weiter gefahren, t»lr wären alle Kinder des Todes gewesen.* — „Das war in der Tat kein Spaß", versetzte der Gutsherr, halb versöhnt.
Er hatte unterdessen die mitgenommenen Papiere durchgesehen. Es waren Mahnbriefe um geliehene Gelder, die meisten von Wucherern. „Ich hätte nicht gedacht," murmelte er, „daß die Mergels so tief drinsteckten." — „3a, und daß es so an den Tag kommen muß," versetzte Kapp; „das wird kein kleiner Aerger für Frau Margret sein." — „Ach Gott, die denkt jetzt daran nicht!" Mit diesen Worten stand der Gutsherr auf und verließ das Zimmer, um mit Herrn Kapp die gerichtliche Leichenschau oorzunehmen. — Die Untersuchung war kurz, gewaltsamer Tod erwiesen, der vermutliche Täter entflohen, die Anzeigen gegen ihn zwar gravierend, doch ohne persönliches Geständnis nicht beweisend, seine Flucht allerdings sehr verdächtig. So mußte die gerichtliche Verhandlung ohne genügenden Erfolg geschlossen werden.
Die Juden der Umgegend hatten großen Anteil gezeigt. Das Haus der Witwe ward nie leer von Jammernden und Ratenden.
Seit Menschengedenken waren nicht soviel Juden beisammen in L. gesehen worden.
Durch den Mord ihres Glaubensgenossen aufs äußerste erbittert, hatten sie weder Mühe noch Geld gespart, dem Täter auf die Spur zu kommen. Man weiß sogar, daß einer derselben, gemeinhin der Wucher- joel genannt, einem seiner Kunden, der ihm mehrere Hunderte schuldete und den er für einen besonders listigen Kerl hielt, Erlaß der ganzen Summe angeboten hatte, falls er ihm zur Verhaftung des Mergel verhelfen wolle; denn der Glaube war allgemein unter den Juden, daß der Täter nur mit guter Beihilfe entwischt und wahrscheinlich noch in der Umgegend sei. Als dennoch alles nichts half und die gerichtliche Verhandlung für beendet erklärt worden war, erschien am nächsten Morgen eine Anzahl der angesehensten Israeliten im Schlosse, um dem gnädigen Herrn einen Handel anzutragen. Der Gegenstand war die Buche, unter der Aarons Stab gefunden und wo der Mord wahrscheinlich verübt worden war. — „Wollt ihr sie fällen? so mitten im vollen Laube?" fragte der Gutsherr.
„Nein, Jhro Gnaden, sie muß stehenbleiben im Winter und Sommer, solange ein Span daran ist." — „Aber, wenn ich nun den Wald hauen lasfe, so schadet es dem jungen Aufschlag." — „Wollen wir sie doch nicht um gewöhnlichen Preis." Sie boten zweihundert Taler. Der Handel ward geschlossen und allen Förstern streng eingeschärft, die Judenbuche auf keine Weise zu schädigen.
Darauf sah man an einem Abende wohl gegen sechzig Juden, ihren Rabbiner an der Spitze, in das Brederholz ziehen, alle schweigend und mit gesenkten Augen.
Sie blieben über eine Stunde im Walde und kehrten dann ebenso ernst und feierlich zurück, durch das Dorf B. bis in das Zellerfeld, wo sie sich zerstreuten und jeder seines Weges ging.
Am nächsten Morgen stand an der Buche mit dem Beil eingehauen: '9 D’toy FIFIK 1tZ/K3 7s3 JZ3B’ FTlH Dlpt93 DK
Und wo war Friedrich? Ohne Zweifel fort, weit genug, um die kurzen Arme einer so schwachen Polizei nicht mehr fürchten zu dürfen. Er war bald verschollen, vergessen. Ohm Simon redete selten von ihm, und dann schlecht; die Judenfrau tröstete sich am Ende und nahm einen andern Mann. Nur die arme Margret blieb ungetröstet.
Etwa ein halbes Jahr nachher las der Gutsherr einige eben erhaltene Briefe in Gegenwart des Amtsschreibers.
