Gießener KmilienblStter
Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger
wältigt, sondern überwältigte sie. Dreiundzwanzig Jahre war er alt, als er nach Italien ging und bald als Hofmaler in die Dienste des eMen Herzogs Vinzenzo Gonzagi trat. So blieb Mantua sein Standquartier, von dem aus er alle Kunststätten Italiens in sich aufnahm. Auch hierbei schon, als ein fein-gebildeter geistreicher Kavalier geachtet und zu diplomatischen Verhandlungen geschickt. Aber endlich zog ihn doch die Heimat: der Erzherzog Albert von Oesterreich, Statthalter in Flandern, ernannte ihn zu seinem Hofmaler. 1609 traf er in den Niederlanden ein und am 13. Oktober 1609 vermählte er sich mit Isabella Brandt, die sein anmutreiches Doppelportät in München so liebenswürdig schildert. Er lebte in Antwerpen als ein Fürst, seine Kunst trieb ihre anmutigsten stärksten Blüten. Diesseits und auch jenseits der Alpen war er als der größte Meister anerkannt. Da starb Isabella schon 1626 und den Künstler ergriff in dem verwaisten Hause die Sehnsucht nach der großen Welt: er begann, fast eifersüchtig darauf, wieder sein Diplomatenleben. Philipp IV. erklärte ihn zum Granden, Karl I. von England adelte ihn, nachdem der von ihm vermittelte Friede zwischen Spanien und England zustande gekommen war. Aber wieder rief die Heimat, und an der Seite der blli-hend gesunden, jugendschönen Helene Fourment, mit der er sich 1630 verband, war ihm noch ein Jahrzehnt reichster Wirksamkeit als Künstler und Lebenskünstler verliehen.
Welch eins Fülle von Schöpfungen fallen uns ein, wenn wir an Rubens dcnken. Die Kreuzabnahme in Antwerpen hat er gemalt, aber auch den trunkenen Eilen, das Bildnis des Dr. von Thulüen in München und -das Bacchanal in Berlin, Helene Fourment in Pelz und die Fesselung Simsons, das köstliche kleine Adam-Eva-Bild im Haag und die Amazonenschlacht, Jldefonsoaltar und den Spaziergang mit der mädchenhaft jungen Helene in seinem Antwerpener Tulpengarten. Wer aber seines Wesens Kern begreifen will, der nmß in München die gewaltige Tafel des jüngsten Gerichts betrachten, den Höllenfturz der Verdammten. Das ist echtes Barock, und zugleich charakteristisch als ein bedeutsames Gegenstück zu Michelangelo: -diese wie Wellen eines Wasserfalls hinbrandendsn Leiber der Sünder, gewaltsam aus dem gelben, goldleuchtenden Licht m die finstere von den Ungeheuern in der Tiefe wimmelnden Kälte gerissen, mit den tausend Gebärden und Verzerrungen der Angst, Schuld, Verzweiflung, Wut, Paserei, dieser Chorus misticus des Entsetzens, des Grausens und lebensecht bis in den feinsten Nerv, die lachenden Wunder jener blonden flandrischen Frauen, die Nymphen, Grazien und Panisken, die Liobesgärlen und Bauerntänze seiner flandrischen Heimat, auch darin überreich, kraftstrotzend, ein Athlet der Freude und des Genusses. Und. so sang er, der größte Weister des Barock, sein »gewaltiges Lied nur äußerlich dein Jenseits und der Kirche, in Wahrheit dem Leben, dem Diesseits, der Schönheit, dem Weibe.
Deutscher Sommer.
Von Emil Hadi na.
Nun brennt im Feld der rote Mohn, es singt die Flur im Sommertsn, in alten Kronen wiegt ein Traum, das Märchen schläft am Waldessaum.
So liegst du weich, so prangst du weit, mein deutschs Land, im Sommerkleid, lachst aus dem Quell und hebst zum Licht dein kindlich reines Angesicht.
So rann dein Blühen Jahr um Jahr, da noch dein Name Glorie war, so rauscht dein Korn und glüht dein Mohn, da all dein Glanz und Glück entfloh-'n.
An deiner Schönheit Heiligtum reicht nicht der Erde lauter Rühm, und alle Schmach, die man dir sinnt, verweht von dir, wie Rauch im Wind.
Unnahbar allem Trug der Zeit webst du auch Gott und Ewigkeit, aus Traum und Lächeln dein Gewand, mein ewiges, mein deutsches Land!
DKS Erlebnis einer Sonnenfinsternis.
Von Adalbert Stifter.
