Ausgabe 
13.12.1927
 
Einzelbild herunterladen

,ch mich mir an meine Bücher zu wenden".Bücher, so heißt « bei I Milton,sind nicht völlig tote Dinge, sondern tragen eine Kraft des I Lebens in sich; ja, sie beroahren sogar, wie in einer Phiole, die reinste I graft und den Extrakt des lebendigen Geistes auf, der sie gebar."Gute Bücher", so schrieb Friedrich der Groß« an Voltaire,sind die einzigen Feste meines Sliters, die mir zusagen,"sie sind das einzig Würdige Vergnügen für Menschen, die einigen Anspruch auf Vernunft machen," an d'Memüeck.

Im Jahre 1782 hielt sich am Hose der Herzogin Anna Amatta der psv-ösische Schöngeist Jean Baptiste Gaspard d'A n s s e d e V i l l o i s o n M von dem man erzählt, er habe seine Kleidung vernachlässigt, um desto Mchr Mittel für philosophische Bücher auswenden zu können. Ein wahrer Bücherfreund war der Romantiker Ludwig Achim von A r n i m , in dessen Büchern, wie der Literaturhistoriker Reinhold Steig miigeteilt hat, Wtomats eine Stelle angestrichen, eine Bemerkung zugesetzt oder ein Zettelchen eingelegt war. Auch diejenigen Bücher, die er viel benutzt hat, ^schienen wie unberührt.Die Bücher," so schrieb Stendhal an seine Schwester Pauline,eine unversiegbare Quelle der feinsten Genüsse, die 8nb es, die uns die Seele stark machen, und ihr die nötige Fähigkeit ver- Wchen, das Genie zu erkennen und anzubeten. Dann weitet sich di« Welt, «fit Schranken fallen, die Seele wird frei und sie ersaßt und liebt forner mehr."

Mit einem schönen Gedicht von Wilhelm von Scholz sei dieses Kapitel aus der Geistesgeschichte der Menschheit geschlossen:

Ward ein Buch zu Dasein, Welt Und zuletzt, auf seiner letzten Seite, schwindet die erfüllte Weite in die Deckel, die die Hand noch hält, endet es, wie Leben endet, fern van Segen, fern von Fluch Blatt um Blatt zurückgewendet ist es wieder Buch.

Der Maler

der Madonnen und der BelLelknaden.

Von Wilhelm B o e ck, Berlin.

Wer hat die Madonna zarter, weicher, reiner, süßer, in hingegebener Verschwommenheit auf die Leinwand gebracht als Murillo, wer tonnte die Augen visionärer Heiliger verzückter und zugleich glücklicher, pMelzender leuchten lassen als er? Wer durfte wie er in so niedliche, »eichte, unbedeutende, zartgepolsterte Engelskörperchen die Wolken zer- tousen? Jedes solcher von verblichenen Generationen begeistert ge­wendeten Zierwörter ist heute geeignet, ein Kunstwerk ohne weiteres zu jerfemen. Nichts schlimmer alssüßlich". Murillo ist heute nicht Mode, tann es In einer Zeit nicht lein, die einem dem seinen unbedingt entgegen« «setzten weiblichen Ideal huldigt. Und das ist bei einem so zweifellos femininen Künstler wie Murillo entscheidend. Es sei hier kein Versuch L-wacht, zwei Heerlager femininer und maskuliner Künstler durch die Epochen der Geschichte auszurichten; heute jedenfalls leben wir in einem Zeitalter, das ihrem Wesen nach männliche Kunst hervorbringt, anerkennt «nd bevorzugt.

Hierauf beruht die heute übertriebene Wertschätzung von Murillos Bräts, die eben zum größten Teil männliche Porträts sind. An dieses efen seiner Kunst knüpfen auch letzten Endes die Vergleiche mit aet und Correggio an. Viele Leute finden es tief bedauerlich, daß He Wertschätzung eines Künstlers der Mode unterworfen [ein könne, tzch halte es im Gegenteil für ganz natürlich und eine sehr kurzweilige Hache. Jede Generation wird sich stets aus der in Wort und Schrift Mcklich wiedereroberten Vergangenheit das nehmen, was ihr brauchbar tzrscheint, das heißt Schöpfungen, in denen sie aktuelle Probleme schon Ireenbroie gelöst sieht. Einen für alle Zeiten gültigen absoluten Qnali- Vtomaßstab gibt es nicht, er wird auch niemals erfunden werden. Ein Scheinerfolg ist es, wenn man ihn in der Wertung der Faktur des Kunstwerks zu erkennen glaubt. Wissenschaft und Liebhaberei, die sich Btt Kunst befassen, müssen und werden daher stets etwas Fließendes, Sich-Entwickelndes fein. Die Faktur, das reinhandwerklich" Gemeisterte eon Murillos Bildern ist mitunter erschreckend dürftig (wohlgemerkt: mit« Ker), was uns nicht hindern kann, ihn in das erste Glied der fpani«

n Maler einzureihen.

