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Leusel trugen die alten topfartig übergestülpten Masken aus schwarzem Leder, mit Hörnern, rotumränberten Augen und heraushängender leberner Zunge; zu verstehen war von ihnen kaum ein Wort, aber es genügte ihr Blasen und Brummen, und wenn sie abgingen, bas komische Mitteln ihrer Schwänzlein. Sie umtänzelten ben Judas, da sie ihm den gebauten des Verrats geben, und zum Selbstmord geben sie ihm den Strick und stellen hurtig ein dünnes Bäumchen hin, an das er sich lehnt unb die Illusion des Gehängten gibt. In dem wunderbaren Licht des * ?Men Jahres leuchten alle Farben, dazu zitterte die Luft vom Lerchenjubel und auf den höheren Abhängen des Tales lag noch Schnee.
Ich sah ferner in Mittelfteier das alte Spiel vom „Reichen Prasser", von fündigem Leben, Buße und Rettung, ein sehr einfaches Spiel mit wenigen Personen, von jungen Bauersleuten in der Stube gespielt, nach einem Text, der damals erst ans Licht gekommen war und die freudige Ueberraschung der Forscher und Liebhaber bildete. Zu seinem Monolog, in dem der reiche Mann irdische Gesinnung und Unglauben aus« n"ach, ging er in weißem Anzug im Kreise herum, die Teufel bemerkte er nicht, die mit ihm gingen, bliesen, pusteten und murrten: „G'hört schon uns". Vor der Dreifaltigkeit wurde der Kampf um seine Seele ausgewogen; seine Sünden wogen schwer, und es war wunderschön, wie Maria zuletzt in die andere Schale der Waage ein^Tüchlein wirft, in das er einmal Tränen der Buhe geweint: „Der Tränen Saft hat große Kraft..." und die Schale sich tief senkte: der Sünder ist gerettet.
Welche tieferen Beweggründe das Volk getrieben haben, in verschiedenen Gegenden übereinstimmend die alten Darstellungen aufzunehmen, wer möchte sich darüber ein Urteil anmaßen? Genug, es ist in einer Zeit geschehen, in der sein gesamtes inneres und äußeres Leben auf das tiefste erschüttert worden ist, in der es Dinge, die ihm so unerschütterlich wie seine Berge erschienen, wanken und stürzen sah, und in der es Rot und Frevel jeder Art erfuhr. In solchen Zeiten, an deren Chaos der einzelne nach einer Deutung tastet, läßt sich der Wunsch erklären, eine schlichte Ordnung wie die eines solchen Spiels, das heilige Dinge In die Hand einer Gemeinschaft legt, aufzunehmen. Das Volk kennt eben die Heilkräfte, die ihm von der Natur an die Hand gegeben sind, und jo lange es das Wissen um die geheimeren davon nicht verloren hat, wird es nicht zugrunde gehen.
Samländer Gold.
Allerlei vom Bernstein.
Von Hans Georg Albrecht.
Fast scheint es, als ob eine Laune der Göttin Mode den Bernstein wieder auf den Thron heben will, nachdem „bas Gold der Ostsee" jahrzehntelang in den Andenkenläden der Bäder ein mißachtetes Dasein geführt hat. Eine interessante Ausstellung in Berlin, die Bernstein als Volks-, Exoten- und modischen Schmuck zeigte, wies damit wieder neue Wege für die Verwendbarkeit dieses säst vergessenen deutschen Steines im modernen Schmuck. Es wäre in der Tat erfreulich, wenn man in den Streifen des Kunsthandwerks sich wieder etwas intensiver mit dem Bernstein beschäftigte, dessen reiche Baritionen ihn wie kaum einen anderen Halbedelstein dazu befähigen, sich als Schmuckmaterial in unseren Tagen |* wieder die Geltung zu erringen, die er im 17. und 18. Jahrhundert besaß.
Es ist eigentlich erstaunlich, wie wenig in seiner Heimat die Allgemeinheit von dem Wesen des Bernsteins weiß. Wem ist es beispielsweise bekannt, daß erst Hugo Convenz, der Begründer des Deutschen Naturschutzes, die Herkunft des Bernsteins wissenschaftlich einwandfrei festgestellt hat? Zwar hat schon die Antike sich vielfach mit dem geheimnisvollen Entstehen jenes güldenen Steines besaßt, der die Welt durch seine unerklärlichen elektromagnetischen Kräfte immer wieder beschäftigte, aber erst jetzt wissen wir auf Grund exakter Forschungen, daß Bernstein das versickerte Harz von Bäumen der Tertiärzeit ist, welches durch den Druck der Gletfchergewalten zum Stein erhärtete.