Am 29. Juni wird bekanntlich eine Sonnenfinsternis ftatt- finden, die allerdings nur in den nördlichen Teilen Europas als totale in Er chemung tritt. In Deutschland wird sie als teilweise sichtbar ein. Immerhin werden etwa 85 bis 90 Prozent der Sonnenscheibe bedeckt werden. Aber auch diese teilweise Bedeckung der Sonne wird für jeden Beobachter ein eindrucksvolles Erlebnis sein. Welchen erschüternden Eindruck das Erlebnis einer totalen Sonnenfinsternis macht, das hat Adalbert Stifter in einer klassischen Schilderung fest-gehalten, die mir hier (in etwas gekürzter Form) folgen lassen:
Es gibt Dinge, die man fünfzig Jahre weih, und im einundfünfzigsten erstaunt -man über -die Schwere und Furchba-rk-eit ihres Inhalts. So ist es mir mit der totalen Sonnenfinsternis ergangen, welche mir in Wien am 8. Juli 1842 in -den frühesten Morgenstunden bei dem günstigen Himmel erlebten. Da ich die Sache recht schön auf dem Papier durch eine Zeichnung und Rechnung -darstellen kann, und da ich wußte, um soundsoviel Uhr trete der Mond unter der Sonne weg und die Erde schneide ein Stück seines kegelförmigen Schattens ab — auf Erden wird es immer finsterer, bis wieder am anderen Ende die Sonnensichel erscheint und wächst und das Licht auf Erden nach und noch wieder zum vollen Tage cmschwillt — dies alles wußte ich voraus, und zwar so gut, daß ich eine totale Sonenfinsternis im voraus so treu beschreiben zu können vermeinte, als hätte ich sie bereits gesehen. Aber, -da sie nun wirklich eintraf, da ich auf einer Warte hoch über der ganzen SM stand und die Erscheinung mit eigenen Augen anblickte, da geschahen freilich' gmrz andere Dinge, an die ich weder wachend noch träumend gedacht hatte, und an die keiner -denkt, der das Wunder nicht gesehen. Nie und nie m meinem ganzen Leben war ich so erschüttert, von Schauer und Erhabenheit so erschüttert, wie in diesen zwei Minuten — es war nicht anders, als -hätte Gott auf einmal ein deutliches Wort gesprochen, und ich hätte es verstanden. Ich stieg von der Warte herab, wie vor tausend und
Rubens.
Zur Erinnerung an den 356. Geburistag des Malers am 28.3uni.
Von Winand Walter.
Barroco nannte man in den romanischen Sprachen die Perlen, die nicht die normale, regelmäßige runde Form hatten, sondern schiefrund, mehrfach gewölbt, gebuckelt ihren seidigen Glanz gleichsam in Facetten zeigten. Ihre phantastische Unregelmäßigkeit, ihre einzigartige Eigenart ist -gleichsam ihr besonderer Wert. So ist der Kunststi-l, den man als Barock zu bezeichnen pflegt, und der sich zuerst in den romanischen Ländern, -dann aber auch bei uns im Anschluß an die Gegenresorm-atron zu entwickeln begann, der Triumph der Unregelmäßigkeit, des Schies- ÄMden, des Gewaltsamen, der Gegensatz zur klassischen Ruhe und Ge- lafsenheit. Die Gegenresormatton, von den feinfühligen Händen der As-uiten geleitet, brauchte starke Wirkungen, um die Gemeinde wieder in ihre Kirchen zu leiten, Inbrunst, lodernde Farbe, das Funkeln von Gold und Silber. In der Baukunst die Uebertrelbung, Gewaltsamkeit und Massigkeit der Formen, in der Bildnerei malerische Naturtreue, bauschige, starbbewegle Körper und Gewandungen, in der Malerei Wetteifern mit der Plastik, eine Sehnsucht, das Aeußerst« an Ausdruck, Bewegung, Leidenschaft, -dramatischer Unruhe darzustellen, den Beschauer gleichsam -wie mit einer Buh- oder Triumphpredigt gu ‘-überroä-ltigen, gefangen zu nehmen, zu erschüttern.
Und das ist der Ewigkeitswert -des Meisters Peter Paul Rubens, daß er als Maler und als ganze Persönlichkeit diesen Bestrebungen- des Barockzeitalters den gewaltigsten Ausdruck verliehen hat, daß er dabei » aber nicht wie so viele feiner nach Italien pilgernden Vortzänger -dem - italienischen Kunstwes-en verfiel, sondern es bis in seine letzten Fasern - ^griff, mit seiner Eigenart durchtränkte, alles Fremde ausschied und s eine nordische, flandrische Barockkunst -daraus schuf.
Seine Lebensdaten liegen zwischen 1577 und 1640. Seine früheste Jugend fiel in die Zeit der Niederkämpfung der niederländisch-flandrischen Reformationsbewe-gung durch die Spanier. Während Holland sich -befreite, ward Flandern bezwungen, während Johannes Rubens, -fein Vater, seine Heimatstadt Antwerpen verließ, weil er dem Religionszwang entgehen wollte, wurde der Sohn eine Hauptstütze, ja der einzige Enstlerische Verkündiger dieser Aera des Jes-uitenMs in den flandrischen Provinzen. Wurde es allerdings in einer Weise, daß wir Heutigen in dieser Kunst fast nur noch Heidentum, rauschenden Naturmythos, ein großes Pan- und Venusfest sehen können. Obwohl er ein strenger Katholik wär, der feinen mönchlichen Pflichten getreu mar und vom Statthalter -der Niederlande und dem -spanischen König Philipp IV. gerne zu diplo- nmtischen Missionen benutzt wurde, obwohl er in bürgerlichem Sinne wüMg und achtenswert lebte, braust in seiner Kunst eme ungebundene, aüfjauchzende Welt heidnischen Lebensgenusses, die äußerste Gebärde j eines den schönen und fröhlichen Dingen dieser Wett -hinzu gegeben en ? Ha seins ist gesunden, und trotzdem so, daß das finsterste <5paniertotm vor ? diesem Meister die Segel strich und sich, da es ferne Wirkungen und Er- * folge sah, rückhaltlos zu ihm bekannte. Die Zahl der von ihm geschaffenen | Bilder teils kolossalen Ausmaßes ist eine ungeheure, man -hat dreitausend | Werke festgsstellt, die, selbst wenn man die Mitarbeit seiner zahlreichen i Schüler.ins Ange saßt, im wesentlichen von -seiner Hand sind. Er stand - mit beiden Füßen in seiner Zeit, aber er wurde nicht von ihr über- '