Seine Art ist in dem schönen Titel desMalers der Ma­donnen und Bettelknaben" treffenb gekennzeichnet. Sowohl das j&r ihn persönlich Merkwürdige, Einmalige wie bas allgemeine Spa« Usch«, dessen Exponenten er bildet, kommen darin zum Ausdruck. Das Vorrecht der Verherrlichung der heiligen Jungfrau in der Malerei ist Im Barock von Italien auf Spanien übergegangen, ein Zeichen der Ver- gbes Schwerpunktes der katholischen Macht überhaupt, im be« aber ein dankbares Betätigungsfeld für den ritterlichen Sinn niers. Auch die andere Seite, bas Dettelgenre, ist eine durchaus Erscheinung, wohl durch die natürlichen Verhältnisse der nieb« Solksklasse geweckt, aber doch nur durch das Dazukommen eines Gewissen Etwas in Der spanischen Psyche befruchtet. (In Italien brauchte Ban ebensowenig die Stadtbrille, um jene zerlumpten Gesellen aufzu- Mren.) Die eigentümlichste Verbindung beider Züge macht Murillos vdfftlerische Persönlichkeit aus, symbolisiert in jener .Zigeunermadonna", ke man einst In frommer Scheu nicht als Madonna zu bezeichnen wagte, sondern ÄnfachFrau mit Kind" nannte.

Murillo war kein frühreifes Talent. Erst weit im dritten Jahrzehnt gi Lebens setzt sich die Begabung ziemlich plötzlich und unerwartet

: seine Kollegen aus früheren Jahren wollten nicht glauben, daß lbe Bartoloms Estsban Murillo, der im Atelier des Juan bei llo mit sauberer Sorgfall Fahnentücher unb Schutzvorhänge für Hnrbtiber malte, den Aufsehen erregenden Gemälbezyklus im Kloster- von Sem Franzisko zu Sevilla ausgeführt habe. Dieses unver- Mntete, stoßarttge Durchbrechen der in dem Jüngling schlummernden

Kräfte ist eine Willkür der Natur, die sich auch durch eine noch so wichtige Reise nach Madrid zu Velasquez und den an Werken Tizians, Tintorettos, Rubens', van Dycks reichen königlichen Sammlungen be­friedigend erklären läßt. Später verließ er seine Vaterstadt Sevilla nicht mehr. Der alsbald geschätzte und geehrte Künstler, der sich nach ruhigem Familienglück sehnte er war zehnjährig, 1628, verwaist, gründete 1646 einen eigenen Hausstand, aus dem drei Kinder hervorgingen. Der älteste Sohn und die Tochter weihten sich, sehr bezeichnend für die von Murillo vererbten Anlagen, dem geistlichen Stande. Der jüngere Sohn wanderte nach Amerika aus. Bis zu seWem Tode, der 1682 infolge eines Sturzes vom Gerüste ein trat, erfreute Murillo der allgemeinen An­erkennung. Zur Erläuterung sei gesagt, daß er 1660 bei der Gründung der Sevillaner Malerakademie zu deren Präsidenten gewählt, 1665 auf sein Gesuch in die Caridad, die vornehmste Bruderschaft der Stadt, aus­genommen wurde.

Es ist wahr, seine Madonna sind echte Sevillanerinnen, nachtschwarz ihre Haare, weit aufgerissen und aus dunkler Tiefe leuchtend ihre Augen mit den Sicheln der feinhaarigen Brauen, breitgeschwungen und schwel­lend der ernste Mund, und neckisch das vorgetriebene Kinn mit dem tiefen, schmalen Grübchen, die Glieder vollschlank unb weich. Aber mit dieser Verwaltung des Madonnenideals, dadurch daß Murillo die Mut­ter des Christkindes so fest auf den spanischen Boden stellte, ist doch sein Typus noch nicht erschöpft. Das gewisseSüßliche" kommt dazu, das wir uns doch bejahend zu werten bemühen wollen. Die Frau, die da auf der Bank sitzt im Jdealkostürn mit dem blasig aufgefalteten, breit ausladenden Rocke ist trotz ihrer Reife keine Verkörperung der Mutter, wie ein realistisch arbeitender Vorstellungswille sie sehen sollte; sie ist weder gnädige Fürstin noch gütige Fürsorgerin. Man möchte sie für leer halten, glauben, alle Gedanken seien aus ihr gewichen. Gedankenlos, nicht mit ihrer ganzen Persönlichkeit anwesend, findet sie auch zum Kinde keine innige Beziehung. Ihre Erscheinung ist visionär, sie ist nur ein Bild ihrer selbst, denn ihr geistige Substanz ist ja göttlich und nicht ein­zufangen. Gerade die Unerfülltheit macht diesen Typus anbetungswürdig.

