Spukgeschichten von toten Menschen erzählt hatte, so daß die Gemüter allemal voll wallender Auf­regung waren, l)atte jeder das Klopfen gehört, so gespensterhaft und laut, als könne es nur von innen gekommen fein! Die Folge war, daß die Männer erschrocken ihre Ruherholme fahren ließen und flink auf einer Seite des Nachens frierend zusammenkrochen; die weitere Folg« war, daß das schwache Fahrzeug gegen diese «inseitige Belastung rebellierte unb --kenterte! Der Sarg poltert« ins Wasser, taucht« sofort unter, Jupp unb bie Genbarmen schwammen entsetzt ans Ufer, bei Zons krabbelten sie wie nasse Frösche auf ben Sanb. Ein barmherziger Wirt nahm sie in feine Wohnung auf, dort stand ein warmer Ofen, dort gab es auch Schnaps unb leihweise trockene Kleider.

Jupps Gewissen war nicht rein, aber durst« er sich verraten? Nein, er stierte zähnklappernd vor sich hin wie die armen Gendarmen; unb er hatte nichts eingumenben, als bie Polizisten mit frommem Gruseln sagten:

Man soll hoch nie etwas gegen den Willen ber Toten tun!"

Derk ten Vondelaers Sarg blieb bis heute ungefunden, nur hinter Emmerich fischten holländische Beamte einen herbstlichen Asternkranz aus dem Rhein, denn ohne Zollgebühren dürfen Blumen nicht über bie Grenze.

Mutter ten Vondelaer aber wurde jetzt noch stolzer auf ihren Jupp, Schwester Katharine nicht minder, denn das spukhafte Klopfen war ihnen kein Geheimnis geblieben, der tote Vater hatte feinen Willen, Gott hab' ihn selig!

Der Tod im Volkslied.

Von Dr. Hedwig F i s ch m a n n.

Aus dem vielstimmigen Rauschen und Raunen, mit dem des Volks­lieds ewig junger Quell durch die Jahrhunderte strömt, klingen, zauber- gewaltiger als alle andern, zwei Melodien in immer neuem, machtvollen Anschwellen: hell unb jubelnd die eine, dunkel unb schicksalschwer die zweite: bi« Weisen vom Lieben unb Sterben, von reichster Daseins- erhöhung und bitterer Todespein. Aeußerste Pole menschlicher Lebens­entfaltung unb doch beide gleich geliebt von dem Volkslied und oftmals zufammentönend in ihm zu einem vollen und tiefen Akkord. Aber un­pathetisch und ohne übermäßigen Gefühlsanfwand erklingen sie beide, wie es des schlichten Mannes.Art ist, sich ihnen gleich Naturgewalten zu beugen.

Wie in dem heldischen Volksepos von der Nibelungen Not Kriem­hilds unb Siegfrieds heiß loderndes Liebesglück umschlägt in Todes- kampf unb Todesnot unzähliger tapferer Ritter und Mannen, so durch­mißt auch das Volkslied gern in feiner enger bemessenen Spannweite ben Schicksalsweg von Liebeslust zum Leide, zu jenem bittersten Scheiden unb Meiden, das kein Wiedersehen kennt. Ob es von ber klassischen Liebespaare, von Heros unb Leanders, von Pyramus unb Thistzes dunkelm Ende kündet ober von all ben tausend Namenlosen in Schlössern und Hütten, unter ber Linde ober am Wegesrain erzählt, deren Braut­bett das kühle Grab geworden, immer tönt gleich ergreifend die schmerz­voll« Grundmelodie:

.Und der uns scheibet, das ist der Tob, ab«! Ja Scheiden und Lassen tut weh!"

Weher noch, wenn es die Untreue des geliebten Mannes oder Mädchens ist, die dem Tode den Weg bereitet, wie in dem auch heute noch uxnt verbreiteten, von Goethe zuerst im Elsaß für Herder ausgezeuh-