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Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang <929 Montag, den März Kummer 20

Die Stunde schlug ...

Von Theodor Storm.

Die Stunde schlug, und deine Hand liegt zitternd in der meinen, an meine Lippen streiften schon mit scheuem Druck die deinen.

Es zuckten aus dem vollen Kelch elektrisch schon die Funken;

o fasse Mut und fliehe nicht, bevor wir ganz getrunken!

Die Lippen, die mich so berührt, sind nicht mehr deine eignen; sie können doch, solang du lebst. Die meinen nicht verleugnen.

Die Lippen, die sich so berührt, sind rettungslos gefangen; spät oder früh, sie müssen doch sich tödlich heimverlangen.

Dee Schuster von London.

Erzählung von Kory T o w s k a.

Marquis von St. Herem, ein zäher Diplomat und Mann von stolzer, kalter Denkart, war Gesandter Frankreichs am Hof der Königin Elisabeth von England. Als er eines Tages ein Paar neue Schuhe brauchte und sich nach dem besten Schuhmacher Londons erkundigte, nannte man ihm einen gewissen Vezins. Er berief diesen und war im höchsten Grade er­staunt, einen jungen Mann von reizendem Aussehen und tadellosem An­stand zu finden, den er, hätte er ihn in besserem Anzug irgendwo ge­troffen, gewiß für einen Edelmann gehalten hätte

Während er sich von ihm Maß nehmen ließ, trat zufällig seine Tochter Anne ins Zimmer und der Marquis befahl dem Vezins, feiner Tochter gleichfalls ein Paar Schuhe anzumessen. Das junge Mädchen, ebenso be­troffen wie ihr Vater von der Schönheit und Anmut des jungen Men­schen, wagte kaum, dem Befehle nachzukommen. Als der junge Hand­werker ihren Fuß in feinen Händen hielt, fuhr ein Zittern über ihren Körper. Auch die Hände des jungen Mannes zitterten, kaum konnten sie das Maßband halten. Und was etwa feine Bläffe und fein Beben noch verschwiegen, das sagte ihr der Blick, mit dem er zu ihr aufschaute. Wie ein Wetterstrahl war die Liebe in die beiden jugendlichen Herzen ge­fahren.

Der Marquis hatte nichts davon bemerkt und ahnte nicht, mit welch herzbeklemmender Ungeduld feine Tochter dem Augenblick entgegen- harrte, da der schöne Jüngling die fertigen Schuhe bringen würde. Der arme Bursche war lange mit sich uneins, ob er die Schuhe selbst hin­tragen ober einen Boten senden solle. Wer war er und wen liebte er! Diese Liede konnte ihm nur Unglück bringen. Je schneller er die hoff­nungslose Leidenschaft erstickte, desto besser für ihn. Trotzdem siegte schließlich der Wunsch, die Angebetete wiederzusehen und mit Herzklopfen betrat er neuerlich das Gemach.

Des Fräuleins rührender Ton, der Wechsel von Röte und Blässe auf ihren Wangen, die Verwirrung ihrer Worte und Blicke gaben ihm bei diesem Besuch die Gewißheit, daß seine Liebe nicht hoffnungslos fei, so­weit es sich um das Fräulein selbst handelte. Was ihr Vater dazu sagen wurde, danach fragte er in diesem Augenblick nicht. Sein Herz jubelte auf, kaum blieb er feiner mächtig genug, sich vor Herrn von St. Herem nicht zu verraten. Dieser war mit der Arbeit zufrieden und versprach weitere Aufträge. Der Blick aber, den das Fräulein dem Schuhmacher beim Ab­schied schenkte, beschwor ihn, nicht auf ein paar zerrissene Sohlen zu warten und seine Augen versprochen es ihr. Das Herz von den kühnsten Hoffnungen geschwellt, stürmte er so heftig durch das Vorzimmer, daß er mit einem vornehmen Herrn zufammenstieß, bei dem er sich artig entschuldigte.

Dieser Herr, Chevalier Francois de la Staue, bet, soeben aus Frank­reich angekommen, sich beim Gesandten seines Landes melden wollte, er­kundigte sich im Laufe des Gesprächs, wer der hübsche Junge gewesen sei, den er im Vorzimmer getroffen und dessen Aussehen und Manieren in einem so seltsamen Gegensatz zu feiner bescheidenen Kleidung stünden. Als er die Antwort erhielt:Der Schuster Vezins", ging es wie ein Auck durch seinen Körper.Vezins, sagen Sie?" fragte er in einer Er­regung, die der Marquis nicht verstand.Und Schuster?" fügte er kopf­schüttelnd hinzu.Ist der junge Mann Franzose?" Der Marquis zuckte die Achseln.Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, daß er gut arbeitet und ®a6 Ich ihn empfehlen kann." Woraus Herr de la Noue von etwas an­derem sprach. In ihrem Gemach erwog unterdessen das Mädchen die Aus­

sichten ihrer Liebe. Sie waren trübe genug. Was half es, daß der (Be­liebte wert war. Ahnen, Rang und Vermögen zu besitzen? Da er sie nicht besaß, konnte er niemals der ihre werden. Ihren Vater anzuflehen, wäre vergebens gewesen.

Während Anne de St. Herem sich solchen trüben Gedanken überließ, schwelgte ihr Anbeter in der Erinnerung an das Geständnis ihrer Liebe, das ihr Auge ihm so unwiderleglich vermittelt hatte. Und vor diesem Geständnis schwand aller Kleinmut dahin, alle vernünftigen Erwägungen und gesellschaftlichen Bedenken. Er wollte, er muhte die Geliebte erringen. Da die übrigen Wege verrammelt waren, blieb nur die Flucht. Doch wohin? Das war die einzige Frage, die ihm noch Kopfzerbrechen machte. Doch der Gott der Liebe, so hoffte er, werde ihm auch weiter hilfreich sein. Und er behielt recht.

