Ausgabe 
28.5.1927
 
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Reformator Mrolamo Savonarola in die Arme. Sandro kommentierte auch die Göttliche Komödie, und die Schilderung der Höllenschrecknisse riß ihn so mit, daß seine leicht reizbare Phantasie von den grausigen Vor­stellungen nie mehr losgelassen wurde. Diese Beschäftigung mußte mit Notwendigkeit zur Lebensverneinung, zur Vernachlässigung aller Ge­dankentätigkeit sichren, die nicht das Jenseits zum Gegenstand hatte. So kam es denn auch. Die letzten Jahrzehnte des Künstlers waren unfruchtbar, lein schaffender Geist gelähmt. Die äußeren Verhältnisse entsprachen dem. Sandro, der früher nach Laune gelebt hatte, war mittellos dem Hunger preisaegeben und fristete feine Tage kärglich von Unterstützungen, die ihm der mitleidige Lorenzo von Medici zukommen ließ. Ein Armen svital nahm den müden Greis anf, der sich in langem Siechtum auf zwei Krückstöcken zum Grab« schleppte. Die Jugend muß hinter diesem Manne gelegen haben wie ein Traumland, das er, einmal flüchtig durcheilt, nie mehr er­reichen werde. Wir spüren etwas von der Sehnsucht seines trostlosen Alters in allen seinen Werken, etwas vom Feenschimmer seiner Kind- heitsträum« . . .

mit all dem nichts mehr zu tun. Man spielt Shakespeare und ist beeil»- flußt von Ibsen, Strindberg, Schnitzler. Das soziale Drama verdrängt das Alte, historische Themen behaupten sich noch. In der Musik sind Beethoven, Brahms, Schubert bekannte Erscheinungen in den bis vor kurzem noch unbekannten Konzertsälen. Auch die allermodernste Musik fehlt darin nicht. Die zweieinhalb Jahrtausend alte Tradition jener tiefen, leisen Musik, die in mystischer Weise metaphysische Gründe der Welt aufklingen ließ, eine Musik, die auf gar keinen Zuhörer berechnet war, ist völlig zer­brochen. Deutsche Musiklehrer und Dirigenten werden herangezogen. Und keines von allen Requisiten des industriellen Zeitalters fehlt in der Reihe. Autorennen und Preisfliegen, Sport, Fußball,Weltmeister", mit dem überall gleichen Gesichtsausdruck. Reihen von Japanerinnen, modern ge­kleidet, dieanstehen", um zu einer Versammlung über Frauenstimmrecht zugelassen zu werden. Annoncen, die alle Schrecken der modernen Mecha- nisievungshölle künden. Und also das Endergebnis? Panchaoismus das große Chaos!--

Die AK enkammer.

Erzählung aus den Revolutionskriegen von H. Müller-Schlöjjer.

(Schluß.)

Da trat Bärb mit einem brennenden Leuchter ein. Wie sie den Ernst in Sabinens Gesicht und Flipps Aufregung sah, fragte sie ängstlich: Wohin, Flipp?"Ich geh' uns 'Ablaß holen! rief er mit einer großen Geste und rannte hinaus.

Sabine sah Bärb streng an.Bärb, könnte Sie wissen, was er damit hat sagen wollen?" Bärb stellte vor Verwirrung den Leuchter so ungeschickt auf den Tisch, daß die Teller klirrten.Ich, Jungfer ich" stotterte sie.

Exküsiert, Jungfer," fragte Zabel, hastig eintretend,war bat mein Jung, der Flipp, der soeben hier war? Ich glaubte, seine Stimm' zu hören."Der Flipp? Da muß Er sich getäuscht haben." Zabel seufzteGebe Gott, er wär, bald wieder hier, der Jung!"

Bärb, geh' Sie!" befahl Sabine der, die zitternd und blaß am Tische stand,geh' Sie und richte die Schüsseln an." Bärb huschte hinaus wie das böse Gewissen selber.Jungfer," sagte Zabel,ich wollt Ihr melden, daß die Parlamentäre da sind." Er öffnete die große Tür und herein traten die drei französischen Osfiziere. Sabine ging ihnen entgegen.

Bonsoir, citoyenne!" begrüßte sie der erste Offizier.Jsch mir oben erlauben ßu mitbringen einige camarades. Jsch versicher auf parole dhonneur, sind serr lustig und galant für die Damen." Er küßte ihr die Hand.

Guten Abend, meine Herren!" erwiderte Sabine.Ich bitte Sie, vor­läufig mit mir vorlieb zu nehmen. Mein Vater wird den Augenblick kommen, Sie zu begrüßen."Das ist ein guter Zeichen ßu werden begrüßt von so schöne Dame, so aimable und so charmante!" sagte der zweite Offizier, und der dritte:Wir oben gefunden serr wenig so freund­lich Gesichter in diese Campagne."

Der erste Offizier schnallte den Säbel ab und stellte ihn in die Ecke.

