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Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger

Jahrgang ^928 Dienstag, den 24. Juli " Nummer 59

Trost.

Vsn Ina Ssitzek.

Unsterblich duften die Linden. Was bangst du nur?

Du wirst vergehn, und deiner Füße Spur Wird bald kein Auge mehr rat Staube finden Doch blau und leuchtend wird der Sommer stehn Und wird mit seinem süßen Atemwehn Gelind die arme Menschenbrust entbinden.

Wo kommst du her? Wie lange bist du noch hier? Was liegt an dir?

Unsterblich düsten die Linden.

Die Stadt ohne Zukunft.

Bon Robert Reumann.

Wenn der Küstendampfer um den Wellenbrecher des Spalatiner Hafens hinausbiegt, springt ihn der steifere Wind an, der von den dalmatinischen Inseln herüberstreichtt Solta und Brazza schwimmen fattgrün mit kahlen Bergkegeln im Meerblau, und durch den schmalem Kanal zwischen beiden leuchten blaß, ein Bildchen im großen Bilde, die Konturen von LGa rmd Lesina durch den Sonuendunst. Aber das Boot schwenkt scharf ab nach rechts und Nordwesten, umschifft den Friedhofsfelsen, und vor uns liegt ein weiter Meersund in schwerer, flirrender Sonne, wellenlos, windlos, stumpf blau. Da ist ein Fetzen der Adriatischen See zwischen die traurige Karstinsel Bua und das Festland gebettet, und drüben nördlich an der ver­gessenen Bucht spiegeln sich sieben taggrelle Dorstuinen im Wasser, umweht, überwachsen von Pinie, Oelbaum und Wein. Das ist die Riviera der Sieben Kastelle. Wir aber gleiten, taumeln weiter durch den zerklirrten Spiegel westwärts, wo ein Getürmtes, Zackiges, grau Steinernes über dem Dunst schwimmt. Fahrt nach Trau, Trogir, Tragurien Fahrt in Vergangenheit.

Auf dem Vorderdeck des Dampfers stehen Weinfässer, Oelfässer, Fett- kisten. Darauf hocken fünf blasse Kinder Zigeuner. Bor ihnen steht ein Käsig mit schäbigen Affen. Daneben ein Regiment Mehlsücke. Eine Neun­jährige trägt einen Vierjährigen. Er ist ft auf, hat den Kopf verbunden sie singt. In einer Hühnersteige ist Streit ausgebrochen. Em kleiner Junge, verkrüppelt, gelbzähnig, hockt davor und jagt die Tiere mit einer Weidenrute von Winkel zu Winkel. Die Bordwand entlang stehen Fischkonuen. Ein bräunet Zigeuner, rothosig, Tressen am Rock, liest in der italienischen Zirkus­zeitung. Eine Blasse, Schlanke, mit gemalten Augen lehnt hinter ihm. Ein Säugling liegt nackt an einer nackten, straffen Frauenbrust. Oraugeu- schalen fliegen ins Meer. Del sickert aus einem Fas; und dampft in der Prallen Sonne.

Trau, die griechijch-türkisch-veneztanische Dunststadt ist auf uns zu- geschwommen. Sie liegt auf einer Ausei, die sechshundert Meter lang ist und drechuudertachtzig breit. Vom Festland trennt sie ein überbrückter Kanal, von der Insel Bua, die hier plötzlich nahe herankommt, ein breiterer Sund, über den eine lange Steinbrücke führt. Ihr Mittelteil, grün, eisern, wird emporgewnuden, wenn ein Dampfschiff passieren will. Dahinter der Hafen. An Bojen sonnen sich zwei amerikanische Torpedoboote, die aus einer Weltreise sind. Den Steindamm entlang liegen Segelbarken gestaut. Auf der Verschalung deS Vorderstevens ein Berg von Orangen. Sic kommen von Brindisi, von Tarent, von Sizilien herüber, die Früchte Ivszuschlagen. Ein Weib hockt hinten int Bootsranm neben einer kleinen Feuerstelle und dreht Fische am Rost. Bngfiguren, hölzerne Fratzen, giasängig, grellrot, gelb, blatt. Stricke, Stangen, Segel. Anpreisung. Feilschen, Geschrei. Geruch von Fäulnis, von Teer, von Fischen.

