Ausgabe 
24.12.1927
 
Einzelbild herunterladen

einen Tisch, den er hart, an die bretterue Wand gerückt hatte. Darum her staute er Späne und Reisig; der sonderbare Aufbau reichte fast bis an die niedrige Decke. Dann stand er eine halbe Minute und drückte die Hand auf die Augen, als ob er unter den geschlossenen Lidern etwas zu sehen suche, weine Knöchel preßten gewaltsam die Augäpfel, bis ein gelber Ring vor ihnen entstand. Derselbe dehnte sich schnell aus, größer und größer, und kleine, hurtige Flämmchen begannen darin zu züngeln. Run schoß aus der Mitte eine rote Säule gerade auf, eine knatternde, prasselnde Lohe jetzt, in die der Sturm hineinbrach und sie zu glutwir­belnden Garben sunkensprühend anseinanderwühlte; und mit wildem Griff riß der Mann die Hand von den Lidern und eine kleine Schachtel aus seiner Tasche, von der beim krampfhaft hastigen Oesfnen ein halbes Dutzend von Zündhölzern sich über den Boden verstreute. Da kam ein Ton durch die Stille des windumheulten Hauses, kleine, scheu tastende Schritte auf dem Flur, die Kllchentür ging auf, und eine Stimme frug: Wo bist du, fremder Mann? Warum kommst du nicht zu uns?" Und die beiden Kinder schlüpften herein und faßten ängstlich nach seinem Mantel.

Er stieß sie rauh zurück und gebot barsch:Fort von mir, in die Stube!" Aber sie klainmerten sich an ihn und baten:Geh mit uns! Wir fürchten uns drinnen allein, es ist so dunkel."

Und bei mir sürchtet ihr euch nicht?"

Unbewußt, mit einem höhnischen Auflachen war es ihm entfahren. Sie antworteten zusammen:Nein, wenn du nur da bist! Aber bleibe, bis die Mama und der Papa wiederkommen!" Und, von seiner Gegen- ivart beruhigt, musterte das Mädchen den noch halb erkennbaren wunder­lichen Aufbau auf dem Tisch und frug:Machst du das für uns?" und der Knabe fiel vergnügt, geheimnisvoll raunend, ein:Du, ich weiß, Hier er ist, Hannchen."

Wer denn?" ,

Cs ist der Weihnachtsmann, er sieht zu, ob wir artig sind."

Was war's der starkknochige Mann hatte mit einem Doppelruck feine Arme ausgereckt, um die beiden Kinder gewaltsam von sich zu schleu­dern. Aber an beiden Händen zuckten ihm die Finger zusammen, als sie hier das weiche Gesicht, dort das glatte, warme Hälschen berührten. Sie zuckten und lagen einen Augenblick still und fielen herunter.

Einen Augenblick war es auch im Haufe wieder lautlos still, nur der Wind rüttelte draußen am Dach und schnob winselnd um den Schorn­stein. Dann sagte der Knabe:

Weiht du was, frenrder Mann, spiele mit uns, bis die Mama den Papa heimbringt. Du siehst wie der böse Wolf aus, und Hannchen ist das Rotkäppchen. Kennst du's? Du mußt an der Mama Beit gehen und dich hineinlegen, komm, ich zeig's dir. Dann hast du die Großmutter gefressen, und das Rotkäppchen kommt mit dem Korb, das mußt du auch fressen."

Und wenn ich's täte?" stieß der Freinde mit zahnschlagend sonder­baren: Ton aus, und seine Finger hoben sich wie fünf starre Krallen nach dem Hals des Mädchens.

Dann kommt der Papa und schießt dich tot; das wird hübsch!"

Nein," fiel die Kleine ein,bitte, tue das nicht, die Mama würde trqurig sein und meinen."

Doch, er soll's!" rief der Knabe.Dann kommt der Papa und wir haben Weihnachtsabend. So soll er schießen bum bum!"

Mit den Händen vorfahrend, stieß er gegen das aufgeschichtete Holz aus dem Tisch, daß die Scheite lauten Aufschlags an den Steinboden herunter­kollerten. Doch gleich darauf frug er, sich umwendend, halb erschreckt: Was hast du, fremder Mann? Tilt dir etwas weh?"

Ein dumpfes Stöhnen war aus der Brust des zwischen ihnen Stehen­den gekommen, er setzte sich plötzlich auf die kleine Wasferbank nieder, sprang jedoch,, die Hande der beiden Kinder fassend, gleich wieder auf und murmelte stockend:Kommt, ich bringe euch in die Stube hinüber."

