Sehr stolz war ich auch, wenn ich mit dem Star gemeinsam unser Theater abends verließ, nachdem wir uns „abgeschminkt" hatten. Wir glaubten beide, man müsse es uns nun ansehen, daß wir Schauspieler wären und vor kurzem noch auf der Bühne gestanden hätten!
Wir hatten etwa dreißig Personen als Zuschauer, in der Mehrzahl die Brüder und Schwestern unserer Schauspieler, aber es waren auch vier oder fünf Erwachsene dabei. Ein Zimmer war als Zuschauerraum eingerichtet, ein anderes als Bühne. In der großen Flügeltür hing der Borhang, der sich mit einer Schnur seitlich aufziehen ließ. Die Nägel, an denen die Schnur hing, zerspalteten unseren Türrahmen; aber was machte uns das in jenen seligen Jahren?
Der darstellerisch Mindestbegabte meiner Komparsen, der sonst nur mit Hantel und Taschenlampe für Donner und Blitz zu sorgen hatte, bediente das Publikum, indem er Programme verteilte. Diese Programme waren die leibhastigen Theaterzettel unseres alten Stadttheaters, die wir gesammel und ihrer eigentlichen Ankündigung beraubt hatte. Ein handgeschriebener Zettel war von uns in jedes Programm eingeheftet, der unser Theaterstück und unsere Rollen anzeigte. Wiederum war gerade das Beiwerk mit besonderer Lust ausgestattet. Kein Settel, der nicht unsere Warnung enthalten hätte, daß den Damen das Aufbehalten der Hüte im Zuschauerraum verboten sei und daß man die Stühle „nicht mit Gegenständen belegen" dürfte! Es war ferner dort angezeigt, nach welchem Akt die Pause stattsinden würde und was wir (ganz wie im Theater der „Großen"!) an neuen Stücken vorbereiteten! Mit richren- dem Fleiß hatten zwei meiner Freunde dies innere Programm dreißig- mal mit der Hand abgeschrieben.
Der Komparse also verteilte die Zettel und löschte das Licht im Zu- fchauerraum. Sein Auftreten war die einzige Berbindung zwischen Bühne und PublikumI Angstvoll und streng achtete ich im übrigen darauf, daß die neugierige Menge keinen Blick hinter das Heiligtum warf. Geschah wider meinen Willen doch solch ein verbotenes Hineinspähen in den Kulijsenraum, war ein Teil meiner Freude sofort dahin!
Mehrfach versuchten wir es. „Alt-Heidelberg" aufzuführen, selbst- verstänolich nur einen Akt, den ersten, in welchem Katchen noch nicht auftrat. In Körners „Toni" lösten wir hingegen das Problem der weiblichen Rollen so, daß ich, schwarz angemalt, die alte Regerinschlainpe Babeckan humorvoll spielte, während für die Toni selbst ein neues Mitglied, das mir das Schicksal gerade sandte, engagiert wurde. Auf meiner Klasse war ein Junge von jener frauenhaften Zartheit, wie sie manche Knaben besitzen. Als der Ordinarius sich dazu entschloß, mich aus die vorderste Bank zu setzen, wurde er mein Nebenmann. Ihn überredete ich zur Uebernahme der Rolle; später wurde er dann mein Freund und spielte ständig mit. — Noch ein anderes Mitglied meines Theaters ist unvergessen! Er betätigte sich nur selten als Schauspieler, dichtete aber die humoristischen Einlagen, die wir zwischen den Stucken spielten. Weil er sehr musikalisch war, wurde er gewissermaßen unser Kapellmeister. Ailf Musik und Theologie ging, ehe der Krieg begann, fein Lebensplan aus. Er wurde zusammen mit meinem „Star" ein sehr naher Freund von mir.
Wahrscheinlich haben wir schauderhaft gespielt, waren rechte Kulissen- reißer, und das Larnpenfieber mag das ©einige dazu beigetragen haben, um die Aufführungen unerträglich zu machen. Selten behielten wir während des Spiels über uns selbst die Kontrolle. Wenn auf der Bühne Kämpfe darzustellen waren, gerieten wir so in Eifer, daß wir noch wochenlang die blauen Flecken von Schwerthieben an uns trugen.
Aber damals erschien uns das alles gut und vortrefflich, und war es wohl auch, denn die Herzen der kleinen Zuschauer fanden in uns ihr Gleichnis und flogen uns zu. Noch heute würde ich gern auf dieser Kin- dcrbühne stehen, umblitzt vom Schein der Taschenlampe, umgrollt vom Donner der Hantel, die der unbegabte Komparse auf dem Fußboden hin und her rollen muhte, damit das Gewitter vollkommen fei.
