hier? Hier wächst ja bloß
(Fortsetzung.)
Spargelbeeten auf ihn zu.
Unterm Birnbaum
Von Theodor Fontane.
Verantwortlich: Or. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Vrühl'sche LIniversitLtS<DÜch^u«d Steindruckerei. 5t Lange, Gieß«»
auch? Unsinn ist es doch."
Er sprach noch so weiter. Endlich aber entsann er sich, in dem benach. barten Gusower Park einen ganzen Wald von Farnkraut gesehen M haben. Und so rief er denn in den Hof hinaus und lieh anspannen.
Um Mittag kam er zurück, und vor ihm, aus dem Rücksitze der f Wagens, lag ein riesiger Farnkrautbusch. Er kratzte die Samenkörnchen I ab und tat sie sorglich in eine Papierkapsel und die Kapsel in ein Schuh, fach. Dann ging er noch einmal alles durch, was er brauchte, trug dar Grabscheit, das für gewöhnlich neben der Gartentür stand, in den Keller
hinunter und war wie verwandelt, als er mit diesen Vorbereitungen fertig war.
Er pfiff und trällerte vor sich hin und ging in den Laden.
„Ede, du kannst heute Nachmittag ausgehn. In Gusow ist Jahrmach mit Karussell und sind auch Kunstreiter da, das heißt Seiltänzer. Ich hab' heute Vormittag das Seil spannen sehn. Und vor acht brauchst dn nicht wieder hier zu fein. Da nimm, das ist für dich, und nun amüsiere dich gut. Und is auch 'ne Wafselbude da, mit Eierbier und Punsch. Aber hübsch (Näßig, nid; zu viel: hörst du, keine Dummheiten machen."
Ede strahlte vor Glück, machte sich auf den Weg und war Punkt acht wieder da. Zugleich mit ihm kamen die Stammgäste, die, wie gewöhnlich, ihren Platz in der Weinstube nahmen. Einige hatten schon erfahren, daß Hradscheck am Vormittag in Gusow gewesen und mit einem groß« Busch Farnkraut zurückgekommen sei.
„Was du nur mit dem Farnkraut willst?" fragte Kunicke.
„Anpflanzen."
„Das wuchert ja. Wenn das drei Jahr in deinem Garten steht, weißt du vor Unkraut nicht mehr, wo du hin sollst."
„Das soll es auch. Ich will einen hohen Zaun davon ziehen. Und je rascher es wächst, desto besser."
„Na, sieh dick) vor damit. Das ist wie die Wasserpest; wo sich das mal eingeniftet hat, ist fein Auskommen mehr. Und vertreibt dich am Ende von Haus und Hof."
Alles lachte, bis man zuletzt auf die Kunstreiter zu sprechen kam und an Hradscheck die Frage richtete, was er denn eigentlich von ihnen gesehen habe?
„Bloß das Seil, Aber Ede, der heute Nack)mittag da war, der wird wohl Augen gemacht haben."
Und nun erzählte Hradscheck des breiteren, daß der, dem die Trupp« jetzt gehöre, des alten Kolter Schwiegersohn sei, ja, die Frau desselben, nenne sich noch immer nach dem Vater und habe den Namen ihm Mannes gar nicht angenommen.
Er sagte das alles so hin, wie wenn er die Kolters ganz genau keime, was den' Oelmüller zu verschiedenen Fragen über die berühmte Seil' tänzerfamilie veranlaßte. Denn Springer und Kunstreiter waren Quaa' sens unentwegte Passion, seit er als zwanzigjähriger Junge mal auf dm Punkte gestanden hatte, mit einer Kunstreiterin auf und davon zu gehen. Seine Mutter jedoch hatte Wind davon gekriegt und ihn nicht bloß in den Milchkeller gefrerrt, sondern auch den Direktor der Truppe gegen ein erhebliches Geldgeschenk veranlaßt, die „gefährliche Person" bis nach Neppen hin vorauszuschicken All das, wie sich denken läßt, gab auch | heute wieder Veranlassung zu vielfachen Neckereien und um so mehr, all; Quaas ohnehin des Vorzugs genoß, Stichblatt der Tafelrunde zu [ein
„Aber was is das mit Kolter?" fragte Kunicke. „Du wolltest von lP j erzählen, Hradscheck. Is es ein Reiter oder ein Springer?"
„Bloß ein Springer. Aber was für einer!"
Und nun fing Hradscheck an, eine seiner Hauptgeschichten zum beste« zu geben, die vom alten Kolter nämlich, der Anno 14 schon sehr bcrüfintl und mit in Wien auf dem Kongreß gewesen fei.