Der Glaube, daß dem Bernstein auf Grund feiner magnetischen Eigenschaft die verschiedensten Heilkräfte innewohnen, ist uralt. Die ersten genaueren Aufzeichnungen hierüber finden wir in der Heilmittellehre des zu seiner Zeit berühmten Arztes Dioskurides aus dem Jahre 50 n. Ehr. Er führt Bernstein ausdrücklich als Mittel gegen Magenbefchwer- den und in verdampftem Zustande, gegen Halskrankheiten an. Auch der Leibarzt des Kaisers Nero gehörte, wie der jüngere Plinius zu berichten weiß, zu den Vertretern jener Ansicht; von ihm stammt ein be- 1 anders wirksames Medikament, das man bis in das 16. Jahrhundert linein für ein Allheilmittel hielt und dem man den Namen „Theriak" gegeben hat. Es bestand außer aus 70 anderen Ingredienzien besonders aus Bernstein. Bernstein galt ferner schon in der Antike als absolut icheres Mittel gegen Zahnschmerzen. Im Mittelalter röstete man Bern- teintugeln mit geriebenem Roggenbrot zu gleichen Teilen und nahm sie n kleinen Dosen gegen allgemeines körperliches Unbehagen. Auch der medizinische Berater Melanchthons, Herr Severin Göbel aus Königsberg, gab dem „hochgelehrten Herrn Philippe" Küchlein aus „Börnstein- mehl", denen er aber vorsichtigerweise ein Purgativ beimischte. Letzteres war aber auch wohl notwendig, da sonst diese Küchlein ein wenig unverdaulich gewesen wären. Der Bernstein spielte überhaupt in der Renaissance als Medikament und Wundermittel eine überragende Rolle. In den Jahren1566 und 1586 schrieb daher selbiger Herr Gödel ein mehrere Bände umfassendes Werk: „History und eigentlicher Bericht von Herkommen, Ursprung und vielseitigem Brauch des Börnsteins", das als grundlegendes wissenschaftliches Werk damals viel Beachtung fand.
Auch der berühmte Arzt G a l e n u s war der festen Ueberzeugung, daß man mit Hilfe des Bernsteins Bluthusten und Ruhr füllen könne. Außerdem galt Bernstein als bewährtes Mittel gegen die Gelbsucht. Ein stmdamentaler Grundsatz der medizinischen Wissenschaft der damaligen Leit lehrte: Gleiches werde vom gleichen angezogen. So müsse sinngemäß dre krankhafte gelbe Farbe des Körpers in das Goldgelb des Bernsteins übergehen und sy dem Körper die ungesunden Säfte entzogen werden.
Wenn auch in diesen Fällen der Anwendung des Bernsteins zu Heilzwecken wohl der Wunderglaube die größte Rolle spielte, so mag doch eine andere Art der Verwendung vielleicht ein wenig Wahrheit enthalten. Schon in dem ersten Jahrhundert n. Chr. war Dioskurides der Ansicht, daß man Krankheiten der Luftwege durch Einatmen von Dämpfen beseitigen könnte, welche bei der Zersetzung des erhitzten Bernsteins entweichen. Nun enthalten aber diese Dämpfe vor allem Bernsteinöl und Bernsteinsäure. Steht dieses nicht int Einklang mit jener neuen Richtung in der Medizin, der sog. „Säuretherapie", nach welcher Erkrankungen der Luftwege durch Einatmen von Säuredämpsen geheilt werden? Zwar sind die Forschungen auf diesem Gebiete noch nicht abgeschlossen und ihre Ergebnisse vielfach umstritten; aber interessant bleibt es jedenfalls, daß im 20. Jahrhundert eine Frage wieder erörtert wird, die ein Arzt der Antike schon einmal aufgerollt hat.
Andere Verwendungsarten des Bernsteins für Heilzwecke in vergangenen Jahrhunderten werden uns heute nur noch ein Lächeln entlocken. So wird in einem alten medizinischen Traktat behauptet, daß es für Augenleidendk bei mangelnder Sehschärfe vorteilhaft wäre, Bernsteinöl, in welchem ein Habicht gekocht wurde, zu genießen. Hierdurch erhielt der mutige Trinker wieder die Sehschärfe jenes scharfäugigen Raubvogels. Es dürfte kaum anzunehmen sein, daß dieses Rezept jemals erprobt wurde, denn als einzig sichtbare Folge des Genusses derartig präparierten Bernsteinöles hätten sich nur erhebliche Magenbeschwerden eingestellt, da Bernsteinöl eine absolut gesundheitsschädliche, zusammenziehende Wirkung auf den Magen und die anderen inneren Organe ausübt.
