GiehenerKmiilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger
Jahrgang 1929 Kreitag, den 12. Juli Nummer 53
Sommer.
Von Edmund Finke.
Endlich löst die Stunde von den Gittern eines harten Jahres meine Hand, seltsam sah ich sie im Lichte zittern: Schattenspiel an einer fremden Wand.
Und mein Blick gleicht dem gefangner Tiere, fern und trostlos, zugetan und alt, als ob sich die Welt in ihn verliere, schon vergangen und unendlich alt.
Und doch will sich Leid zu Lust vollenden, Sommer ist und trunkner Lerchenschrei, weil wir uns sonst nimmer wieder fänden
an dem dunklen Strome Zeitvorbei.
Und so sind wir in den Mittagsbränden unsrer Sommer wieder jung und frei.
Der Traum.
Von Hilaire B e l l o c.
Das Erlebnis, das ich hier ausschreiben will, war vielleicht die Wirkung, jedenfalls aber die Folge einer Unterhaltung, die sich zwischen drei Menschen im Jahre 1903 in London abspielte.
Von diesen Dreien war der eine erst kürzlich auf Südafrika zurückgekehrt, wo er allzuviel vom Kriege gesehen hatte: der zweite war eine freundliche, wohlhabende, nüchterne Gattung Mensch — jung, tüchtig und voll Wissensdrang: der dritte war ein Literat.
Es war um die Zeit von Ostern und Frühling, wo man körperlich und wirklich die Kraft ringsum fühlen kann: die Kraft des Lebens, das bereit ist, seine Bande zu sprengen: aber diese jungen Leute zogen es vor, von schattenhaften und ungewisseren Dingen zu reden, als es Luft und Frühling find.
Indessen war in dieser Unterhaltung (an deren Inhalt ich mich so gut erinnere) keiner von ihnen auf irgendwelche fixierte Thesen einge- schworen; sie diskutierten mit heftigen Meinungen, mit Argumenten, mit Analogien, doch brachte keiner einen Glauben oder doch eine bestimmte Philosophie vor, von der man hätte fühlen können, daß sie für ihn unerschütterlich sei. Um so bemerkenswerter war es deshalb, daß einer von ihnen, nach der Rückkehr in feine Wohnung am frühen Morgen, nach diesem langen und jungen Gespräch von vielfältiger Natur (wie es Männer, die ins Leben eintreten, oft führen) — daß er nach diesem Gespräch eine exakte und sogar schreckliche Vision durchträumte und sich ihrer später noch genau erinnerte. In der Tat, es wäre unerklärlich, wie er so etwas als bloße Konsequenz seiner wachen Gedanken hätte erleben können. Doch wenn es auf den Menschengeist noch andere Einwirkungen gibt als solche, die er selber ausüben kann — wenn Einflüsse von außerhalb, wenn andere Willenskräfte unsere Träume bestimmen —, dann würde das, was jetzt folgen wird, weniger schwer zu begreifen sein.
Denn als er eingeschlafen war, schien es ihm plötzlich, daß er sich inmitten einer sehr lustigen und angenehmen Gesellschaft befand, In einer Art von Palast, wovon das Riesenzimmer, in dem er stand, eines von den zahlreichen war, die sich dort aneinander anschlossen. Die Menge, und er mit ihr, bewegte sich langsam auf eine Festtafel zu, von der er bereits gehört hatte, daß sie vorbereitet worden war. Unter denen, mit denen er redete, sah er kein einziges Gesicht, das ihm bekannt war oder mit dem er einen Namen hätte verbinden können. Und dennoch schien er, mit der merkwürdigen Unfolgerichtigkeit der Träume, alle zu kennen — und ein fernes Antlitz im besonderen, das zuweilen verschwand, und dann wieder in der Menge auftauchte. Es war ein Antlitz, dessen Anblick in ihm eine leidenschaftliche Erinnerung weckte; aber es war keine frühe Erinnerung.
So bewegten sie sich vorwärts und hatten bald alle Platz genommen M einer Riesentafel — so lang, daß in dieser Länge irgend eine besondere Absicht zu liegen schien, und am entfernten Ende der Tafel war eine Tür, die aus der Halle hinausführte. Es war eine Tür, nicht allzu- 8roß für solch einen grandiosen Raum, eine Tür, die von einem Manne oder einer Frau mit simpler Handbewegung geöffnet, leicht passiert und uasch hinter sich geschlossen werden konnte. .. .
Als sie nun so aßen und tranken, schien es ihm plötzlich, daß die Unterhaltung einen deutlichen Sinn gewann, und zwar einen konsequenteren, als es sonst in Träumen üblich ist. Und nun — gerade als uwse neue Phase seines Traumes begonnen hatte — sah er, wie einer
der Gäste, eine Frau von mitttlerem Alter, die ein wenig schweigsam gewesen, jetzt ohne Entschuldigung aufstand, ohne Erklärung auf kaum sestzustellende Weise ihren Platz verließ und durch jene Tür, die er bemerkt hatte, hinausging. Sie schloß dicht hinter sich zu. Niemand erwähnte oder bemerkte ihr Fortgehen. Doch in einer kleinen Weile war ein anderer und wieder ein anderer aufgestanden und ebenfalls hinausgegangen. Und immer, wenn ein Gast aufbrach — einer in der Mitte des Satzes, der andere während einer Pause des Gesprächs —, befiel den Träumer ein erschreckendes Gefühl der Seltsamkeit dieser Dinge; ihn bestürzte es, daß niemand Adieu sagte, daß keiner der Gastgenossen sich zu den Weggehenden hinwandte oder ihr Weggehen auch nur bemerkte, und daß keiner der Aufbrechenden zurückkam, oder auch nur versprach, zurückzukommen.