„Was, was? Mit auf dem Kongreß?"
„Versteht sich. Und worum nicht?"
„Auf dem Kongreß alfo."
Und da habe denn, so fuhr Hradscheck fort, der König von Preuße« zum Kaiser von Rußland gesagt: „Höre, Bruderherz, was du von deinem Stiglischek auch sagen magst, Kolter ist doch besser, Parole d'hvnneur, Kolter ist der erste Springer der Welt, und was ihm auch passieren mch er wird sich immer zu helfen wissen." Und als nun der Kaiser von w land das bestritten, da hätten sie geweitet, und wäre bloß die Bedingung gewesen, daß nichts vorher gesagt werden solle. Das hätten fte_ denn aulgehalten. Und als nun Kolter halb schon das zwischen zwei Türmen aus- gespannte Seil hinter sich gehabt habe, da fei mit einem Male, von M andern Seite her, ein anderer Seiltänzer auf ihn losgekommen, das l« Stiglifcheck gewesen, und keine Minute mehr, da hätten sie sich gegenüber gestanden und der Russe, was ihm auch keiner verdenken könne, YM bloß gesagt: „Alles perdu, Bruder: Du verloren, ich verloren." W Koller habe nur gelacht und ihm was ins Ohr geflüstert, einige faM einen frommen Spruch, andere aber sagen das Gegenteil, und fei w mit großer Anstrengung und Geschicklichkeit zehn Schritte rückwärts ^gegangen, während der andere sich niedergehuckt habe. Und nun habe äow ( einen Anlauf genommen und fei mit eins, zwei, drei über den anmr» meggefprungen. Da fei denn ein furchtbares Beifallklatschen gewesen u einige hätten laut geweint und immer wieder und wieder gefagt, sei mehr als Napoleon". Und der Kaiser von Rußland habe seine diel" verloren und auch wirklich bezahlt. . „l» ■
„Wird er wohl, wird er wohl", sagte Kunicke. ,^Der Russe bsM immer. Hat^s ja ... Bravo, Hradscheck; bravo!" ..
So war Hradscheck mit Beifall belohnt worden und hatte von aW , stunde zu Viertelstunde noch vieles andere zum besten gegeben, bis en um elf die Stammgäste das Haus verließen.
(Schluß folgt) _____,
' „Dag, Hradscheck. Wie geiht et? Sie klimmen joa goar nid) mihr." „3a, Mutter Jeschke, wo soll die Zeit Herkommen? Man hat eben zu tun. Und der Cde wird immer dummer. Aber setzen Sie sich. Hierher.
Hier ist Sonne."
„Nei, (oatens man, Hradscheck, loatens man. Ick fitt schon so veel. Awers Se moten fitten blieroen." Und dabei malte sie mit ihrem Stock allerlei Figuren in den Sand.
Hradscheck sah ihr zu, ohne seinerseits das Wort zu nehmen, und so fuhr sie nach einer Pause fort: „Joa, veel to dohn is wall. Wihr joa Sern wedder Klock een. Kunicke kunn woll wedder nid) los koamen?
r kenn' ick. Na, sien Voder, de oll Kunicke, wihr ook so. Man blot noch en beten mihr."
„Ja," lachte Hradscheck, „spät war es. Un denken Sie sich, Mutier Jeschke, Klock zwölf ober fo herum sind wir noch fünf Mann hoch in den Keller gestiegen. Und warum? Weil der Ede nicht mehr wollte."
„Nu, füh eens. Und worümm wull he nich?"
„Weil's unten spuke. Der Junge war wie verdreht mit feinem ewigen „et fpöEt“ und „et grappfchi". Und weil er dabei blieb und wir unsere Bowle doch haben wollten, fo sind wir am Ende selber gegangen."
„Nu, füh eens", wiederholte die Alte. „Hätten em salln ’ne Mürrischen gemen."
„Wollt' ich auch. Aber als er fo dastand und zitierte, da könnt' ich nicht. Und dann dacht' ich auch ..."
„Ach wat, Hradscheck, is joa all dumm Tag ... Und wenn et wat is, na, denn möt’ et de Franzos sinn.”
„Ser Franzose?"
„Joa, de Franzos. Guckens inoak; de Jhrd geiht hier so n beten dahl. He moat woll en beten rutscht sinn."
„Rutscht sinn", wiederholte Hradscheck und lachte mit der Alten um die Wette. „Ja, der Franzos ist gerutscht. Alles gut. Aber wenn ich nur den Jungen erst wieder in Ordnung hätte. Der macht mir das ganze Dorf rebellisch. Und wie die Leute find, wenn sie von Sput hören, da wird ihnen ungemütlich. Und bann kommt zuletzt auch die dumme Geschichte wieder zur Sprache. Sie wissen ja ..."