Excusez, citoyenne, darf isch misch machen commode?" Die beiden anderen Offiziere stellten ebenfalls ihre Säbel in die Ecke.Der Säbel machen ßuviel Spektakel von der Krieg, nest-ce pas?"

Zabel führte vier Musikanten herein.Dahin, Musikanten! Und gespielt wie die Englein im Himmel am Sonntag! Sonst gibts kein Traktement!

Die Musiker drückten sich in eine Ecke des Sälchens, stellten die Noten­ständer auf und packten ihre Instrumente aus. Der dritte Offizier leckte sich über die Lippen.Tres bien, das Essen mir schmeckt am besten bei der musique " ,, ... .

Vive la joie! rief der zweite und strich die schwarzen, strähnigen Haare aus der Stirn. ,^sch werde fingen eine kleine chanson. Aber ßuerst wir wollen essen sil vous plait, citoyenne!"

In Amtsmantel, Perücke und Brille des Bürgermeisters kam letzt der Sekretär ernst und gemessen drein.Ich begrüße Sie, meine Herren, und heiße Sie auss beste willkommen." Die Offiziere erwiderten feine Ver­beugung mit einem militärifchen Gruß.

Wir sind serr erfreut, citoyen maire," bedankte sich der erste,von die herzliche Aufnahme. Aber, citoyen maire, warum in der grande gala, so feierlich?"Ich weiß, was ich meinen vielwerten Gästen schuldig bin. Die Offiziere schienen zufrieden und geschmeichelt.Sabine, mein Kind, sagte der Sekretär,lasse auftragen." ...

Soll sogleich geschehen, Herr Bürgermeister", erwiderte Zabel, wah­rend er sich weiße, wollene Handschuhe anzog. Dann stolperte er durch die kleine Tür hinaus, um in der Küche die Suppenschüssel zu holen.

Wollen die Herren gütigst Platz nehmen?" Der zweite und dritte Offizier setzten sich, der erste nahm den Sekretär etwas beiseite und raunte ihm zu, damit es die Musikanten, die ihre Instrumente stimmten, nicht hörten:Citoyen Bürkermeister, wir haben disponiert alles für die Nacht. Die Soldaten haben ordre ßu eindringen in die Stadt, wenn ich gebe Signal mit der Pistol." Er zeigte auf zwei Pistolen, die in feiner blau- weißroten Schärpe staken.Und hier in der Stadt ist alles in Ord­nung?"Sie können beruhigt sein. Die Torwachen sind mit Branntwein versorgt. Jede Wache hat zwei Faß."Oh," lachte der Offizier,das wird genügen, nest-ce pas?"

Ich will's hoffen", erwiderte der Sekretär, krampfhast in sein Barnen einstimmend.Es sind trinkfeste Burschen, die ihren Stiefel vertragen. Mit Ihrer gütigen Erlaubnis, citoyen Offizier, wollen wir mit dem Signal warten, bis Mitternacht verstrichen ist. Vorher kann ich nicht daflir bürgen, daß die Wachen mit dem Branntwein zugedeckt sindth bien, wir wollen uns vertreiben die Zeit bis ßu dieser Moment. Es wird nicht werden ennuyant bei gute Esten, bei der musique, bei so gast­freundlich Bürkermeister und" mit einer galanten Verbeugung zu Sabinebei so schöne und aimable Tochter."

Zabel kam herein und trug gravitätisch eine Suppenschüssel, ging von einem zum andern, bei dem ersten Offizier anfangend und bet dem Sekretär aufhörend. Sabine nahm keine Suppe; sie schaute blaß und ver­stört in ihren Teller. Die Musikanten begannen mit einer zierlichen Musik.

Als Zabel mit der Suppenschüssel zu dem Sekretär kam, fragte er leise:Hat Er den Brief an Finnickel besorgt?"Ist besorgt", ant»

Aus dem Wstt-SchmelZliegsl.

Von Dr. Erich Gutkind.

Vor uns liegt eine Zeitschrift, wie sie instruktiver und erschütternder nicht zu denken ist. 'Ein reich illustriertes Heft, in Großfolio, mit dem Titel:Present Day Japan, unlängst in Osaka gedruckt, das uns in ein­dringlichstem Ton und mit umfassendem Material belehrt, daß das alte Japan der Träume in den letzten Zügen liegt, ja eigentlich längst tot ist. Ganz andere Grenzlinien, als die von Nation und Rasse, beginnen den Globus zu überziehen, ganz andere Gestalten als die alten nationalen kristalli­sieren sich langsam heraus. Eine beispiellose Ausgleichung und An- gleichung hat eingesetzt, die felbft die resistentesten Nationalkulturen, wie die japanische, in dem Schmelztiegel der ungeheuren Weltkrise einschmilzt, und an Stelle aller Besonderheiten eine uniforme, europäisch-ameri­kanische Großstadtkultur setzt. Wer dieses japanische Heft, das mit Stolz dieFortschritte Japans", das will sagen, die Assimilation Japans, schil­dert, durchblättert, wird sich skeptisch fragen, ob es noch Mühe und Kosten lohnt,fremde Völker und Sitten" in langen Reisen zu studieren, wenn man nichts anderes erschwingt, als jene uniforme Grohstadu

