der ihr so nah gestanden Hobe wie er. Unb wie sie bas Licht und die reine Lehre gehest i^ue, |o Hove fie nicht minder das Recht geliebt, was sich zu keiner Ze.! schöner und glänzender gezeigt, als in jenen schweren Tagen, die der [elig Entschlafenen nach dem Ratschlüsse Gottes auferlegt worden feien, damals, als er ihr nicht ohne Mühe das Zugeständnis erwirkt habe, den, an dem ihr Herz und ihre Seele hing, Wiedersehen zu dürfen, wenn auch freilich nur vor Zeugen und auf eine kurze halbe Stunde, da habe sie die wohl jedem hier in der Erinnerung gebliebenen Worte gesprochen: „Nein, nicht jetzt; es ist besser, datz ich warte. Wenn er unschuldig ist, so werd' ich ihn Wiedersehen, früher oder später; wenn er aber schuldig ist, so will ich ihn nicht Wiedersehen." Er freue sich, daß er diese Worte, hier am Grabe der Heimgegangenen, ihr zu Ruhm und Ehre, wiederholen könne. Ja, sie habe sich allezeit bewährt in ihrem Glauben und in ihrem Rechtsgefühl. Aber vor allem auch in ihrer Liebe. Mit Bangen habe sie die Stunden gezählt, in schlaflosen Nächten ihre Kräfte verzehrend, und als endlich die Stunde der Befreiung gekommen sei, da fei sie zusammengebrochen. Sie sei das Opfer arger, damals herrschender Mißverständnisse, das sei zweifellos, und alle die, die diese Mißverständnisse geschürt und genährt hätten, anstatt sie zu beseitigen, die hätten eine schwere Verantwortung auf ihre Seele geladen. Ja, dieser frühe Tod, er müsse das wiederholen, sei das Werk derer, die das Gebot unbeachtet gelassen hätten: „Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten."
Und als er dieses sagte, sah er scharf nach einem entblätterten Hagebuttenstrauch hinüber, unter dessen roten Früchten die Jeschke stand und dem Vorgänge, wie schon damals in der Kirche, mehr neugierig als verlegen folgte.
Gleich danach aber schloß Eccelius seine Rede, gab einen Wink, den Sarg hinabzulassen, und sprach dann den Segen. Dann kamen die drei Hände voll Erde, mit sich anschließendem Schmerzblick und Händeschütteln, und ehe noch der am Horizont schwebende Sonnenball völlig unten war, war das Grab geschlossen und mit Asterkränzen überdeckt.
Eine halbe Stunde später, es dämmerte schon, war Eccelius wieder in seiner Studierstube, das Samtkäpsel auf dem Kopf, das ihm Frau Hradscheck vor gerade Jahresfrist gestickt hatte. Die Bauern aber saßen in dec Weinstube, Hradscheck zwischen ihnen, und faßten alles, was sie an Trost zu spenden hatten, in die Worte zusammen: „Immer Courage, Hradscheck! Der alte Gott lebt noch" — welchen Trost- und Weisheitssprüchen sich allerlei Wiederverheiratungsgeschichten beinah unmittelbar anschlossen. Eine davon, die beste, handelte von einem alten Hauptmann v. Rohr, der vier Frauen gehabt und beim Hinscheiden jeder einzelnen mit einer gewissen trotzigen Entschlossenheit gesagt hatte: „Nimmt Gott, so nehm' ich wieder." Hradscheck hörte dem allen ruhig und kopfnickend zu, war aber doch froh, die Tafelrunde heute früher als sonst aufbrechen zu sehen. Er begleitete Kunicke bis an die Ladentür und stieg dann, er wußte selbst nicht warum, in die Stube hinauf, in der Ursel gestorben war. Hier nahm er Platz an ihrem Bett und starrt« vor sich hin, während allerlei Schatten an Wand und Decke vorüberzogen.
Als er eine Viertelstunde so gesessen, verließ er das Zimmer wieder und sah, im Vorübergehen, daß die nach rechts hin gelegene Giebelstube halb offen stand, dieselbe Stube, drin die Verstorbene nach vollendetem Umbau zu wohnen und zu schlafen so bestimmt veriveigert hatte.
„Was machst du hier, Male?" fragte Hradscheck.
„Wat ick moak? Ick treck em sien Bett öwer." „Wem?"
„Is joa wihr ankoamen. Webber een mit'n Pelz."
„So, so", sagte Hradscheck und stieg die Treppe langsam hinunter.
„Wedoer een ... wedder een ... Immer noch nicht vergessen."
XVI.
