Volksmenge, tat mir Wohl, und mich verschiedenen Gedanken über- lassens an denen der alte Spielmann nicht den letzten Anteil hatte, war es völlig Nacht geworden, als ich endlich des Rachhausegehens gedachte, den Betrag meiner Rechnung auf den Lisch legte und der Stadt zuschritt.
(Fortsetzung folgt.)
Oer Geburtstag.
Kleine Novelle von Felix Langer.
Es war ein plötzlicher Entschluß, der Franz an seinem vierzigsten Geburtstag ans Telephon zwang und Isa anrufen lieh. Er hatte sie jahrelang nickt gesprochen, trotzdem erkannte sie seine Stimme sofort.
„Wie geht's?"
„Wie geht's?"
Die üblichen Fragen schienen Befangenheit auf beiden Seiten zu maskieren. Es war zwanzig Jahre her, daß sie miteinander befreundet gewesen, er, der Schule knapp entronnen und Lehrling in einer Farben- A-G., sie, gerade siebzehn geworden, Stenotypistin in einem Anwalts- bureau. Mit allem Ueberschwang der ersten Liebe hatten sie bei Butterbrot und Flaschenbier Feste gefeiert, die kein Krösus sich hätte für Gold erkaufen können, Heute war Franz Chef einer eigenen Fabrik imd auch Isa hatte Karriere gemacht, ihr Anwalt hatte sie geheiratet. «Schicksal, Schicksal, sie hätte zu lange auf Franz warten müssen, der zäh an seinem Ziel arbeitet«, eigner Herr in einem eignen Betriebe zu werden.
„Weißt du, daß ich heute Geburtstag habe," sagte Franz.
„Wirklich?" Ich gratuliere. Natürlich, um diese Zeit herum war es ja immer. Der wievielte ist es denn?
„Der Vierzigste."
.Minder Gottes!" stöhnte Isa, „Man wird alt.
„Es ist zwanzig Jahre her, daß wir einander kennenlernten," sagte Franz. „Willst du meinen Geburtstag mit mir feiern?"
„Ich?" Es klang überrascht, doch mit einem Anflug von Lüsternheit nach der Abwechslung, die der Anlaß verhieß.
„Eigentlich — ging« «s. Mein Mann ist verreist. Wo willst du...
Es schien Franz zu billig, wenn er antwortete: bei mir. Er überlegte, dann sagte er, „Erinnerst du dich noch an den Tag, da wir zum ersten Male miteinander ausgingen? Es war an meinem zwanzigsten Geburtstag. Wir kamen zum Feenschloß am See und wären gern hineingegangen, aber ich hatte nicht genug Geld für das teure Restaurant. So gingen wir in ein einfaches Bräu und waren trotzdem sehr lustig. Wollen wir das Feenschloß heute nachholen? Ich habe einen neuen Wagen und mit dem Selbe wird es diesmal auch reichen."
Isa lachte: „Zwanzig Jahre sind immerhin «in« lange Zeit, ich bin aber einverstanden. Du hupst um sechs vor meiner Wohnung?"
Isa war mit ihren siebenunddreißig sehr jung geblieben, schlank und mädchenhaft. Die Illusion, daß es die einstige Isa sei, mit der Franz ins Feenschloß fuhr, wurde höchstens durch die Kostbarkeit ihrer Kleidung gestört, die sich von ihren billigen Mädchenkleibern wesentlich unterschieb. Sie erzählt« von ihren Kindern, in zwei Jahren würbe der Junge das Abitur machen, und auch ihr Mädchen wolle studieren. Sie selbst sei im Sommer in Scheveningen gewesen, für den Herbst sei Oberitalien geplant, was man im Winter machen würde, wiße man noch nicht.
Franz, der Isa in einer leicht sentimentalen Stimmung erwartet hatte, geneigt zu Reminiszenzen, mußte unwillkürlich in Isas Fahrwasser kommen und mit Gleichwertigem aufwarien, mit Reisen, Neumöblierung seiner Wohnung und gesellschaftlichen Plänen für die Saison. Als sie am Feenschloß hielten, erkannten sie es nicht mehr, es war renoviert worden.
„Es war aber schon sehr nötig," fragte Isa, „man konnte in den Raumen nicht mehr recht sitzen, geschweige denn tanzen." Das Essen sei auch nicht mehr auf der Höhe gewesen und die Bedienung salopp. Man gehe jetzt lieber zu „Tiensin" am anderen Ufer, man müsse dort mit dem Auto über die Fähre und das eben sei das Erregende und gesellschaftlich Verlockende. Uebrigens freien Coblers mit ihrem Horch neulich beinahe ins Wasser gefallen.
