Das Fräulein von Seubert,

Von E. T. A. Hoffmann.

(Fortsetzung.)

Bedrängt von den widersprechendsten Gefühlen, ganz auger r es mr Scuderi: Welcher Geist der Hölle hat mich m die entsetzliche Geschichte verwickelt, die mir das Leben kosten wird! 3n dem Augenblick trat Baptist« hinein, bleich und erschrocken, mit der Nachricht, daß Desgrais draußen sei. Seit dem abscheulichen Prozeß der la Voism war Desgrais Erscheinung in einem Hause der gewisse Vorbote irgendeiner peinlichen Anklage, daher kam Baptistes Schreck, deshalb fragte ihn das Fraulein mit mildem Lächeln: Was ist dir, Baptist«? Nicht wahr? Der Name Scuderi befand sich auf der Liste der la Voisin? Ach um Christus willen, erwiderte Baptiste, am ganzen Leibe zitternd, wie mögt Ihr nur so etwas aussprechen, aber Desgrais der entsetzliche Desgrais tut so geheim­nisvoll, so dringend, er scheint es gar nicht erwarten zu können, Euch zu feben __ Nun, sagte die Scuderi, nun Baptiste, so fuhrt ihn nur gleich

herein den Menschen, der Euch so fürchterlich ist, und der mir wenigstens keine Besorgnis erregen kann. Der Präsident, sagte Desgrais, als er ins Gemach getreten, der Präsident la Regnie schickt mich zu Euch, mein Fräulein, mit einer Bitte, auf deren Erfüllung er gar nicht hoffen wurde, kennte er nicht Eure Tugend, Euern Mut, läge mcht das letzte Mitt«, eine böse Blutschuld an den Tag zu bringen, m Euren Händen, hättet Ihr nicht selbst schon teilgenommen an dem bösen Prozeß, der die Chambre Ardente, uns alle in Atem hält. Olivier Brusson, seitdem er Euch ge- sehen hat, ist halb rasend. So sehr er schon zum Bekenntms s'-h zu neigen schien, so schwört er doch jetzt aufs neue bei Christus und allen Heiligen, daß er an dem Morde Cardillacs ganz unschuldig fei, wiewohl er den Tod gern leiden wolle, den er verdient habe. Bemerkt, wem Frau­lein. daß der letzte Zusatz offenbar auf andere Verbrechen deutet, die aus ihm lasten. Doch vergebens ist alle Muhe, nur em Wort weiter herE- zubringen, selbst die Drohung mit der Tortur hat nichts gefruchtet. Er fleht er beschwört uns, ihm eine Unterredung mit Euch zu verschaff«!. Euch nur, Euch allein will er alles gestehen. Laßt Euch herab, mein Fräulein, Brussons Bekenntnis zu hören. Wie! rief die Scuderi ganz entrüstet, soll ich dem Blutgericht zum Organ dienen, soll 'ch das Ber. trauen des unglücklichen Menschen mißbrauchen, ihn aufs Mutgerustjju bringen? Nein, Desgrais! Mag Brusson auch ein vernichterMorbers«n, nie wär' es mir doch möglich, ihn so spitzbübisch zu h'ntergehen. Nichts mag ich von seinen Geheimnissen erfahren, ine wie «ne heilige BeMe in meiner Brust verschlossen bleiben würden. Vielleicht, zersetzte Des- grate mit einem frtnen Lächeln, vielleicht, mein Fräulein, änbert sich Eure Gesinnung, wenn Ihr Brusson gehört habt. Batet Ihr d°n Präsidenten nicht selbst, er sollte menschlich sein? Er tut es, mdem er ^m törichten Verlangen Brussons nachgibt und so das letzte Mittel versucht, ehe er die Tortur verhängt, zu der Brusioni längst reif ist.