Noch am selben Tage wurde er zu Herrn de la Noue gerufen, um ihm ein paar Schuhe anzumeffen. Während er seine Arbeit tat, ruhten die Blicke des Chevaliers sonderbar forschend aus seinem Antlitz. Unablässig hatten sich die Gedanken des alten Mannes in den letzten Stunden mit dem Jüngling befaßt. Den Namen Vezins hatte des Herrn de la Noue einzige Schwester getragen, die er vor fünfundzwanzig Jahren an den Grafen Vezins, einen sehr reichen Edelmann zu Anjou, verheiratete. Die Ehe gestaltete sich unglücklich, weil Kindersegen ausblieb. Als endlich nach a Jahren ein Knabe geboren wurde, war es für die Gräfin zu spätz.

elle d'Ariagnan, ein Fräulein aus vornehmem aber verarmten Haufe, befaß des Grafen Herz und bald auch feine Hand, denn die Gräfin, ge­brochen durch Kummer und Demütigungen, siechte an den Folgen der Ge­burt hin und starb bald darauf. Das Knäblein folgte ihr in Kurzem. Niemals hatte Francois de la Noue das Los feiner einzigen Schwester verwinden können. Dieser Kummer war schuld, baß er unvermählt blieb und sich ganz dem Kriegshandwerk widmete, das ihm den NamenDer Eisenarm eintrug. Nun traf er hier in England einen jungen Menschen, der nicht nur die unvergessenen geliebten Züge der Schwester trug, son­dern auch ihren Namen und der, den Jahren nach, wohl ihr Sohn sein konnte. Von diesem Augenblick an war es des alten Kriegsmannes ein­ziges Bestreben, sich Gewißheit zu verschaffen, ob er hier nur vor einem Spiel des Zufalls stand ober vor der Lösung eines Verbrechens.

Ein halb vergessenes Gerücht war in ihm aufaetaucht, daß der Tod der Gräfin von Vezins durch verbrecherische Hand beschleunigt worden sei, und Daran knüpfte sich ihm nun ein zweiter Verdacht: wer die Gräfin getötet hatte, der konnte auch ihren Sohn, den Erben der Vezinsschen Güter, beseitigt haben. Möglichst unbefangen fragte er den jungen Mann nach seiner Herkunft, seinen Ettern. Was er erfuhr, machte seinen Ver­dacht zur Gewißheit. Der junge Vezins war ein angenommenes Kind, Franzose von Geburt, das fein Pflegevater, ein unbemittelter Handels­mann namens Williams, einst aus Anjou herübergebracht hatte. Da der junge Mann selbst ein mehreres nicht wußte, eilte Herr de la Noue zu dem Pflegevater. Im Anfang wollte dieser brave Mann nicht, mit der Sprache heraus, doch gestand er endlich, daß eine Kammerfrau zu An­gers, die er feit Jahren durch feine Handlesreifen kannte, ihm eines Tages heimlich das Würmchen gebracht und ihn weinend gebeten habe, es nach England hinüber zu retten, da ihm zu Angers der Untergang geschworen sei. Das habe er aus Menschlichkeit vollbracht und an dem Kinde sonst getan, was seine geringen Gliicksumstände erlaubten Mit dieser Kunde ausgerüstet, schiffte sich der Chevalier nach Frankreich ein. Dem wackeren William gebot er Verschwiegenheit, bis er die volle Klärung zu Angers erreicht haben würde. Der Handelsmann hielt fein Wort, doch konnte er sich nicht entbrechen, dem Pflegesohn zu sagen, wenn er je im Leben Hilfe brauche, so solle er sich an den Chevalier de la Noue wenden.

Was brauchte es mehr für den jungen Verliebten? Die Freistatt der Liebe war gefunden. Fortan gab es für ihn kein Hemmnis mehr. Bald war das Einvernehmen mit Anne hergestellt, und sie war bereit, mit dem Erwählten ihres Herzens nach Frankreich zu fliehen Sie verkaufte heimlich ihren Schmuck, und nun harrten beide nur der Gelegenheit, dem Marquis entweichen zu können. Dazu half eine Einladung der Königin zur Jagd an den Gesandten. Wenige Tage später warfen sich die beiden jungen Menschen Herrn de la Noue in seinem Schloß bet Singers zu Füßen.

Dem alten Krieger fiel es nicht schwer, dem Pärchen den verliebte« Streich zu verzeihen. Es war ihm gelungen, mit Hilfe der Aussage Wil­liams und der zum Glück noch lebenden Kammerfrau, die ränkefücht ge, geldgierige und geroiffenlofe Isabelle d'Ariagnan, jetzt Gräfin von Ve­zins, zu entlarven und der verdienten Strafe und Verachtung zuzuführen. Nichts stand mehr im Wege, den jungen Vezins als gesetzmäßigen Erben seines inzwischen verstorbenen Vaters einzusetzen.

Nicht so leicht zur Verzeihung geneigt war der Marquis von St. Herem, der Himmel und Hölle in" Bewegung gesetzt hatte, die Spur der entflohenen Tochter zu finden, was ihm bei feinen Machtmitteln als Gesandter schnell geglückt war. Der stolze Mann glaubte vom Schlag ge-