Franz hatte ein besonderes Souper zusammenstellen wollen, «J|a hatte widersprochen, sie lebe nach Kalorien, höchstens eine Tasse Tee ohne Zucker dürfe sie heute noch zu sich nehmen, kein Berführungsversuch konnte sie erschüttern. So taute Franz an einem Schnitzel und nippte an einem Glase Mosel, während Isa, da sie nichts aß, ohne Unterbrechung erzählte, erzählte... Und Franz mußt« unwillkürlich denken, daß sie damals, als süßer Balg von siebzehn, kaum ein Auto von einer Lokomotive unterschieden hatte, ein Ausflug in der überfüllten Elektrischen hatte sie mehr entzückt als heute vielleicht Oberitalien plus Scheveningen, auch,von Kalorien hat« sie nichts gewußt. Aber entzückend war sie gewesen, jung und natürlich. Nicht abzusehen, wie sie sich gefühlt hätte, wenn er damals an seinem zwanzigsten Geburtstag die paar Mark für em Abendessen im Feenschloß hätte entbehren können, das sie heute nicht mehr mondän genug fand. Es war ihm plötzlich als sei es sehr lächerlich, daß er hier mit Isa zusammen aß, um «inen Tag zu feiern, der im Grund« genommen gar nicht feiernswert war. Er ließ nur allzudeuttich die Entfernung erkennen, die zwischen Wünschen und Zielen, zwischen Traumen und Wirklichkeiten, zwischen Jugend und blasierter Reise lag. Es war Franz, als habe er hinter einer bunten Kugel herlaufen wollen, di« ihm entglitten war, ängstlich bemüht, sie wieder einzufangen. ,
Ein Pärchen erschien auf der Terrasse, ein Junglmg mit Brille und langen Haaren, das Mädel blond und bildhübsch. Der Ober kam mit der Speisekarte. „Können mir Kaffee und Kuchen bekommen, fragte der Jüngling. Mit verachtend-überlegenem Achselzucken legte der Kellner bie Speisekarte fort und korrigiert« betont: „Mokka in Kännchen!
„Haben Sie nicht Kaffee in Taffen?"
„Nein," knurrt« der Ober. Zögernd bestellte der Jüngling
Franz hatte zugehört und mußte lächeln, schmerzlich durchklungen. Es war ihm, als fei er selbst der Jüngling, vor zwanzig Jahren, und Isa das Mädchen vor der gleichen Frist. Genau so hatte er bamafs tm, Restaurant bestellt, wenn sie zusammen ausgegangen waren. Mit einem
seltsam beglückenden, beinahe väterlichen Gefühl betrachtet« er bie beiden jungen Menschen, die sich in dem eleganten Restaurant nicht überaus wohl zu fühlen schienen, weil sie beide wahrscheinlich an die durch die unerwartete Mehrausgabe gebotenen Sparmaßnahmen für morgen denken mußten.
Franz erhob sich und ging dem Ober nach, von einem plötzlichen Em° falle getrieben. Er bestellte ein Souper wie er es für sich und Isa hatte bestellen wollen. „Wenn wir fort sind, servieren Sie es den jungen Herrschaften und geben Sie ihnen diesen Zettel." Er riß ein Blatt aus feinem Notizbuch und kritzelte ein paar Worte. Dann zahlte er und holte Isa, die sich indessen zum Aufbruch bereit gemacht hatte, das heißt mit Lippenstift und Rouge koloriert hatte. Sie wollte geradewegs zum Auto, doch Franz zog sie beiseite hinter die Weinumrankung der Terrasse, von wo aus man das junge Pärchen sehen konnte. Gerade servierte der Kellner die Vorgerichte und überreichte den Zettel. Der Jüngling nahm ihn erstaunt entgegen, das Mädchen steckt« neugierig (ein Näschen über den Tisch, und er las: „Bitte lassen Sie sich diesen kleinen Imbiß so gut schmecken, wie er dem Absender vielleicht geschmeckt hätte, wenn er so jung und so glücklich wäre wie Sie."
Die beiden sahen einander verblüfft an. Der Jüngling schien gesonnen mit Männerstolz den Ober herbeirufen zu wollen, weil sich in seiner Brust offenbar Abwehrgefühle gegen das Geschenk regten, das überdies vielleicht ein schlechter Scherz, nachträglich mit einer hohen Rechnung zu bezahlen, sein konnte. Da kam der Ober wieder und entkorkte den Wein. Eva lächelte Adam an, gewillt ihn zum Apfelschmaus zu verfuhren und die Gesten des Obers schienen zu erläutern, woher die Spende kam. Der literarisch bebrillte Jüngling schien zu begreifen, daß das Erlebnis vielleicht einen tragischeren Hintergrund haben mochte, als di« lockenden Delikatessen auf dem weißen Tischtuch vermuten lassen konnten und formulierte offenbar jetzt feinen Eindruck tiefsinnig-philosophisch, denn über das Gesicht des Mädchens huscht« der Schatten echt weiblichen Mitleids, als begriffe es, daß es sich um nicht ganz glückliche Liebesangelegenheiten handle. Aber der Hunger und die Jugend siegten in beiden über die sentimentalen Regungen und während Franz, ernster geworden, als ihm recht war, die sacht begreifende Jfa zum Wagen führte, griffen bie beiden jungen Menschen übermütig zu, und die Krebsscheeven krachten zwischen ihren Zähnen.
