Wirtschaft gestalten müssen, damit er aus der Beherrschung der Lust den vollen Nutzen zieht.
Der rasche Nerkehr, der durch Fernsprecher und Telegramm, durch Funk- und Fernbild etwas Unpersönliches, Unvollständiges erhalten hat, wird wertvoll ergänzt durch Mittel, die Personen, Urkunden, Geld und wichtige Waren schnell befördern. Das Luftfahrzeug mit seiner hohen Ge- chwindigkeit, seiner weitgehenden Unabhängigkeit von Land- und Was- ergrenzen, Berg« und Tatgestaltung, seiner von harten Stößen freien, ür Schreibarbeit und Schlaf angenehmen Bewegung und seiner hohen öetriebssicherheit ist ein ideales Personenverkehrsmittel, wenn die Flugplätze vom Herzen der Städte rasch genug erreicht werden können, wenn es gelingt, die Regelmäßigkeit, die Unabhängigkeit vom Wetter, vor allem vom Nebel, weiter zu erhöhen, wenn zeitsparende Nachtflüge mit noch größerer Zuverlässigkeit durchgeführt werden können — in vielen Fällen aber auch schon heute ohne diese Einschränkungen, zumal der Mehraufwand für den Flugpreis im Verhältnis zu den Vorzügen sehr gering ist. Es fehlt diesem Luftverkehr nur noch das Vertrauen weiterer Kreise, das er schon jetzt verdient, eine regere Benutzung, die manchen Vorteil bringen könnte und dazu beiträgt, den Verkehr selbst zu verdichten und zu verbessern.
Eilige Reisende finden sich nicht bloß unter Geschäftsleuten, Politikern, Schauspielern, Rennreitern, die ihre Wirksamkeit verdoppeln, wenn sie rasch von einem Ort der Berufsausübung zum andern gelangen; auch der Arzt, der zum Verletzten auf einsamer Insel der Kranke, der durch Einöden mit Sanitätsflugzeug zum Seuchenlazarett gebracht wird, sind keine Phantasie mehr. Noch nicht gelungen, und daher von vielen als utopisch angesehen, ist der Massenfchnellverkehr durch die Luft. Aber haben wir nicht im Kraftwagen, im Autobus ein. Verkehrsmittel, besten Leistungsfähigkeit in der Großstadt mehr durch die Zahl als durch die Größe der Einheiten gesteigert wird?
Auch die Poft hat sich dieses raschen Beförderungsmittels bemächtigt und verwendet die Flugzeuge auf Strecken mrd in Formen, die für den Reiseverkehr noch nicht freigegeben find, lieber die Vorteile der Luftpost und ihre genraltige Zeitersparnis gegenüber der gewöhnlichen Briefbeförderung erübrigt sich ein besonderes Wort für jeden, der einmal durch zehn Pfennige Mehraufwand einen eiligen Brief 24 Stunden früher nach Köln ober Königsberg gelangen ließ. Reben Briefen und Paketen, neben Ersatzteilen für andere Luftfahrzeuge, Proviant für verstiegene Hochtouristen, Arzneimitteln für entlegene Siedlungen und ähnlichen Hilfen für Notfälle, werden schon jetzt eine Reihe eiliger oder leichtverderblicher Waren, wie kleine Tiere, frische Blumen, Zeitungen, Feinkost, Pelze und die „letzten Schreie" der Mode häufig durch die Luft verschickt; auch hochwertige Dinge, wie Schmuck, Edelsteine, Metallbarren, Banknoten und Schecks, werden im Flugzeug isoliert und rasch, also sicherer befördert. Bei der Versendung von Geld und Geldersatz wiegt vielfach der Zinsgewinn durch Zeiterfparnis die Mehrkosten der Lustbeförderung bei weitem auf; bei wertvollen Waren spart der Händler Kapital, weil er weiß, daß er seine Lagerbestände auf dem Luftwege stes rasch zu ergänzen, also ttiebriger zu halten vermag.