Ja, hier ist's kalt, die Mama würde schelten, wenn sie wüßte, daß wir in der Küche find", antwortete das Mädchen, und sie gingen mit ihm ins Wohnzimmer, aus dem ihnen behagliche Wärme entgegenjchlug. Es war ein kleines, heimlich-köstliches Asyl inmitten der öden, schneestarrenden Wildnis; wie ein Anhauch schönen, friedlichen Glückes kam es von den schirmenden Wänden.

Bitte, nun erzähle uns eine hübsche Geschichte, bis sie kommen", sagte der Knabe.

Der sie hereingesührt, hatte ihre Hände fahren lassen.Bleibt," ver­setzte er, hastig wieder nach der Tür greifend,ich habe noch in der Küche zu schaffen." '

Aber das kleine Mädchen sprang ihm nach und hielt ihn.Rein, du darsit nicht wieder fort. In der Küche ist es kalt, da frierst dir, und dann schilt die Mama dich auch. Warum ist sie denn noch weggegangen?"

Sie zog mit ihren mannen Fingerchen an seiner Hand; er wollte sich losmachen, dach die kleinen, weichen Gliedmaßen hielten ihn wie eiserne Ketten. Er strengte alle Kraft seines Armes an und konnte ihn doch nicht regen. Nur sein Mund brachte mühsam hervor:

Hast du denn deine Mama lieb?"

Sie antwortete mit verwundert fragendem Ton:Die Mama? Die 1)1x6*11 alle lieb. Hast du's nicht?"

Im Dunkel hörte man, daß seine Zähne, wie von Fieberfrost gepackt, aufeinanderschlugen. Er wollte etwas zwischen ihnen herausstoßen, aber wie eben sein Arm gelähmt gewesen, war jetzt seine Kehle verschnürt. Un­bewußt, halb verständlich vermurmelten seine Lippen nur:Wie heißt du?"

Weiht du's nicht? Johanna, wie die Mama."

Es klang silberhell durch die dunkle Stube.Und heißt du Adolf?" frug er rasch, als ob er den hellen Ton in seinem Ohr zu übertönen suche.

Rein, das ist der Papa, ich heiße Wolfgang", antwortete der Knabe. Wolfgang" sprach der Fremde nach, und der stöhnende Laut kam

- wieder aus feiner Brust, der di« beiden Kleinen in der Klicke schon ein. ' mal erschreckt. Doch zugleich machte er einen großen, wankenden Schrict in die Finsternis, und seine Hand tastete zitternd um sich, und bann saß et regungslos auf einem Stuhl, den Kopf vornüber auf die Knie herunter- gedrückt. Der Wind heulte draußen, sonst war alles totenstill; auch di, Kinder standen schweigend, wohl eine Minute. Darauf sagte das Mädchen: Bist du betrübt, fremder Mann, daß du weinst? Bekommst du kein« Weihnachtsgeschenke heute abend?"

Doch die Frage rief gewaltsam die Ungeduld und Erwartung de» Knaben wach.Ich schlafe ein," fügte er halb schluchzend hinzu,wenn es jetzt nicht bald Weihnachtsabend wird."

Nun fuhr der medergebückte Kopf im Dunkel von den Knien auf und sprach langsam mit hörbar zitternden Kiefern:

Du wolltest ja, daß'ich dir etwas erzählen sollte, Wolfgang. Es war einmal ein böser Wolf, der kam in der Dämmerung hoch oben im ein­samen Gebirge an ein Haus"

Aber der Knabe fiel ein:Die Geschichte kenne ich schon, die ist lang, weilig." Und weinerlich setzte er hinzu:Der Papa und die Mama solle« kommen und den Baum anzünden."

iJa, ich schlafe sonst auch", schluchzte Johanna, geschwisterlich ein. i stimmend.

! Da war's wie ein überrinnendes Maß, dem ein Tropfen gefehlt. Ei« , Rütteln durchlief den starken Körper desfremden Mannes", eine Angst, ' ein Grausen. Er rang umsonst nach Luft, die Brust versagte ihm bei Atem in bem warmen, heimlichen Zimmer. Hinaus in den Sturm, in bi, Nacht, in den Schnee! Nur hinaus!

Und er sprang jäh auf, gegen die mattgrau sichtbare Tür. Doch ba» kleine Mädchen sagte jetzt, die schläfrig müden Wimpern aufhebend:

Da hinein darfst bu nicht, da ist die Weihnachtsstube."

Die Weihnachtsstube Weihnachtsabend", wiederholte er mit einem sinnoerworrenen, bitter ausschluchzenden Ton, und sein Kopf schlug halb los, dröhnend gegen die Tür. .So stand er ein Dutzend Herzschläge lang bann drehte er plötzlich bas hohle Gesicht und sagte leise:Ich hab, niemals als Kind eine Weihnachtsstube gesehen, da darf ich jetzt wohl hinein."

