Gustav Adolfs Paqe.
Novelle von Tonrad Ferdinand Meyer.
(Sortlegung.i
kV.
In der Dämmerstunde desselben ereignisvollen Tages wurde dem König ein mit einem richtig befundenen Saivokonduit versehener fried» ländischer Hauptmann gunetdet. Es mochte sich um die Bestattung der in dem letzten Zusamm. «.stoße Gefallenen oder forst um ein Abkommen handeln, wie sie zwischen sich gegenüberliegenden Heeren getroffen werden.
Page Leubelfing führte den Hauptmann in das eben leere Emp- fangsztmmer. ihn hier zu verziehen bittend: er werde ihn anjagen. Der Wailensteiner aber, ein hagerer Mann m t einem gelben verschlossenen Gesichte, hielt ihn zurück: er ruhe gern einen Augenblick nach feinem rafchtw R.tte. Nachlässig warf er sich aus einen Stuhl und verwickelte den Pagen, der vor ihm stehen geblieben-war, in ein gleichgültiges Gespräch.
„Mir ist," sagte er leichthin, „die Stimme wäre wir bekannt. Ich bitte um den Namen des Hernr." Leubelfing, der gewiß war,.dieje kalte und diktatorische Gebärde nie in feinem Leben mit Augen gesehen zu haben, erwiderte unbefangen: „Ich bin des Königs Page, Leubelfing von Nüremberg, Gnaden zu dienen."
„Eine kunstfertige Stadt", bemerkte der andere gleichgültig. „Tue mir der junge Herr den Gefallen, diesen Handschuh —es ist ein linker —zu probieren. Man hat mir in meiner Jugend-bei den Jesuiten, wo ich erzogen wurde, die demütige und dierstfertige Gewohnheit eiage- prägt, die sich jetzt für meine Hauptmannichast nicht mehr recht schicken will, verlorene und am Wege liegende Gegenstände auszuheben. Das ist mir nun so geblieben." Er zog einen ledernen Reithandschuh aus der Tasche, wie sie damals allgemein getragen wurden. Nur war dieser von einer ausnahmsweisen Eleganz und von einer auffallenden Schlankheit, jo daß ihn wohl neun Zehntel der wallensteinischen oder schwedischen Sol^atenhände hineinfahrend mit dem ersten Ruck aus allen seinen Nähten gesprengt hätten. „Ich hob ihn draußen von der untersten Stufe der Freitreppe."
Leubelfing, durch den kurzen Ton und die befehlende Rede de« Hauptmanns etwas gestoßen, aber ohne jedes Mißtrauen, ergriff in gefälliger Höflichkeit den Handschuh und zog sich denselben über die -schlanken Finger. Er saß wie angegossen. Der Hauptmann lächelte zwei» oeut g. „Er ist der Eurige", sagte er.
„Nein, Hauptmann," erwiderte der Page befremdet, „ich trage kein ko feines Leder." „So gebt mir ihn zurück^ und der Hauptmann nahm Sen Handschuh wieder an sich.
Dann erhob er sich lang,am von seinem Stuhl und verneigte sich, -denn der König war eingetreten.
Dieser tat einige Schritte mit wachsendem Eistaunen-und feine stark- gewölbten strahlenden Augen vergrößerten sich. Dann richtete er an den Gast die zögernde« Worte: „Ihr hier, Herr Herzog?" Er hatte-de» Friedländer nie von Angesicht geschen, aber oft dessen überallhin ver» breitete Bildnisse betrachtet, und der-Kops war so eigentümlich, daß man ihn m t keinem andern verwechseln konnte. Wallenstein bejahte mit einer zweiten Verneigung.
Der König erwiderte sie mit -ernster Höflichkeit: ,Lch grüße die -Hoheit und stehe zu Diensten. Was wollet Ihr von mir: Herzog?" Er winkte den Pagen mit einer Gebärde weg.
Leubelfing flüchtete sich in seine anliegende Kammer, welche, ärmlich ausgerüstet, ein schmaler Riemen, zwischen dem Empfangszimmer-und dem Schlafgemach des Königs, dem ruh gsten des Hauses, lag Er war erschreckt, nicht durch die Gegenwart des gefürchteten Feldherrn, sondern durch das Unheimliche dieses späten Besuches. Ein dunkles Gefühl zwang ihn, denselben mit seinem Schicksale in Zusammenhang zu bringen.
Mehr von Angst als von Neugierde getrieben, öffnete er leise einen tiefen Schrank, aus welchem er, — wenn er — wenn es gefügt werden mutz — durch eine Wandspalte den König schon einmal — nur einmal — belauscht hatte, um ihn ungestört und nach Herzenlust zu betrachten. Datz sein Auge und abwechselnd fein Ohr setzt die Spalte nicht mehr verließ, dafür sorgte dec seltsame Inhalt des belauschten Gespräches.
