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________Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger
3 ahrgang 1929 Sreitag, den 22. November Hummer 91
Gedanken über -en Tod.
Von Theodor D ä u b l e r.
Unendlich weit zurück reichen unserer Vorfahren Grabmäler: Vermutungen über ein Weiterleben nach dem Tode sind wahrscheinlicher- wcise fast überall mit religiösem Leben zugleich erwacht. Zuerst hat es also meistenteils einen Totenkult gegeben. Menschen in der großen Natur sind auch heute inneren Einsichten häufig zugänglich; wir können daraus wohl schließen, daß sich kindliche Völker, die hoch veranlagt waren, heiligender Eingebungen erfreut haben. Darauf berufen wir uns immer noch, wenn wir menschliches Urwissen vollkommen ernst zu nehmen gewillt sind. Auch Spuk wird besonders von Kindern und Tieren, und zwar überall auf Erden, gesichtet. Sein Vorhandensein ist unleugbar, «in Gespenst braucht aber keineswegs mit einem Verstorbenen identisch zu sein. Ein Herüberwirken aus dem Jenseits scheint aber ziemlich wahrscheinlich. Vor Erwachsenen in der Vollkraft ihres Lebens, die der Wildnis entrückt sind, tritt Spuk seltener auf; wer vernunftsmäßig urteilen kann, wird seine Weltanschauung schwerlich durch Gespenster-Erscheinungen bestimmen lassen. Der Unsterblichkeitsglaube erhält aus geradem Wege durch göttlichen Einfluß aus die Seele, Förderung aus einer uns unbegreiflichen Welt. Eines fei jedoch ausgesprochen: im Geheimnisvollen entstehen ununterbrochen Verbindungen zwischen unserer beiden Welthälften: der faßbaren und einer glaubwürdigen. Wir gehören in diese ebensowohl, wie in die andere; nur mit verschiedener Blickrichtung. Märchen, Sagen sind Erinnerungen an eine Kindheit, in ter uns die Sinne für eine nunmehr unsichtbare Nachbarschaft im Dasein offener standen. Der Mythos hingegen bleibt gerade dem vernünftigen Menschen ein gegenwärtiger Freund. Unerklärliche Vorgänge finden da, in uns verständlicher Gewandung, ihre Deutung. Das Vertrauen in dis Einsichten großer Religionsstifter und Weiser erhält die Seele rein; gedankliches Abschweifen, aus Wissensdrang um die letzten Dinge, über die Grenzen des Menschlich-Faßbaren, ist meistenteils 'unkeusch, marktschreierisch und verwirrend. Aus diesem Grunde stehe ich fest zu dem mir vom Schicksal zuerteilten Bekenntnis; Sektenbildungen seinen mir unnötig. Der größte Augenblick meines Lebens ist es gewesen, als ich wahrhaftig «in- iah, daß Christi Lehre für uns das höchste Gut eingesetzt hat.
Der Heiland wollte sich auf uns verlassen können; wir sollten, ohne tägliche oder nächtliche Beweise, daß es Engel und Teufel gibt, Vertrauen zu höheren Gewalten, die uns nicht von der Seite weichen, besitzen; die guten Geister verschmähen es. sich sinnfällig zu zeigen, die bösen aber sollen ausgetrieben, aus dem Wege geräumt', unspürbar gemacht werden. Denn wir nun scheinbar allein da sind, kommt es darauf an, daß der Glaube unerschütterlich bleibe. Christi Worten und Taten wohnen uner-
- Lethe.
Bon Conrad Ferdinand Meyer. Jünst im Traume sah ich auf den Fluten Einen Nachen ohne Ruder ziehn, Strom und Himmel stand in matten Gluten Wie bei Tages Nahen oder Fliehn.
Saßen Knaben drin mit Lotoskränzen, Mädchen beugten über Bord sich schlank, Kreisend durch die Reihe sah ich glänzen Eine Schale, draus ein jedes trank.
Jetzt erscholl' ein Lied voll süßer Wehmut, Das die Schar der Kranzgenossen sang — Ich erkannte deines Nackens Demut, Deine Stimme, die den Chor durchdrang.
In die Welle tauchte ich. Bis zum Marke Schaudert' ich, wie seltsam kühl sie war. Ich erreicht' die leise ziehnde Barke, Drängte mich in die geweihte Schar.
Und die Reihe war an dir, zu trinken. Und die volle Schale hobest du, Sprachst zu mir mit trautem Augenwinten: „Herz, ich trinke dir Vergessen zu!"
Dir entriß in trotz'gem Liebesdrange Ich die Schale, warf sie in die Flut, Sie versank, und siehe, deine Wange Färbte sich mit einem Schein von Blut.
Flehend küßt' ich dich in wildem Harme, Die den bleichen Mund mir willig bot. Da zerrannst du lächelnd mir im Arme, Und ich mußt' es wieder — du bist tot.
schopslich viele Gründe inne; eine seiner Absichten ist es auch gewesen, unseren Charakter, in scheinbarer Gottverlasstnheit, durch sein Beispiel im Leben, beim Sterben, zu kräftigen. Seliger wäre darum Thoma« gewesen, hätte er schon glauben können, ohne des Heilands Wunde berühren zu müssen! Allen Schwachgläubigen hat der Menschensohn versprochen er wurde ewig bei uns fein. Immer ist, während seines Lebensganges Jesus beim Vater und zugleich in der Welt gewesen: die voll- kommene Einheit ter, nach unserer Wesensart, scheinbar geschiedenen zwei Welthälften, hat sich dadurch dreiunddreißig Jahre lange erweisen können.