Dahinter die Stadt. An die Maner geklebt ein steil überdachter Stein« Mg, die Fischhalle. Neben ihr das Tor, schwer beschlagen, vom geflügelten at!ii§lötoeit bewacht. Eine krumme Gasse spaltet sich, ist nur mehr Spalt, enge Schlucht zwischen abgebröckelten Wänden. Schatten, Schwaden Ichweren Geruchs, droben ein Riß lichten Himmels. Grün hängt herein. 50n Fenster zu'Fenster bunte Wäsche au Schnüren. In einem schattigen Wm, halb unterirdisch, vier Mädchen, mt großen, uralten Webstühlen, stehend langsam schreitend, tragen sie die Schiffchen hin her, eine Wite, hohe Fadenleier entlang. Schieben den neuen Querschuß sorgsam Mt einem gezähmten Holze nach unten, wo da? Gewebe sich dichtet. Da S pnch umsehe, bemerke ich: ich stehe im abgemauerten Teil eines alten SMWa. Heber der Türe': 1135. Ein stattliches Weib, ernsten Ge- n,'t langen, schwarzen Flechten, prüft langsam, schweren Blicks, ^..^"^lsalt das Webzeug. Penelope! Ich steige wieder empor zu den " MWtt. Drüben surrt der kleine Motor eines Makkaronierzeugers. Sn? ra!$8 Schritte nach rechts ich bin wieder an die Riva geraten.

L- E Palazzo. Ein 'Abtritt mit Marmorfliesen und rissigen 1 Dahn,1' ^stank, Fliegenschwärme am breit offenen Fenster aus ein. btedii Q-n pichen Menschen, geputzte Damen Kaffeehaus. Der Haus- etn italienischer Gott, übernimmt meinen Koffer. Ich werde bedient

sein. Draußett setzte ich mich an eines der Tischchen zu einem Glase Aquavit Ein kleiner, schlanker Herr Spazierstöckchen, rotes Gesicht, schwarzer Hut, schwarzer Schnurrbart setzt sich zu mir. Dr. M. Er ist Arzt.

Vergnügungsreise? Kunstforschung? Eicholuug? Aus Wien? Er kennt Wien. Universität, Krankenhaus, 33weggaffe 58 hat er gewohnt. Bei einer gewissen Prohatschek. Früher ist er manchmal hmattfgekvmmen. Fetzt!" Wien ist jetzt weit. Wir sind Serben. Wissen Sie, tvas Serbien ist? Da ist unser Dom. Er hat einen Surin. Der Turm ist schadhaft. Man schreibt ntnft Wien, März 1914, den an Kaiser Franz Josef: Gib! Er gibt sofort! Mai macht man das Gerüst. Juni beginnen die Maurer. Juli ist Krieg."Und?" Er deutet hinüber nach dem gotischen Koloß, der über einem Dachrand in den Himmel gestoßen isttSehen Sie die alten Balken? Das ist das Gerüst von 1914. Seit 1918 schreiben wir nach Belgrad an den König vier Briefe jährlich: Gib! Er gibt nicht. Wenn starker Wind geht, fallen die Balken einzeln hinunter aufs Kirchendach, schlage» durch. Aber er gibt nicht. Das ist Serbien!"

Ich beschönige er wehrt ab tTran! Ein Provinznest. Zweitausend zweihundert Jahre ist die Stadt alt. Seit 1430 wird kein Haus mehr gebaut Alle Festungen ans venezianischer Zeit! Unverbrennlich, unzerstörbar. Der Boden ist krank!" Er verbessert srch: könnte krank fein. Aber da ich ein Glas Wafser verlange, sagt er rasch:Kein Wasser: es ist nicht ganz bekömmlich. Schmeckt nicht sehr gut." Jäh finkt Dämmerung. Der Doktor erhebt sich, kräht:Stepan! Ich zahle für diesen Herrn! ?luf meine Rechnung!" Er beugt sich zu mir mit einer eleganten Bewegung:Trau ist fleht aber man hat cm gewisses Ansehen." Er lächelt mit Goldzähnen. Ich muß aunehmeu, danke, erhebe mich. Er winkt mir nach mit der Hand.

