neten Sieb vomRitter und der Maid", in dem die verlassens Jung­frau den ungetreuen Liebhaber im Tode nach sich zieht, das aber den­noch den mild versöhnenden Ausklang findet:

Man legt' den Ritter zu ihr in Sarg, Begrub sie wohl unter die Linde; Da wuchsen nach drei Vierteljahren Auf ihrem Grab drei Lilien."

Aber Treue bis über den Tod hinaus, Trauer um den Verlorenen, bis alle Wasser Zusammengehen", d. h. bis in alle Ewigkeit, undden Leuten zum Possen, dem Tode zum Trutz", das ist der reichste Ruhmes- kranz, den das Volkslied am Grabe des toten Geliebten niederzulegen weih. Und daß dabei genau so wie im Leben Liebe nicht nach Verdienst oder Schuld fragt, daß die Blume Treue auch über des Treu­losen Hügel erblüht, davon zeugt das ergreifende Lied von derNonne", die dem toten Grafen, obgleich er sie schnöde verlassen und hinter Klo­stermauern getrieben, mit ihren schneeweißen Händen selbst das letzte Bett bereitet und aus ihren schwarzbraunen Augen das Weihwasser spendet. Um der Treue zu seiner Braut willen verweigert Herr Olof Erlenkönigs Tochter den Tanz und erleidet den tödlichen Schlag beim nächtlichen Ritt durch den Wald. Oftmals auch lauert der Knochenmann ungesehen schon als der Dritte im Bunde der Liebenden, sich des leicht entsesselten Schwertes des eifersüchtigen Knaben oder Gatten zu seinem blutigen Werk bedienend. So laufen, eng miteinander verflochten, die beiden tiefroten Fäden der Liebe und des Todes durch des Volkes Weifen.

Doch mit dem lebenbejahenden, erdverwurzelten Daseinsgefühl, das seinen Ursprung verrät, sträubt sich das Volkslied gegen den Alles- bezwinger Tod.Sterben ist harte Pein," klagt es, und sieht in ihrem Urheber dengrimmigen" Feind, den nicht nur die Kinder derHer­zogin von Orlamünde" durch angeboten« Geschenke gnädig zu stimmen und abzuwenden trachten; auch der unschuldig den Tod auf dem Hoch­gericht erleidende junge Knabe fleht beweglich in heißer Lebenssehnsucht:

Ach meine Augen verbindet mir nicht, Ich muß die Welt anschauen, Ich sehe sie heut und nimmermehr, Mit meinen schwarzbraunen Augen."

Und aus dem Geiste dieser menschlichen Vernichtungsfurcht sind die Ge­stalten geboren, in denen der Tod durch das Volkslied schreitet. Da be­schleicht er das Mädchen im Blumengarten als ein gar erschrecklicher Mann, ohne Kleider, Fleisch, Blut und Haare, farblos verblichen und verdorrt, der, taub für alle Bitten, mit der ©enfe, seinem Wappenzei­chen, an eines jeden Tür klopft. Mit grimmige.r Wollust schildert er die Schrecken der drohenden Verwesung, wie sich ja das Volkslied auch sonst in Grausamkeiten bei der Ausmalung der Todesqualen gefällt; so wenn es den Bremberger in der oft behandelten Märe vomHerzessen" wie einen Fisch zu Riemen schneiden und sein Herz von der geliebten Frau verzehren läßt oder die Ermordung des jungen Königs Ladislaus mit all ihren gräßlichen Einzelheiten ausmalt.

Aber auch die starke Naturverbundenheit des Volksliedes kommt deut­lich in den Bildern zutage,, die es sich vom Tode macht. Da schmilzt ihm seine Gestalt in den Fruhlingsbräuchen und Frühlingsliedern des Tod­austreibens zusamen mit dem grimmen Winter. Dann wieder wird er ihm, Leben gewinnend aus dem Umkreis des eigenen ländlichen Daseins zum Jäger, dessen Horn niemand entrinnen kann, oder zum Schnitter Tod, dem vom höchsten Gott Gewalt gegeben über all die schönen Blü­melein. Er wetzt nur (ein Messer, und:

Was heut noch grün und frisch dasteht, Wird morgen schon hinweggemäht."