unwillkürlich zusammen. Seht, fuhr Desgrais seht, würdige Dame, man wird Euch keineswegs zumuten, noch rmmal m iene flnsteren Ge- mächer zu treten, die Euch mit Grausen und Abscheu erfüllen. In der Stille der Nacht, ohne alles Aussehen bringt man Olivier roie

einen freien Menschen zu Euch in Euer Haus Nicht einmal belauscht, doch wohl bewacht, mag er Euch bann zwanglos aller bekennen. Daß Ihr für Euch selbst nichts von dem Elenden zu fürchten habt, dafür stehe

... lala Wohl hatte Napoleon vor Beginn des Zuges

Meteorologen beträgt, bie ihm nur sagen konnten, daß aller Wahr- ^nlickkeit nach - strenge Winterkälte erst mit dem Beginn des neuen tinfehen würde; wie man weiß, kam es, zum Verhangms der Armee anders; die Kälte brach wesentlich früher herein und be- ^^E"u-n"^u'iammenbruch*). Regengüsse spiellen in der Schlacht bei Grobbeeren 2e Hauptrolle; sie waren an der Katzbach Blüchers beste

Mit dem Wetter hatte Napoleon überhaupt wenig G uck. Bei fhaerteer allzulang, den viel schwächeren Wellington an- 3xenn «r fürchtete den durch Regengüsse aufgewelchten Boden, ^ J^erbeiW gewann Blücher Zeit,. Wellington zu Hilfe zu kommen. Wüiterkätte hat di« Geschichte der skandinavischen Länder an einem'Wende- entscheidend beeinflußt. Schwedens König, K a r l X. Gustav, bei ofäüifdK Vetter ber Königin Christine, ber ihr nach ber Abdankmig 1654 auf bem schwedischen Thron gefolgt war, würbe von ber großen Ge- fabr einer gewaltigen feindlichen Koalition durch den eintretenden Winter «Et der ?hm erlaubte, einen kühnen Marsch über den SUgefrorenen Groben und Kleinen Belt anzutreten und seinen Feinden den Frieden von (1658) aufzuzwingen, der Schweden reichen Machtzuwachs etn- kr^ Uebe Re Schtecht btt Dunbar (1650) zwischen bem Parlamentsheer md den Anhängern Karls II. schreibt Oliver C r o m w e l l, der Führer der englischen Republikaner, die jener Schlacht keineswegs Mit Vertrauen entgegensahen, in seinen Auszeichnungen von der entscheidenden Wirkung einer Walte die der Herr durch seine Vorsehung über den Mond hatte kommenblassen" ein Umstand, der den Engländern glückliche Truppenver- fchiebungen erlaubte. .

Eme nicht minder große Rolle in der Geschichte aller Zeiten spielten die Stürme des Meeres. Die spanische Armada, 130 rvohlausgerustete ßinllionen unter dem Admiral Medina Sidonia, wurde 1588 durch einen gewaltigen Sturm vernichtet. Englands Stern begann von dieser Stunde an zu steigen, die Macht des Königs, in dessen Landen kn« Sonne nicht unterging, war gebrochem Auch im englisch-hollandtzchen Krieg 1652/54 ber der Beginn der welthistorischen Auseinandersetzung zwischen dem saturierten Holland und dem zur Weltmacht bmporstrebenden Eng­land war, bewies das Wetter feine gewaltige Macht. Di« englische^ttlotte unter Blake und bie holländische unter Tramp stießen bei den Orkney- Inseln aufeinander. Ein Unwetter unterbrach bie Schlacht, entmaftete unb versenkte zahlreiche holländische Schiffe. Die Engländer verwüsteten bann bi« holländische Küste. Noch einmal hat em Taifun den Abstieg einer Welt­macht besiegelt: als sich die Mongolen ganz Asien untertan gemacht hatten, unb bis an die Ostgrenzen des Deutschen Reiches und bis Aegypten vor- gedrungen waren, fuhren dreieinhalbtausend Schiffe unter Chublai Cha n gegen Japan aus, um das Reich ber ausgehenden Sonne 3« unter« roerfen. Ein gewaltiger Taifun brach aus, vernichtete die Flotte der Er­oberer vollständig, rettete Japan und gab das Zeichen, daß die Zett des mongolischen Reiches erfüllt war. Aber nicht nur Sturme, son^rn auch ihr Gegenteil können große Ergebnisse zur tfolg« haben. Als Cab ra Afrika umfahren wollte, um nach Indien zu gelangen, fuhrer, als er den Windstillen bei Guinea ausweichen wollte, zu scharf nachs Westen und. er­blickte plötzlich zu seiner größten Ueberraschung Land: er hatte durch ernen Rufall Brasilien entdeckt. Aehnlichen Glucksumstanden ist die erste Ent deckung Australiens durch die Portugiesen im Jahr« 1526 zu verdanken, «wei portugiesische Schisse, deren eines von Malakka nach der Molukken- Insel Ternate Kurs genommen hatte, während das andere m entgegenge- fefeter Richtung fuhr, wurden durch den Monsun nach Neuguinea und den Prince of Wales-Inseln, unweit ber Küste Australiens, versckstagen. Wenn die Berichte über jene Fahrten auch sehr durstig sind, so darf man doch sagen, daß damals, vor 400 Jahren, die ersten Europäer nach dem fünften Erbteil tarnen, bank bem Sturm, ber ihre Schiffe aus ber Fahrt­richtung trieb!

