Seine Hand lag auf der Klinke; mit dem Kopf ein wenig vor- und auch niedergebeugt, so wie ein Mann in großer Eile, ging er jetzt durch die Tür Und ohne zu wissen was er tat, aber doch wie aus alter Gewohn­heit schloß er jetzt die Tür zwischen sich und dem Feste und war so­gleich in einer völligen, in einer vollkommen stillen Dunkelheit. Aber dennoch war er.

(Berechtigte Uebersetzung aus dem Englischen von S. v. R.)

Vlitzfahrt-Blitzbilder.

Von Josetz Ponten.

In Europa gibt es nur einmal diese Dinge beisammen: eine Land­schaft, von der man keine einzige Ansicht verlieren möchte, eine 400 Kilo­meter lange Fahrt durch drei Breitengrade, eine wilde Steilküste und eine Eisenbahn daran entlang, und rasend schnelle Züge auf dieser Bahnstrecke in Kalabrien.

Man hat fruchtbare Ebenen in Berghöfen am Meer, in denen es dreimal fruchtet, hinter sich gelassen, auch grüne nasse Fieberebenen, aus denen, von der Mücke vertrieben, Städte auswanderten und in denen sie nur ihre braunen wuchtigen Griechentempel zurückliehen nun tritt das Gebirge nahe ans Meer. Hoch ragt es auf, hoch und rot, steil und kahl, tiefe und steile Wafferriffe fallen von den Bergen, Fiumaren, meist trockene und wüste Kiesbetten, in der Regenzeit brausend von gefährlich wilden Wassern. Die kleinen Landschaften im Relief der Berge, vom Meer aus fast, und auch über den hohen Gebirgsgrat vom Lande aus, sollte man sagen, unzugänglich, erscheinen auf dem Schienenstrang wie Kugeln auf der Drahtkette eines Rosenkranzes aufgereiht. Tiefe Einsamkeit an magern Lehnen, die auf eine klares, buntes, ungeheures Meer hinab- und hinausblicken und der Lärm und die Eile eines großen Reise­weges.

Die Bahn schmiegt sich aus halber Höhe an die Felswand, wo diese der Küste parallel zieht, und durchbohrt sie, wo der Gebirgsbau in die See sticht. Gibt es in Europa eine Bahnfahrt mit so viel Tunnels?

Lang oder kurz sind sie, jäh Überfällen sie einen, kaum wirft man aus Hunderten von Meter Höhe einen Blick hinaus und hinab aufs Meer schon ist die Landschaft entrissen, und man saust in Nacht hinein und ebenso jäh überfällt einen der Tag und prasselt die Sonne wieder herab.

Man kann mit geschlossenen Äugen fahren. Man hört die Karte: die vielen Fiumaren werden, jeden Augenblick eine, auf langen rauschen­den und singenden Eisenbrücken überschritten. Manchmal geht die Fiumare mittels einer Steinbrücke über die Bahn: dann hört man einen kurzen schlagartigen Laut (ein Schatten huscht durch die Lider). Der Tun­nel hat seinen besonderen unverwechselbaren Ton. Man hört auch, wenn die Bahn in Einschnitten bleibt, sozusagen in Tunnels ohne Decke, oder wenn im Gebirgsrelief die Bergwand sich nähert oder entfernt. Sogar die nahen Häuser hört man: es ist wie ein kurzer Peitschenhieb am Ohr. Und immer hört man unten die gewaltige Orgel des Meeres, die oben spielen­den orotopographische» Themen dieser Landschaftssinfonie brausend untermalen.

Da stehen auf schuhbreiten Gesimsen Euphorbien, riesige Wolfsmilch­stauden, hier und da auch Palmen, auf den Schuttkegeln wuchert gelber großer Ginster, aus einer Mulde der Wand, groß wie ein Krähennest, treibt die Aloe zwischen ihren starren stohlgriinen Blättern ihren Blüten­stand hervor und wie eine Fichte hoch auf. Ruinen, alte Türme gegen die Seeräuber aus Karls V., des spanischen Meerbeherrschers, Zeiten, zer­bröckelten auf gelben Kaps.

Vor der Einfahrt in einen Tunnel probiert ein malariokranker, in Urlaub gehender Soldat eine Zipfelmütze als der Zug den Tunnel verläßt, ist der Soldat als Bürger gekleidet, und das Militärzeug ist eingepackt.

Eine schwarze Schafherde steht vor dem grünen Meer auf rotem, völlig nacktem Sande. Man sieht von oben die lebendige Masse der dunklen Leiber sich in sich verschieben wie Zugvögel am Himmel.

Peitschenschlag: Ein Haus! Singtan: Eine Brücke!