Daß die Fischerei durch Aussuchen von Fischbänken, Melden von Fischschwärmen mit Seeflugzeugen, durch Fischfänge mit kleinen Luftschiffen wie durch Abschießen von Raubtieren gefördert werden, daß man mit dem Flugzeug jagen kann, sei nur nebenbei erwähnt, ebenso, daß Land- und Forstwirtschaft in schwachbevölkerten Gebieten schon jetzt durch Flugzeuge unterstützt werden, die aussäen, Vieh überwachen, Schädlinge mit Gift bekämpfen, nachdem sie ihre Sporen in der Luft, ihre Brutplätze am Boden festgestellt haben, die Waldbrände sogleich erkennen und durch Abwerfen von Feuerlöschbomben ersticken, über Windbruchschäden und Pflanzenstände einen raschen Ueberblick geben. Wichtig ist, auch für unser gut vermestenes Gebiet, das Luftbild, das Landesaufnahmen vor allem unzugänglicher oder veränderlicher Gelände rasch und zweckmäßig ergänzt. Dazu kommt der Nutzen, den schon jetzt viele Wissenschaften aus dem Luftfahrzeug ziehen können: Geologie, Erd-, Sisdlungs- und Wetterkunde bedienen sich seiner; sogar Regen machen und Nebel zerstreuen soll das Flugzeug! Das klingt uns heute noch wie ein Märchen, ist aber vielleicht in einigen Jahren ebenso Wirklichkeit, wie heute schon die übrigen erwähnten Herkulesarbeiten, die die Luftfahrt leistet.
Trotz dieses vielfachen wirtschaftlichen Nutzens haben die Luftfahrzeugbauer aller Länder, verglichen etwa mit den Kraftsahrzeugsirmen, ein sehr beschränktes Absatzgebiet. Ihre Hauptabnehmer find im allgemeinen die Staaten, die starke Luftflotten unterhalten, trotz aller Abrüstungsvereinbarungen und aller Friedensbeteuerungen, in der Erkenntnis, daß ein Znkunstskrieg sich in erster Linie zwischen Maschinen, vorwiegend in der Luft und üf-c- dem normen Hobeitso-biet her Kriegführenden abspielen wird.
Nur Deutschland und andern Besiegten des Weltkrieges ist es untersagt, eine Kriegsluftflotte und überhaupt sonstige bewaffnete Flugzeuge zu besitzen; ja, unsere Snbuftrie darf sie nicht einmal für die Ausfuhr bauen; und noch mehr: Über jenes Verbot im Versailler Vertrag hinaus ist unser friedlicher Luftfahrzeugbau durch besonder« „Garantien" beschränkt, die z. B. Fernlenkflugzeuge (ohne Führer) verbieten, hochwertige Sporteinsitzer von Sondergenehmigungen abhängig machen und die Förderung des Flugsportes aus öffentlichen Mitteln hindern.
Daß unser Luftfahrzeugbau trotzdem Leistungen wie das Amerika- Luftschiff L Z 126, die neuen Großkabinen-Verkehrsflugzeuge wie Dornier, Junkers und Rohrbach, das Schlafwagen- und das Zeitungsflugzeug hervorgebracht hat, daß wir doch Luftgeltung besitzen, beruht auf den Leistungen unserer Ingenieur«, Kaufleute und Flieger, auf einer zielbewußten Luftpolitik in einmütigem Zusammenarbeiten aller Beteiligten, endlich auf unserer geographischen Lage, die uns einst die Einkreisung brachte, die jetzt unsere wirtschaftliche Rettung werden wird, weil sie uns zum Durchgangsflughafen Europas bestimmt; denn wegen feiner Bodengestalt und seines Klimas ist Deutschland für einen durchgehenden Verkehr bestens geeignet.
Daß die außenpolitischen Hemmungen deshalb, nicht bloß unsere Luftfahrt schädigten, sondern auch die zum Durchflug bereiten Nachbarstaaten,
daß sie den deutschen Luftfahrzeugbauer zwangen, mit dem Bau seiner Schöpfungen und dem Betrieb seiner Fluglinien ins Ausland zu wandern, hat uns im vergangenen Sommer die Lufthoheit, auch wenigstens einen Teil der Luftfreiheit, deren wir bedurften, wiedergegeben. Nun gist es, sie gänzlich zu befreien.
Hat die Luftfahrt außenpolitisch als Waffe — in andern Ländern — und als wirtschaftlicher Aktivposten — vor allem in unserer Zukunstsbilanz — Bedeutung, ist sie bei uns durch äußere Einwirkungen noch beschränkt, so nimmt sie innenpolitisch — wenigstens in Deutschland — eine Sonderstellung ein: während sonst alles parteimäßig betrachtet und behandelt wird, genießt das Luftfahrzeug, abgesehen von gelegentlichen Entgleisungen der Extreme, die gemeinsame Gunst aller Parteien; vielleicht wird auch die Luftfahrt zum Zankapfel, wenn man ihre Bedeutung richtig erkannt hat; heute jedenfalls begegnet ihr di« ganze Presse mit gleicher Hochachtung.
