Ausgabe 
14.6.1927
 
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Gießener Zamilienblütter

Unterhaltungsbeilage Zum Gießener Anzeiger

Jahrgang |92Z Dienstag, den R-Ium Nummer

Das MSnschSnbeWNtzLssin

Bon Horatius Treuherz.

(Aus 'denFliegenden Blättern" 1850.) Wie muß ich meinem Schöpfer danke«. Daß ich nicht eine Kröte ward. Die ohne sittliche Gedanken Im Kote mir sich wälzt und scharrt!

Ich bin ein Mensch, vor Gott zu wandeln, Kein Schamgefühl bringt mir mein Handeln Wär ich ein Ochs an seiner Krippe.

Ich wüßte mir zu helfen nicht. Kein Wort belebte meine Lippe. Verstehen könnt' ich kein Gedicht. Wie müßt' ich mich unglücklich fühlen. Wenn ich nur könnte sinnlos brüllen. Wär ich zum Tiger gar verfluchet. Der raubt und mordet grausen Sinns, In Wildheit sich die Gattin suchet Ich schaudert« zu sehn: ich bin's. Gottlob, daß ich ein Mensch geworden. Der nicht den Trieb hat, wild zu morden. 0, Mensch zu sein von Gottes Gnaden. Gut sein zu dürfen, fromm und rein, Die Vögel, Fische, Molche, Maden, Sie ahnen nicht, was das mag sein. Der Seraph aber muß uns neiden. Denn er entbehrt Familienfrvudeu.

Wanzen.

Brief ans Uesküb.

Von A. H. Kobs r.

Zu Weihnachten hat mir mein« Frau einen wunderhübschen Schlaf­anzug geschenkt. Seide, blau mit weißen Streifen. In diesem herrlichen Kulturgebilde sich jetzt jede Nacht in meinem mazedonisch« Hobel und fang« die Wanzen von der Wand an meinem Bette. Kann man sich etwas Blödsinnigeres ausdenken?

Da ich Verständnis für grotesken Humor habe, bin ich wsüer den Wanzen böse noch dem Schlafanzug noch meiner Frau. Ich habe alt- mählich sogar eine Art Jagdfreude bekommen und nehme abends Notiz­blätter mit ins Bett, auf die ich meine Beobachtungen und Gedanken schreibe, wenn in meinem Weidwerk eine Ruhepause eintritt. Hier And ein paar dieser Aufzeichnungen eines beschaulichen Nimrods.

Erste Begegnung.

Dieser Momenr ist oft von Künstlern dargestellt ivorden. Man mag die Physiognomik des Erstaunens und der Ueberraschnng studieren von Dante bis Rosetti. Ateine banausische Ansicht ist übrigens: daß die Künstler zu sehr veredelt haben, und daß es in Wirklichkeit nichts Dümmeres gibt als die Gesichter bei einer ersten Begegnung.

Ich liege also im Bett und lese, da bemerke ich auf der Deck- die so weiß ist, daß sich ein kräftiges Braun noch gerade davon ab hebt. einen runden Brotkrümel.. Ms ich ihn wegwischen will, beginnt er zu laufen. Wie sich mm bei mir der Vorstellungswawdel vonBrotkrümel" zuWanze" vollzog, kann ich nicht mehr feststellsn. Genug, ich wußte: Wanze! Der Moment hatte etwas Feierliches. Zum ersten mal in meinem Leben erblickte ich dies sagenumwobene Tier. Eine Vorstellung, eine Idee, vor der wir alle erzittern, mir »ertraut feit Kindesbeinen aus der Poesie, trat mit Hegel zu reden in die Realität.

Auch die Wanze schien ergriffen von meinem Erstaunen. Sie blinzelte im Laufe über die Schulter, und da sie sich nicht verfolgt sah. machte sie halt, setzte sich in eine Falte, schlug zwei Beine übereinander, wischte sich den Schweiß von der Stirn und sah mich ernst an. Rach einer Weile schüttelte sie den Kops, zuckte die Achseln, winkte mir zu und verschwand. Es muß eine erfahrene Person gesetzten Alters gewesen sein.

Das Geheimnis des Gobelins.

Das Wort Gobelin har mich, wie alle Welt, in Aufregung versetzt, als einerzeit die alten Gobelins aus der Wiener Hofburg verknust werden ollten. An meiner Bettwand ist einer ausgespannt. Er ist -auch sicherlich ehr alt. Denn die silbernen Schabracken der dort in eine orientalische Stadt emgewirkten Kamele sind schon grün angelaufen. Was bekanntlich die Ehrfurcht -der Kenner steigert, so daß ich behutsam über das Ge­webe taste.

Der Erfolg ist verblüffend. Wanzenschwärme schießen hinter dem Gobelin mtt dem eingewobenen Orientzauber hervor. Ich nehme ihn ab und lege damit «ine ganze SiMung frei. Soll man Kunstwerke berühren? Mit Recht begreife ich jetzt verbieten das unsere Musenmsleittmgeu.

Mit Feuer und «schwert greife ich in das Familienleben der Wanzen

«in. Wenn ich sie mit meiner Kerze verseng«, springen sie knackend »us- einander, die mit dem Holzscheit zerquetschten platzen knallend, so voll- gefressen sind sie. Listig lassen sich einige wie tot zu Boden fallen, andere, schnellfüßige, entkommenso wie ein Falk des Gebirgs, der geschwindeste aller Gevögel". Ich, der nie ein Tier getötet habe, habe jetzt geradezu eine Freude an dieser Jagd.Vernichtung" undAusrottung" werden mir zum erstenmal lebendig« Vorstellungen. Daß dies« gemeinen nichtsnutzigen Pa­rasiten sich gerade hinter einen Gobelin eingenistet haben, hinter einet harmlos schönen Fassade ihr Räuberleben führen, hat mich wohl in diesen Mutrausch gebracht. Ich kann mir vorstellen, daß es Menschen gibt, die die ganze Welt mit solchen Gobelins behängt sehen.

