GietzenerZamilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang 1927
Samstag, den ly.Lebruar
Nummer H
Vorfrühling.
Von Hugo von Hofmannsthal.
Es läuft der Frühlingswind durch kahle Allee»! seltsame Dinge sind in seinem Wehn.
Er hat sich gewiegt, wo Wernen war und hat sich geschmiegt in zerrüttetes Haar
Er schüttelt« nieder Akazienblüten und kühlte die Glieder, die atmend glühten.
Er glitt durch die Flöte als schluchzender Schrei an dämmernder Röte flog er vorbei.
Er flog mit Schweigen durch flüsternde Zimmer und löschte im Neigen der Ampel Schimmer.
Es läuft der Frühlingswind durch die Alleen, seltsame Dinge sind in seinem Wehn.
Durch die glatten kahlen Alleen treibt sein Wehn blass« Schatten .
Und den Duft, den er gebracht, von wo er gekommen seit gestern nacht.
Das (Ei.
Don Sherwood Anöerfo n*).
Mein Vater war, davon bin ich Überzeugt, von Natur, dazu bestimmt, ein fröhlicher und freundlicher Mann zu sein. Vis zu seinem vierundbreihigsten Jahre lebte er als Landarbeiter auf der Farm eines gewissen Thomas Duiterworth, in der Nähe der Stadt Didwell, Ohio. Er nannte damals ein Pferd sein eigen und fuhr jeden Samstagabend in die Stadt, um dort ein paar Stunden dem geselligen Verkehr mit andern Landarbeitern zu widmen. In der Stadt trank er etliche Glaser Vier und stand in Den Heads Saloon herum, der an Samstagabenden mit stadtsährenden Landarbeitern vollgepfropft war. Man sang Lieder und hieb die Gläser dröhnend aus den Schanktisch. Hm zehn Ahr abends fuhr Vater heim, eine einsame Land- stratze entlang, versorgte sein Pferd für die Nacht und verfügte sich in? Dett, mit seinen Daseinsverhältnissen völlig zufrieden. Zu jener Zeit wurde er keineswegs von dem Verlangen geplagt, in dieser Welt eine höhere Stufe zu erklimmen.
2m Frühling seines sünfunddreißigsten Lebensjahres verheiratete sich mein Vater mit meiner Mutter, die damals Landschullehrerin war, und im nächsten Frühling hielt ich spaddelnd und schreiend meinen Einzug in die Welt. Da ging nun mit den zwei Eheleuten etwas vor. Sie wurden ehrgeizig. Die amerikanische Leidenschaft fürs Vorankommen im Leben ergriff sie.
Cs ist möglich, daß meine Mutter schuld daran war. Wahrend ihrer Lehrerinnenjahre hatte sie ohne Frage Dücher und Zeitschriften gelesen. Sie hatte, nehme ich an, gelesen, wie Garfield, Lincoln und andere Amerikaner aus Armut zu Derühmtheit und Gröhe emporgestiegen waren: und als ich in den Tagen ihres Wochenbettes nun so neben ihr lag, mag sie davon geträumt haben, daß ich eines Tages über Menschen und Städte herrschen würde. Jedenfalls steht fest, dah sie meinen Vater dazu überredete, seine Stellung als Farmarbeiter aufzugebeir, sein Pferd zu verkaufen und als unabhängiger Mann mit einem eigenen Unternehmen fein Heil zu versuchen. Sie war eine lange, schweigsame Frau mit einer langen Nase
*) Sherwood Anderson wurde zu Ohio in Mittelamerika geboren. Der Vater war Stubenmaler: die Mutter, eine vortreffliche Frau mit einem Tropfen italienischen Vintes in den Adern, leistete für die Häuslichkeit, was der trunksüchtige, sehr phantastische Vater nicht zu leisten imstande war. Der begabte Knabe verlaßt früh das Elternhaus und begibt sich auf eine jahrelange, scheinbar ganz ziellose Wanderschaft. Sie wird ihm zum Segen, auf ihr schöpft er seine strotzen Kennntnisse der Städte und Menschen, sie weckt den Dichter m ihm, und er schreibt nun in rascher Folge Vuch auf Buch. Zehn 2 ah re dauerte es, bis seine Dücher, auf die man zwar in einem Keinen Siteratenfreife sehr bald aufmerksam wurde, in weitere Kreis« drangen. 2etzt ist er der gelesenste amerikanische Romanschriftsteller, dessen Werke auch in England, Frankreich, Schweden und 2talien verbreitet sind. Sein erstes Vuch war „Windy McPhersons Sohn": eS folgten dann „Des Erzählers Geschichte", „Pferde und Menschen", „Erzählungen aus Ohio", „Wandernde Menschen" u. a. — Unsere Erzählung ist dem im 2nsel-Derlag erschienenen Rovellen- Dande „Das Ei triumphiert" entnommen. — 529.
und unruhigen grauen Augen. Für sich selbst begehrte sie nichts. Für Vater und mich hegte sie uicheilbaren Ehrgeiz.
Das erste Unternehmen, das die zwei Leute wagte»», ging Übel aus. Sie pachteten zehn Morgen Land, geringen, steinigen Doden, an ber Griggs's Road, acht Meilen von Vidwell, und fingen darauf eine Kükenzüchterei an. Hier wuchs ich ins Knabenalter hinein, und hier empfing ich meine ersten Eindrücke vom Leben. Es waren von Beginn an Eindrücke des Mißgeschicks: und wenn ich in meiner Wesensart ein schwermütiger Mann bin, geneigt, das Leben von der düsteren Seite zu betrachten, so schreibe ich das der Tatsache zu, daß ich meine Kinderjahre, die eigentlich voll heiteren Glückes hätten sein sollen, auf eine Kükenfarm verbringen »nutzte.
