Ausgabe 
16.7.1927
 
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Werden und. Vergehen des Einzelmenschen rote ganzer Familie« Sippen und Völker überhaupt besteht. Alle alten Boiler pflegten diesen Familien­sinn. Jedoch im Laufe der Zeit änderten sich die alten Anschauungen. Jn- vlae der Wanderungen der Völker, infolge der Verbreitung mancher philosophischer und ethischer Lehren und nicht zuletzt infolge von Not und Armut, die über viele Kreise einer Bevölkerung, ja ganzer Volker kamen, fanden andere Vorstellungen, neue Begriffs und Ideale Ver­breitung, die den Einzelmenschen loslösten von der Abhängigkeit der Ge­meinschaft ; das Gefühl hierfür erstarb, der einzelne mar das Maß aller Dinge, das Zentrum, um das sich di« ganze Welt drehte.. In neuerer Zeit in der die Durchmischung auch des deutschen Volkes irrfmer weitere Fortschritte gemacht hat und auch fremdes Blut von außen in nicht un­beträchtlicher Menge hinzugekommen ist, ist nun das Interesse am Stamm und an der Familie in immer weiterem Schwinden begriffen gewesen, bis, wie wir eingangs erwähnten, eben jener Umschwung erfolgte, der die Familienkunde und -forschung neu befruchtete.

Es kann nicht die Aufgabe einer Rassenhygiene des Menschen sein, die Maßnabmen züchterischen Vorgehens vom Tier unmittelbar und un­verändert auf den Menschen zu übertragen. Hier liegen die Dinge viel verwickelter, und so manches, was beim Tier möglich ist, erscheint beim Menschen undurchführbar. Und trotzdem ist es wünschenswert, daß eine Familiengeschichte des Menschen in recht breitem Umfange getrieben wird.

Wie es in der Natur der Sache liegt, sind es die Fragen über die Vererbung von Eigenschaften, körperlichen und geistigen, die im Vor- , derarund des Interesses stehen und die immer wieder einen Anreiz dazu bieten, die Ahnenreihe des einzelnen zu bestimmen und zu untersuchen, wie diese Eigenschaften auf die Nachkommen weitergegeben werden. Man hört heute so oft sagen, Vererbung sei alles, im Gegensatz zu der Mei­nung jener, die auf die Gestaltung der Erziehung, der Umwelt über- ;. Haupt den arößten Wert legen. Beide Anschauungen sind nur bedingt : richtig, und wichtig erscheint es daher, hier fest begründetes Wissen zu verbreiten. Wie dem auch sei, die Familiengeschichte wird auf naturwissen- schaftlicken Boden heute wertvolles Material zu fördern imstande sein, sofern bei der Anstellung derartiger Forschungen eben auf die ange­deuteten Fragen auch eingegangen wird. Sa ist zu Haffen, daß wir ein­mal jene Krankheiten, die an sich vererblich sind, zu trennen lernen von anderen, bei denen die Krankheit ganz sicher nicht vererbt wird. Aus der Fülle des bereits heute zur Verfügung stehendes Stoffes will ich hier nur die Tuberkulose erwähnen. Wir wissen heute, daß diese Krankheit ganz sicher nicht von den Eltern auf die Kinder vererbt wird, nur von einer Krankheitsbereitschast können wir reden, die von Generation zu Generation weitergegeben wird. Das stimmt, und wenn auch noch so viele : Fälle von Tuberkulöse in einer Familie beobachtet werden. Zur Krank- s heit gehört immer der Tuberkelbazillus, der den Menschen erst nach der Geburt befällt, nicht wahrend seiner Entwicklung im Mutterleib. Wir lernen daraus aber auch, daß solche Krankheiten vermieden werden kön­nen, wenn ein zweckentsprechendes Verhalten der Gefährdeten einge­halten wird. Von anderen Krankheiten, wie Störungen des Stoffwechsels, der Zuckerkrankheit zum Beispiel, von Krankheiten der Haut, hier sei die Schuppenflechte erwähnt, oder das Auftreten von Muttermalen, können mir heute dagegen eine Erblichkeit annehmen.