Er öffnete und schloß die Tür hinter sich. Ein kurzes Weilchen hocchtei die Kinder auf die Fußtritte und Laute, die ab und zu aus dem geheim­nisvollen Wundergemach herüberklangen, doch allmählich fielen ihnen bi, Lider zu. Das Gewisper auf ihren Lippen verstummte, sie schliefe» ein.

Da hörten beide im Traum eine Tür gehen, und eine Stimme sagte: Kommt, ihr .Kinder!" Und sie fuhren zugleich in die Höhe und starrte« um sich und rieben sich die Augen. Und bann stießen sie einen doppelte« Jubelschrei aus.

1

\ Draußen war Frau Johanna eine Viertelstunde laug durch Sturm uni \ Stacht und Schnee gelaufen. Der letztere fiel nicht mehr aus den hastig vor- ; übergewirbelten Wolken, aber er lag überall beinahe fußtief zwischen bei ! Stämmen. Der große Leonberger Hund ging, oftmals anhaltend und M umblickend, immer voran durch den schroff' aufsteigenden Felswald, uni i die junge Jfrau folgte nach. Sie tat es mit erstaunlicher Kraft und instinkt- i mäßiger Lücherheit des Schrittes; die feit einer Stunde höher und höher, ; erstickend in ihr herangewachsene, unheimliche Angst war vorüber, und mit i dem unbezwinglichen Willen der Verzweiflung ging sie dem Schreckliche« > entgegen, das vor ihrer Phantasie stand. Sie sah den geliebten Mann, ; irgendwo von einer Steimvand herabgeftürzt, liegen, regungslos hinge- streckt und den Schnee rot um ihn von Blut. Und sie dachte an nicht, ' hinter sich, selbst nicht an ihre Kinder; an gar nichts, als ihn zu finden. ; Aber dennoch schrak sie jetzt mit einem tödlichen Herzkrampf zusammen, s und ein geller Ausschrei flog ihr vom Mund, als der Hund nun plötzlich bellend und rafchelnd vorsprang. Ein Hindernis sperrte den Weg, bei Sturm hat eine mächtige Föhre quer hinübergeschmettert, hoch griffen vom Stammeseube bie ausgeriffenen Wurzelknorren in bie Luft. Das Aug« gewahrte auf dem zerstäubten Schneeuntergrund nichts als ein wüstes, zer­splittertes Durcheinander, in das der Hund sich mit einem Satze hinei n- geschnellt. Doch bei dem Schrei Johannas sagte unter dem schwarze« Nadelgezweig hervor eine traumhafte Stimme:Was ist denn wer schrie ba?"

Sie mußte nicht, ob sie es wirklich gehört, ob es nur ein Fieberwahn ihres Ohres gewesen. Doch mechanisch stürzte sie vorwärts in ber Rich­tung, strcmchelnb, fallend, sich aufraffenb. Ihr Kleid und Haar verfinge« sich an dürrem Gezack, sie riß sich los. Aber als ob ihr Herz dadurch am feinem Stillstand geregt worden, fing es wieder an zu schlagen, und fk rief:Adolf Adolf!"

Da lag'er vor ihr, Überwirrt und halb verdeckt von dem Gestrüpp dei windgestürzten Baumes, doch nicht, wie ihre Einbildung ihn gesehen, so» der» er hob ihr halb den Kopf entgegen und sprach mit der sonderbare« Stimme wie eben zuvor:Was willst du, Hannchen?"

Du lebst!" stieß sie besinnungslos aus, und ihre Arme klammerten sich um seinen Racken.

Ich? Du träumst, liebes Närrchen; ich wollte ja eben in den Wall gehen und küßte dich."

Mit der Hoffnung umr ihr auch die Angst zurückgekommen. Sie drückt« ihre Handflächen -um seine Schläfen, seine Stirn und fragte hastig durch einanber:Was ist dir, Alf? Du blutest nicht; hat ber Baum dich nicht getroffen? Warum bliebst bu hier liegen, daß mein Herz vor Todesschrech ftillstand?"

Der Baum," wiederholte er und drehte etwas mühselig den Kaps, was für ein Baum?" Dabei tasteten seine Finger um sich, und er lächelst Warum hast bu Schnee in die Stube getan?"

Um Gottes willen, Alf, du redest irre!" rief sie,du liegst ja im Wald, und die Föhre ksier ist über dich gestürzt. Ws hat sie dich getroffen?"

(Schluß folgt.)

Verantwortlich: Dr. HanS Thyrivt. Druck und Verlag: Brühl'sche Aniversitätr.Vnch. und Steindruckeret, R. Sange, Gießen-