Die sich Gegenübersttzenden schwiegen eine Weile, sich betrachtend, ohne sich zu fixieren: Sie wußten, datz, nachdem die das Schicksal Deutschlands bestimmende Schachpartie mit vieldeutigen Zügen und verdeckten Plänen begonnen und sich auf allen Feldern verwickel! hatte, vor der entscheidenden, eine neue Lage der Dinge schaffenden Schiacht das unterhandelnde Wort nicht am Platze und ein Uebereinkommen unmöglich sei. Diesem Gefühle gab der Friedländer Ausdruck. „Majestät," sagte er, „ich komme in einer persönlichen Angelegenheit." Gustav lächelte kühl und verbindlich. Der Friedländer aber begann:
„Ich pflege im Bette zu lesen, wann mich der Schlaf meidet. Gestern oder heute früh fand ich in einem französischen Memoirenwerke eine unterhaltende Geschichte. Eine wahrhaftige Geschichte mit wörtlicher Angabe der gericht! chen Deposition des Admirals — ich meine den Admiral Eoligny, den ich als Fekdherrn zu schätzen weiß. Ich erzähle sie mit der Erlaubnis der Majestät.- Bei dem Admiral trat eines Tages ein Partisan ein, Poltrot oder wie der Mensch hieß. Wie ein halb Wahnsinniger warf er sich auf einen Stuhl und begann ein Selbstgespräch, worin er sich über den politischen und militärischen Gegner des Admirals, Franz Guije, leidenschaftlich äußerte und davon redete, den Lothringer aus der Welt zu schaffen. Es war, wir gesagt, das Selbstgespräch eines Geistesabwesenden und es stand bei dem Admiral, welchen Wert er darauf legen wollte — ich möchte die Szene einem Dramatiker empfehlen, sie wäre wirksam. Der Admiral schwieg, da er da» Gerede des Menschen für eine leere Prahlerei hielt, und Franz Guife fiel, von einer Kugel —"
»Hat Eoligny so gehandelt," unterbrach der König, „so tobte ich ihn. Er tat unmenschlich und unchristlich."
'u-rantwortltcb: Dr. Hans Lpyriot. — Druckund Verlag: Brühl
„Und unritterlich". höhnte bet FriedkSWer fatfe
,Jtur Sache, Hoheit", bat -der König.
„Majestät, etwas Aehnliches ist mir heute begegnet, nur hat btt zum Mord sich Erbietende eine noch künstlichere Szene ins Werk gesetzt. Einer der Eurigen wurde gemeldet, und da ich eben beschäftig! war, ließ ich ihn in das Nebenz.mmer führen. Als ich eintrat, tuar « in der schwülen Mittagsstunde entschlummert und sprach heftig im Traume. Nur wenige gestammelte Worte, aber ein Zusammenhang ließ ich erraten. Wenn ich daraus klug geworden bin, hätte ihn Eure Ma» eskät, ich weiß nicht womck, tödlich beleidigt, und er märe entschlossen, a genötigt, den König von Schweden umzubringen um jeden Prei^ ober wenigstens um einen anständigen Preis, was ihm leicht sein werd«, da er in der Nähe der Majestät und in deren täglichem Umgang lebt Ich weckte dann den Träumenden, ohne ein Wort mit ihm zu verlieren, wenn nicht daß ich nach seinem Begehr fragte. Es handelte sich um Auskunft über einen schon vor Jahren in kaiserlichem Dienste ver» schollenen Rheinländer, ob er noch lebe oder nicht. Eine Erbsache. Ich gab Bescheid und entließ den Listigen. Nach seinem Namen fragte ich ' ihn nicht; er hätte mir einen falschen angegeben. Ihn aber auf bat Zeugnis abgerissener Worte einer gestammelten Traumrede zu sep haften, wäre untunlich und eine schreiende Ungerechtigkeit gewesen."
^Freilich", stimmte der König bei.
„Majestät," sprach der Friedländer jede Silbe schwer betonend, „ix bist gewarnt!"
Gustav sann. „Ich will meine Zeit nicht damit verlieren und mein Gemüt nicht damit vergiften," sagte er, „so zweifelhaften und verwischt«, Spuren nachzugehen. Ich stehe in Gottes Hand. Hat die Hoheit kein« weiteren Zeugen oder Indizien?"