Wo blieb mein Theater, mein Personal, meine Komparserie? Hier ist, imch so heiteren Erinnerungen, Schreckliches einzugestehen. Fast alle diese jungen Menschen, die sich hier auf so lustige Weise für das Leben übten — denn nichts anderes war unser ganzes Tun im tiefsten Grunde —, fast alle diese blutdurchströmten und zukunftshungrigen Menschen zer- mähte der Krieg, ehe das eigentliche Leben für sie begonnen. Erst fielen der Kritiker und jener zarte Darsteller der Toni, und es fiel mein lieber, lieber Kapellmeister. Es starb an der Wirkung des Krieges der Star, mit dem ich doch einst einen Kontrakt auf Lebenszeit geschlossen! Es starben viele von den Helfern und viele von den Komparsen. Alle jungen Menschen starben. Nur der Direktor blieb auf der merkwürdigen Erde zurück und denkt unter dem nächtlichen Rätselhimmel in den Hellen Weltenraum hinein an feine Theatertruppe.
Ausgrabungen in Pergamon.
Bon Geh.-Rat Dr. Theodor Wiegand, Direktor der Staatlichen Antikensammlungen, Berlin.
(Nachdruck verboten.)
Der bekannte Berliner Archäologe Geh.-Rat Wiegand gräbt zur Zeit wieder in Pergamon. Er berichtet im Folgenden über den bisherigen Stand der Forschungen.
Besitzen wir in Berlin nicht den großen Schatz des pergamenischen Zeusaltars? Haben nicht Karl Human, Wilhelm Doerpfeld und Alexander Conze viele Jahre lang an der Aufklärung der pergameni- fchen Stadt und Landschaft gearbeitet? Gibt es dort denn immer noch neue Entdeckungen zu machen? So höre ich manchen fragen und darf antworten: Ja, es gibt auch heute noch große Aufgaben In Pergamon. Niemand anders soll sie lösen als wir Deutschen, denn wir dürfen eine so große, von uns begonnene Unternehmung nicht unvollendet liegen lassen, ohne uns den Tadel der Wissenschaft zuzuziehen.
Verantwortlich: Dr. HanS Thhriot. — Druck und Verlag: Vrühl
Wir kennen heute schon den großen Mauerring, den Cumenes II. um feine Residenz zog, w,r durchschreiten die mit gewaltigen Quadern gefügten Tore und wandern auf gepflasterten Straßen, vorbei an zahlreichen Kaufläden, zum unteren Markt, von da zu dem dreifachen Terrassenbau des Gymnasiums, über dem der Tempel der Hera Basileia thront. Wir kennen das auf riesenhaften Stützmauern dem Abhang abgewonnene Demetecheiligtum mit den Sitzräumen für die Mysten bei den feierlichen nächtlichen Zeremonien. Emporsteigend bis zu 250 Meter über dem Meeresspiegel stehen wir, hoch über denk Theater, an der Stätte des großen Altars und treten in das Athenaheiligtum ein, das die weliberuhnue Bibliothek beherbergte bis zu dem Tage, da Antonius sie, als Geschenk für Kleopatra, rücklichtslos entführte. Weiter empor geht der Weg zu den mofaikreichen Palästen der Könige und dem gewaltigen Marmortempel, den der beste Militärkaiser Roms, Trajan, auf dem höchsten Punkte der Burg als weithin strahlendes Symbol seines Imperiums errichtet hatte.
Dort oben, nahe dem Tempel, an der nördlichsten Spitze der Burg haben die neuen, von der Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft unterstützten Grabungen seit 1927 wieder eingesetzt. Wir fanden an dieser Stelle nicht weniger als fünf lange Arsenalbauten, die zur Aufnahme von Waffen und ]onftigem Kriegsgerät sowie von Nahrungsmitteln gedient haben. Damit diese nicht durch Bodenfeuchtigkeit litten, hat man künstliche Hohlböden angelegt, durch zahlreiche fchießschartenartige Schlitze in den Grundmauern sorgte man für die Luftzirkulation. Solche Bauten waren auch schon in römischen Lagern am Rhein und in England gefunden worden. Hier aber liegen sie in einer 30U bis 400 Jahre ölte- ren Gestalt vor uns und zeigen, daß auch diese Art militärischer Anlagen zuerst von den Griechen erfunden worden find. Denn wir können diese pergamenischen Arsenale genau datieren mit Hilfe der Dachziegel, die den Stempel nebst Regierungsjahr des Königs Attaios des Ersten tragen. Dieser Herrscher starb im Jahre 197 v. Ehr. Bier Jahre vorher hatte er eine überaus gefährliche Belagerung durch Philipp V. von Makedonien auszuhalten, und in jener Zeit, ehe der feindliche Einbruch erfolgte, sind die Arsenale angelegt worden. Nicht nur Reste von Waffen fanden