K-ndercheaier.
Von Martin Borrmann. -
Mein vierzehnjähriger Freund, in einer abgelegten Uniform über die Bühne stampfend, spielte einen verfolgten preußischen Offizier aus ben Freiheitskriegen. Um anzudeuten, daß es die Zeit napoleonischer Bewegung war, in welcher sein Spiel sich abrollte, trug er zum Waffenrock statt der Uniformhose seine Unterbeinkleider. Es war mein bester Darsteller, der „Star" unter der teils überaus eifrigen, teils widerspenstigen Theatertruppe, der ich, selber erst vierzehnjährig, als Direktor vorzustehen die Ehre hatte. ' ™ „
Fast alle wollten wir damals zur Bühne. Mit meinem Star hatte ich einen Kontrakt abgeschlossen. Der Kontrakt enthielt alle Punkte, die wir uns damals als wesentlich dachten für die Forderungen eines Stars: daß ich ihm Schminke und Uniform zu liefern hatte, daß er nur zu einer bestimmten Anzahl von Proben zu erscheinen verpflichtet wäre und hoc^ ftens mit einem Mitglied feine Garderobe zu teilen hätte — und daß ich sogar die Vorstellung abfagen mühte, wenn er wider Erwarten heiser werden sollte. Uebrigens wußten wir beide, daß dies alles nur Scherz war. Aber wir hätten beide überhaupt nicht Theater gespielt, wenn die Würze dieser unwägbaren Nebenreize nicht gewesen wäre.
Es waren selig« Jahre. Die Schularbeit drückte, aber wir gaben ihr diesen Druck zurück. Am Sonntag trugen wir schon Gewandungen, dl« ein wenig in Herrenschnitt gehalten waren und zu denen Stehkragen gehörten Aber wochentags ruderten wir in Matrosenanzügen auf dem Oberteich herum, von Entdeckerlust und dem Geheimnis unserer Herzen bedrängt, oder fuhren Rad auf der Chaussee nach Gvanz, Bache und Wälder hierbei als Stätten unserer Expeditionen empfindend. Auch die Weit« des Landes, die dort anhob, wo wir umkehren und zu Erdbeeren mit Milch nach Haufe zurückkehren mußten, war Geheimnis.
In den Herbst- und Osterferien aber hielten wir täglich Proben zu Haufe ab. Das Stück aus den Freiheitskriegen war von einem Freunde verfaßt, der sich als Dichter Flod (ober auch manchmal Dolf) Sulow nannte. Leider weilte er während der Uraufführung auf dem Lande von dem er stammte — aber unser Kritiker (ich hatte chn zugleich mit der Truppe engagiert!) schickte ihm einen ausführlichen Bericht über die Vorstellung in welchem er von einem „Achtungserfolg seines Stucke- redete. Das Wort hatte uns allen unmäßig imponiert, obwohl wir famt dem Kritiker nicht wußten, was es bedeutete. ...
Danach rollte sich eine Jambentragodie ab, die ich selber verfaßt hatte. Sie hieß „Der rote Räuber" und spielte in Italien; jedenfalls waren die Namen der Personen italienischen Stücken entlehnt Hier war auf der Szene schon Schloß und Gebirge zu sehen. Der Aufbau war aus Min- lo-'schen Waschpulverkisten hergestellt worden. . .. .
Es entstand vor dem letzten Akt zwischen uns eine Spannung. Wurde es Kränze geben? Wer würde sie empfangen? Nun, es gab Kranz«. Es gab sogar einen Stoß in den Rücken von feiten eines Nebendarstellers, der sich vernachlässigt fühlte. Und der Lorbeer wanderte, als er entwertet ^Jch"sccker^hielt mich damals für einen Klassiker. Denn mein Freund, der Star meines Theaters, hatte bereits vor meiner Bekränzung em 3itat aus dem „roten Räuber" in einen Schulaussatz geschmuggelt. Da mein Freund die Quelle dieser Weisheit nicht angegeben hatte, war st«, vom Lehrer unbemerkt, ohne Tadelstrich wieder an ihn zunickgelangt. Ein Vers meines roten Räubers hatte also das Auge der Schillbehorde paniert, ohne ihr aufzufallen! Man hatte ihn nicht von einem Klafsiker- pers zu unterscheiden vermocht! Wahrscheinlich hatte man ihn für ein Zitat aus dem Tasso gehalten! Das machte mich natürlich stolz!