Als äußerliches Mittel war dieses flüssige Produkt des Bernsteins bis in das 16. und 17. Jahrhundert allgemein geschätzt. Dreierlei Sorten unterschied man: ein schwarzes Del, welches man als Pflaster gegen Pestbeulen anwandte und von dem Herr Severin Göbel in seinen Werken wiederholt besonders rühmend spricht, und eine rote und weiße Abart, die als gesundender Balsam für Wöchnerinnen und als Lebenselixier für Neugeborene galt, denen man „ein solches auf das Herzgrüblein zu streichen hätte." Und bis in unsere Zeit hinein hat sich der Glaube erhalten, daß man zahnenden Kindern Bernsteinkettchen oder Bernsteinamulette umhängt, um den Durchbruch der Zähne zu erleichtern. Luther berichtete in seinen Schriften von einem Stück Bernstein, das er als Mittel gegen Steinbeschwerden geschenkt erhalten habe und das ihm vortresfliche Dienste geleistet hätte.
Bezeichnend für die vielfache medizinische Verwendung des Bernsteins ist ein Bild aus dem 16. Jahrhundert im Germanischen Museum zu Nürnberg, welches den Heiland als Apotheker hinter seinem Tifch zeigt. Hier sind neben anderen merkwürdigen Medikamenten eine Reihe kleiner Flaschen, Pillen- und Pulvergefäße zu erschauen, welche die Bezeichnung „Börnstein, Bernsteinöl, Theriak" usw. tragen, lieber dem Bilde steht als anlockende Inschrift das alte Bibelwort: „Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid!"
Noch heutzutage findet man bei einer Reihe von Menschen, die sonst gegen medizinische Geheimmittel energisch aufzutreten pflegen, den Glauben an die gesundheiterhaltende Kraft eines Bernsteinamulettes. So trägt ein Großindustrieller meines Bekanntenkreises, ein absoluter Tatsachenmensch, feit Jahren ein besonderes für ihn angefertigtes flaches Bernsteinplättchen auf der Brust, dem er feine Widerstandsfähigkeit gegen sämtliche Krankheiten zuschreibt. Es ist vielleicht auch vorstellbar, daß die überragende elektrische Isolierfähigkeit des Bernsteins, welche man in der Technik beim Bau besonders empfindlicher Apparate auswertet, und seine starke Wärmeisoliereigenschaft eine gewisse Einwirkung auf den menschlichen Körper ausüben könnten.
Der uralte Wunderglaube an die heilsame Wirkung des Bernsteins gegen Rheumatismus ist auch in unserer aufgeklärten Zeit immer noch in weiten Bolkskreisen verankert und wird von gewissen Kreisen Heilkundiger offen ausgenutzt. Müssen doch zu den vielen Anzeigen in Blättern und Blättchen, in welchen Bernstein in den merkwürdigsten Verbindungen gegen Gicht, Rheuma, Podagra, Hals- und Zahnschmerzen angepriesen wird, die Mittel aus den Taschen derer geflossen sein, die Mystik und Aberglauben einer nüchternen medizinischen Beratung vorziehen.
Auch die exakte Wissenschaft hat gegen Ende des vorigen Jahrhunderts mit dem Aufschwung der organischen Chemie wieder auf den Bernstein und seine Produkte zurückgegrifsen. In unseren Tagen ist Bernsteinöl und Bernsteinsäure nicht nur ein wertvoller Bestandteil der Farbstoffindustrie, andern Bernsteinsäure verwendet man, wenn auch in beschränktem Um- ange, zur Herstellung einer Reihe neuzeitlicher Arzeneimittel. So findet ie in einem Ouecksilbersalz Anwendung, das für Einspritzungszwecke gebraucht wird. Sie ist Bestandteil verschiedener schmerz- und sieberstillender und desinfizierender Mittel. Selbst als Ersatz für die Digitalis wird sie mitunter bei Störungen der Herztätigkeit angewandt. Welchen Umfang der Konsum der flüssigen Bernsteinprodukte für chemische und medizinische Zwecke hat, zeigen die statistischen Zahlen bet Produktton der Staatlichen Bernsteinwerke aus einem der letzten Betriebsjahre. Es wurden von rund 500 000 Kilogramm Rohbernsteinförderung etwa 7200 Kilogramm zu Bernsteinsäure und etwa 46 000 Kilogramm zu Bernsteinöl verarbeitet.
Mythos und Aberglaube haben den Bernstein, wie kaum ein anderes Gestein der Erde, jahrhundertelang umwoben, doch selbst die Wissenschaft unseres rationalistischen Jahrhunderts wird ihn niemals ganz seines geheimnisvollen Zaubers entkleiden. Stets wird auch für das „Samländer Gold" das Faustwort Geltung behalten:
„Geheimnisvoll am lichten Tag
Läßt sich Natur des Schleiers nicht berauben, Und was sie deinem Geist nicht offenbaren mag, Das zwingst du ihr nicht ab mit Hebeln und mit Schrauben."