Frau Hradscheck war nun unter der Erde, Male hatte das Umschlagetuch gekriegt, auf das ihre Wünsche sich schon lange gerichtet hatten, und alles wäre gut gewesen, wenn nicht der letzte Wille der Verstorbenen gewesen wäre: die Geldsendung an den Krakauer Bischof um der zu lesenden Seelenmessen willen. Das machte Hradscheck Sorge, nicht wegen des Geldes, davon hätt' er sich leicht getrennt, einmal weil Sparen und Knausern überhaupt nicht in seiner Natur lag, vor allem aber, weil er das seiner Frau gegebene Versprechen gern zu halten wünschte, schon aus abergläubischer Furcht. Das Geld war es also nicht, und wenn er trotzdem in Schwanken und Säumnis verfiel, so war es, weil er nicht selber dazu beitragen wollte, die kaum begrabene Geschichte vielleicht wieder ans Licht zu ziehen. Ursel hatte freilich von Beichtgeheimnis und Äehnlichem gesprochen, er mißtraute jedoch solcher Sicherheit, am meisten aber dem ohne Namensunterschrift in Frankfurt aufzugebenden Briefe.
In dieser Verlegenheit beschloß er endlich, Eccelius zu Rate zu ziehen und diesem die halbe Wahrheit zu sagen, und wenn nicht die halbe, so doch wenigstens so viel, wie zu seiner Gewissensbeschwichtigung gerade nötig war. Ursel, so begann er, habe ihm in ihrer letzten Stunde noch eine Summe Geldes behändigt, um Seelenmessen für sie lesen zu lassen (der, dem es eigentlich galt, wurde hier unterschlagen). Er, Hradscheck, Stab’ ihr auch, um ihr das Sterben leichter zu machen, alles versprochen, ein protestantisches Gewissen aber sträube sich jetzt dagegen, ihr das Versprochene wörtlich und in all und jedem Stücke zu halten, weshalb er anfrage, ob er das Geld wirklich an die Katholschen aushändigen oder nicht lieber nach Berlin reifen und ein marmornes ober vielleicht auch gußeisernes Grabkreuz, wie sie jetzt Mode feien, bestellen solle.
Eccelius göoerte keinen Augenblick mit der Antwort und sagte genau das, was Hradscheck zu hören wünschte. Versprechungen, die man einem Sterbenden gäbe, seien natürlich bindend, bas erheische die Pietät, das sei die Regel. Aber jede Regel habe bekanntlich ihren Ausnahmefall, und wenn bas einem Sterbenden gegebene Versprechen falsch und sündhaft sei, so hebe das Erkennen dieser Sündhaftigkeit das Versprechen wieder auf. Das fei nicht bloß Recht, das fei sogar Pflicht. Die ganze 'Sache, wie Hradsckeck sie geschildert, gehöre zu seinen schmerzlichsten Erfahrungen. Er habe große Stücke von der Verstorbenen gehalten und allezeit
Derantwortlich: Dr. Hans Thyrivt. — Druck und Verlag: Brühl
«inen Stolz tmrein gesetzt, fie für die gereinigte Lehre gen'o>'"i>a haben. Daß er sich darin geirrt ober doch wenigstens halb geurt fei, neben anderem, auch persönlich kränkend für ihn, was er nicht leugnen wolle. Diese persönliche Kränkung indes sei nicht das, was jein eben gegebenes Urteil bestimmt habe. Hradscheck solle getrost bei seinem Plane bleiben und nach Berlin reisen, um das Kreuz zu bestellen. Ein Kreuz und ein guter Spruch zu Häupten der Verstorbenen werde bet selben genügen, dem Kirchhof aber ein Schmuck unb eine Herzensfreude für jeden sein, der Sonntags daran vorüberginge.
Es war Ende Oktober gewesen, daß Eccelius und Hradscheck dies Gespräch geführt hatten, unb als nun der Frühling kam, unb der ganz« Tfchechiner Kirchhof, so kahl auch seine Bäume noch waren, in Schneeglöckchen und Veilchen stand, erschien das gußeiserne Kreuz, das Hrad- scheck mit vieler Wichtigkeit unb nach langer unb minutiöser Beratung auf bet königlichen Eisengießerei bestellt hatte. Zugleich mit bem Kreuze traf ein Steinmetz mit zwei Gesellen ein, Leute, die das Ausrichten und Einlöten aus dem Grunde verstanden, und nachdem die Dorfjugend ein paar Stunden zugesehen hatte, wie bas Blei geschmolzen unb in da; Sockelloch eingegossen wurde, stand bas Kreuz da mit Spruch und Inschrift, und viele Neugierige kamen, um die goldblanken Verzierungen zu sehen: unten ein Engel, di« Fackel senkend, und oben ein Schmetterling. All bas wurde von alt unb jung bewundert. Einige lasen auch die Inschrift:
Ursula Vincentia Hradscheck,
geb. zu Hickede bei Hildesheim im Hannöverschen den 29. März 1790, geft. den 30. September 1832.
