Ich rufe einen Karawanenführer an:Wo ist der Weg zur Eskorten- {teile?" Wer den Kaukasus zu Pferd auf der grusinischen Heerstraße mrchqueren will, tut gut daran, sich dem Schutz der von der Regierung bereitgehaltenen Reitereskorten anzuvertrauen. Die Kaukasier sind kühn und beutelüstern, besonders die Osseten. Unsere Reiter sind Tscherkessen, hohe, geschmeidige Gestalten von edlem Gliederbau. Hohe Schaftenstiefel, rote Pumphosen, blauer, ganz eng anliegender Schoßrock, der bis an die Knie reicht uno vorn bis zum Gürtel herauf geschlitzt ist. Auf der Brust die beiden Reihen silberner Patronentaschen, im Gürtel der silberbe­schlagene Griff des Kinschal, die hohe Papacha auf dem Kopf. Die Schön- beit dieser Gestalten ist fast unerhört. Wie das Spiel einer toledaner Klinge sind die geschmeidigen Bewegungen, das eigentümliche Wiegen der frauenhaft weichen Taille, und der ganz schmalen Hüften, die sich scharf in dem enganliegenden Gewand abzeichnen.. Der Anführer ist ein tscher­kessischer" Fürst. Sein klingender Name: Fürst DschawLcha ole Dschamädse.

Er spricht fließend russisch und gibt uns den Rat, uns zur Fahrt auch das Kleid eines kaukasischen Stammes anzulegen,wählen Sie aber nicht die Tracht unseres Stammes," fügt er lächelnd hinzu,denn keine Frau ist von türkischen Händlern und Agenten so begehrt, wie die Tscher- kessin, ihre Schönheit wird mit englischem Golde ausgewogen".

Wir betreten also den Basar und verwandeln uns in kurzer Zeit in waschechte Ossetinnen: Unsere Begleiter lachen uns beim Anblick der be­kannten Tracht mit blitzenden Zähnen an. Nun noch zur Ausrüstung einen vierrädrigen Karren mit einem Plan darüber, der innen mit wun­dervollen gewebten Teppichen ausgelegt ist, vier Pferde davor, das Ge­päck hinten aufgeseilt, dann setzt sich unsere Karawane in Bewegung. In schneller Fahrt verlassen wir das Stadtgebiet und rollen über eine hoch­gewölbte steinerne Brücke in das Bergland hinein.

Die grusinische Heerstraße. Die Menschen besuchen die Axenstraße der Schweiz, und stehen staunend vor dem Menschenwerk. Was aber ist die Axenstraße im Vergleich zu diesem überwältigend Grandiosen.

Von Wladikawkask bis Tiflis ... eine Tagereise weit. Tief unten rauscht das Flußbett des Terek. In steiler Wand stürzen die Felsmassen hinab, überwuchert von wildem Rhododendrongesträuch, das in allen Farben loht. Den Windungen des Flusses folgt die Straße, in den Leib der Berge gesprengt, die keinen Fußbreit willig hergaben. Die endlosen Serpentinen gleichen einer verheilten Narbe. Die Leiber unserer Reiter legen sich fast waagerecht auf den Hals der Pferde. Ein schriller vogel­ähnlicher Laut feuert sie an. Unsere Kibittka fliegt. Links gähnt der Ab­grund, reckt sich der unerbittliche Fels. Wir jagen durch Säulenhallen, deren Bogen gefüllt sind von Silhouetten bizarrer Felsformationen ... eine Wegbiegung, ein tief eingeschnittenes Tal. Die Ruine eines Klosters. Im 10. Jahrhundert christianisierte die heilige Nina das Land. Die Klöster erstanden und verschwanden ... ein Raub des kargen Landes und seiner wilden Bewohner.

Wir steigen aus. Ich gehe zwischen rosenüberwucherten Säulen ... ge­borsten ... gestürzt. Das hier ist der Boden einer Kapelle. Ich staune: auf tiefblauem Grunde ein goldenes Akanthusgewirr. Ein Traum von so überwältigender Schönheit und Kunst inmitten einer, nur der Natur gehörenden Einöde.

Wir fahren ... Ueberhängende Felsstücke, die nur noch an armdicken Spannungen dem Berge verbunden sind, und einen schwebenden Bogen über die Straße wölben. Jähe Kurven die steilen Hänge hinauf. Die Straße scheint in der Luft zu stehen. Dann wieder ein Triumphbogen ... ein Ansteigen ... ein Fallen. Der Terek unten schaukelt. Das Mondlicht spannt ein Silbernetz Über das Wasser. Von unten strömt Dampf, und die Berge stehen lautlos, schwarz und funkelnd, wie gesalbt zum Feste eines Gottes. Alles ist Heidentum. Erdnah und gewaltig.