Sehr selten öffnet sich die Landschaft vom Meere fort nach links ins Land hinein, dann erscheint eine tiefe leere Hügelweit zwischen grauen kahlen Bergen unter Wolkenschatten.

Ein Tunnel so jäh, daß man an den Kops greift, gleichsam, um ihn vor einem fallenden Stein zu schützen.

Eine einsame Halte in einer ein wenig bevölkerten Gegend auf dem Eisenstrich über dem Meere. Ein Mann der Landschaft verreist. Sechs Freunde bringen ihn an die Bahn. Großer Abschied, Umarmungen und zärtliche Küsse. Die Freunde begleiten den Reisenden noch auf dem Tritt­brett des bereits fahrenden Zuges. Einer fällt auf den Bahnkörper. Schließlich springen alle ab. Als der Reisende die Freunde nicht mehr sehen kann, schaut er sich im Abteil um und findet seinen Hund unter der Sitzbank. Schleudert ihn zum Fenster hinaus. Der Hund fällt auf den Rücken, einen Augenblick bleibt er betäubt liegen, dann wirft er sich auf die Pfoten und rennt dem Zuge nach. Jetzt gibt er es auf. Der Mann begrüßt noch, sich weit aus dem Wagenfenster hinauslehnend, mit lautem Geschrei den und jenen Bauer im schmalen Gerstenacker auf der ge­mauerten Bergstufe oder Hirten bei ihren Herden. Endlich kommt er zur Ruhe.

Weiß blühen Akazien. Tunnel!

Unten liegt im Mittagslichte bleich und still wie tot das Meer. In weiter Ferne" auf dem Strich der Kimme sieht man einen Dampfer, er liegt scheinbar tief im Wasser, man sieht selbst von hier oben nur sein Oberes, Bordrand und Dom, er steht scheinbar still; aber ein langer Strich Rauch parallel zur Kimme schließt sich an den schrägen Schlot. (Von unten wird man nur den Rauchstrich sehen.)

Ueber das Blatt, auf das ich meine Beobachtungen schreibe, huscht ein roter Schein: ein rosa Wärterhäuschen stand neben dem Gleise.

Und dann ist die Gegend lange leer, keine Siedlung im Lande, keine Halte an der Bahn.

Grell und glühend steht die Sonne im leeren Raum des Himmels «eit und leer ist der Spiegel des Meeres.

Tunnel Licht Tunnel (ein langer, bas überblendete Auge ruht eine Weile wohlig aus) Licht, Knallfall des Tages!

Im tiefen Wadi liegt ein Hirt rücklings da und läßt sich die Sonne auf den Bauch scheinen, die langen blauschwarzen Haare der Ziegen glän­zen herauf.

Einige Pinien, zwei Seekiefern (ihre Radeln glitzern).

Tunnels! Tunnels! Im Tunnel ein weißer Blitz: ein Auslaß nach draußen, wo der Tunnel der Oberfläche des Bergfalls nahekommt.

Da ist ein fonnübergreHter Hang von vielen Kaktuspflanzen besetzt, sie blühen gelb.

Und wieder die Peitschenschläge von Häusern an den Ohren, die dump­fen Ueberfälle von Tunnels, das Räuschen von Eifenbrücken und das Singen der Schienen.

Das Land besetzt sich ein wenig dichter mit Siedlungen, an den häu­figem Halten wechselt die Bevölkerung durch die Wagen. Rur kurze Strecken fahren die meisten Leute (wir reifen in der dritten Wagenklasse), die auf der Kette des Zuges aufgereihten Becken der Wagen schöpfen in dieser Landschaft Menschen auf, um sie in der nächsten wieder auszu­schütten. Und so fort. Also sitzen immer einander bekannte Leute im Zuge. Und alles redet laut, luftig und vertraut. Wenn ich meine Eintragungen in mein Buche mache, halten mich die Leute für einen Regierungs­beamten, sie glauben, ich mache Notizen für die Steuerschätzung und sehen mich mißvergnügt an.

Unglaublich, an welch steilen Böschungen die Ziegen steigen, Ziegen mit nackten Knien und prachtvollen langen Seidenhaaren. Sie finden Halt an bloßen Rauheiten der Wand. Wenn die Ziegen am Hange klettern, rauscht es unter ihnen von rieselndem Gestein. Wenn zwei sich auf einem handbreiten Gesims begegnen, stoßen sie sich mit den Hörnern und mimen ein Stotzgefecht schließlich gibt die eine Geiß nach und mit einer kunst­vollen Wendung findet sie zurück. Aber unglaublich auch, wohin der Hirt, der die Geißen einholt, sich wogt!