Und darunter
Evang. Matthäi 8, V. 14.
Auf der Rückseite des Kreuzes aber stand ein mutmaßlich von Eccelius selbst herrührender Spruch, darin er seinem Stolz, aber freilich auch seinem Schmerz Ausdruck gegeben hatte. Dieser Spruch lautete:
„Wir wandelten in Finsternis, bis wir das Licht sahen.
Aber die Finsternis blieb, unb es fiel ein Schatten auf unsren Weg." ♦
linier denen, die sich das Kreuz gleich am Tage der Errichtung angesehen hatten, waren auch Gendarm Geelhaar unb Mutter Jeschke gewesen. Sie halten benfelben Heimweg unb gingen nun gemeinschaftlich die Dorfstraße hinunter, Geelhaar etwas verlegen, weil er den zu seiner eignen Würdigkeit schlecht passenden Ruf der Jeschke besser als irgend wer anders kannte. Seine Neugier aber überwand seine Verlegenheit, unb so blieb er beim an der Seite der Alten unb sagte:
„Hübsch is es. Un der Schmetterling so natürlich; beinah role'n Zitronenvogel. Aber ich begreife Hradscheck nich, daß er sie so dicht an dem Turm begraben hat. Was soll sie da? Warum nicht bei den Kindern? Eine Mutter muß doch da liegen, wo bie Kinder liegen."
„Wall, woll, Geelhaar. Awers Hradscheck ist klook. Un he weei ümmec, wat he beiht."
„Gewiß weiß er das. Er ist klug. Aber gerade weil er klug ist..." „Joa, joa."
„Nu was denn?"
Unb der sechs Fuß hohe Mann beugte sich zu der alten Hexe nieder, weil er wohl merkte, daß fie was sagen wollte.
„Was denn, Mutter Jeschke?" wiederholte er seine Frage.
„Joa, Geelhaar, wat fall ick feggen? Eccelius möt et roeten. Un de bett nu oft wedder de Inschrift moaft. Awers een is, be roect iimmer noch en beten mihr."
„Unb wer is bas? Sine?"
„Ns, Line nich. Awers Hradscheck sülwsten. Hradscheck, be will de Kinnings und de Fru nich tosoamen hebb'n. Nich so tipp eenem Hümpel."
„Nun gut, gut. Aber warum nicht, Mutter Jeschke?"
„Nu, he denkt, roenn't los geiht."
Unb nun blieb sie stehen und setzte dem halb verwundert, halb entsetzt aushorchenden Geelhaar auseinander, daß die Hradscheck an dem Tage, „roo’s los gehe", doch natürlich nach ihren Kindern greifen würde, vorausgesetzt, daß sie sie zur Hand habe. „Un bat uwII be oll Hradscheck nich."
„Ader, Mutter Jeschke, glaubt ihr denn an so mos?"
„Joa, Geelhaar, wo nimm nich? Worümm [alt ick an so wat nich glöwen?"
XVII.
Als das Kreuz aufgerichtet stand, es war Nachmittag geworden, kam auch Hradscheck, sonntäglich unb wie zum Kirchgänge gekleidet, und die Neugierigen, an denen den ganzen Tag über, auch als Geelhaar und die Jeschke längst fort waren, kein Mangel blieb, sahen, daß er den Spruch- las unb die Hände faltete. Das gefiel ihnen ausnehmend, am meisten aber gefiel ihnen, daß er das teure Kreuz überhaupt bestellt hatte. Denn Gelb ausgeben (unb noch dazu viel Gelb) war das, was den Tfchs- chinern als echten Bauern am meisten imponierte. Hradscheck verweilte wohl eine Viertelstunde, pflückte Veilchen, die.neben dem Grabhügel auf- sproßen, unb ging dann in seine Wohnung zurück.
Als es dunkel geworden war, kam Ede mit Licht, fand aber die Tük von innen verriegelt, und als er nun auf die Straße ging, um wie gewöhnlich die Fensterläden von außen zu schließen, sah er, daß Hradscheck, eine kleine Lampe mit grünem Klappschirm vor sich, auf dem Sofa saß und den Kopf stützte. So verging der Abend. Auch am andern Tage blieb er auf seiner Stube, nahm kaum einen Imbiß, las unb schrieb, unb ließ bas Geschäft gehen, wic's gehen wollte.
„Hör', Jakob," sagt« Male, „bat s wa grab’ as ob [e nu ihrs! dod wihr. Süh doch, wie he doa sitt. He kann doch nu nich wedder anfang’m
„Ne," sagte Jakob, „bat kann he nid)."
______________________ (Fortsetzung folgt.)__H sche Llniversitäts^Buch- und Sieinbruckerei, V. Lange, Gießen.