Der Friedländer zog den Handschuh hervor. „Mein Öhr und dies«, Lappen da! Ich vergaß der Majestät zu sagen, daß der Träumer schlank war und ein ganz charakterloses, nichtesagendes Gesicht, offenbar ein« jener eng anschließenden Larven trug, wie sie in Venedig mit der größten Kunst verfertigt werden. Aber feine Stimme war angenehm markig ein Bariton oder tiefer Alt, nicht unähnlich der Stimme Eures Pagen, und der Handschuh, der ihm entfiel und bei mir liegen blieb, fitzt selbigem Herrn wie angegossen."
Der König lachte herzlich. „Ich will mein schlummerndes Haupt t, den Schoß meines Leubelfings legen", beteuerte er.
„Auch ich," erwiderte der Friedländer, „kann den jungen Mensch«, i nicht beargwöhnen. Er hat ein gutes, ehrliches Gesicht, dasselbe keck« Bubengesicht, womit meine barfüßigen böhmischen Bauernmädchen herumlaufen. Doch, Majestät, ich bürge für keinen Menschen. Ein Gesicht kann täuschen und — täuschte es nicht —- ich möchte keinen Pagen um mich sehen, wäre es mein Liebling, dessen Stimme klingt wie bl« Stimme meines Hassers, und dessen Hand dasselbe Maß hat mit bi« Hand meines Meuchlers. Das ist dunkel. Das ist ein Verhängnis. Da« kann verderben."
Gustav lächelte. Er mochte sich denken, daß der großartige Empor- kömmling jetzt, da er durch seinen ungeheuerlichen Pakt mit dem Hab«- burger das Re ch des Unausführbaren und Chimärischen betreten hott«, mehr als je allen Arten von Aberglauben huldigte. Den Innern Widerspruch durchschauend zwischen dem Glauben an ein Fatum und den Brr- . suchen, dieses Fatum zu entkräften, wollte der feines lebendigen Gotte« Gewisse mit keinem Worte, nicht mit einer Andeutung ein Gebiet berühren, wo das Blendwerk der Hölle, wie er glaubte, sein Spiel trieb. Er ließ das Gespräch fallen und erhob sich, dem Herzog für sein loyale« Benehmen dankend. Doch -griff er dabei nach dem Handschuh, welche« - der Friedländer nachlässig aus ein zwischen ihnen stehendes Tischchc« geworfen hatte, aber mit einer fo kurzsich igen Gebärde, daß sie bem scharf blickenden Wallenstein, der sich gleichfalls erhoben hatte, feiner- seits ein unwillkürliches Lächeln abnötigte.
„Ich sehe mit Vergnügen," scherzte der König, den Friedländer gegen die Türe begleitend, „daß die Hoheit um mein Leben besorgt ist."
„Wie sollt' ich nicht?" erwiderte dieser. „Ob sich die Majestät und 14 mit unfern Armaden bekriegen, gehören die Majestät und ich" — der ] Herzog wich höflich einem „wir" aus — „dennoch zusammen. Einer ist undenkbar ohne den andern und" — scherzte er seinerseits — „ftürjft . die Majestät oder ich von dem einen Ende der-Weltschaukel, schlüge da« andere unsanft zu Boden."
Wieder sann der König und kam unwillkürlich auf die Sernratung, irgeitbeine himmlisch« Konjunktur, eine Sternstellung habe dem Friedländer ihre beiden Todesstunden Im Zusammenhänge gezeigt, eine der anderen folgend mit verstohlenen Schritten und verhülltem Haupte. Seltsamerweise gewann diese Vorstellung tvvtz seines Gottoertrauen« plötzlich Gewalt über ihn. Jetzt fühlte der christliche König, daß di« ! Atmosphäre des Aberglaubens, welche den Friedländer umgab, ihn W \ zustecken beginne. Er tat wieder einen Schritt gegen den Ausgang.
„Die Majestät," endete der Friedländer fast gemütlich seinen 8« ; such, „sollte sich wenigstens ihrem Kinde erhalten. Die Prinzeß lernt brav, wie ich höre, und ist der Majestät an das Herz gewachsen. Wenn mmt keine Söhne hat! Ich bin auch solch ein Mädchenpapa!" Damit empfahl i sich der Herzog. f
Noch sah der Page, welchem das belauschte Gespräch wie ein ®t* fpenst die Haare zu Berge getrieben hatte, daß Gustav sich in sein«« Sessel warf und mit dem Handschuh spielte. Er entfernte das Auge do« der Spalte, und in die Kammer zurückwankend, warf er sich neben dcv> Lager nieder, den Himmel um die Bewahrung seines Helden onflchcnd, dem seine bloße Gegenwart — wie der Friedländer meinte und er selbst nun zu glauben begann — ein geheimnisvolles Unheil bereiten konnte. „Was es mich koste," gelobte sich der Verzweifelnde, „ich will mich ihm losreißen, ihn von mir befreien, damit ihn meine unheimliche 3W nicht verderbe."
(Fortsetzung folgt))
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