Aber trostreich klingt diesesErntelied" in der Hoffnung aus die Ver­setzung der Dahingemähten in den himmlischen Garten aus. In ähnlicher Weise wird in dem Liede von der Fllrstentochter Tod die unbarmherzig zufassend« Gewalt in einem groben Bauern symbolisiert, der mit Pflug­schar zwischen die lachenden Blumen fährt und sie entwurzelt, daß sie hinsterbend die Köpfe neigen, und zugleich in einem des Wegs daher­kommenden Wandersmann, der feine gierige Hand nach der frischen Blume ausstreckt, indessen er die halbverwelkte verschmäht.

Gleich den packenden Totentänzen, an denen die bildende Kunst so reich ist, kennt auch das Volkslied dies« sinnfällige Darstellung der alles gleichmachenden Gewalt des den Reigen anführenden Knochenmannes:

Nun schick dich, Mägdlein, schick dich, Du mußt mit mir an Tanz!

Ich will dir bald aufsetzen Ein wunderschönen Kranz," lockt spottend der seiner Macht Bewußte; denn all«, alle, wie unwillig sie sich auch gebärden mögen, müssen seinem Reigen folgen: der König mit seinem Hausgesinde, Frau wie Mann, und selbst das zarte Kindlein zieht er schonungslos aus der Wiege hervor. Es ist, als wolle sich hier die Phantasie des Volkes in der Ausmalung des die gesamte Menschheit umschlingenden Totenreigens Genüge tun für die nicht aus der Welt zu schaffenden sozialen Ungleichheiten des Lebens. Aber einem schaurigen Widerspiel dieser Totentanz«, wenngleich nur beschränkt auf eine Klasse, ist jene mit grandioser Wucht geschilderteReveille" vergleichbar, da der tote Tambour noch einmal durch seinen Trommelwirbel die stillen Brü­der erweckt und mit ihnen vereint den Feind schlägt, um bann dem Tode auf ewig zuzugehören:

Da stehen morgens die Gebeine In Reih und Glied wie Leichensteine, Die Trommel steht voran, Tralali, Tralalei, Tralala!"

Es scheint, als habe es das Sterben auf dem Schlachtfeld, als der seligste Tod" in der Welt, dem Volkslied ganz besonders angetan. Hier, und vielleicht nur hier, erscheint er nicht als der grimme Feind, sondern als ein mild mahnender Freund, mit dessen Ruf, wann immer er er­schallt, sich jeder Soldat wie mit einem an ihn ergangenen Befehl ab­

findet. In diesen ernsten und festen Tönen klingt derHusarenglaube" fast fröhlich aus. Nur vor dem rühm- und ehrlosen Ende des Deserteurs erlischt der verklärende Glorienschein des Soldatentodes, nicht aber das warme Mitgefühl. Hier findet das Volk in feinen Weisen trotz aller herben Zurückhaltung ergreifende Töne der Menschlichkeit, wie für jenen Schweizer, denzu Straßburg auf der Schanz" der Klang des heimi­schen Alphorns verführte und der nun statt um sein Leben nur um ein schnelles End« bittet, oder für den armen Tambougesellen, dem so maß­los vor dem ihm bestimmten hohen Haus, dem Galgen, graut und der doch mit heller Stimme von den Kameraden und Offizieren den ewigen Urlaub nimmt.

So begleitet das Volkslied des Menschen Ausgang aus dieser Welt mit feinen alles verstehenden Tönen und schlingt durch seinen reichen vollblühenden Kranz neben den heißglühenden Rosen als gleichberechtigte Schwesterblüte die süß betäubende Totenblume Rosmarin.

Schnitter Tod.

Alte Volksweise.

Es ist ein Schnitter, heißt der Tod, Hat Gewalt vom großen Gott;

Heut wetzt er das Messer, Es schneid't schon viel besser, Bald wird er dreinschneiden. Wir müssen's nur leiden. Hüte dich, schön's Blümelein!

Was heute noch grün und frisch bastelst, Wird morgen schon hinweggemäht: Die edel Narzisse!, Die englische Schlüssel, Die schön' Hyazinthen, Die türkischen Binden.