„Sonderbar, sonderbar!" sagte er. „Denken Sie sich. Kapp, der Mergel ist vielleicht unschuldig an dem Morde. Soeben schreibt mir der Sbent des Gerichtes zu P.: „Le vrai n’est pas toujours vrai- lable"; das erfahre ich oft in meinem Berufe und jetzt neuerdings. Wissen Sie wohl, daß Ihr lieber Getreuer, Friedrich Mergel, den Juden mag ebensowenig erschlagen haben, als ich oder Sie? Leider fehlen die Beweise, aber die Wahrscheinlichkeit ist groß. Ein Mitglied der Schlem- mingschen Bande (die wir jetzt, nebenbei gesagt, größtenteils unter Schloß und Riegel haben), Lumpenmoises genannt, hat im letzten Verhöre ausgesagt, daß ihn nichts so sehr gereue, als der Mord eines Glaubensgenossen, Aaron, den er im Walde erschlagen und doch nur sechs Groschen bei ihm gefunden habe.
Leider ward das Verhör durch die Mittagsstunde unterbrochen, und während wir tafelten, hat sich der Hund von einem Juden an einem Strumpfband erhängt. Was sagen Sie dazu? Aaron ist zwar ein verbreiteter Name usw. —
„Was sagen Sie dazu?" wiederholte der Gutsherr, „und weshalb wäre der Esel von einem Burschen denn gelaufen?"
Der Amtsschreiber dachte nach. — „Nun, vielleicht der Holzfrevel wegen, mit denen wir ja gerade in Untersuchung waren. Heißt es nicht: der Böse läuft vor seinem eigenen Schatten? Mergels Gewissen war schmutzig genug auch ohne diesen Flecken."
Dabei beruhigte man sich. Friedrich war hin, verschwunden und — Johannes Niemand, der arme, unbeachtete Johannes, am gleichen Tage mit ihm.--
Eine schöne lange Zeit war verflossen, achtundzwanzig Jahre, fast die Hälfte eines Menschenlebens; der Gutsherr war sehr alt und grau geworden, sein gutmütiger Gehilfe Kapp längst begraben. Menschen, Tiere und Pflanzen waren entstanden, gereift, vergangen, nur Schloß B. sah immer gleich grau und vornehm auf die Hütten herab, die wie alte hektische Leute immer fallen zu wollen schienen und immer standen.
Es war am Vorabend des Weihnachtsfestes, den 24. Dezember 1788.
Tiefer Schnee lag in den Hohlwegen, wohl an zwölf Fuß hoch, und eine durchdringende Frostlust machte die Fensterscheiben in der gehetzten Stube gefrieren. Mitternacht war nahe, dennoch flimmerten überall matte Lichtchen aus den Schneehügeln, und in jedem Hause lagen die Einwohner auf den Knien, um den Eintritt des heiligen Christfestes mit Gebet zu erwarten, wie dies in katholischen Ländern
Sitte ist, obek Wenigstens damals allgemein war. Da bewegte sich von der Breder Höhe herab eine Gestalt langsam gegen das Dorf; der Wanderer schien sehr matt oder krank; er stöhnte schwer und schleppte sich äußerst mühsam durch den. Schnee.
An der Mitte des Hanges stand er still, lehnte sich auf feinen Krückenstab und starrte unverwandt auf die Lichtpunkte. Es war so still überall, so tot und kalt; man mußte an Irrlichter auf Kirchhöfen denken. Nun schlug es zwölf im Turm; der letzte Schlag verdröhnte langsam und im nächsten Hause erhob sich ein leiser Gesang, der, von Haust zu Hause schwellend, sich über das ganze Dorf zog:
Ein Kindelein so löbelich Ist uns geboren heute. Von einer Jungfrau säuberlich. Des freu’n sich alle Leute;
Und wär' das Kindelein nicht gebor'n. So wären wir alle zusammen verlor'n: Das Heil ist unser aller.
O du mein liebster Jesu Christ, Der du als Mensch geboren bist, Erlös uns von der Hölle!
Der Mann am Hange war in die Knie gesunken und versuchte mit zitternder Stimme einzufallen: es ward nur ein lautes Schluchzen dar- aus, und schwere, heiße Tropfen fielen in den Schnee. Die zweite Strophe begann; er betete leise mit; dann die dritte und vierte. Das Lied war geendigt und die Lichter in den Häusern begannen sich zu bewegen. Da richtete der Mann sich mühselig auf und schlich langsam hinab in das Dorf. An mehreren Häusern keuchte er vorüber, bann stand er vor einem still und pochte leise an.
