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ich es selbst in Restaurants von Ruf erlebt habe — darauf gefaßt sein muh, ihn durch chemische Mittel konserviert zu sindeu. Hierdurch verliert aber jeder Fisch das allerfeinste seines arthaften Aromas und bekommt einen undefinierbaren, wenn auch wenig merkbaren Nebengeschmack, der durch eine würzige Tunke wieder verdeckt werden kann. In solchem Falle wäre zu einer holländischen oder einer Krebssoße, die sich vorzüglich dazu eignet, zu raten.
Unser deutscher Balladendichter Gottfried August Bürger bekam einmal einen Steinbutt nach Appenrode gesandt, der den Weg über seinen Verleger Dieterich in Göttingen gemacht hatte. Im unklaren über die kulinarische Behandlungsweise dieses fernen Seebewohners schrieb er am 9.Juli 1783 an den Verleger: „Wenn du den Steinbüttenkorb hübsch aufgemacht hättest, so könntest du mich auch von der besten Zubereitung unterrichtet haben. Nun wissen wir aber hier weiter nichts, als Senf und Butter!" — Armer Bürger! —
Das Kochen eines unzerteilten Steinbutts hat schon manchem Leckermaul die schwersten Sorgen bereitet Der Kenner des klassischen Altertums möge sich die Historie von jenem riesigen Steinbutt ins Gedächtnis zurückrufen, den der römische Kaiser Domitian zum Geschenk erhielt. Mit unnachahmlicher Bosheit hat sie Juvenal in seiner vierten Satire verarbeitet. Als sich Domitian einmal zu Albalonga aufhielt, brachte ihm ein Fischer einen Goliath von Steinbutt. Der ganze Senat wurde zu- [ammengerufen, um zu beraten, in welchem Gefäße man ihn kochen könne. Man fand keines, das ihn fassen konnte. Ein Senator schlug vor, ihn in Stücke zu zerschneiden, aber er wurde entrüstet abgewiesen. Nach stundenlanger Beratung, während welcher ein blinder Senator immer wieder die Schönheit des Fisches lobte, wobei er ihm jedoch beständig den Rücken kehrte, beschloß man endlich, ein passendes Gefäß durch einen Töpfer Herstellen zu lassen. Und ein weiterer Senatsbeschluß bestimmte, um auch für die Zukunft allen ähnlichen Verlegenheiten vorzubeugen, daß dem Gefolge des Kaisers ständig eine Anzahl Töpfer beigeordnet werden müsse.
Ans weit genialere Art half sich einmal der berühmte Verfasser der „Physiologie des Geschmackes", Brillat-Savarin, aus einem ähnlichen Dilemma. Man hatte ihn zu einem Festmahl bei einer verheirateten Kusine auf das Land geladen. Den Kulminationspunkt der Tafel sollte ein Prachtkerl von Steinbutt bilden, der sich nur durch Zufall in diese schlichte ländliche Umgebung verirrt hatte. Als der Gast, hungrig und voll Erwartung der kommenden Genüsse, eintraf, sand er ein in Hader und Streit verwickeltes Ehepaar vor, denn es hatte sich im ganzen hause kein Gefäß finden lassen, welches ein solches abnormes Exemplar von Fisch in sich hätte aufnehmen können. Schon stand der mitleidlose, spöttische Gatte bereit, mit einem Hackbeil den gordischen Knoten zu zerhauen, indes die in Tränen schwimmende Gattin ihn mit erhobenen Händen anslehte, wenigstens noch die Ankunft des gelehrten Herrn Vetters abzuwarten, der vielleicht doch einen Ausweg aus diesem Labyrinth zu finden wisse. Und Brillat-Savarin täuschte das Vertrauen der Base nicht. Noch ohne eine Ahnung, wie das schwierige Problem zu lösen, erklärte er seierlich, daß der Steinbutt unzerteilt auf der Tafel erscheinen würde. Denn er war entschlossen, ihn im Backofen zu schmoren, falls es ihm nicht gelingen sollte, ein passendes Kochgeschirr aufzutreiben. Nun ging es auf die Suche von Raum zu Raum, bis sich endlich in der Waschküche ein kleiner, in dem Herd eingelassener Kessel sand, der ihm für [ein Vorhaben geeignet genug schien. Und während man auf feinen Befehl ein luftiges Feuerchen unter dem halb mit Wasser gefüllten Kessel entfachte, schnitt er aus einem vorgesundenen großen Flaschenkorbe eine muldenartige Hürde in der genauen Größe des Riesenfisches zurecht. Ihren Boden belegte er darauf mit Zwiebeln und würzigen Kräutern, aus die sodann der gereinigte, getrocknete und gesalzene Fisch gebettet wurde. Eine zweite Lage von Zwiebeln und Kräutern deckte ihn zu. Nun wurde die Hürde samt ihrem kostbaren Inhalt über die wesentlich kleinere Rundung des Kessels gelegt und eine Waschbütte darüber gestülpt, deren aufliegender Rand mit angeschüttetem Sand abgedichtet wurde, so daß der aufsteigende Dampf am Entweichen gehindert war. Bald begann das Wasser zu kochen, und der Dampf füllte die Hürde und Bülte, die nach Verlauf einer halben Stunde abgenommen werden durfte. Was sich zeigte, war ein herrlich duftender Steinbutt von allerschönstem Aussehen, blütenweiß gekocht.