Ein Hagelwetter half die große Schlacht bei Lemberg am 24. August 1675 zugunsten ber Polen entscheiden, die unter der Führung des be­rühmten Johann S o b i e f t i eine achtfach« Uebermacht aufs Haupt schlu­gen. Alles stand an diesem Tage auf dem Spiel; die Türken waren m un­aufhaltsamem Vordringen. Wohl war Sobieski und sein Heer den Os- manen überlegen; aber erst ein Hagelwetter brachte die Türken in Verwirrung und Auflösung. Sie verloren m dieser Schlacht allein 15 000 Tote; die Besiegten flohen. Ganz Europa pries das Wunder des Ereignisses. .

Die Sommerhitze, einer ber schlimmsten Feinde kämpfender Heere, hat zu allen Zeiten eine große Rolle gespielt; die Cmibernschlacht auf den Raubischen Feldern (101 v. Ehr.) und die Schlacht bei Kunersdorf wurden wesentlich von ihr beeinflußt. Auch eine Sonnenfinsternis ist emm°l h. v- rifch bedeutsam geworden; im Jahre 585 v. Ehr. hat sie die Schlacht inn den Krieg zwischen Persern und Medern beendet. Der unburchdringliche Nebel führte G u st a o 21 b o l f in ber Schlacht bei Lützen irre unb brachte ihm den Tod. Nebel begünstigte auch den Aufmarsch ber alüterten Preu­ßen, Oesterreicher und Engländer gegen die Franzosen und Bayern in der Sdjladjt bei Höchstäbt unb Blenheim am 13. August 1704. Die anmarschie- renben Engländer unb Oesterreicher unter Marlborough unb Prinz Eugen konnten sich auf diese Weise den Blicken ber Franzosen entziehen, die den Gegner im Abmarsch auf Nördlingen wähnten. Auf diesen Um- ftanb ist nicht zuletzt der glänzende Sieg Marlboroughs und Eugens zu- rückzuführen.

Auf das Konto des Wetters Ist zu fetzen, daß einmal Kavallerie eine Flotte erobern konnte. Am 22. Januar 1795 gelang es holländischer Reiterei, den schmalen Meeresarm, ber die westfriesische Insel Texel vom Festland trennt, zu Pferde auf tragender Eisdecke zu überschreiten unb sich der vierzehn bei ber Insel eingefrorenen französischen Kriegsschiffe zu be­mächtigen. Die Reiter hatten vor diesem Ritt über bas Eis die Hufe ihrer Pferde mit Stroh umwickelt unb kamen fo glücklich ans Ziel. Dieser Fall steht bann auch wohl einzig da in ber Kriegsgeschichte.

