SietzenerKmnlienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgangs Freitag, den l2. April Nummer 28

Das verlorene Lächeln.

Von Christian Morgenstern. Ein Lächeln irrt verflogen durch einen lauten Saal, bis es auf einem Bogen von schimmerndem Opal sein kleines Leben endet, den letzten Mick noch matt zu der zurückgewendet, die es verloren hat.

Der Tod Alexanders.

Von Professor Dr. Theodor 93 i r t*).

Seit Hevhästions Tode hatte sich Alexander mit einem seiner sog. Königsgenossen, den er Medius nannte, nahe befreundet und verkehrte gern mit ihm. Es war nach der Abendmahlzeit und geselligem Trunk schon ziemlich spät geworden, und Alexander wollte schon schlafen gehen. In jenem tropisch heihen Lande ober führt man gern ein Nachtleben; denn erst die Nächte bringen Erquickung. So forderte Medlus ihn auf, noch bei ihm etwas zu zechen und Kurzweil zu treiben. Alexander war o jung wie die andern und guter Dinge. Warum sollte er sich weigern? Auch folgenden Tags wiederholte sich das. Jedesmal nach dem späten Trunk nahm er ein Bad. So meldet das Hofjournal, das uns über diese Dinge berichtet. Als dies das drittemal geschehen, verfiel er am Tag darauf, nachdem er gebadet und zu Abend gespeist, in Fieber. Es scheint, daß man die Sache kaum beachtete. Der Geier aber war schon ausge- flogen und rauschte über ihm mit seinen Flügeln; es war der Tod. Alexander sollte den Weg Hephästions gehen.

Vor Monaten, als er aus Elbatana aufbrach, um in Babylon einzu­ziehen, waren ihm Chaldäer von dort entgegengekommen und hatten ihm, frech wie sie waren, den Tod geweissagt: er werde sterben, wenn er Babylon betrete, es sei denn, daß er von Westen komme. Die Chaldäer waren Astrologen und die Weissagung ihr Beruf. Aber dies war ein dreistes Manöver, um Alexander von ihrer Stadt fernzuhalten; denn sie wußten, der Zugang zu ihr war zum Ende der Winierzeit, wo der Euphrat mit Hochwasser ging und in breiten Sümpfen nach Westen austrat, von Westen aus unpassierbar. Die reiche und mächtige Priester­klasse wollte am liebsten in der Stadt allein herrschen und konnte keinen König brauchen. Vor allem aber hatte Alexander die Absicht, den be­rühmten Stufentempel des Bal, den einst Terxes zerstört, wieder auhcr- bauen; auch das aber war den Bonzen zuwider; denn der Tempel besaß ringsum reiche Güter und Liegenschaften, die, solange der Tempelgottes­dienst ruhte, den Chaldäern selbst zugute kamen; sobald er wieder her- gestellt war, wurden die Erträge wieder für den Tempeldienst und Kultus verwandt.

Auf Alexander machte die Drohung doch Eindruck. Als er aber den westlichen Zugang der Stadt unmöglich fand, schlug er sie seelenruhig in den Wind. Er glaubte nur an die Omina, die Glück verhießen, und bis­her war ihm auch nichts Uebles widerfahren.

Jetzt aber befiel ihn die Malaria, dieselbe, die heute der Schrecken des Cuphratlandes ist. Kein Europäer reist dort ohne Chinin. Damals war das Land freilich entsumpft; gleichwohl hörten wir noch eben von den Sümpfen, die der Uebertritt des Stroms zurückließ. Die gefährlichen Moskitos, die das Gift der Bazillen ins Menschenblut treiben, schwirren da über dem Feuchten millionenfach; sie wirkten auch schon damals, und besonders des Mchts. Die Schriftsteller des Altertums, die von dem Wesen der Krankheit noch nichts wußten, meinten freilich, der Weingenutz fei schuld gewesen. Aber Alkohol erzeugt, soviel ich weiß, kein Fieber.

Da das Fieber einmal eingetreten, roar äußerste Vorsicht geboten; aber wir hören von Aerzten diesmal nichts, auch nicht, daß man Baby­lonier, die das Wesen der Krankheit besser kennen mußten, zurate zog. Das Hofjournal wahrt auch darüber ein unheimliches Schweigen. Der Kranke selbst aber, geladen mit Energien, wie er war, dachte nicht an Sterben und wollte von Rast nichts wissen. Streng fest hielt er (denn auch die Frömmigkeit ist Königspflicht) an den Zeremonien des Gottes- hienstes, aber auch am Bad, und dies war das Verhängnisvollste. In 72 Stunden hat die Malaria oft schon ihr Werk getan. Alexander wider­stand viel länger. Hören wir noch einiges aus dem erwähnten Tagebuch.

