Ausgabe 
13.9.1927
 
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Edi Stevens.

Novelle von Alfred Bock.

(Schluß.)

Er schilderte den Lebensgang des Verblichenen, wie er sich aus eigener Kraft emporgearbeitet und sich die Achtung und Liebe semer Mitmenschen erworben habe. Er pries feinen strengen Rechtlichkeitssinn, seine Biederkeit and Aufrichtigkeit gegen jedermann. Sich an den Sohn wendend, sagte er, ihm falle nun die Aufgabe zu, daß väterliche Erbe zu hüten. Sofern er sich in all seinem Tun den Vater zum Vorbild nchme, werde (enter Arbeit der Segen'des Himmels nicht fehlen.

Daul und Edi verliehen den Friedhof. Stumm schritten sie nebenein­ander her. Edi begleitete Paul nach Hanse und folgte ihm in das Wohn­zimmer Dort wollte er ihm den Schlüssel zum Kassenschrank übergeben.

Vorab magst du ihn behalten", brach Paul endlich sein Schweigen. Ich habe in London alles stehen und liegen lassen und bin nur eben hierher geeilt. Ich muß meine Arbeiten abschließen und meinem Nachfolger übergeben. Darüber können immerhin vier Wochen hingehen. Ich denke, ich kann ruhig abkommen. Ich lasse ja alles in guten Händen.

Am selben Abend trat Paul die Rückreise nach England an. Em ver­trauliches Wort war zwischen den Freunden nicht gewechselt worden. Der Tod war durch das Haus gegangen, und es war natürlich, daß m diesem Augenblick alles, was sie sonst bewegte, zurücktrat. Paul hatte Ems Frau mit keinem Blick gesehen. m . ., . u.

Mit dem Feingefühl des Weibes hatte Peppi wohl bemerkt, daß sich das Benehmen ihres Mannes gegen sie geändert hatte. War er seither mit all seinen kleinen Diensten und Gefälligkeiten beinahe lästig geworden, so begegnete er ihr jetzt mit einer scheuen Zurück­haltung, die sie sich nicht zu erklären vermochte. War es ihm zum Be­wußtsein gekommen, daß sie nur den braven Menschen in ihm achtete, daß

in einer elektrischen Bahn saß, während diese durch eine scharfe Krume mung fuhr. Einige Ueberlegung zeigt uns, daß wir für alle nicht gerad» linige und für alle nicht gleichförmige, d.h. nicht gleichmäßig schnelle Bewegung ein unmittelbares Gefühl haben. Die Storungen der Gerad­linigkeit und der Gleichmäßigkeit sind es ja auch, die mir in den er» Wähnten Beispielen wahrnehmen. Die Erfahrung zeigt uns, daß allemal dann, wenn eine Bewegung nicht geradlinig oder nicht gleichförmig ist, irgendwelche Kräfte im Spiel sein müssen. Und wir haben auch em Gefühl dafür, wo diese Kräfte sitzen, werden also, wenn etwa em Eisenbahnzug anhält, niemals annehmen, daß die bisher fo friedlich an uns vorbei­fliegenden Telegraphenstangen nun auf einmal langsamer fliegen, sondern wir werden, und zwar ganz unmittelbar, den Grund der Aenderung in

lieht man genau die Anstrengung, die angeblich den Gestatten der Gesang 'macht, und man sieht die Kehlköpfe zittern. Es ist also eine aus der merüchlichen Schwäche entspringende Unart, die wir bei der Oper unö aerabe bei der italienischen oft als peinlich empfinden, auf diese Mario­nettenoper übertragen, die doch die Möglichkeit hatte, ihre Gestalten voll­endet und als Götter zu bringen. Man hat das Gesetz mcht: aus der Marionette genommen, sondern aus dem Menschen und so kommt es, daß der bunte Glanz, die Genauigkeit der Bewegungen, der geradezu Kubische Drill zwar den harmlosen Zuschauer begeistern, aber man muß

darüber klar werden, daß es viel tiefere, reinere, erschütterndere Wir­kungen geben könnte, wenn das Gesetz des Spiels aus der Marionette und nicht von dem Menschen bezogen würde. .

Man darf annshmen, daß Meist nur die tanzenden Marionetten., die Gliederpuppen des Varietes gesehen hat; er spricht in seinem Aufsatz von einer Tanzgruppe, von vier Bauern,die nach einem raschen Takt die Ronde tanzte", dievon Teniers nicht hübscher hätte gemalt werden können". Es bleibt jedenfalls immer noch die Möglichkeit, em tragisches Marionettenspiel zu gewinnen, aber man darf nicht nach dem sensa- üonsbedürfnis des Publikums schielen, dem eine parodistische Oper wie Schlagsahne eingeht, sondern man muß den Menschen hinter sich lassen und die Gliederpuppe zum Gott machen.

