rührt zu werden, als er die Zitternde fand und neben ihr seinen Scyuster. Erst als er vernahm, daß dieser Schustergeselle des Herrn de la Naue Nesse war, des Grasen Vezins Sohn und im Begriff, von Rat und Parlament zu Anjou feierlich in alle Rechte dieser berühmten Fa- milie eingesetzt zu werden, söhnte er sich mit der Wahl seiner Tochter aus und das liebende Paar konnte am Altar den Bund ewiger Treue schließen.

Jahre vergingen. Drei liebliche Kinder umspielten die glücklichen Eltern, und die Tage flössen dahin in ungetrübter Freude. Da erhielt Vezins eines Tages die ihn tief betrübende Nachricht, daß sein Pflege­vater gestorben sei, der Brave, den er reich belohnt hatte. Zu gleicher Zeit empfing de la Noue einen Brief von der Hand des Geistlichen, der Williams letzte Beichte empfangen. Gemäß dem Wunsche des Toten sei er verbunden, Herrn de la Noue mitzuteilen, daß der Säugling, den Williams einst redlich nach England, retten wollte, die Meerfahrt nicht Überstand. Jener Jüngling, den der Chevalier als Neffen und das Gesetz als Grasen von Vezins anerkannt habe, sei Williams leiblicher Sohn ge­wesen, den er unter dem Namen des gräflichen Kindes erzogen habe, um ihm die Möglichkeit eines Glücksalles offenzuhalten, wie solcher denn auch tatsächlich eingetreten sei. Er wolle nicht mit einer Lüge vor den höchsten Richter treten. Herr de la Noue aber möge nach seiner Weisheit tun und reden oder schweigen.

Als der Edelmann diesen Brief gelesen hatte, brauchte er eine Weile, um seine Gedanken zu ordnen. Also doch Schuster! Ohne Rang, ohne Stand, ohne Ahnen! Aber nicht ohne Adel! Denn was sonst wäre ihm ausgefallen an dem schlichtgekleideten jungen Menschen? Die Aehnlichkeit mit der Schwester? Er wußte längst, daß sie Täuschung war. ein Blend­werk, nachträglich hervorgerufen durch den Namen Vezins, wie so vieles hier auf Erden Blendwerk ist, nur weil es einen großen Namen führt. Die liebende Anne allein hatte sich durch nichts blenden lassen, sie hatte ihr Schicksal in die Hände des armen, niedrig geborenen, doch hoch den­kenden Menschen gelegt und war in ihrer Liebe nicht enttäuscht worden.

Francois de la Noue hat geschwiegen, auch in seiner letzten Stunde. DerEisenarm" fühlte sich stark genug, seine Sache vor Gott durchzu- kämpsen. Eine Lüge? Gewiß. Doch sagte ihm die innere Stimme, daß es hienieden Lügen gibt, die dort oben Wahrheiten sind.

Lago Maggiore«

Von Wilhelm H a u s e n st e i n.

Sie sollten auch einmal nach Ascona fahren, hören Sie?

Vom Gotthard geht es nach Bellinzona hinab, und schon dies ist Wohltat: aus dem grauen, nassen, mehr oder minder kalten Norden, aus dem Norden mit dem zumindest ungewissen Sonnenschein hinüberkommen in den Tessin, wo das Licht, die Wärme verbürgt ist, wo der Sonnen­schein, wo die warme Luft dasteht als ein gebauter Raum mit unerschüt­terlichen Fundamenten und Mauern; wo die Trockenheit nicht beklemmt, weil auch sie eine Form der Ueppigkeit ist. In Bellinzona zweigt sich die Bahn gegen Locarno ab; nach einer halben Stunde glänzt der Lago Maggiore im Licht des Nachmittags. Die Palmen werden zahlreicher; die Stützen der Neben sind Granitpfosten. Sie nehmen den Autobus nach Ascona oder, mit einigen Franken mehr, ein Taxi. Wenn Eie Zeit haben und gescheit sind (wer gescheit ist, hat immer Zeit), so warten Sie das Schiss ab, das von Locarno südwärts über den Lago fährt, und an der Piazza vor Ascona landet; manchmal ist auch ein Motorboot da, für die Luxuriöseren. Warten Sie ein Schiff ab; ich bitte Sie; essen Sie der­weilen eine Cassata bei der schönen Frau Ravelli. Sie werden sehen, was eine Cassata ist! Man sollte trachten, Ascona von der Wasserseite zu er­reichen; so wie man nicht von Mestra über den Bahndamm nach Venedig fahren sollte, sondern von Fusina her mit dem Schiff, das nahe der Piaz­zetta anlegt. Ascona wendet das Gesicht gegen den See. Man soll dem Städtchen oder ist es eigentlich ein Dorf? ein Markt? nicht in den Rücken fahren. Ascona schaut auf den Lago südwärts; es schaut auf die Bucht, und aus der Bucht soll man es ansehen, Antlitz gegen Antlitz. Ver­gißmeinnichtblaue und rosarote Häuser, cremegelbe und weiße, alle, alt, alle auf lateinische Weise einfach, alle ziemlich groß und etwas vernach­lässigt, säumen das Ufer die Niva von Ascona, die Piazza von As­cona. Da und dort schauen die Bäume eines Gartens über die graue Steinmauer, die mürb aussteht und dennoch hält.