sich: rings um die Gebäude lagen in Massen nur noch die steinernen Geschützkugeln, ivelche zeigten, daß der König über nicht weniger als sieben verschiedene Kaliber von Abwehrgeschützen verfügte. Die lchwersten Geschosse wiegen 76 Kilogramm (drei antike Talente), das leichteste 64 Kilo. Bis zu unserer Entdeckung hatte man diese Munition, von der sich gelegentlich einmal ein Stück schon früher gesunden hatte, für türkisch oder bestenfalls byzantinisch gehalten. Unerforscht ist ein großer Teil der die mittleren Höhen des Burgbergs bedeckenden Wohnguartiere, vor allem aber die in der Ebene liegende Unterstadt, die heute vielfach von türkischen Wohnhäusern bedeckt ist. Mitten aus diesem Gewirr einer orientalischen Landstadt erhebt sich in ungeheuren Dimensionen ein dunkelroter Ziegelbau, flankiert von zwei mächtigen Rundtürmen, davor liegt ein rechteckiger Hof von 20 000 Quadratmetern Größe. Noch vermag niemand diesen Bau, der z. T. über dem kunstvoll überwölbten Selinosfluh steht, mit Sicherheit zu deuten. War es die große Basilika der Römer, wo der Prätor Recht sprach und wo die antike Börse ihr lebendiges Wesen trieb? War es die Therme der Römerstadt mit davorliegender Palästra? Die modernen elenden Baracken müssen aus diesem Prachtbau der hadrianischen Kai- serzeit entfernt werden. Dann wird man zunächst auf den späteren Einbau einer großen byzantinischen Kirche stoßen, deren Spuren sich bereits vor einigen Jahren bei einer kleinen Versuchsgrabung zeigten; vermutlich ist es die Johannesbasilika, und man dürfte damit wohl eine der sieben apokalyptischen Kirchen Kleinasiens sinden. Für die Geschichte des frühen Christentums kann dies sehr wichtig werden.
Keiner der heidnischen Götterkulte hat Pergamon mehr beherrscht als der des Heilgottes Asklepios. Man hatte wohl aus den antiken Schriftstellern einige Nachrichten über die Einrichtungen feines Heiligtums, man wußte, daß es außerhalb der Stadt in einem wasserreichen schönen Tal lag und man kann heute noch die mehr als tausend Meter lange Halle, unter deren Schutz man zum Heiligtum pilgerte, in ihren Trümmern über Wiesen und Aecker hin verfolgen bis zu den Höhen, von denen ein Bach mit rauschendem Wasserfall herabstürzt. Aber vom eigentlichen Heiligtum sah man nur einen großen, wüsten Trümmerhaufen, aus dem man in früheren Jahren viele Werkstücke zum Bau von Moscheen, Kasernen, Bädern und Schulen entführt hatte. Dieser formlose Trümmerberg wurde von uns im Herbst 1928 angegriffen, und es ergab sich alsbald ein sehr interessanter Befund: ein gewaltiger Rundbau von mehr als fünfzig Metern Durchmesier, aus zwei Stockwerken bestehend. Das untere Stockwerk zeigt gewölbte, konzentrische Gänge, die mit Marmorinkrustation geschmückt waren und von denen Treppen nach dem Obergeschoß führten. Waren die unteren Räume offenbar dem mit der Inkubation (Tempelschlaf als Heilmittel) dienenden Medizinbetrieb gewidmet, so befand sich oben, in dem mittleren Rund, das von sechs halbrunden Kapellen umgeben war, der eigentliche Platz der Götterverehrung. Damit waren aber unsere Entdeckungen noch nicht beendet: östlich, dicht neben diesem Rundbau, fand sich ein zweiter, dessen Hauptteil ebenfalls eine große Rundung zeigt, dem aber eine breite Freitreppe mit Säulenstellungen vorgelagert ist, also ein Ban ähnlich dem Grundriß des Pantheons in Rom. Noch stehen dort unsere Untersuchungen im Anfang. Es wird wohl noch zwei Jahre dauern, bis das ganze Ergebnis vorliegt, das sich dann, wie wir hoffen, nicht nur auf die gewonnenen wichtigen Architekturen des zweiten Jahrhunderts n. Ehr. bezieht, sondern auch auf die zu erwartenden Inschriften über die Heilgötter und den Heilbetrieb. Denn in der gleichen Zeit, in der diese Prachtbauten errichtet wurden, hat einer der größten Berste des Alterstnms, Galenns, in Pergamon gelebt und das Asklepieion war der Ort, wo er seine Patienten empfing, feine Schüler belehrte und wo dankbare Patienten ihre Heilung inschriftlich zu bezeugen pflegten. Was davon erhalten ist, werden die nächsten Ausgrabungen lehren.
'sche Qniversitäts'Vuch- und Steindruckerei, 2t. Lange, Gießen.