Die Zeitschrift geht auf diese Fragen ein. Wir lesen da, daß Japan nun aus seiner zwei-tausendjährigen Kulturabsonderung herausgetreten sei. Der Westen sei höchst unwissend, wenn er Japan als ein halb barba­risches Land ansehe, und sich gar keinen Begriff davon mache, mit welcher Rapiditäi derchanging Japan sich dem Westen assimiliere. Das Tempo sei so rasend, daß ein Besucher schon nach je zwei Jahren die Nation von zwei Jahren früher nicht mehr zu beurteilen vermöge. Die zivilisatorischen Leistungen dreier abendländischer Jahrhunderte seien in noch nicht fünfzig Jahren nachgeholt, das wäre also das Verhältnis 1 zu 6. Japan habe eine ganz besondere Fähigkeit, jeden Zweig einer fremden Kultur zu verdauen und in sich zu assimilieren. Freilich würden in diesem großen Topf, in dem alle Zivilisationen zusammengekocht seien, die Aspekte etwas ver­ändert, und was herauskäme, sei es wird mit leichtem Bedauern ge­sagt ein wenig orientolifiert, oberdarum" dem Original nicht un­bedingt unterlegen. Jedoch hofft man, es werde einst eine Periode der Originalität wiederkehren. Man wird aus abendländischem Boden schwer- liche eine so restlose Bewunderung westeuropäischer Zivilisation finden.

Und nun wird uns in allen Einzelheiten geschildert, wie weit bas Land bereits derBarbarei" entwachsen ist. Wir greifen aus der er­drückenden Fülle einige Beispiele heraus. Die Erziehung ist vollständig modernisiert. Sie umfaßt alle modernen Fächer, Technik, Medizin, Agri- tultur, Geschichte. Die Anteilnahme an dieser allgemeinen Volksbildung ist im schnellsten Wachsen. Sehr interessant ist die Darstellung über den fundamentalen Begriff desI n o t i", ohne den die japanische Staatsform nicht verstanden werden kann. Hier scheint einer der meist resistenten Punkte gegenüber der überschnellen Assimilation zu liegen.Jnoii" ist nämlich das Selbst, aber nicht bas begrenzte, sondern jenes Selbst des Japaners, das aus weitester Vergangenheit herkommend, bis in die ewige Zukunft weiterströmt. Es ist die Bereinigung des Einzel-Jch und des Ich der Nation, jenes Universal-Ich, in dem eins mit dem andern unlöslich verbunden ist. Der Jnotikult ist zugleich Ahnenkult und Selbst- kult, und der Kaffer ist keinStaatsoberhaupt", sondern nur bas Herz und die repräsentative Gestalt desJnoti". Es handele sich hier um einen vertiefenden Individualismus, und wahre Demokratie könne nur aus Individualismus geboren werden. Man dürfe nicht ohne weiteres die äußere Staatsform mit anderen Regierungsformen vergleichen.

Das Zeitungswesen blüht. In Tokio erscheinen täglich über hundert Zeitungen. Im Kino gibt es ein klassisches und ein modernes Genre. Filme und Kinohäuser scheinen den unseren aufs Haar zu gleichen. Sehr seltsam ist die Veränderung der Physiognomien. An Stelle des alten, straffen, S' 'chsam von einem inneren Zentrum her zusammengehaltenen Typ

int ein bewegter sentimentaler zu treten. An zahlreichen der photo­graphierten Köpfe bemerkt man diese deutliche Typen-Abschwächung, und es wäre eine bet wichtigsten Aufgaben der jungen Charakterologie, zu untersuchen, ob hier ein weitgehender Verfall des Gesichts einsetzt oder ob schon Neubildungen eintreten. Es wird uns nicht wundern, alle anderen Symptome, die uns so wohl bekannt sind, anzutreffen. So die Viel- schreiberei. Dichten tuteverybody". Die von kleineren Dichtern geliefer­tenStücke" belaufen sich auf über 23 000. In einer Kinderzeitschrift gn-den sich monatlich 3000 bis 4000 Gedichte von Jungen und Mädchen.

ie Lyrik hat eine Invasion des Radikalismus über sich ergehen lassen müssen. Eine neue Gesellschaft,Shinti Kai, veröffentlicht zuerst einen Band solcherGedichte" von heute. Jetzt gibt es eine Unzahl von Schulen, Impressionisten, Symbolisten, Dadaisten, Imagisten. Gegenüber dem alten, trabitioneöenTanka Styl" gibt esHaiku", eine ArtProlet­kunst". Eine konstruktive Bewegung greift in reformierter Form aus Tanka" wieder zurück. Die dramatische Dichtung hatte früher religiöse Färbung, vermischt mit volkstümlichen Tänzen. Später war ihr Gegen­stand die Aristokratie, die Samurais, und in den folgenden Perioden der Kampf des Bürgertums gegen diese Schichten. Die junge Generation hat