Nach der ersten schlechten Nacht ließ er sich in der Sänfte ins Freie _ *) Wir entnehmen die plastische Schilderung vom Tode des großen Alexander dem BucheAlexander der Große und das Weltgriechentum von Theodor Birt. 3.Auflage. 515 Seiten. In Leinenband 12 Mark. Verlag von Quelle & Meyer in Leipzig.

tragen, um da zu opfern (die Opferdiener standen immer schon zur Be­handlung bereit); dann ruhte er und besprach die bevorstehende Meeres­fahrt und die Reiseroute:Nach vier Tagen soll das nötige Fußvolk ab­marschieren; den Tag darauf besteige ich selbst das Schiff und führe die Flotte". Rearch sollte dabei aber natürlich nicht fehlen. Dann begab er sich über den Strom ans Westufer in die königlichen Gärten und badete; das Wasser war so linde und lauwarm, daß er fiebernd im Bad einschlief. Der nächste Tag verlief noch ähnlich; er plauderte mit dem Freund Medius und bestellte sich Nearch aus morgen. In der Nacht stärkeres Fiebern. Trotzdem badet er tags daraus wieder und bespricht mit Nearch die Seefahrt, die in drei Tagen beginnen soll. Der nächste Tag brachte größere Schwäche, aber dieselben Gespräche, und auch diesmal setzte das schwächende Bad nicht aus. Und so ging es noch zwei Tag« weiter, und die Besserung kam nicht, die Kräfte schwanden. Schon wurde es ihm schwer, sich zur Opferhandlung aufrecht zu erhalten; trotzdem hörte man ihn noch jagen:Haltet euch zur Seefahrt bereit". Als er ganz kraftlos, schaffte man den Kranken aus den Gärten nach Babylon zurück in den Königsbau. Die Generäle traten ein, umwölkt und herzbeklommen; er er­kannte sie noch, aber konnte kein Wort mehr sprechen. Des Nachts schüt­telte ihn das Fieber. Da ließen sich die Soldaten, feine Mazedonen, zu denen täglich die Berichte kamen, nicht mehr halten:Wir wollen ihn sehen. Er lebt noch! Oder ob er tot ist? Wird uns nicht die Wahrheit gesagt?" In echter Sehnsucht, Angst und Trauer durchbrechen sie die Ab­sperrung und dringen ine Schloß.

Alexander sah nach seine Krieger, wie sie eindrangen und ihn sprach­los umstanden; aber die Stimme versagte ihm. Er hob nur noch schwach das Haupt aus dem Kissen, grüßte die einzelnen mit den Augen und reichte jedem die Hand hin. Man wollte ihn noch in den Serapistempel schaffen, als ob der Gott ihn noch heilen könnte. Aber es unterblieb. Gleich danach war er gestorben.

Er starb im Mai des Jahres 323; vielleicht war es auch erst im Juni. Er hatte nur zwölf Jahre und acht Monate regiert.

Ruffische Impressionen.

Von Ilse Schmidt-Wissendorff.

Hitzewellen zittern in der Luft und brennen schmerzhaft. In unseren Gliedern ist noch der einschläfernde Rhychmus der Dampferfahrt. Die Wolga war ein Traum von Unendlichkeit. Grenzenlos der Himmel, das Wasser. Die ferne Uferlinie am Horizont traumhaft wie eine Fata Morgana.

Mütterchen Wolga, dein breiter Atem gleicht dem Meere. Du gleitest durch ein Land, das wie eine Unwirklichkeit ist. Barken begegnen uns. Der langgezogene Rhythmus eines klagenden Liedes zerflattert in der Luft.

Der Körper entspannt sich, fließt hinüber in ein unbekannt Mütter- liches. Worte find verloren gegangen, man lächelt, man nickt, und be­wegt sich mit langsamen, verlorenen Schritten, die rote etwas Fremdes find. Es ist Unbewußtes in diesem Gleiten.

Astrachan gibt uns dem Lande wieder und der Besinnlichkeit. Dem Getriebe einer lauten Hafenstadt. Wir hasten heraus, durchqueren im Wagen die Stadt mit den bunten niedrigen Häusern, sitzen im Zuge und rollen durch ein sonniges Land der Silhouette des Kaukasus zu. Sie tritt aus dem Dunst, wild zerklüftet, einsam und unnahbar. Es ist ein Wehren in den zerrissenen Formen, die wie der Ausdruck eines gewalttgen Schmerzes sind.

Ich sah die Fjorde Norwegens, die Berge Tirols. Bei aller Starre war doch heimliches Leben in ihnen, tückisch oft und grausam. Aber fle lebten. Hier war ein Nichts, ein Etwas, das noch nie gelebt hatte. Was keiner Vergangenheit nadj träumte, gleichsam noch in Urschlaf befangen. Aus dem Dunst der Dämmerung kommt es näher, schläfert ein, doch mit einem anderen Unbewuhisein, als das Wiegen der Wolga.

Dann blitzten die Lichter eines Bahnhofs auf, Menschennähe drang auf uns ein, ein Hotel nahm uns auf. Dann war nur noch der Schlaf.

Der nächste Morgen. Da war es, daß erbarmungslose Sonne mich weckte. Es roar nur ein einziger Strahl, der durch die Läden drang, aber sein Licht war stark genug, das Zimmer bis in seine enLeoensten Ecken zu erhellen. Draußen knarrten Rader über ein holpriges Pflaster. Rufe einer ftemden Sprache, gutturale Töne. Seltsam, daß man noch immer in den Grenzen des Vaterlandes war.

Ich sprang aus dem Bett, schlug die Läden zurück. Das Licht fiel so­fort gierte über mich her, daß ich unwillkürlich den Arm zum Schutze hob. Die Berge standen unbarmherzig nackt. Noch einsamer, noch in sich verschlossener, als in der weichen Dämmerung.

Draußen roar schon halber Orient Drüben ein Basar mit Teppichen, reichen Sitberwaren, Lebensmitteln. Auf den Straßen ein buntbewegtes Bild von Kettent, oft zu zweien auf einem Pferde. Alle Bergvölker des Kaukasus, Grusinler, Tfcherkefsen, Osseten, Tschstscheudsen, Lesgier.