Eidechsen, handlange, huschen über die Ziegenpfade. Da war es ein Ziegenpfad, ein Menschenpfad? ging eine grau, sie hatte vier große Dachziegel auf dem Kopfe, ein Bündel Gemüse dazu und trieb vor sich her mit einem Knüppel in der Hand laut schreiend (man hörte den Schrei nicht, aber man sah ihn ihrem Munde ab) ihre Ziege; der Mann aber ging vorauf und trug ein halbes Brot.

Auf den Mauern der Station, auch auf denen einer wie ein Schwal­bennest an den Berg geklebten Kirche, lebhafte Wahlaufrufe. Die Namen der Kandidaten sind mit roter Farbe aufgemalt, von den Buchstaben ist die frische Farbe während des Auftragens abgelaufen und hat die Mauer berieselt. Die Namen scheinen Blut zu schwitzen.

Der Wind benagt den Fels, auch den vermauerten Stein. Da ist der Steinkörper ausgeblasen und jeder Baustein eine flache, auf der Kante stehende Schüssel, die Kalkfugen der Mauer aber, härter als der Stein, ragen hervor. Ein Bauer, verwittert wie ein Stein in diesem von Sonne zerstörtem Lande, mit einem Stock aus einer Weinrebe, steigt ein. Seine Bartstoppeln bestehen aus glänzenden Silberhärchen.

Donnerschlag: Tunnel!

Stromboli und Aetna rauchen, der eine schwarz im Norden, der andre weiß im Süden.

Und da ist die Meerenge, derStretto."

lieber dem Stretto von Messina energische und maffenftarte Wolken. Eine Landschaft muß Wolken haben, dieser blaue leere Himmel wird un­erträglich. Die Wolken sind schiffende Gebirge über den vor Anker liegen­den der Erde. Die fahrenden werfen Schatten, wenn die Sonne hoch, die ruhenden, wenn sie tief steht. Die Landschaft ist weiträumig und glasklar. Man kann von Kalabrien aus auf Sizilien die Häuser zählen.

Der einen Tag lang so tobende und tosende Zug steht still da es ist fast verwunderlich. In Reggio gießt er feinen Inhalt an Menschen aus. Ein kleiner Flohhund läuft mit einem Halsbald aus Rosen umher. Der Metzger besteckt das Fleischstück in der Auslage mit Rosen.

Dom König der Fische.

Lin gastronomisch-anekdolischer Exkurs über den Steinbutt.

Von Carl Georg v. Maaßen.

Als unser deutscher Gastrosoph Eugen Baron v. 93 a e r ft einmal in dem berühmten Pariser RestaurantRacher de Cancale" speiste, geriet er durch einen Turbot ä la creme au gratin in einen solchen Taumel ekstatischer Verzückung, daß er vor der beinahe geleerten Schüssel auf die Knie fiel. Ich kann ihm das nachfühlen. Wem einmal in seinem Leben das große Glück gelächelt hat, imHotel de la Plage" zu Ostende einen jener so wundervoll ä point gekochten frischen Steinbutte zu essen, wem hier selbst als einzigem Gast an seinem Tische ein solcher Gigant des Meeres in seiner gewaltigen Monumentalität unterteilt auf einer rie­sigen Schüssel dargereicht wurde, um allen gastrophilen Leidenschaften die Zügel schießen lassen zu können, der wird für alle übrigen Zeiten seines Lebens die nie wieder auszurottende Ueberzeugung von der unantast­baren Souveränität dieses Königs aller Fische und damit ein neues gastrosophisches Glaubensbekenntnis mit sich genommen haben.

Altvater Grirnvd de la Reyniere nennt den Steinbutt nach alter Tradition feiner Schönheit wegen denFasan des Meeres und verleiht ihm, hinsichtlich seines majestätischen Umfanges, den Tiiel eines Fastenkönigs. Er wünscht ihn nur in kurzer Brühe gesotten unb um zerstückt aufgetragen, weil er, in einzelne Portionen zerteilt, aufhören würde, der Stolz und der Ruhm einer reichbesetzten Tafel zu sein, denn er besitzt die Einfachheit eines Helden, wie er dessen Majestät besitzt, und jeder Schmuck ist mehr eine Erniedrigung als eine Ehre für ihn". Als einzige Begleitung gestattet er einen hübschen Kranz aus Petersilie und eine gesondert servierte Buttersoße, verlangt aber eine goldene FM° schaufel zum Vorlegen. Auch Voerst erklärt eine junge Steinbutte, fnfch aus der See, mit frischer Vierländer Butter für den Gipfel aller Ge­nüsse. Der Binnenländer möge aus diesen Worten heraushören, welche Einschränkung er für sich zu machen hat. Denn er darf damit rechnen, daß er den Fisch selten in ursprünglicher Frische erhält, ja daß er