Hüte dich, schön's Blümelein!

Er macht so gar kein'n Unterschied, Geht alles in einem Schnitt, Der stolze Rittersporn Und tölumen im Korn, Da liegens beisammen, Man weiß kaum die Namen: Hüte dich, schön's Blümelein!

Trutz! Tod, komm her, ich fürcht' dich nit. Trutz! Komm her und tu einn Schnitt. Wenn er mich verletzet.

So werd' ich versetzet. Ich will es erwarten, In den himmlischen Garten, Freu dich, du schön's Blümelein!

' Oer arme Spielmann.

Erzählung von Franz Grillparzer.

lFortsetzung.)

Ich war heftig erzürnt und wollte ihm eben antworten, daß ich, mit seiner Erlaubnis, vom Gegenteile Überzeugt sei, als ich bemerkte, daß er bereits in sein Zimmer zurückgegangen war, weshalb ich mich faßte und ebenfalls an meinen Schreibtisch ging. Doch ließ er sich feit dieser Zeit nicht nehmen, daß ich ein liederlicher Beamter und ein ausschweifender Mensch sei.

Ich konnte auch wirklich desselben und die barauffolgenben Tage kaum etwas Vernünftiges arbeiten, so ging mir das Lied im Kopfe herum, und ich war wie verloren. Ein paar Tage vergangen, wußte ich wieder nicht, ob es schon Zeit sei, die Noten abzuholen oder nicht. Der Organist, hatte das Mädchen gesagt, kam in ihres Vaters Laden, um Muskatnuß zu taufen; die konnte er nur zu Bier gebrauchen. Nun war seit einiger Zeit kühles Wetter und daher wahrscheinlich, daß der wackere Tonkünstler sich eher an den Wein halten und daher so bald keiner Mus­katnuß bedürfen werde. Zu schnell anfragen schien eine unhöfliche Zu­dringlichkeit, allzu langes Warten konnte für Gleichgültigkeit ausgelegt werden. Mit dem Mädchen auf dem Gange zu sprechen, getraute ich mir nicht, da unsere erste Zusammenkunft bei meinen Kameraden ruchbar ge­worden war und sie vor Begierde brannten, mir einen Streich zu spielen.

Ich hatte inzwischen die Violine mit Eifer wieder aufgenommen und übte vorderhand das Fundament gründlich durch, erlaubte mir wohl auch von Zeit zu Zeit, aus dem Kopfe zu spielen, wobei ich aber das Fenster sorgfältig schloß, da ich wußte, daß mein Vortrag mißfiel. Aber wenn ich bas Fenster auch öffnete, bekam ich mein Sieb doch nicht wieder zu hören. Die Nachbarin tfang teils gar nicht, teils so leise und bei verschlossener Türe, daß ich nicht zwei Töne unterscheiden konnte.

Endlich es waren ungefähr drei Wochen vergangen vermochte ich's nicht mehr auszuhalten. Ich hatte zwar schon durch zwei Abende mich auf die Gasse gestohlen und das ohne Hut, damit die Dienstleute glauben sollten, ich suchte nur nach etwas im Hause so oft ich aber in die Nähe des Grieslerladens kam, überfiel mich ein fo heftiges Zittern, daß. ich umkehren mußte, ich mochte wollen oder nicht. Endlich aber wie gesagt konnte ich's nicht mehr aushalten. Ich nahm mir ein Herz und ging eines Abends auch diesmal ohne Hut aus meinem Zim­mer die Treppe hinab und festen Schrittes durch die Gaffe bis zu dem Grieslerladen, wo ich vorderhand stehen blieb und überlegte, was weiter zu tun fei. Der Laden war erleuchtet, und ich hörte Stimmen darin. Nach einigem Zögern beugte ich mich vor und lugte von der Seite hinein. Ich sah bas Mädchen hart vor dem Ladentische am Lichte sitzen und in einer hölzernen Mulde Erbsen ober Bohnen lesen. Vor ihr stand ein derber, rüstiger Mann, die Jacke über die Schulter gehängt, eine Art Knüttel in der Hand, ungefähr wie ein Fleischhauer. Di? beiden sprachen, offenbar