Wenn man sieht, mit welchem glühenden Leben der Meister andere heilige Personen gefüllt hat, muß man den Vorwurf des Nichtkönnens zurückweisen. Schon die Darstellungen des hl. Joseph, dem Murillo einen breiten Raum zugesteht, zeigen eine edle Sättigung. Sehr fein ist er in seinem Charakter als liebevoller, besorgter Pflegevater erfaßt, dem ein empfindliches hohes Gut anvertraut ist. Eine schöne Vereinigung dieser Personen stellt der Künstler in den intimen Familienbildern her. Neu­schöpferisch zeigt er sich besonders in den heiligen Familien in der Zimmer-" mannswerkstatt.

In diese Familie adoptiert ist als Spielgenosse für den kleinen Jesus- knaben der jugendliche Johannes der Täufer, gleichfalls mit feinem dünnen Kreuzfähnchen und dem rauhen Lendenfchurz eine Lieblingsfigur des Meisters, die sich mit der Gestalt des kindlichen guten Hirten durch­dringt und mitunter kaum von ihr zu unterscheiden ist. Dabei kommt das flockige Lammfell der Flaumigkeit von Murillos Pinsel bereitwillig ent­gegen. Reizend vor allem das Motiv, da der kleine Christ den durstigen Johannes aus einer Muschel labt. Das Idyll greift überhaupt in seinen Bildern zur heiligen Geschichte recht um sich. Liebevoll sieht Joseph von der Hobelbank weg nach dem selig schlummernden Kindlein in der Wiege; Maria freut sich an dem Mutwillen der beiden Kleinen, di« bas Querholz bes Johannesstabes mit einem Bändchen umwickeln; stumme Versenkung der anbetenben Hirten; Ruhe auf der Flucht nach Aegypten. Mit Recht wurde noch immer darauf hingewiesen, baß Murillo monumentale Auf­gaben vermieden hat. Er befaßt sich auch nicht mit dem monumentalsten Thema der christlichen Malerei, der Passion des Heilandes; wenigstens sind feine Gekreuzigten nicht bannend.

Sehr ansprechend schildert er dagegen wieder, wie der heilige Franz den Gekreuzigten umarmt, Christus den rechten Arm vom Nagel löst unb dem Heiligen trostreich auf die Schulter legt. Ergreifend der vom Mar­terpfahl losgebundene, körperlich gebrochene Heiland, der am Boden tastend seine Kleider sucht, während zwei herzugeeilte Engel ihn mitleidig mit den Blicken verfolgen, ohne ihm helfen zu dürfen, so etwa wie man den Leiden eines mit entsetzlicher ansteckender Krankheit Beladenen untätig zuschaut. Mit dem Marienleben hat Murillo sich nicht viel beschäftigt; die Erziehung der Jungfrau, die Verkündigung vor allem zogen ihn wohl an, sein ganzes liebenswürdiges Erzählertalent verwandte er aber an das Ge­schick anderer von ihm besonders geliebter Heiliger. Ihre Auswahl, mit­unter gewiß vorgeschrieben, läßt einen Einblick in die Tiefe feines religiös ungemein warm unb reich empfinbenben Herzens tun.

Seltsamerweife treten gerade bei Murillo die weiblichen Heiligen ganz zurück; ihre Materie ist von der Madonna, die auch als Erscheinung von oben in den Heiligenbildern viel zu tun hat, vollkommen aufgezehrt. Mu­rillos Lieblinge sind mönchische Asketen von milder Frömmigkeit, befchau- sam weiche Naturen. Da ist der hl. Antonius von Padua, beglückt das Kind, das ihm die Madonna in heißem Gebete gereicht, in den Armen haltend; der hl. Felix von Cantalicio sucht in gleicher Situation der zurück­heischenden Mutter ihr Söhnlein noch einen Augenblick vorzuenthalten, ein wundervoll genrehafter Zug. Ein Bestreben des Künstlers ist es stets, feinen Heiligen starkes Verhältnis zur Gottesmutter und dem Kinde zu geben, lieber die Form der Sacra Konversazione ist er verstandesmäßig hinausgewachsen, die Madonna besucht die Heiligen auf der (Erbe, erscheint ihnen so wie sie uns auf den besprochenen Madonnenbildern gegen­übertritt.

Das hervorragendste Beispiel dieser fast regelmäßig klaffenden Kom­positionen erkennen wir in den sog. Porttunkulabildern, wo Christus mit dem Kreuze im Arme und die Madonna sich auf Wolken über den Altar senken, vor dem der hl. Franziskus kniet. Ungezählte Englein bewerfen ihn mit Blumen aus den Gärten des Jenseits. Mit besonderer Liebe nahm sich Murillo des hl. AlcalS an unb entfaltete bei ber Inszenierung seiner Legende zum ersten Male alle seine hübschen Anorbnungsfähigkeiten. Un­übertrefflich in ihrer Art dieEngelsküche". Wieder einmal hat sich der hl. Diego, der Küchenchef seines Klosters, in frommem Vergessen über­natürlicherweise vom Erdboden erhoben und verharrt schwebend im Gebet.