„Was ist denn das?" sagte drinnen eine Frauenstimme; „die Türe klappert und der Wind geht doch nicht." — Er pochte stärker. — „Um Gottes willen, laßt einen halberfrorenen Menschen ein, der aus der türkischen Sklaverei kommt!" — Geflüster in der Küche. „Geht ins Wirtshaus," antwortete eine andere Stimme; „das fünfte Haus von hier!" — „Um Gottes Barmherzigkeit willen, laßt mich ein! ich habe kein Geld."
Nach einigem Zögern ward die Tür geöffnet und ein Mann leuchtete mit der Lampe hinaus. — „Kommt nur herein;" sagte er dann, „Ihr werdet uns den Hals nicht abschneiden."
In der Küche befanden sich außer dem Manne eine Frau In den mittleren Jahren, eine alte Mutter und fünf Kinder. Alle drängten sich um den Eintretenden her und musterten ihn mit scheuer Neugier. Eine armselig« Figur! mit schiefem Hals«, gekrümmten Rücken, die ganze Gestalt gebrochen und kraftlos; langes, schneeweißes Haar hing um sein Gesicht, das den verzogenen Ausdruck langen Leidens trug. Die Frau ging fchweigend an den Herd und legte frisches Reisig zu. — „Ein Bett können wir Euch nicht geben," sagte sie; "aber ich will hier eine gute Streu machen; Ihr müßt Euch schon so behelfen." — „Gott's Lohn!" versetzte der Fremde; „ich bin's wohl schlechter gewohnt." — Der Heimgekehrte ward als Johannes Niemand erkannt, und er selbst bestätigte, daß er derselbe sei, der einst mit Friedrich Mergel entflohen.
Das Dorf war am folgenden Tage voll von den Abenteuern des so lange Verschollenen.
Jeder wollte den Mann aus der Türkei sehen, und man wunderte sich beinahe, daß er noch aussehe wie andere Menschen. Das junge Volt hatte zwar keine Erinnerungen von ihm, aber die alten fanden seine Züge noch ganz wohl heraus, so erbärmlich entstellt er auch war.
„Johannes, Johannes, was seid Ihr grau geworden!" sagte eine alte Frau. „Und woher habt Ihr den schiefen Hals?" — „Vom Holz- und Wassertragen in der Sklaverei," versetzte er.
„Und was ist aus Mergel geworden? Ihr seid doch zusammen fortgelaufen?"
„Freilich wohl; aber ich weiß nicht, wo er ist, wir sind voneinander gekommen. Wenn Ihr an ihn denkt, betet für ihn," fügte er hinzu, „er wird es wohl nötig haben."
Man fragte ihn, warum Friedrich sich denn aus dem Staube gemacht, da er den Juden doch nicht erschlagen? — „Nicht?" sagte Johannes und horchte gespannt auf, als man ihm erzählte, was der Gutsherr geflissentlich verbreitet hatte, um den Fleck von Mergels Namen zu loschen. — „Also ganz umsonst," sagte er nachdenkend, „ganz umsonst so viel ausgestanden!" Er seufzte tief und fragte nun seinerseits nach manchem. Simon war lange tot aber zuvor noch ganz verarmt, durch Prozesse und böse Schuldner, die er nicht gerichtlich belangen durfte, weil es, wie man sagte, zwischen ihnen keine reine Sache war.
Er hatte zuletzt Bettelbrot gegessen und ;war in einem fremden Schuppen auf Stroh gestorben. Margret hatte länger gelebt, aber in völliger Geistesstumpfheit.
Die Leute int Dorfe waren es bald müde geworden, chr beizustehen, da sie alles verkommen ließ, was man ihr gab, wie es denn die Art der Menschen ist, gerade die Hilflosesten zu verlassen, solche, bei denen der Beistand nicht nachhaltig wirkt und die der Hilfe immer gleich bedürftig bleiben. Demnach hatte sie nicht eigentlich Not gelitten; die Gutsherrschaft sorgte sehr für sie, schickte ihr täglich das Essen und ließ ihr auch ärztliche Behandlung zukommen, als ihr Emm merlicher Zustand in völlige Abzehrung übergegangen war. In ihrem Hause wohnte jetzt der Sohn des ehemaligen Schweinehirten^ der an jenem unglücklichen Abende Friedrichs Uhr so sehr bewundert hatte. " (Schluß folgt.) ___
Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Vrühl'sche Universitäts-Buch- und Steindruckerei.». Lange, Giehen.