Weiter sei auf die merkwürdige Erscheinung der sog. Dominanz und der Rezessivität bei der Vererbung von Eigenschaften hingewiesen. Wenn wir auch hier wieder auf das Auftreten von Krankheiten Bezug nehmen, so sehen wir, daß manche Krankheiten bei der Nachkommenschaft dann < offenbar wird, wenn sie entweder beim Vater oder bei der Mutter vor­handen' ist. Von anderen dagegen und gerade diese erwecken immer i wieder das lebhafteste Interesse wissen wir, daß sie nur dann auf­treten wenn die Anlage dazu sowohl beim Vater als auch bei der Mütter besteht. Es muß also in diesem Falle eine zweifache Belastung zustande kommen, und um zu unterscheiden, ob denn nun auch wirklich im einzelnen Fall dies« doppelte Belastung vorhanden ist, steht uns bisher kein Mittel zur Verfügung, als die Ahnenreihe des Vaters und der Mutter möglichst genau zu kennen. Es ist anzunehmen, daß in nicht wenigen Fällen bei dem einen oder anderen Vorfahren die Krankheit sich einmal gezeigt hat, und damit besteht die Möglichkeit, wenn nicht die Wahr- icbeinlichkeit, daß die Anlage zu der betreffenden Krankheit auch bei dem Nachkommen dieses Ahns noch vorhanden ist. Bei Krankheiten, Eigen­schaften schlechthin, die nach der Dominanzregel sich vererben, können wir sage in Einmal frei, immer frei. Bei denjenigen jedoch, die sich rezessiv verhalten hier sei die Epilepsie als Beispiel herangezogen können wir diese allgemeine Regel nicht aufstellen, im Gegenteil hier besteht immer dis Möglichkeit, baß sie bei der Nachkommenschaft wieder offenbar wird. Es leuchtet ohne iveiteres ein, daß unser Handel dadurch wesent­lich beeinflußt wird und Eheschließungen nach diesen biologischen Gesetzen zu befürworten oder abzulehnen sind. Die Familienforschung hat also ganz enge Beziehungen zur Rassenhygiene, denn hier kommt es ja dar­auf an, Gesundheit und tüchtiges Erbgut von Generation zu Generation zu hüten und zu mehren.

Mit den oben angeschnittenen Problemen steht in unmittelbarem Zu­sammenhänge die Frage, ob und in welcher Weife bei der Nachkommen­schaft bestimmte Eigenschaften zu erwarten sind. Können wir überhaupt heute schon genaue Vorhersagen über die Eigenschaften der Nachkommen machen? Der Züchter, der Tiere nach einem festen Plan heranzüchtet, ist dazu wohl in der Lage, wenn er z. B. Rinderrassen mit besonderer Milchergiebigkeit oder einer besonderen Widerstandsfähigkeit gegen dis Einflüsse der Witterung haben will. Er kennt die Eigenschaften der ein­zelnen Tiere nach ihrer Abstammung und ist in der Lage,. durch Aus­wahl der geeigneten bei der Paarung das Resultat.zu erreichen, das er im Auge hat. Beim Menschen liegen die Dinge wesentlich komplizierter. Hier müssen wir uns auf das Experiment verlassen, das die Natur selbst j macht, nur die Kenntnis der Ahnenreihen wird uns, wenn Familien- i geschichte in breitem Umfange getrieben wird, in den Stand setzen, mit i

einer mehr oder minder großen Wahrscheinlichkeit über das Auftreten von Eigenschaften bei der Nachkommenschaft etwas voraussagen zu können. Und diese Vorhersagen werden an Gewißheit gewinnen, wenn uns eine biologisch orientierte Familiengeschichte das Material dazu in die Hand gibt.

Auch ein anderes, viel umstrittenes Kapitel sei hier erwähnt, das die Gemüter der Menschen immer wieder beschäftigt hat. Das ist die Frage, ob sich Blutsverwandtschaft unter den Ehepartnern in ungünstiger Weise auf die Nachkommenschaft bemerkbar macht. Eine ganze Reihe von Krankheiten werden dieser Blutsverwandtschaft zur Last gelegt, Taub­stummheit, Idiotie, allgemeine Schwächlichkeit, Zeugungsunfähigkeit, Un­fruchtbarkeit, um nur einige zu erwähnen. Auch auf diesem Gebiet wird die Familiengeschichte Klarheit schaffen können. Zunächst einmal muß festgestellt werden, wie groß der Grad der Blutsverwandtschaft ist. Ge­meinsame Ahnen finden wir nicht selten immer wieder bei den Ehen in Familien, die Jahrhunderte gelebt haben und noch leben, ohne daß die oben erwähnten Krankheiten aufgetreten sind. Ja, man kann sogar sagen, daß so manche charakteristische Familieneigentümlichkeit, wertvoll für das Leben eines Volkes, sich durch eine gewisse Inzucht erst befestigt und aus den Erfahrungen des Tierzüchters kann man dasselbe schließen, die stets mit dem Mittel der Inzucht arbeiten. Will mau diesen Gedanken weiter verfolgen, so wird man das charakteristische Gepräge einzelner Volks- ftämme, einzelner Menschenrassen mit Hilfe einer milde angewandten Inzucht erklären können, ohne natürlich andere Einwirkungen damit von der Hand zu. weisen, die von außen auf die Menschen eingewirkt haben. So wird derReinrassige" eher zu einer Persönlichkeit als derMisch­ling". Will man die Inzucht richtig bewerten, so bedarf es aber der größten Aufmerksamkeit, jene Anlagen nicht aus dem Auge zu Der­beren, die zu Krankheit und Entartung des einzelnen, wie von Fami- lieu und Völkern führen. Nach dem Vorherigen ist Inzucht ganz sicher niemals am Platze, wenn derartige Anlagen in größerer Menge vor- Händen find. Dann ist die Folge eben nur die, daß das Hebel sich immer weiter ausbreitet, und zwar mit ungeheurer Schnelligkeit. Stehen mir daher vor der Frage, ob sich Verwandte, insbesondere Vetter und Base heiraten dürfen, so wird uns die Familiengeschichte einen Anhalt geben können, ob einer solchen Verbindung unter allen Umständen zu wider­raten ist, oder ob sie in gewissen Fällen unbedenklich gestattet werden kann. Jedoch sind wir ganz sicher auf diesem Gebiete längst noch nicht ge­nügend orientiert, wie es im Interesse der Sache zu wünschen wäre.