Weiter bemerkte er mit wachsender Unruhe — in irgendeiner Inkonsequenz des Traumes — daß er, wenn er solch einen Aufbruch beobachtete (was die andern übrigens nicht taten), den leeren Sessel und die entstandene Lücke in der Reihe ganz gut sehen konnte; doch wenn er Dann, nachdem er nach links oder rechts hin gesprochen, wieder hinsah, schien die Lücke irgendwie weniger deutlich: und sah er bann wieberum hin, so war sie überhaupt nicht mehr zu unterscheiden und wahrzunehmen. Dabei konnte man nicht sagen, daß der Sessel eingenommen oder etwa entfernt worden wäre; aber auf irgendeine Weise war die Abwesenheit des Mannes oder der Frau, die dort gewesen, nicht mehr zu bemerken — und es sah aus, als ob sie Überhaupt nie dagewesen seien. Nicht gar zu oft blickte er länger als einen Moment auf den oder jenen dieser Aufbrüche vom Fest; doch konnte er in den blitzschnellen Augenblicken sehr verschiedenartige Dinge wahrnehmen. Einige erhoben sich wie in Entsetzen, andere, als seien sie sehr müde; einige betroffen, wie auf plötzlichen Befehl (der nur für sie allein zu hören war), andere auf ungezwungene Art, wie zu einem verabredeten Augenblick. Doch da lag keine Ordnung oder Methode in ihrem Weggehen: nur daß sie alle durch jene Tür schrittten.
Nun aber war er bedrückt von einer Veränderung, wie sie in Träumen vorkommt und diese manchmal von Gaukelei zu Entsetzen wendet. Da saß ihm gegenüber ein Mann, etwas älter als er selbst, mit einem Gesicht, das kraftvoll und doch verzweifelt war; ein Gesicht, geübt in Willen und Selbstbeherrschung. Und dieser Mann antwortete seinen Gedanken sogleich, wie eben Gedanken in Träumen beantwortet werden. Er sagte, daß es keinen Zweck habe, sich darüber zu wundern, warum dieser und jener von den Gästen das Fest verließe. Und auch nicht darüber, was hinter der Tür wäre (falls dort überhaupt etwas wäre), durch die sich dieses seltsame Abgehen vollzöge.
Und eben als er noch dieses sprach, blickte er plötzlich in furchtbarer Verlassenheit auf die Tür, stand schroff auf, verbeugte sich vor niemandem und ging hinaus. Bei diesem Fortgehen hörte der Träumer einen kleinen Seufzer, und der, der geseufzt hatte, sagte jetzt, daß Türen ihrer Natur nach von einem Ort zu einem andern führten — und kicherte ein wenig, als ob er was Gutes gesagt hätte. Da begann ein anderer, ein großer luftiger Mann, überlaut zu lachen, und sagte, daß bloß Narren etwas erörterten, was niemand wissen könne. Ein dritter behauptete — immer zum gleichen Thema in einer festen und zufriedenen Art, das nach der Natur der Dinge überhaupt nichts hinter der Tür fein könne. Worauf der erste Sprecher wiederum kicherte und sagte, daß Türen eben ihrer Natur nach irgendwohin führen müßten. Und eben noch, als er dieses sagte, füllten sich seine Augen mit Tränen, und auch er erhob sich und ging hinaus.
Zum ersten Male in diesem wachsenden Druck von Geheimnis und Unglück (denn so empfand ihn der Träumende) verfolgte er die Gestalt jenes Tafelgenossen mit seinen Blicken; keiner um ihn herum wagte ein Gleiches zu tun oder wollte es auch nur; doch der Träumer tat es entschlossen und sah jetzt die Gestalt sehr schnell und gerade durch die lange Blickflucht der Halle gehen. Weder zögerte sie, noch blickte sie je zurück; sie schritt hinaus — sie war gegangen.
Auf einmal fühlte der Träumer den Wein dieses Festes, er fühlte all die gesprochenen Worte um ihn her immer reifer von Sinn und Reiz; der Lärm der Gespräche, obwohl verwirrender, schien luftiger und lauter zu werden, und es brannten die Kerzen viel heller. Er vergaß ober wollte soeben die ganze frühere Stimmung des Traumes vergessen, als ihm plötzlich schien, daß all diese Gespräche gewissermaßen zum Verstummen gebracht seien. Er hörte keinen Ton mehr; er war wie ab geschnitten. Ihre Hände bewegten sich noch, ihre Augen und Sippen bildeten Worte und wiederholten Blicke, doch um ihn her und für ihn gab es nur Schweigen. Die Kerzen brannten hell und durch die Länge des Raumes, aber am hellsten, wie Signallichter, gegen das Ende der Halle zu, dort wo die Tür war. _
Er fühlte einen Schauer über fein Gesicht gehen. Er stand auf und schritt nun — von niemand angeredet oder auch nur bemerkt geradewegs den langen schmalen Gang hinter den Stuhllehnen hinunter.