*) Dem wiberspricht H e r t s l e t sTreppenwitz ber Weltgeschichte" (16.Auflage, bearbeitet von Hans Helmolt, 1925), Seite275f.

Ach, auf den ersten Blick hatte sie in Olivier Brusson den jungen Menschen erkannt, der auf dem Pontneuf jenes Blatt ihr ui den Wagen geworfen, der ihr das Kästchen mit den Juwelen gedracht hatte. Nun war ja jeder Zweifel gehoben, la Regmes schreckliche Ver­mutung ganz bestätigt. Olivier Brusson gehörte zu der fürchterlich Mordbande, gewiß ermordete er auch den Meister! Und Madelon? So bitter noch nie vom Innern Gefühl getäuscht, auf den Tod angepackt von der höllischen Macht auf Erden, an deren Dasein sie mdjt geglaubt oer. zweifelte die Scuderi an aller Wahrheit. Sie gab Raum dem entsetzlichen Verdacht, bah Mabelon mit verschworen unb teilhaben tonne «n der gräß­lichen Blutschuld. Wie es denn geschieht, daß der menjchllche Geist, ist ihm ein Bild aufgegangen, emsig Farben sucht unb finbet, es greller unb greller auszumalen, so fand auch die Scuderi, jeden Umstand der Tat, Ma­delons Betragen in den kleinsten Zügen erwägend, gar vieles, jenen Ver­dacht zu nähren. So wurde manches, was ihr bisher als Beweis der Unschuld und Reinheit gegolten, sicheres Merkmal freventlicher Bosheit, studierter Heuchelei. Jener herzzerreißende Jammer, die^Tranen konnten wohl erpreßt fein von der Todesangst, nicht den Geliebten bluten zu feilen, nein selbst zu fallen unter der Hand des Henkers. Gleich sich die Schlange, die sie am Busen nähre, vom Halse zu schaffen: nut diesem Entschluß stieg die Scuderi aus dem Wagen. In ihr Gemach emgetteten, warf Madelon sich ihr zu Füßen. Die Himmelsaugen, -'N Engel Gottes hat sie nicht treuer, zu ihr emporgeridjtet, die Hande vor der wallenden Brust zusammengefaltet, jammerte und flehte sie laut um Hilfe und Trost. Die Scuderi sich mühsam zusammenfassend, sprach, mbem sie bem Ton ihrer Stimme so viel Ernst unb Ruhe zu geben juchte als ihr mog ich. Geh geh, tröste bich nur über den Mörder, den bie gerechte Strafe feiner Schandtaten erwartet. Die heilige Jungfrau möge verhüten, daß nicht auf dir selbst eine Blutschuld schwer laste. Ach, nun ist alles verloren! Mit diesem gellenden Ausrus stürzte Madelon ohnmächtig zu Boden. Die Scuderi überlieh die Sorge um bas Mäbchen ber Martmiere unb entfernte ich in ein anberes Gemach. .. ...

Ganz zerrissen im Innern, entzweit nut allem^Jrbischen wünschte die Scuderi, nicht mehr in einer Welt voll höllischen Truges zu leben. Sie klagte das Verhängnis an, das in bittern Hohn ihr so viele Jahre ver- gönnt, ihren Glauben an Tugend unb Treue zu starken, nun m ihrem Alter das schöne Bilb vernichte, bas ihr im Leden geleuchtet.

Sie vernahm, wie bie Martintere Madelon fortbrachte, die feife seufzte unb jammerte: Ach! auch sie auch sie haben bie Grausamen betört. __Ich Elenbe armer, unglücklicher Olivier! Die Tone drangen ber Scuderi ins Herz, und aufs neue regte sich aus dem tiefften Innern her­aus bie Ahnung eines Geheimnisses, ber Glaube an Oliviers Unschuld. ------ widersprechendsten Gefühlen, ganz außer sich rief bie

Seist ber Hölle hat mich in bie entsetzliche Geschichte