Staunende Bewunderung der Gäste empfing das Meisterwerk, und die Mienen der Tafelnden verrieten besser als alle Lobsprüche ihre Meinung. Der alte würdige General zeigte eine solche Zufriedenheit, daß er bei jedem Bissen lächelte. Der Pfarrer machte vor Seligkeit einen langen Aals und blickte verzückt zur Zimmerdecke empor, und ein geistvoller Akademiker neigte fein Haupt zur Seite und streckte das Kinn vor wie einer, der mit gespannter Aufmerksamkeit zuhört. Und alle fanden sich in °em einen Urteil, daß ein in Dampf gefallener Fisch ein ungleich feineres Aroma besäße ais ein in Wasser gekochter.
Ein enthusiastischer Liebhaber des Steinbutts war der Verfasser von „Gullivers Reisen", der Dechant Swift. Ein Freund von ihm, der diese Neigung kannte, sandte ihm daher von Zeil zu Zeit einen solchen ®urd) seinen Bedienten, der jedoch bei jedem Botengänge erboster wurde, da er von dem geizigen Empfänger niemals ein Entgelt für die.aufgewandte Mühe erhielt. Ms er eines Tages wieder mit ähnlichem Auf- uag in das Studierzimmer des Dechanten geliefert worden war, fetzte er die Schüssel mit heftigem Aufschläge auf den Tisch und schrie patzig: »"a schickt Ihnen mein Herr wieder einen Steinbutt!"
, „Bürschchen," sagte Swift in vollem Aerger, indem er entrüstet von [einem Stuhle aufsprang, „richtet man so einen Auftrag aus? Ich werde ril/eigen, wie man das machen muß. Setz' Er sich mal da auf den ®tu.9>, und ich will feine Rolle übernehmen." — Der Bediente gehorchte, ^wist nahm darauf die Sleinbuttschüffel vom Tische, ging damit zur jture, kehrte wieder um, nahte sich langsam dem Bedienten in ehrerbie- G*. Stellung, verneigte sich tief und sagte mit gedämpfter Stimme:
Herr läßt sich Ihnen bestens empfehlen und bittet, dies kleine E gütigst annehmen zu wollen." — Der Bediente erhob sich von l wem Stuhl und antwortete: „Sag' Er seinem Herrn, ich ließe mich
bestens bedanken, und ..." — hier griff er In die Tasche, zog eine halbe Krone hervor, die er dem Dechanten in die Hand drückte, ... „und da. mein Freund, hat er auch etwas für feinen Gang!" — Swift stand betroffen, gab ihm das Geld zurück und sagte ein wenig verlegen: „So war's nicht gemeint, aber ihm gebührt wohl mit Recht ein Trinkgeld." Und er schenkte ihm eine Krone.
Die schönste Steinbuttanekdote aber, die uns überliefert worden, mag die Geschichte vom Kardinal Fesch sein, der am Morgen eines Festmahls, das er geben wollte, ganz unerwartet zwei Steinbutte von ungewöhnlicher Schönheit zum Geschenk erhielt. Die berühmte Duplizität der Fälle. Ein einziger Steinbutt hätte genügt. Beide auftragen zu lassen, wäre lächerlich gewesen. Was tun? Wie könnte man den zweiten Steinbutt wirksam verwenden? Der Kardinal zieht seinen Küchenchef zu Rate. — „Seien Eminenz ohne Sorge," sagt dieser lächelnd, „beide sollen erscheinen, und einer wird dem andern nur zu einer größeren Wirkung verhelfen."
Die Tafel ist angerichtet. Die Suppe ist gegessen. Da öffnet sich die Saaltür, und ein prachtvoller Steinbutt wird Hereingelragen. Auf allen Gesichtern leuchtet inniges Entzücken. Der Mäitre d’hötel tritt heran, zwei Diener empfangen die Schüssel und tragen sie zur Anrichte, um den Fisch zu zerlegen. Da verliert einer von ihnen das Gleichgewicht, stolpert — stürzt. Die Schüssel liegt in Scherben, der Steinbutt auf dem Boden. Bleiches Entsetzen malt sich auf den Gesichtern der in ihren seligsten Erwartungen so schwer enttäuschten Kardinäle. Eine tiefe, trostlose Stille schwebt über der Tafel. —
Da wendet sich der Mäitre d’hötel in stolzer Erwartung zu den Dienern und sagt gelassen: „Bringt einen andern Steinbutt!“ Und die Saaltüre öffnet sich, und ein zweiter Steinbutt wird Hereingelragen, ebenso schon, ebenso majestätisch wie der erste. Man stelle sich den Wechsel auf den Mienen der Kardinäle vor: es war, als ob die liebe Sonne wieder aus diistern Wolken hervorbräche.