Man denkt nicht mehr. Man fliegt, gehetzt von Unsagbarem. Es ist so seltsam. Solange es Tag ist, reiten unsere Tscherkessen einen ruhigen (Sang, lachen und scherzen. Dunkelt es, scheinen sie von einer Besessenheit erfaßt, aus der es kein Entrinnen gibt. Die kaukasische Nacht ist füll, ohne jeden Tierlaut, ohne das Flüstern von Bäumen. Es ist ein Atem­anhalten, ein Warten, quälend in seiner lautlosen Gespanntheit.

Da schreit der Mensch, wild wie ein Raubvogel, da wiehert das Pferd, das am Tage lautlos seinen Weg nahm, wie im Herannahen einer Ge­fahr. Die Sehnsucht nach dem Laut ergreift die Kreatur.

Und die Berge stehen da. Grausam ist die scharfe Linie ihres Um­risses. Kaum jemals ist sie von dem weichen Dunst einer Wolke gemil­dert. Jetzt weiß ich es. Diese Berge haben kein Leben, weil sie kein Wasser haben. Wenn es in Bächen, in Tropfen rinnt aus Felsen und Spalten, ein fernes Klingen im Rieseln, wenn ein Bergsee fein Auge aufschlägt ... das ist Beseelung.

Die Adern dieser Berge sind geschlossen. Sie bluten nicht. Sie sind wie die Brust einer Mutter, einer Mutter, die keine Milch gibt. Versiegt? Noch nicht erschloflen?

Man wartet, wartet auf etwas, was jeden Augenblick kommen muß. Man spannt sich zum Zerreißen. Es llt Wahnsinn und Befreiung gu* gleicher Zeit. Dann rollen wir in eine Schlucht.

Lautlos liegt der Aul. Im Prunkgemach der Kunatskaja wird uns ein Lager bereitet. Weiche Polster, seidene Decken. Draußen am Feuer sitzen die Tscherkessen. Ein halb gesummtes Lied klingt zu uns herein. Die Tanzroythmen einer Lesginka. Wir trinken den Tee aus stlbergefaßten Gläsern, rsien Schaschlik und süßen Rachatlukum. Ich schlafe diese Nacht einen traumlosen Schlaf.

Am Morgen gehe ich zu den Frauen. Sie find schön, aber von starrer, ftatuenbaster'Schöne. Kein Erstaunen, keine Neugier in den ovalen, von blauschwarzom haar umrahmten Gesichtern. Die Nasen sind von griechisch- klassijcher Form, der schmale Mund fein und geschwungen, die Haltung würdevoll. Ruch hier ein Leben, das sich noch nicht bewiesen hat.

Und ich twnte: die Frauen eines Landes sind wie die Nächte ihrer Erde. Die klar« helle Nacht des Nordens ist wie die Frau mit hellem Haar anb offenem Blick, hinter dem kein Geheimnis liegt. Die wanne, werbende Schwüle des Südens liegt im Blut feiner Frauen. Die stumme Majestät meiner letzten Bergnacht ist wie das Wefen der Georgierin. Es erfaßt mich eine wilde Lust, Feuer aus diesem Felsen zu schlagen. Und

ich begreife plötzlich den Sinn einer uralten Sage. Prometheus wollte den Menschen das Feuer bringen. Die Gottheit schmiedete ihn an den Felsen des Kaukasus. Welch eine Strafe! An die Felsen ohne Feuer, ohne Wasser! Ich möchte in diese Menschen bringen, das Geheieunis ihrer Stille ergründen. Aber wer vermag es?

Spiel im Volke.

Von Max Mell.

Gebräuche und Sitten im Volke haben ein zähes Leben und gleichen, selbst von organischer Wesenheit, in unserer Zeit den Naturgeschöpfen in der Umgebung der großen Städte: sie können wohl verdrängt werden und ziehen sich gelassen zurück, aber der Aufmerksame gewahrt, wie sie heimlich und hartnäckig ihr Recht aufs Leben zu bewahren wissen, keines­wegs schnell zugrunde gehen und ihre Heimstätten haben, wo sich ihr Stückchen Schönheit ungefährdet immer von neuem entfaltet. So verhält es sich auch mit altem Volksgut, wie es neben dem Volkslied das volkstümliche S ch a u f p i e i ist: das die geistlichen Vorgänge zum Gegenstand nimmt, die mit ihrem mythischen Gehalt dem Volk besonders in die Sinne fallen, und etwelche erregende oder rührende Ereignisse aus dem Leben.