*

Nun sind Sie da. Nun müssen Sie mit Ascona zuwege kommen.

Dies ist nicht ganz einfach; ich habe es erlebt; man kann für jedes berühmteBehagen vom ersten Augenblick ab" nicht Gewähr leisten! Vielleicht ist Ascona gerade etwas zu heiß. Eine fatalere Schwierigkeit: Ascona ist nicht leicht zu fassen. Ich meine: die ganze Situation, die As­cona heißt das Drum und Dran, die Landschaft, das Verhältnis des Ortes zur Landschaft. Eben darum habe ich geraten: kommen Sie zu Schiff an damit Sie mit einem festen Bild beginnen; das Gemüt braucht ein festes Bild; man muß eine Situation innehaben, um sich in ihr wohlzufühlen. Nun eben dies, dies Jnnewerden, Jnnehaben, wurde seltsam schwer; Ascona, die Welt um Ascona ist nicht leicht zu greifen mit Blicken und Gedanken, abgesehen von der Front gegen das Wasser. Man hat etwas Mühe, die Gestalt dieser Welt wahrzunehmen, ja zu ent­decken. Ich habe in den Tiroler Alpen verzeihen Sie den Ausdruck eine Nase wie ein Jagdhund; in und um Ascona habe ich die Wege ver­fehlt; ich konnte keinen behalten; das Gedächtnis fürs Oertliche, der bloße Sinn für Unterscheidungen waren wie gelähmt. Lag ich nachts im Dun­keln, so konnte ich die Linien der Berge nicht in meinem Halbschlaf zeichnen.

Indessen, man ist da; man bewegt sich hinein. Sonderbar: ich brachte eigentlich nicht das Gesühl zustande, da zu sein; ich verlor das Gefühl der eigenen Gegenwart an Ort und Stelle! Aber man muß sich um derlei nicht kümmern; man muh diesen Zustand der milden Idiotie sogar dank­bar hinnehmen; es sind Ferien und dies ist am Ende ihr rechter Stil.

Es gibt im übrigen allerlei da drunten, da drüben.

Es gibt:

Das Cafs Centrale der Signora Maria, in deren ermüdeten Zügen die Unsterblichkeit lateinischer Schönheit steht; sie bereitet einen Esp-csso, der Tote weckt, einen Cap.llair, in dem der Süden alle Schwedenpunsche schlägt, obwohl er es nicht nötig hätte; verrate ich, daß dies glühende Ge­tränk aus Kaffee, Rum, Zitrone, Vermouth und etlichen anderen Säften gemischt ist, so heißt dies nichts, denn es fehlt die persönlich mengende Menschenhand der Signora Maria.

Es gibt:

Wege, schmale Wege, zwischen hohen, grauen, uralten Mauern, un­verputzten Mauern, über deren Rand die riesigen und klargcsormten Blätter der Feigenbäume stehen oder ein Schwall rosenroter Oieander- blüten ein sanftes Feuer unter dem purpurblauen Himmel macht.

Terrassen auf den flachgedeckten Häusern, Terrassen, auf denen man schlafen kann, während der Nachtwind mit lauem, dennoch kräftigem Hauch um Lippen und Schläfen geht und das Firmament feststeht mit Sternen und Milchstraße, ob auch Sternschnuppen durch das Dunkel sah- ren, wie ein Feuerwerk.

Wälder mit zahmen Kastanien.

Balkone, aus denen man in der Dämmerung und in die Nacht hinein den roten Nobbiolo trinkt und den roten Freisa, die schäumen wie Cham­pagner.

Die Trattoria des Signor Quattrini, diese Tratttoria, die das Beiwort antica" im Schilde führt, so daß man an den Horaz denken muß; die Trattoria Quattrini mit der kühlen Vigna; wo die Neben sich um Gra­nitpfähle und Granitbalken ranken und der Risotto (zwar mit etwas zu­viel Safran), die Fische, der Polio arrestato, der Asti aus Muskateller­trauben, der Zabaglione aus Eigelb und Marsala köstlich schmecken.