An seinem Schreibtisch waltete der Herr, schaute nicht auf und sprach von ungefähr: Ein jeder wandle einfach seine Bahn. Ob öd, ob schnöde, ei, was geht's dich an? Was tut das Feuer in der Rot? Es sprüht. Was tut der Baum, den man vergißt? Er blüht. Drum übe jeder, wie er immer tut.

Wasch deine Augen, schweig und bleibe gut."

Don Nutze und Bewegung.

(Nachdruck verboten.) Von Prosesjor Dr. Paul Kirchberger.

Die griechische Philosophenschule der Eleaten, deren bekannteste Mit­glieder ihr Stifter Parmenides und sein geistreicher Schüler Zeno waren, bemühte sich, den Standpunkt durch sehr scharfsinnig ersonnene Beweise zu begründen, daß es gar keine Bewegung gebe, und daß daher alles, was uns als solche erscheine, nur Sinnentrug sei. Auf uns werden solche Gedanken wenig Eindruck machen, wir werden eher geneigt [ein, Ruhe und Bewegung sozusagen als Grundelemente der Welt zu be­trachten, die uns schon von der ursprünglichsten Erfahrung gegeben werden, und auf die mir alles andere zurückführen; mir werden uns also diese Grundbegriffe durch keine noch so fcharffinnig erdachten Schluffe T'Ci>'2[ufl diesem Standpunkt steht auch die Wissenschaft. Aber trotzdem sind diese Begriffe der Ruhe und Bewegung doch nicht so einfach, rote sie zuerst erscheinen mögen. Namentlich wird uns eins klar werden: Wenn wir von Ruhe oder von Bewegung irgendeines Körpers oder auch nur eines gedachten Punktes sprechen, so brauchen mir immer einen zweiten Körper oder einen zweiten Punkt, ober irgendein, wenn auch vielleicht nur gedachtes mathematisches ßiniengebtibe man bezeichnet ein solches wissenschaftlich mit dem schönen Namen Koordinatensystem, an dem wir die fragliche Bewegung messen können. Fehlt ein solcher Vergleichs­körper ober ein solches Bezugssystem, so gibt es zunächst keine Möglich­keit, Ruhe und Bewegung zu unterscheiden. Man braucht sich jn nur klar zu machen, daß wir van der Bewegung der Erde um die Sonne, die doch immerhin die ganz ansehnliche Geschwindigkeit van 30 Kilam^er in der Sekunde ausweist, gar nichts merken. Und die Frage, wie schnell und nach welcher Richtung sich die Sanne mit ihrem ganzen Planetenanhang durch den Raum bewegt, ist für den Astronomen keineswegs leicht zu beant­worten. Wir -wissen also tatsächlich über die Gesamtbewegung der Erde nur ziemlich wenig. Das kann wohl als genügender Beweis dafür gelten, daß mir zum mindesten in vielen Fällen eine Bewegung als solche, d. h. also eine Bewegung an sich, gar nicht merken können. Was wir beobachten und bemerken, sind nur Annäherungen und Entfernungen anderer Körper. Wo solche Vergleichspunkte fehlen, ist es ganz unmöglich, eine Bewegung festzustellen. Stellen wir uns etwa einen Flieger vor, der bei unsichtiger Witterung die Erde nicht sieht und gegen den Wind fliegt. Weht der Wind ganz gleichmäßig, wenn auch vielleicht noch so stark, so hat er nicht etwa das Gefühl, gegen den Wind zu fliegen, er hat vielmehr nur .bas Gefühl, im Verhältnis zu der ihn umgebenden Luft vorwartszu- kommen, ein Gefühl, das wir durchaus nicht als Irrtum ansprechen können, auch dann nicht, wenn sich die Bewegung des Flugzeuges und die des Windes aufheben, so daß es, von der Erde aus betrachtet, stilllteht.

Merken wir nun unter keinen Umständen etwas von Bewegung? Das wird niemand behaupten wollen, der einmal in einem schlecht federnden Fahrzeug. auf einer schlecht gepflasterten Straße dahinstolperte, oder auch

Das Herz.

Von Carl Spittel er.

Es kam ein Herz an einem Jahrestage vor feinen Herrn, zu. meinen diese Klage: So muß ich Jahr um Jahr denn mehr verarmen! Kein Gruß, kein Brieflein heute zum Erbarmen! Ich brauch ein Tröpflein Lieb, ein Sönnchen Huld. Ist mein der Fehler? Jst's der andern Schuld? Hab jede Güte doch mit Dank erfaßt und auf die Dauer niemand je gehaßt.