Rückkehr zur Natur.

Das Beste ist, man nimmt die ganze Bettstelle auseinander und ver­brüht das Ungeziefer mit kochendem Wasser. So hatte mir ein balkan­kundiger Mitgast geraten.

Zuerst also ziehe ich mir Bluse und Hemd aus. Während in dem Samowar den ich immer auf meinen Reisen mitnehm« fünf Liter des verderbenbringenden Wafsers herankochen, schraube und reiße ich die Metallbettstelle auseinanber. Das ist ein vorzüglicher technischer An­schauungsunterricht, wie ich auch bei dieser Gelegenheit die Geheimnisse del Matratzenbaus kennenlerne und allerhand Respekt bekomme vor den Krastleistungen eines Schlossers.Wohl, nun kann der Guß beginnen." Ich gieße. Mit Erfolg?--Laß mich schweigen."

Ist es für einen gebildeten Menschen eine Aufgabe, ein Zimmer zu säubern? Hier ist es Pflicht. Ich sprenge den Boden ein und wirtschafte init Seien und Schaufel. Am Müllkasten untersuchen der Wirt, der Haus­diener und ich, ob unter den Kadavern nicht etwa noch Ueberlsbende sind. Dabei unterhalten wir uns unter einer lebhaften Gebärdensprache über unsere Erfahrungen im Kampfe mit dem Ungeziefer.

Ungeziefer" das klingt in unseren deutschen Häusern so verächttich, streift an die untere Grenze alles Menschlichen. Hier sitze ich nun mitten drin in diesem Schmutz, muß mich jeden Augenblick mit ihm herum­schlagen. mich gegen ihn zur Wehr setzen, um der Mensch zu bleiben, der ich fein will. Der Kampf ums Dasein, der Aufstieg zur echischen Voll­kommenheit beginnt bei Floh und Wange.

Niedere Zoologie.

Wenn ich eine Wanze betrachte, bedauere ich, während meiner Pen- näterzeit in Zoologie so gefaulenzt zu haben. Mir kommt jetzt nur immer so etwas wieKerbtier" in die Erinnerung. Aber ich vermag weder zu sagen, womit diese Bestien eigenüich so stark beißen können, noch kenne ich ihre gewiß ebenso gemeine Verwandtschaft noch ihren sicher sehr blumig klingenden lateinischen Namen. Rein dem Aussehen nach man gestatte mir diese ganz unwissenschaftliche Jägerzoologie erscheint mir di« Wanze überhaupt als ein Paradoxon, eine Karikatur. Wäre sie größer wie weis« von der Natur, dies nicht gestattet zu haben!, dann wäre sie sine Schildkröte: hätte sie bunte Flügeldecken, dann wäre sie ein Marien­käfer. Preis der Kostbarkeit ober der Schönheit wäre ihr dann fid>er. Aber sie ist im Dreck steckengeblieben.

Höhere Anthropologie.

Sie hac nur den einen Trieb: sich vollzufressen. Sie trinft Menschen­blut, lebt aber auch einfach von Schmutz, wenn sie nichts anderes hat. Ihr Angriff wie ihre Verteidigung ist plump, dummdreist. Sie hat keine Woh- rrunaskultur. nicht einmal imponierende körperliche Fähigkeiten wie etwa der so ausgezeichnet springende Floh. Wenn ich am Tag« einmal eine zu Gesicht bekomme, liegt sie platt da, leblos scheinbar, wie ein Stäubplütichen, das sein Dasein überhaupt nur der Liederlichkeit irgend­eines Zufalls verdankt. Nachts find« ich dann welche, die faul behäbig mit sattem Bauch Herumkriechen. Ganz ölig glänzen sie von Wohlbehagen, nachdem sie sich irgendwo dick- und dummgefressen haben.

Wer denkt da nickst an liebe Bekannte? Mir fällt der Polizeiprüfeki einer Balkanstadt ein. Doch, wozu schon.wieder politisch werden'

Dialog.

Einen Augenblick, bitte, mein Herr, einen Augenblick!" rief eine lebend gefangene Wanze, die ich dem Feuer übergeben wollte.Mein Herr, einen Augenblick, bitte!" Ich nahm sie von der Kerze zurück, sie setzte sich recht graziös übrigens, machte keinen Fluchtversuch, sondern begann bedächtig und sachlich, ivvbei sie sich über das Kinn strich:Mein Herr, Sie haben durchaus das Recht, mich zu vernichten. Durchaus, auch meiner Ansicht nach, denn ich halte di« Theorie der natürlichen Auslese durch Kampf für richtig. Sie sind der Sieger, ich der Besiegte, der Schwächere." Ich verneigt« mich zustimmend, und sie fuhr mit einem leichten Kopfnicken fort:Wenn ich hier noch einmal das Wort ergreife, so geschieht das also nicht in der Absicht, einen natürlichen Entwicklungs- Vorgang zu hemmen. Meinen Ausführungen liegt keine selbstsüchtige Ab­sicht zugrunde, sondern eine ethische. Sagen Sie mir, bitte: weshalb ver­abscheuen und verachten uns die Menschen vor allen Tieren?"

Zunächst", begann ich,hat Ihr Aeußeres wirklich nichts Be- tte>hendes."