Wer in solchen Sachen nicht bewandert ist, kann sich keine Vov- ftellung machen, was für mannigfaltige und tragische Dinge mit einem Küken vor sich gehen können. Es schlüpft aus dem Ei hervor, lebt einige Wochen als ein winziges, federlockiges Etwas, wie du es auf Osterkarten abgebildet siehst: wird dann abschreckend nackt: vertilgt gewaltige Mengen Körner und Mais, die dein Vater mit saurem Schweiß erarbeitet und gekauft hat; bekommt Krankheiten, die man mit Pips, Cholera und dergleichen Namen benennt: steht da und glotzt aus dummen Augen in die Sonn«: wird lebensüberdrüssig und stirbt. Ein paar Hennen und dann und wann ein Hahn, den Gott für seine rätselhaften Absichten aufsparen will, kämpfen sich zur Reise hindurch. Die Hennen legen (Sier, aus denen wieder andere Küken hervorkommen — und der Kreislauf des Unheils beginnt wieder einmal von vom. Es ist eine unglaublich verwickelt« Geschichte. Die meisten Philosophen müssen auf Kükenfarmen auf- gewachsen fein. Man erhofft sich fo viel von einem Küken und wird so furchtbar enttäuscht. Wenn die kleinen Küken ihre Lebensreise beginnen, sehen sie so munter und aufgeweckt aus unö sind itt Wahrheit so gräßlich dumm. Sie gleichen so sehr den Menschern und sie werfen einem nachher die ganze Lebensanschauung über den Haufen. Wenn Krankheit sie nicht umbringt, warten sie, bis deine Hoffnungen ordentlich ins Kraut geschossen finB, und begeben sich alsdann unter die Räder eines Wagens, um sich zerquetschen zu lassen und mit Hilfe des Todes in die Hand ihres Schöpfers zu- rückzukehren. Ungeziefer ist die Plage ihrer 2ugendzeit, und Vermögen müssen aufgewandt werden für heilende Pulver. 2m späteren Leben habe ich gesehen, daß eine ganze Literatur um daS Thema herumgeschrieben worden ist, wie man sich mit der Kükenzucht angeblich ein Vermögen machen kann. Diese Literatur ist zur Lektüre für Halbgötter bestimmt, die vom Baume der Erkenntnis gegessen haben und wissen, was Gut und Döse ist. Es ist eine hoffnungerweckende Literatur, und sie setzt harmlosen und ehrgeizen Leuten, die ein paar Hennen ihr eigen nennen, auseinander, was fte alles tun müssen. Latz dich von solchen Büchern nicht nasführen. Sie sind nicht für dich geschrieben. Geh Gold jagen auf den Eishügeln Alaskas, setze dein Vertrauen in die Ehrenhaftigkeit eines Politikers, glaube »neinettoegen, wenn das Herz dich dazu treibt, datz die Welt mit jedem Sage besser wird und datz dem Guten der Sieg über das Dös« beschieden ist — aber lies und glaub« nicht die gedruckte Weisheit über die Hühnerzucht. Sie ist nicht für dich geschrieben.
Aber ich schweife ab. Meine Geschichte handell ursprünglich nicht von der Henne, sondern, wenn ich sie richtig erzähle, vom Ei. Zehn 2ahre lang plagten mein Vater und meine Mutter sich ab, um unsere Kükensarm ertragBringenö zu machen, dann gaben sie diesen Kampf auf und stürzten sich in einen neuen. Sie zogen in di« Stadt Vidwell, Ohio, und versuchten es mit dem Gastwirtsgewerbe. Nach zehn 2ahren der Schinderei mit Brutapparaten, die nicht ausbrüteten, und mit winzigen — und in ihrer Art entzückenden — Flaumfederbällen, die zur halbnackten Hühnchenschast heranwuchsen und ihre Hennenschaft in ein besseres Jenseits verlegten, warfen wir alles beiseite, packten unser« Habseligkeiten in einen Wagen und fuhren auf der Griggs'S Road gen Bidwell: eine Keine Karawane hoffender Leute auf der Suche nach einem neuen Startplatz, wo sie an ihrem DestimmungS» tage den Aufstieg in ein besseres Dasein beginnen konnten.
Wir müssen wohl ein kümmerliches Häuflein gewesen sein, vev- mute ich, und etwa so ausgesehen haben wie Flüchtlinge von ciitan Schlachtfelde. Mutter und ich gingen auf der Straße. Den Wagen, der unseren Hausrat enthielt, hatte uns Mr. Albert Griggs, ei« Nachbar, für den Umzugstag geliehen. Aus den Flanken des Gefährtes starrten die Deine billiger Stühle hervor, hinter dem Haw- fen von Betten, Tischen und den mit Küchengerät vollgestopften Koffern war eine Lattenkiste mit lebenden Küken untergebracht, und oben auf dem Ganzen schwebte der Kinderwagen, in dem man mich einst ausgefahren hatte. Weshalb wir auch ihn noch verstaut hatten, weih ich nicht. Es sah bei uns nicht mehr nach Familienzuwachs aus, und seine Räder waren zerbrochen. Wenn die Men-