Die Iudenbuche.
Ein Sittengemälde aus dem gebirgigten Westfalen.
Von Annette v. Droste-Hülshosf.
(Fortsetzung.)
Sein Ohm, der nicht wohl ohne Projekte leben konnte, unternahm mitunter ziemlich bedeutende öffentliche Arbeiten, z. B. beim Wegbau, wobei Friedrich für einen feiner besten Arbeiter und überall als seine rechte Hand galt; denn obgleich dessen Körperkräfte noch nicht ihr volles. Maß erreicht hatten, kam ihm doch nicht leicht jemand an Ausdauer gleich. Margret halte bisher ihren Sohn nur geliebt, jetzt fing sie an, stolz auf ihn zu werden und sogar eine Art Hochachtung vor ihm zu fühlen, da sie den jungen Menschen so ganz ohne ihr Zulun sich entwickeln sah, sogar ohne ihren Rat, den sie, wie die meisten Menschen, für unschätzbar hielt und deshalb die Fähigkeiten nicht hoch genug anzuschlagen wußte, die eines so kostbaren Förderungsmittels entbehren konnten.
In feinem achtzehnten Jahre hatte Friedrich sich bereits einen bedeutenden Ruf in der jungen Dorfwell gesichert durch den Ausgang einer Wette, infolge deren er einen erlegten Eber über zwei Meilen weit auf seinem Rücken trug, ohne abzusetzen. Indessen war der Mitgenuß des Ruhms auch so ziemlich der einzige Vorteil, den Margret aus diesen günstigen Umständen zog, da Friedrich immer mehr auf sein Aeuheres verwandle und allmählich anfing, es schwer zu verdauen, wenn Geldmangel ihn zwang, irgend jemand im Dorf darin nachzustehen. Zudem waren alle seine Kräfte auf den auswärtigen Erwerb gerichtet; zu Haufe schien ihm, ganz im Widerspiel mit seinem sonstigen Rufe, jede anhaltende Beschäftigung lästig, und er unterzog sich lieber einer harten, aber kurzen Anstrengung, die ihm bald erlaubte, seinem früheren Hirten- amte wieder nachzugehen, was bereits begann, feinem Alter unpassend zu werden, und ihm gelegentlichen Spott zuzog, vor dem er sich aber durch ein paar derbe Zurechtweisungen mit der Faust Ruhe verschaffte. So gewöhnte man sich daran, ihn bald geputzt und fröhlich als anerkannten Dorfelegant an der Spitze des jungen Volks zu sehen, bald wieder als zerlumpten Hirtenbuben einsam und träumerisch hinter den Kühen her- schleichend, oder in einer Waldlichtung liegend, scheinbar gedankenlos und das Moos von den Bäumen rupfend.
Um diese Zeit wurden die schlummernden Gesetze doch einigermaßen aufgerüttelt durch eine Bande von Holzfrevlern, die unter dem Namen der Blaukittel alle ihre Vorgänger so weit an List und Frechheit übertraf, daß es dem Langmütigsten zuviel werden muhte. Ganz gegen den gewöhnlichen Stand der Dinge, wo man die stärksten Böcke der Herde mit dem Finger bezeichnen konnte, war es hier trotz aller Wachsamkeit bisher nicht möglich gewesen, auch nur ein Individuum namhaft zu machen. Ihre Benennung erhielten sie von der ganz gleichförmigen Tracht, durch die sie das Erkennen erschwerten, wenn etwa ein Forster noch einzelne Nachzügler im Dickicht verschwinden sah. Sie verheerten alles wie die Wanderraupe, ganze Waldstrecken wurden in einer Nacht gefällt und auf der Stelle fortgeschafft, so daß man am andern Morgen nichts fand als Späne und nvüste Haufen von Topholz, und der Umstand, daß nie Wagenspuren einem Dorfe zuführten, sondern immer vom Flusse her und dorthin zurück, bewies, daß man unter dem Schutz und vielleicht mit dem Beistände der Schiffseigentümer handelte. In der Bande muhten sehr gewandte Spione fein, denn die Forster konnten wochenlang umsonst wachen; in der ersten Nacht, gleichviel, ob stürmisch oder mondhell, wo sie vor Uebermübung nachließen, brach die Zerstörung ein. Seltsam war es, daß das Landvolk umher ebenso unwissend und gespannt schien als die Forster selber.
Von einigen Dörfern ward mit Bestimmtheit gesagt, daß sie nicht zu den Blaukitteln gehörten, aber keines konnte als dringend verdächtig bezeichnet werden, seit man das verdächtigste von allen, das Dorf B., freisprechen mußte. Ein Zufall hatte dies bewirkt, eine Hochzeit, auf der fast alle Bewohner dieses Dorfes notorisch die Nacht zugebracht hatten, wäh-