Roch ist kein Trauriger zu mir gekommen, der nicht ein freundlich Wort von mir oernommer. Wer weiß es besser, wie man Gift vergibt?

Wer hat in Strömen so wie ich geliebt?

Doch dieses eben schmeckt so grausam schnöde: Da, wo ich liebte, grinst die leerste Oede."

UnS2Bir> rooHen also einmal von diesen nicht geradlinigen und nicht gleichmäßigen Bewegungen absehen, sondern uns nur auf gradlmige, gleichförmige Bewegung beschränken und für diese die Frage aufwerf en. Gibt es für diese Bewegung so etwas wie Bewegung an sich? Hat es einen Sinn, hiervon zu sprechen? Wir müssen zugeben, daß wir, wenn wir die gewöhnliche Erfahrung und unseren gesunden Menschenverstand zu Hilfe nehmen, diese Frage unbedingt verneinen werden. Auch die Wissenschaft stand seit den grundlegenden Untersuchungen Galileis, die von Newton zu Ende geführt wurden, auf bie| em Standpunkt. So ist denn vielleicht in der ganzen Geschichte der Wlffenschaft nur em em» ziges Mal, nämlich von Einsteins Vorgänger Lorentz, in vollem Bewußtsein der Versuch gemacht worden, etwas wie eine Bewegung an sich zu behaupten. Ganz ohne Bezugssystem konnte auch sie freilich nicht sein, denn wie könnten mir eine solche ferstellen und merken? Es ist aber merkwürdig, daß das Ding, an dem die Bewegung an sich gemesien werden sollte, das allerschwierigste, feinste, unsichtbarste und fraglichste Dina voii der ganzen Welt war, nämlich der, Aether. Bei diesem Aether wird man ungefähr an ein Spottwort Lessi n g s erinnert, das er in Nathan dem Weisen" den Klosterbruder sagen laßt: Dieser meint -daß die Sunde wider den Heiligen Geist die abscheulichste und mchtswurdigste

- Sünde sei, die man sich denken könne nur daß mir Gott

sei Dank nicht wissen, worin sie eigentlich bes eht. So geht

! es NUN auch mit diesem armen Aether; er s?ll. das Maß

i aller Dinge lein, er soll die Ruhe selbst sein und die Möglichkeit geben, an ihm jede Bewegung zu messen. Aber von ihm selber merken wir nichts, und was er ist, wissen wir noch viel weniger. . .

So ist eins klar: Die Ruhe an sich, nach der wir fragten, gibt es jedenfalls nicht ohne weiteres; ihr kann höchstens durch eine sehr kühne wissenschaftliche Neuschöpfung zum Leben ^Holsen werden. Das ist an und für sich nun noch kein Einwand, denn tue Wissenschaft ist ost ge­zwungen, Annahmen zu machen, die zunächst dem gesunden Menschen­verstand zu Widerstreiten scheinen. Schöner aber ist es, wenn die Wissen­schaft, wenn auch nach schwierigen Umwegen und nach mancherlei Irrungen und Wirrungen wieder da ankommt, von wo der gesunde Menschenverstand ausging. !!rf.

Dies ist nun bei unserer Frage der Fall; denn tatsächlich konnte sich die Lorentzsche Annahme einer Ruhe an sich auch tn der Wissenschaft auf die Dauer nicht halten, und es ist ja bekannt, daß es die E i n ft e i nj d) e Relativitätstheorie war, die ihr den Boden entzog Dies geschah dadurch, daß Einstein die Aenderimgen in den Langen- und Zeitverhalt­nissen, die sich Lorentz von derBewegung an sich veranlaßt dachte, aus die Eigentümlichkeiten des Messens zurücksührt, also, wenn wir wollen, auf unsere Uhr und unseren Zollstock, oder besser gesagt aus die Art und Weise, wie wir diese wichtigen Geräte bei bestimmten Gelegenheiten be­nutzen und benutzen müssen. Durch diese allerdings. nicht leichten Ge- bantengänge mar es ihm möglich, bis aus den verschiedensten Grunin unerguicklichen Begriffe desAethers", berRuhe an sicy und derBe­wegung an sich" zu entbehren und sich auf die uns von der Erfahrung her vertraute Bewegung eines Körpers, verglichen nut andern Körpern, zu beschränken. Betrachten wir die Dinge in dieser Weise, so werden mir zugeben, daß die Relativitätstheorie keineswegs so absonderlich ist, rote sie vielleicht manchen erscheinen mag, sondern gerade im Gegenteil dem gesunden Menschenverstand ein gutes Stück Wegs entgegenkommt.