Es ist ein Schluß der Vernunft, daß, wenn es einen allmächtigen Gott gibt, kein Blatt ohne fein Wissen vom Baum fallen wird. Als Christus das ausgesprochen hat, ist unsere Vernunft geheiligt worden. Sein Kreuzestod durch den er das Leid der Niedrigsten auf sich genommen hat, beweist die Vergebbarkeit aller Sünden: das Herabreichen des Schöpfers bis ins letzt« leidende Geschöpf. Die alle erlösten Wesen zu- sammenfassende Auferstehung überbietet jedoch im voraus jeden früheren oder spateren Pantheismus. Eigentlich tut das jedes Sterben. Auch Tiere und Pflanzen sind darin unpantheistifch: sie vollziehen, undeutlicher, ohne Vorhaben, die Sonderung des Alls in zwei Bestandteile: ten ausgeatmeten Atem Gottes, ter nunmehr, obwohl geschöpft, ohne Erlauchtsein versinken muß, und die im eingezogenen Gotteshauch an des Allvaters Busen heimwärts gewehte Kreatur. Diese Vorstellung ist allerdings indischem Denken und Fühlen entlehnt; sie ist aber nichts desto- weNiger heute allgemein verständlich und widerspricht kaum grundsätzlich dem Christentum. ° 1
Natürlicherweise ist in diesem — aber nur in diesem — Sinne gegen einen Pantheismus, indem Hierarchie anerkannt wird, nichts einzuwen- den: er muß notgedrungen als Theologie in Erscheinung treten. Der wirklichste Mensch ist derjenige, der das Unvergängliche in sich selbst am geradesten, ungeschminktesten in seinem Leben zum Ausdruck bringt! deshalb wird Jesu, des Gottessohnes, Wirksamkeit bis ans Ente ter Tage nicht vergehen. Wer hätte jemals den Menschen besser gekannt als Jesus die Fragen der Welt eindeutiger aufgerollt? Er scheute nicht vor dem Verbrecher zurück: das Urteil über alles Unheil auf Erden war ihm vertraut, darunc kannte er ter Sünde Wesen besser als die damit Belasteten selbst: Er durchschaute Gründe und Zusammenhänge der Wirr- nis vom unverrückbaren Standpunkt des ordnenden Schöpfers aus. Diese vergängliche Welt hat er erleichtert, weil er das Gewicht in die eroig dauernde gelegt hat: aus ihr herüber wirkt das Gewissen und beeinflußt unsere Handlungsweise. Nur was ewig ist, gilt: wir sollen darum von unserem Wesen so wenig wie möglich mit haltlosen Dingen der Umwelt verknüpfen und es dem Vergehen nicht preisgeben. Wer ver ^hristum liebt, in ihm ten reichsten Spender erkennt, könnte an ter Unsterblichkeit zweifeln? Er hat sie uns durch Wort versprochen durch seine Taten vergegenwärtigt. Vieles von uns bleibt, hier in den Körper eingeschlossen, unbewußt. Cs gibt Männer in Indien, die behaupten, ihres Körpers täglichen Auf- und Abbau, ja, von Kindheit an, des ganzen Leibes Wachstum, dann Verfall schauen zu können. Sie wären also für sich bewußt an ter Schöpfung teilhaftig. Für uns gelte: das ge- te'me Geschehen in ter Seel« mag in ihrer Heimat klar erscheinen! Vielleicht sollen die göttlichen Einflüsse, die wir jetzt nur ahnen, dann vor dem inneren Lichte deutbar, weil kenntlich geartet hervortreten. Die höheren Erri'.ngenschaften um uns könnten dann nicht verhüllt bleiben. Die tiefften Verzückungen werden lebendig strahlen. Die Auswirkungen unseres Tuns hier mögen dann verblassen: oft sind di« Folgen gut gemeinten Tuns auf Erden verhängnisvoll; von Engeln aber heißt es, sie sähen bloß die Gesinnung. Jede Veraulasiung zu menschenwürdiger Handlungsweise verschwindet aber, weil sie aus himmlischem Boni gespeist worden ist, in der Sicht eines im Jenseits Geborgenen nie.
lieber ein Leben nach dem Tote steht in ten Evangelien viel geschrieben; wie es geartet sein wird, aber nur selten etwas: wir sollen zu einem christlichen Leben Vertrauen in den Heiland mitbringen! Unser Zeitalter, das konkrete Dinge zu erfahren wünscht, fühlt sich aus diesem Grunde vielfach von Theosophie und anderen Lehren, die auf des Inters Wissen beruhen, angezogen; denn da wird dem Suchenden viel über die letzten Dinge berichtet. Unsere Seelenverfassung ist aber von ter indischen so ausgesprochen verschieden, daß wir zweifeln können, ob das, was auch dort Symbol bleiben muß, von Nordländern wirklich erfaßt werden kann. Beispielsweife wird die Vorstellung von einer oder wiederholten Wiedergeburten hier zu buchstäblich ausgenommen. Es heißt doch, daß die Inder selbst, allerdings in ihrer Esoterik, an persönliche Wiedergeburten nicht glauben. Das bleibe jedoch Angelegenheit des Jndienforschers! Jedenfalls aber scheut« der Buddhist die Reinkarnationen, trachtet er ihnen, durch Zurückgezogenheit vom Leben, nach Tunlichkeit zu entgehen; unser« Theosophen hingegen fassen diese Doktrin optimistisch, somit unindisch auf: voll von Begeisterung, sind sie gewillt, noch manches irdische Dasein auf sich zu nehmen.