Auf eine Reihe weiterer Fragen, die sich aus der Familienforschung ergeben und mit der Vererbung- in mehr oder minder engem Zusammen­hang stehen sowie rassenhygienische Folgen haben, sei hier nur kurz ein­gegangen. Es ist dies einmal die Frage, in welchem Alter Mann und Frau heiraten sollen. Weiter die Frage nach der Bererbungsintensität. Welche Eigenschaften vererbt der Vater, welche die Mutter mit besonders ausgesprochener Konsequenz? Erwähnt sei ferner die Frage, ob die Erst­geborenen ober die später Geborenen im allgemeinen von schwacher Kon­stitution und weniger begabt seien. Wie groß müssen weiter die Zwi- schenräume zwischen den Geburten sein, wenn die Nachkommenschaft ge- sande und kräftige Kinder aufweisen soll?

Alle diese Fragen sowie eine Menge anderer werden durch die Fami- lienforschung eine ausgedehnte Bearbeitung finden und dadurch unser Wissen über das erbbiologische Geschehen in ungeahnter Weise bereichern. Das Wissen über diese Dinge wird jedoch nicht die einzige Folge einer ausgedehnten Familienforschung darstellen; vielmehr ist anzunehmen, daß die Kenntnis der biologischen Gesetzmäßigkeit bei der Vererbung ganz von selbst den Gedanken der Rassenhygiene, des Gedeihens der aufein­ander folgenden Generationen, nahelegt. Wenn man so will, ist es nichts weiter als der Selbsterhaltungstrieb, der mit zwingender Gewalt zur Rassenhygiene hinführt- das naturwissenschaftliche Denken wird die in jedem Falle einzuschlagenden Wege weisen.

Falsch jedoch wäre es, die Berechpungen zwischen Familienforschung und Rassenhygiene nur auf diesem eben behandelten Gebiet der Ver­erbung zu sehen. Und wenn früher Familiengeschichte getrieben wurde, so ge chah es ja auch wohl nur selten aus diesem Grunde. Es liegt jedoch in der Natur der Sache, daß der, der die .Geschichte feiner eigenen Fa­milie schreibt und in dem Schicksalsbuche seiner Ahnen blättert, ost von charakteristischen Eigenschasten, ja bisweilen einzelnen LebensgestaUungen Kenntnis erhält, die dem eigenen Fühlen und Denken nur allzusehr ver­traut sind. Cs rollt von den Ahnen her eben immer noch ein beträcht­licher Teil gleichen Blutes in den Adern und wenn auch oft die äOßeren Umstände noch so verschieden gewesen sein mögen, der Mensch, der da­mals gelebt hat, gleicht dem der heutigen Zeit so unendlich viel mehr als irgendein anderer Mensch aus unseren Tagen. --Das Band der Aszen- denz und Deszendenz knüpft Zeiten und damit Menschen zusammen, die sich nie gesehen haben, die weit voneinander entfernt sind. Es ist ein eigener Reiz, diesen Dingen nachzugehen. Es ergibt sich aus diesen Kennt­nissen aber eine Tatsache, die immer wieder bestätigt werden muß, die Tatsache nämlich, daß ein jeder Mensch in all seinem Handeln und Wol- len, Denken und Fühlen abhängig ist, und zwar in recht ausgesprochenem Maße von dem inneren (Erbe, das durch die Vorfahren bestimmt is-- Wesen und Art eines jeden Menschen ist von Geburt an festgelegt; ge-. miß können Erziehung und Hebung noch manches bewirken, wie die Schere des Gärtners einem Baurn Form und Aussehen zu verleihen im­stande ist. Aber die Art ist von vornherein festgelegt. Ist der einzelne auf diese Weife sich darüber klar geworden, auf welchem Boden seine besten Kraft sich entfalten können, so wird er diese Erkenntnis auch auf seme Kinder übertragen und auch bei ihrer Erziehung sich von ihr leiten l<men. Das Individualisieren in Der Behandlung des Kindes, das Entfall feiner Persönlichkeit und die Erziehung zu einem tüchtigen Menschen er- scheint nur bann erfolgversprechend und aussichtsreich, wenn die oben er­wähnten biologischen Einblicke in die gesetzmäßige Bedinchpmt alles G- schehens und Werdens bei der Vererbung genügend Berücksichtigung finden. ___________

Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. Druck und Verlag: Brühl'sche Universitäls-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.