Ausgabe 
15.3.1927
 
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Unterhaltungsbeilage Zum Gießener Anzeiger

Jahrgang 1927

Dienstag, den (5. Marz

Hummer 2\

Llnser literarisches Preisausschreiben.

Wir bringen in der heutigen Nummer die Aufgaben IX und X unseres literarischen Preisausschreibens und verweisen gleichzeitig aus die früher ausführlich veröffentlichten Bedingungen.

Die Ausgabe besteht darin, die Verfasser der nachstehenden Texte namhaft zu machen. Sämtliche zwölf Lösungen" sind gemeinsam in der Zeit vom 20. bis 26. März einzureichen.

IX.

Das Leben nennt der Derwisch eine Reise, und eine kurze. Freilich! Von zwei Spannen diesseits der Erde nach zwei Spannen drunter. Ich will auf halbem Weg mich niederlassen!

Wer heut sein Haupt noch aus der Schulter trag' hängt es schon morgen zitternd auf den Leib, und übermorgen liegt s bei seiner. Ferse.

Zwar, eine Sonn«, sagt man, scheint dort auch, und über buntre Felder noch, als hier: Ich glaub 8; nur schade, daß das Auge modert, das diese Herrlichkeit erblicken soll.

Der Himmel weih, ... (und ich will umkommen, wenn es nicht wörtlich wahr ist), wie gern ich einen Blutstropfen aus meinem Herzen für jeden Buchstaben eines Briefes gäbe, der so anfangen könnte:mein Gedicht ist fertig". Aber, du weiht, wer, nach dem Sprüchwort, mehr thut, als er kann. Ich habe nun ein Halbtausend hinter einander folgender Tage, die Rächte der meisten mit ein­gerechnet, an den Versuch gesetzt, zu so vielen Kränzen noch einen aus unsere Familie herabzuringen: jetzt ruft mir unsere heilige Dchutzgöttin zu, dah es genug sei. Sie kühl mir gerührt den Schweih

von der Stirne, und tröstet mich,wenn Jeder ihrer lieben Söhn« nur ebenso viel thäte, so würde unferm Namen ein Platz in den Sternen nicht fehlen". Lind so sei es denn genug. Das Schicksal, das den Völkern jeden Zuschuß zu ihrer Bildung zumiht, will, denke ich, die Kunst in diesem nördlichen Himmelsstrich noch nicht reifen lassen. Thörigt wäre es wenigstens, wenn ich meine Kräfte länger an ein Werk setzen wollte, das, wie ich mich endlich überzeugen muh, für mich zu schwer ist. Ich trete vor Einem zurück, der noch nicht da ist, und beuge mich, ein Jahrtausend im Voraus, vor seinem Geiste.

X.

Siehe, von allen den Liedern nicht eines gilt dir, v Mutter! Dich zu preisen, o glaub's, bin ich zu arm und zu reich, ein noch ungesungenes Lied ruhst du mir im Busen.

keinem vernehmbar sonst, mich nur zu trösten bestimmt, wenn sich das Herz unmutig der Welt abwendet und einsam seines himmlischen Teils bleibenden Frieden bedenkt.

Bevor sie aber Abschied nahm, geschah's, daß sie hinter den Vorhang des Alkoven schaute, woselbst der jungen Frau und ihres Mannes Bett sowie der Kinder Schlafstätte war. Sah da ein Enkelein mit rotgeschlafenen Backen, hemdig und einen Apfel in der Hand, auf einem runden Stühlchen von guter .Ulmer Hafnerarbeit, grün- verglaset. Das wollte dem Gast außer Matzen gefallen: sie nannte es einen viel zierlichen Sitz, rümpft' aber die Rase mit eins, und da die drei Frauen sich wandten zu lachen, vermerkte sie etwas und fing auch hell zu lachen an, und hielt sich die ehrliche Wirtin den! Bauch, indem sie sprach:diesmal fürwahr hat es gegolten, rmd Gott schenk Euch so einen frischen Buben, als mein Hans da ist!"

Bambr.

Von Felix Salten.

Wir veröffentlichen im folgenden ein Kapitel aus dem vor kurzem erschienenen schönen TierbucheBambi" von Felix Salten. (210 Seiten 8°. Paul Zfolnay Verlag: Berlin, Wien, Leipzig, 1926. 30.) Der Abschnitt, dem übrigens kaum eine Erläuterung hinzuzufügen wäre, handelt von den ersten Erlebnissen eines blutjungen Rehkälbchens.