Der Uhrtnrm, die Loggia Knlissen. Vom verschütteten Portal des berühmten Domes lachen gotische Steingespenster herab. Links am Palast Gippio vorüber, kommt ein Zug Matrosen. Amerikaner, von den Torpedo­booten, mit weißen Kinderrnützeu. Ein schmales, bleiches Mädchenkind mit traurigen Augen geht langsam über den stillen Domplatz, zieht fröstelnd ein grau.ii> oKenes Umhängtuch um die Schultern, verschwindet. Da ich mich wende, sehe ich einen Augenblick lang, schon wieder zurückgetaucht hi einen Torspalt, den vermummten Kopf einer Türkin. Augen schauen mich an. Irgendwoher ein leiser Geruch von Karbol.

Rächt fällt ein. Das Hotel ist ausgestorben. Das Zimmer droben, hoch, düster. Jahrhunderte schlafen ht Mörtelrissen und Winkeln. Eine einsame Glühlampe hängt knapp unter der Decke, schirmlos, umgeben von einem Drahtgeflecht. Die eisernen Bkaschen sind mit Spinngewebe verklebt. An der einen Wand em breiter, bröckelnder Marmorkamm. Ehr Loch, von Ziegelir halb versteckt, atmet Schwärze rmd Feuchtigkeit. Das hohe Bett steht inmitten des Raums.

Licht ans! Ich liege. Sternenlicht. Meeratem, herb nnd doch faul. Ferne Wellen schwätzen an Hafensteinen. Schatten Abgeschiedener wachen.

Hast btt geschlafen? Auf! War das Geraschel? Hat sich etwas an der Tür geregt? Still, nichts. Schweigen, lastendes. Daun ein Laut vom Kamin. Leiser Pfiff. Plötzlich rast es unter dem Bett hm, kreuz quer, Jagd, Haß, Verfolgung kollert, schlägt an Wände, kreischt Wut, Brunst.

Ratten! Licht auf! Zwei schlanke Schatten gleiten in den Kaminschacht. ?kachischmetterlinge surren durchs offene Fenster herein und klopfen dick­köpfig an die Glaswand der Lichtbirne. Helles Summen gieriger Stech­fliegen neben dem Ohr. Zwei, drei, fünf braune, platte Tiere kriechen Über die Decke.

Auf und hinunter. Ueber einen hallenden Flur auf die Riva hinaus. Die große Glocke nah droben hackt in die Stille: drei.

Schläft die Stadt? Zwei hohe Bogenlichter frieren unter dem Hnmnel. Auf den Schiffen drüben Laternen, grün-rot. Ein Blinkfeuer schwenkt weiße Arme hinter einem Flügel hervor. Die Hafeuzeile ist leer. Nur ganz unten, neben dem runden Turm, stehen Leute Nachtschwärmern Schiffer. Ein Weib klagt, heult wie ein Tier. Was- ist es? Sofja: ihr Mann ist auf der Barkes drüben, bet der Griechin. Draußen schaukelt em Boot ohne Licht, ohne Laut, schwarz in Schwarze. Ich wende mich in die Gassen zurück. Hinter mir das Weib hat sich anfgerichtet, redet, ein­tönig, anklagend, mit weiten Gesten.

Die Gassen sind leer. In Stuben, nah, rechts, links, hinter offenen Fenstern atmen Schlafende. Ein Betrunkener taumelt an mir vorüber. Füßetrappen: einet rennt, schaut sich um, dtrckt sich, drückt sich um die Ecke. Schweigen lastet. Nichts folgt.

Am Domplcch Leben. Stott und Gelächter. Auf den Steinfliesen balgen sich die amerikansichen Seeleute, schwer bezecht, zwischen Scherz und Erbitterung. Zwei tanzen, hüpfende Gespenster, im Mondlicht, weiße Kinderkappen am Kopf. Dahinter der schwarze Dom schweigt. SluS einer Gasse schlagt plötzlich hart, herb, Karbolgeruch auf den Platz. Katzen kreischen am Dachfirst.

Die Schatten werden stumpfer. Em Hahn kräht. Die Matrosen ver­ziehen sich hinüber nach dem kleinen HauS m der Hafengasse. Drinnen lacht jemand.In der Nacht, ht der Nacht, hämmert einer auf dem Klavier. Die Laterne vor der Haustüre schwankt. Die Gasse entlang kommen Fischer, ht hohen Schaftstiefeln, gerüstet zur Ausfahrt. In einem Zimmer flammt