Gärten mit weißen und roten Oleandern, immer wieder Oleandern, die nach Vanille duften, aber angenehmer als Vanille selbst, sozusagen nur gleichnishaft; Garten mit einer Fülle von Dahlien, Gärten mit hun­dert Blumenarten; Blumengärten, die voll sind und etwas müde vom heißen Sommer Blumengärten, die gleich Frauen im kostbarsten Alter, Frauen von vierzig, unter den dunkelgrünen Zedern stehen.

Endlich die reizende Fahrt nach Magadino drüben am andern User zum Abendessen im Garten des Albergo Suisse.

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Dies ist nicht alles! Es gibt die Straße hinab vom Monte Veritä, die Straße mit der Sicht auf Ascona und den See. Sie ist herrlich bei Tage und herrlicher bei Nacht: dann sind die Dächer schwarz; dann scheinen sie schwarzer Samt zu fein; Licht liegt wie von Nampenlampen hochge­worfen nur in der aufragenden Höhe getünchter Häuserwände in breiten, goldgelben Streifen, die von samtigen Schwärzen überschnitten werden. In einem hellen Wirtsgarten unten sieht man die Arbeiter Boc­cia spielen; der Spielplatz scheint eine saubere Bühne zu sein; die Spie­lenden find scharf belichtete Komödianten oder Marionetten; sie sind wie Figuren von Jacques Callot. Drunten imRiposo" ober im Ristorante Lago" wird getanzt; die Musik flattert herauf, verdünnt, ein wenig lächerlich, ein wenig heillos man hört es unverletzten Gemütes aus dieser geweihten Höhe des Standpunkts; jetzt fängt der Campanile an, und feine uralten Tone fallen ordnungslos in ben See, bröckelnbe Ruinen eines Glockenspiels aus entwichenen Jahrhunderten. Don Süden her kommt scharf, schneidend, seinblich bas Scheinwerferlicht des italienischen Zollboots. Der schöne Augenblick ist erstochen.

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Wir sind auf dem Höhenweg nach Ronco gegangen; hoch oben entlang dem See, der einem Strome gleichen würde, wenn er nicht stillstünde; dieser Weg war das Paradies. Wir fliegen auf den Cardada. Es ist eine beträchtliche Anstrengung gewesen. Wir sahen den See weithin nach Süden reichen; zwischen Bergkulissen kam immer wieder ein abgeschniticn blinkendes Stück Lago Maggiore zum Vorschein, weit hinaus; auf halber Höhe eines Berges, in einer Mulde, funkelte ein Alpfee, weih von Licht wie Schnee. Wir tranken und aßen in einer Bergwirtschaft. Die Bedienende war hübsch. Wir sagten fragenden Tones: Signorina? Sig­nora? Sie antwortete ironisch: e le stosse (es ist dasselbe kommt auf eins heraus).

Vorn gegen den Delta der Maggia hin, liegt derLido" von As­cona. Eine grüne Wiese; Bäume wie bei uns; eine heimlich-nördliche Landschaft. Ein langer Sandsaum davon mit hundert nackten Kindern, die springen, die mit Sand bauen und ins Wasser patschen; ihre einge­brannten Körperchen leuchten orange. Signor Antognini, mit dem Kops eines Malatesta, hakennasig, starknackig, einen blauen Blick von luziferi- scher Strenge entsendend, schreitet über den Strand, der ihm gehört; vollkommen' schön wie ein griechischer Palästrit, breitschultrig, schmal- Stig, die Kniescheiben eingetieft, nicht vorgeprellt, mit einer braunen lüfulatur bekleidet, deren Mächtigkeit das edle Maß nicht verloren hat. Wir liegen den ganzen Tag zum Baden umher und essen Trauben, Birnen, riesige Pfirsiche. Die Berge um den See stehen wie mit Eisen eines Bildhauers geschnitten, ihre Form hat mehr Ordnung, ich möchte sagen: mehr menschlich schöne Willkür als bas Gebirge bei uns; die Ge­birge unserer Heimat sind sozusagen naturalistischer. Die Schatten fangen an, schwerer zu werden: ihre dumpfe Bläue liegt früher do, dichter, breiter, länger als vorgestern: die Grünheit der besonnten Höhen enthalt ein leichtes Rostrot; der Herbst ist gekommen.

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Ach, es ist schön hier! Man gibt sich über nichts genau Rechenschaft, man ist seiner selbst und der Dinge umher nicht ganz sicher; aber man ist drinnen in dem Zustand, derAscona" heißt.

... und abends die Terrasse des Barons, die große Terrasse. Ueber der Ecke der Terrasse, dort, wo das Gemäuer des Geländers gegen ben See und gegen den Himmel verstößt wie die Spitze eines Schiffes dar steht der Torso einer griechischen Marmorfigur, einer Figur im gelosten,