Aus einem urtümlichen Drang entsprossen, ist es in den österreichi­schen Alpen in einer Bevölkerung, die viel Sinn für plastische Darstel­lung hak, immer zu Hause gewesen. Es hat allen Nachstellungen zu trotzen gewußt: es hat Zeiten gegeben, da setzte die Behörde in Steier­mark auf den Besitz einer Handschrift mit solchen Spielen die Todes­strafe, und wieder zur Ausklärungszeit haben die Behörden diese Auf­führungen, in denen man nur eine Profanierung oder eine abergläubische llebung sah, verboten. Aus manchen Gegenden verschwanden sie, in anderen traten sie wieder auf; manches ist zerstört, vieles hat sich er­hallen, Stücke von besonderem dichterischen Wert sind im Laufe der Jahrzehnte, seit sich auch die Wissenschaft und die volkstümliche Forschung dieser Spiele annahm, ans Licht gekommen, sie stiegen in der Schätzung der Gebildeten durch das Naive und Kräftige ihrer Gestaltung, und in neuerer Zeit haben sogar zahlreiche kleine Spielertruppen in Deutschland, Studenten und solche aus der Jugendbewegung, diese Spiele ausge­nommen und das Paradeisspiel, den Totentanz, das Redentiner Oster- spiel in Gasthöfen und kleinen Sälen, auch vor Kirchen und an sonstigen schönen Plätzen im Freien zur Darstellung gebracht. Merkwürdig bleibt uns in den Alpenländern die Erscheinung, daß die bäuerliche Be­völkerung, in den Jahren nach dem Kriege an vielen Orten Lust zeigte, den alten Brauch dieser Ausführungen wieder auszuüben; denn für das Landvolk handelt es sich darin um einen Brauch, der an bestimmte Zeiten gebunden ist, des geistlichen Themas wegen, das den Spielen so oft zugrunde liegt, aber auch mit Rücksicht auf die Landarbeiten. Und jeden­falls steht ein Motiv wie das, zu unterhalten oder Geld zu verdienen, gänzlich im Hintergrund. Und ganz ohne Anregung von außen, nicht auf Vorschlag von Lehrer ober Pfarrer, nicht auf Grund gedruckter Text­bücher, sondern in der heimischen Uebertieferung, als eine Sache ihres Standes hat sich die bäuerliche Bevölkerung da und dort zur Aufnahme des alten Brauches entschlosfen.

Wo das Brauchhafte vorliegt, fühlt man sich stärker berührt. Kärnten und Steiermark sind an solchen Spielen nicht arm. Das beliebteste viel­leicht ist dort dasParadeisspiel", das Spiel von der Weltschöpfung und dem Sündenfall.

Das ihr felbften eh' schon kennt,

Das will mancher öfter sehen, Weil es vielen wohlgefällt", wie es in einem gesungenen Prolog dazu heißt. Ich sah einmal um Weihnachten in einem Tal in Kärnten das Spiel von Christi Ge­burt, ein Zimmermann leitete es, Knechte, Bauernsöhne und -töchter [ptelten es in der Stube eines Wirtshauses, in der die dichtgedrängten Zuschauer gerade nur eine schmale Gasse für die Darsteller ließen, die auf das Kripperl im Winkel des Raumes zuführte; es stand ein gewöhn­liches kleines Spielzeug mit Ochs und Esel und Kindlein, auf einem Nachtkastl, das durch einen Vorhang verhüllt werden konnte. Aermlicher konnte es nicht sein; aber es war auch für eine überwiegende Anzahl armer Leute gespielt, und wie haben die glänzenden Augen die Dar­stellung des Mysteriums ausgenommen und widergespiegelt! Das Heilige, das im Grunde ihrer Gemüter ruhte und das sie berührt wünschten, war da; näher an das Gottesdienstliche als an das, was wir Schauspiel nennen, war die Darstellung geruckt; das Schauspielerische gibt es hier nicht, denn es ist alles, was vorgeht, in einer Art liturgisch bestimmt, wie sie auch dem Priester am Altar vorgeschrieben ist. Vier Stunden dauerte diesesHirtenspiel", und waren die äußeren Mittel einfach, so waren sie um so eindrücklicher, und unvergeßlich der Ernst, die Versunkenheit der Spieler, die gläubige Spannung der Zuschauer.

In Steiermark sah ich einmal zu Ostern eine Passion, von einem ganzen Dorf im oberen Murtal gespielt, für das Dorf und die Umgegend und nicht für einPublikum"; nach einem alten dort verwahrten ge­reimten Text, mit verbindenden Chorgesängen. Der frischgezimmerten kleinen gedeckten und mit Reisig und Fahnen geschmückten Bühne gegen­über, also im Rücken der Zuschauer, befand sich der Hügel Golgatha; der erste Tett der Passion bis zu den Gerichts- und Marterszenen wurde auf der Bühne gespielt und jede Szene kurz angekündigt; dann zum Kreuz­weg schlossen sich die Zuschauer dem Zuge an und schritten mit, von den Häusern des Dorfes her kamen die Weiber, an die die Prophezeiung ge­schieht, und Veronika mit dem Schweißtuch. Der junge Bauer, der mit guttural anklingender kärtnerijcher Mundart den Erlöser spielte, konnte vom Kreuz aus feinen Hof sehen, den höchsten auf dem gegenüberliegen­den Bergzug, und der tiefsinnige Zufall wollte es, daß der Bauer, aüf dessen Hutweide gespielt wurde, Ackerl hieß. Nach der Dramaturgie der alten Schauspieler fehlten die komischen Teufelsszenen durchaus nicht, die