„Woll, woll, ick weet."
„Und bann, Mutter Jeschke, Sput ist Unsinn. Natürlich. Aber es gibt doch welche..."
„Joa, joa."
„Es gibt doch welche, die sagen: Spuk ist nicht Unsinn. Wer hat nu Recht? Nu mal heraus mit der Sprache."
Der Alten entging nicht, in welcher Pein und Beklemmung Hradscheck war, weshalb sie, wie sie stets zu tun pflegte, mit einem „ja" antwortete, das ebensogut ein „nein", und mit einem „nein", das ebensogut ein „ja" sein konnte.
„Mien leew Hradscheck," begann sie, „Sie müßen wat roeten von mi. Joa, wat weet ick? Spät! Gewen moat et joa woll so wat. Un am Enn' ook wedder nich. Un ick fegg’ ümmer: wihr sich jrult, für den is et wat, und wihr sich nich jrult, für den is et nix."
Hradscheck, der mit gespanntester Aufmerksamkeit gefolgt war, nickte zustimmend, während die sich plötzlich neben ihn fetzende Alte mit wachsender Vertraulichkeit fortfuhr: „Ick will Se wat feggen, Hradscheck. Man möt man blot Kurasch Hedden. Un Se Hedden joa. Wat is Spät? Spät, dai's grab fo, as wenn de Müüf knabbern. Wihr ümmer hinburt, na, de floppt nid>; wihr awers fo bi sich feggen deiht: „na, worümm falln fe nid) knabbern", be floppt" '
Und bei diesen Worten erhob sie sich rasch wieder und ging, zwischen den Beeten hin, auf ihre Wohnung zu. Mit einem Mal aber blieb sie stehen und wandte fid) wieder, wie wenn sie 'was vergessen habe. „Hürens, Hradscheck, wat ick Se noch feggen roull, uns' Line tümmt ook wedder. Se hett giftern schrewen. Wat mienens? De wihr fo wat für Se."
„Geht nicht, Mutter Jeschke. Was würden die Leute sagen? Un is auch eben erst ein Jahr."
„Woll. Awers se tümmt ook ihrs! um Martini nimm ... Und denn, Hradscheck, Se brüten je joa nich güefe to frijen."
„De Franzos is rutscht," hatte die 'Jeschke gesagt und war dabei wieder so (tmberbar vertraulich gewesen, alles mit Absicht und Berechnung. Denn wenn das Gespräch auch noch nadpoirtte, darin ihr, vor länger als einem Jahr, ihr sonst fo gefügiger Nachbar mit einer Verleumdungsklage gedroht hatte, so konnte sie, trotz alledem, von der Angewohnheit nicht lassen, in buntlen Andeutungen zu sprechen, als wisse sie was und halle nur zurück. _
„Verdammt!" murmelte Hradscheck vor sich hin. „Und dazu der Ede mit feiner ewigen Angst." .
Er fah deutlid) die ganze Geschichte wieder lebendig werden, und em Schwindel ergriff ihn, wenn er an all das dachte, was bei diesem Stande der Dinge jeder Tag bringen konnte.
„Das geht fo nicht weiter. Er muß weg. Aber wohin?"
Und bei diesen Worten ging Hradscheck auf und ab und überlegte.
„Wohin? Es heißt, er liege in der Oder. Und dahin muß er ... je eher je lieber ... Heute noch. Aber ich wollte, dies Stück Arbeit wäre getan. Damals ging es, das Messer saß mir an der Kehle. Aber jetzt! Wahrhaftig, das Einbetten war nicht so schlimm, als es bas Umbetten ist."
Und von Angst und Unruhe getrieben, ging er auf den Kirchhof und trat an das Grab feiner Frau. Da war der Engel mtt der Fackel und er las die Inschrift. Aber seine Gedanken konnten von dem, was er vorhatte, nicht los, und als er wieder zurück war, stand es fest: „3a, heute noch... Was du tun willst, tue bald."
Und dabei sann er nach, wie's geschehen müsse.
„Wenn ick) nur etwas Farnkraut bätt’. Aber wo gibt es Farnkraut ? Hier wächst ja bloß Gras und Gerste, weiter nichts, und ich kann doch nicht zehn Meilen in der Welt herumkutschieren, bloß um mit einem Wirklich, als er so vor sich hinredete,' kam die Jc-schke zwischen den ^ßen Busch Farnkraut wieder nach Hause zu kommen. Und warum 1 y ' ’ * niifhv 11nltnn tft o« nnm