Jetzt im Frühsommer standen die Bäume still unter dem blauen Himmel, hielten die Arme ausgebreitet und empfingen di« nieder- strömende Kraft der Sonne. An den Hecken und Sträuchern im Dickicht gingen Blüten auf, weihe, rote oder gelbe Sterne. An manchen wieder begannen schon die Fruchtknospen sichtbar zu werden, zahllos, saßen an den feinen Spitzen der Aeste, zart und fest und entschlossen und sahen aus wie kleine, geballte Fäuste. Aus dem Boden kamen die bunten Sterne vieler und vielfältiger Blumen, so dah die Erde am dämmernden Grunde des Waldes in einer stillen, inbrünstigen Farbenheiterkeit sprühte. Es roch überall nach frischem Laub, nach Blü­ten, nach seuchier Scholle und nach grünem Holz. Wenn der Morgen air- brach und wenn die Sonne unterging, klang der ganze Wald von tausend Stimmen, und vom Morgen bis zum Abend sangen die Bienen, summten die Wespen, brausten die Hummeln durch die duftende Stille.

Das waren die Tage, in denen Bambi feine erste Kindheit verlebte.

Er ging hinter seiner Mutter auf einem schmalen Streifen, den mitten durch das Gebüsch lies. Wie angenehm war es, hier zu gehen. Das dichte Laubwerk streichelte ihm sanft die Flanken, bog sich gelind zur Seite. Der Weg schien überall zehnfach versperrt und verrammelt, dennoch kam man in der größten Bequemlichkeit vorwärts. Ueberall gab es solche Straßen, sie liefen kreuz und quer durch den ganzen Wald. Die Mutter kannte sie alle, und wenn Bambi manchmal vor einem Gestrüpp wie vor einer undurchdringlichen grünen Mauer stand, die Mutter fand immer ohne Zögern und Suchen die Stelle, wo der Weg gebahnt war.

Bambi fragte. Er liebte es. seine Mutter zu fragen. Es war das Schönste für ihn, immerfort zu fragen und dann zu hören, was die Mutter zur Antwort gab. Bambi staunte gar nicht, daß ihm beständig und mühelos Fragen über Fragen einfielen. Er fand das vollkommen natürlich: es entzückte ihn nur sehr. Es entzückte ihn auch, neugierig ju warten, bis die Antwort kam. Mochte sie nun ausfallen, wie sie wollte, er war immer damit zufrieden. Manchmal verstand er sie freilich nicht, aber auch das war schön, weil er immer weiter fragen

könnte, wenn er wollte. Manchmal fragte er nicht weiter, und das war wieder schön, weil er dann damit beschäftigt» war, sich das, was er nicht verstanden hatte, auf seine eigene Weise auszulegen. Manch­mal fühlte er sehr deutlich, daß seine Mutter ihm keine ganze Antwort gab, ihm absichtlich nicht alles sagte, was sie wutzte. Und das war erst recht schön Denn da blieb noch eine so besondere Neu­gierde in ihm zurück, eine Ahnung, die ihn geheimnisvoll und be­glückend durchzuckte, ein Erwarten, bei dem ihm bang und heiter in einem zu Sinne wurde, so sehr, daß er schwieg.

Jetzt fragte er:Wem gehört diese Straße, Mutter?"

Die Mutter antwortete:Ans."

Bambi fragte weiter:Dir und mir?

Ja."

Uns beiden?"

Ja."

Uns beiden allein?"

Nein," sagte die Mutter,uns Rehen..."

Was sind das, Rehe?" fragte Bambi und lachte.

Die Mutter sah sich nach ihm um und lachte auch:Du bist ein Reh, und ich bin ein Reh. Das sind Rehe. Bestehst du das?"

Bambi sprang in die Höhe vor Lachen.Ja. ich verstehe das. Ich bin ein kleines Reh und du bist ein großes Reh. Nicht wahr?"

Die Mutter nickte ihm zu.Nun, siehst du."

Bambi wurde wieder ernst:Gibt es noch andere Rehe, als dich und mich?"

Gewiß," sagte die Mutter.Biele."

Wo sind sie?" rief Bambi.

Hier, überall."

Aber... ich sehe sie nicht."

Du wirst sie schon sehen."

Wann?" Bambi blieb stehen vor lauter Neugierde.

Bald." Die Mutter ging ruhig weiter.

Bambi folgte ihr. Er schwieg, denn er grübelte darüber nach, was das wohl bedeuten möge:Bald." Er kam zu dem Ergebnis, bald" fei gewiß nichtgleich". Aber er wurde sich nicht einig darüber, in welcher Zeit diesesbald" aufhöre,bald" zu fein und anfangs,lange zu werden. Plötzlich fragte er:Wer hat diese Straße gemacht?"

Wir," gab die Mutter zurück.

Bambi tat erstaunt:Wir? Du und ich?"

Die Mutter sagte:Nun, wir... wir Rehe."

Bambi fragte:Welche?"

Wir alle," fertigte ihn die Mutter ab.