Umgekehrt ist auch der Flieger, der meilenhoch über den Parlamenten schwebt und in wenigen Minuten eine Provinz durchquert, kein Partei- manu ober Partikularist. Wer Luftverkehr betreibt, muß heute schon „in Erbteilen denken". Und das Flugzeug, das Länder verknüpft, wird auch die Herzen der Völker verbinden; wenn wir heute in der Welt wieder geachtet werden, so hat unsere Nachkriegsfliegerei einen großen Teil des Verdienstes, und die Kameradschaft der Flieger oller Länder, die in ritterlichem Kampf den Krieg überdauerte, die den andern wertet, weil er sich selbst achtet, sollte auch die Völker lehren, einander zu verstehen, statt sich nur zu verständigem
Wir möchten nicht schließen, ohne die Aufgaben zu nennen, die uns die Luftfahrt stellt, weil sie erfülltes Sehnen unserer Väter, köstliches Gut unserer Kultur und sichere Hoffnung unserer Kinder ist; weil Deutschland an den Hauptstraßen des Luftmeeres liegt, weil feine Wirtschaft durch Luftverkehr und Luftpost, Luftfrachten und Luftbild gefördert wirb, weil das Luftfahrzeug selbst als Wirtschaftsteil beachtlich ist und wichtig werben wird, weil unsere Lufthoheit uns auch ohne öuftnsaffen Luftgeltung bringen soll, weil die junge Generation gesunden Mut und starke Nerven braucht: bas Luftfahrzeug will sinen Platz an der Sonne des Wirtschaftslebens; bereitet ihm den Weg! Schafft Vertrauen zum Flugzeug: denn es ist sicher; fördert seine Benutzung, denn sie bringt Vorteil;"lehrt unser Volk fliegen: denn Luftfahrt ist not!
Die Aktenkamme?.
Erzählung aus den Revolutionskriegen von H. Müller-Schlösser.
(Fortsetzung.)
„Wie?" fragte Sabine verständnislos.
„Dein Vater und die Räte wollen die Stadt den Sansculotten übergeben —" Sabine faßte erschrocken seine Hand.
„Ich," rief er, „wili's verhindern." — „Du? Wie willst du das?"
„Das findet sich! Es kommt in allen Lebenslagen darauf an, daß einem das Rechte einfällt. Ich glaube, mir ist was Rechtes eingefallen! Ich bin für zwei, beet Tage — Bürgermeister!"
„Sekretär!" rief der Bürgermeister und klopfte gegen die Tür, „mach' Er mich nicht giftig! Was schwatzt Er denn da noch?! Geöffnet!"
Der Sekretär ging an die Kammertür und sagte in ernstem, ehrfurchtsvollem Tone, ohne aber den Spott ganz urckerbrücken zu können:
„Cs tut mir leid, Herr Bürgermeister, daß Sie zwei, drei Tag« mit der Gesellschaft der Akten werden vorlieb nehmen müssen —"
„Was?" — „Ich hoffe, daß Ihnen die Zeit nicht zu lang wird."
„Ist er des Teufels?!" schrie der Bürgermeister und stieß mit dem Fuße gegen die Tür. — „Nein, Herr Bürgermeister, aber ich bin willens, in den Sturm zu fahren, vor dem Sie die Segel streichen. — Du, Liebste, hilf mir, denn es wird eine gefährliche Fahrt!"
Sabine umarmte ihn.
„Der Himmel gebe seinen besten Wind!"
Sie gingen eilig hinaus und schlossen die Tür des Amtszimmers ab, denn der Bürgermeister in der Aktenkammer tobte und schrie.
Die Morgensonne des nächsten Tages schien durch die hshen Fenster mit den kleinen, in Blei gefaßten Scheiben in das holzgetäfelte Sitzungssälchen, das zu ebener Erde lag. Eine große Eichentur mit zierlichem Schnitzwerk führte in den weihgekalkten Treppenflur des Rathauses. In dem Holzgetäfel befand sich eine niedrig« Ür, durch die man in die Wohnräume des Bürgermeisters gelangen konnte. In der Mitte des Sälchens stand ein langer, eichener Verhandlungstisch. An der dunklen Balkendecke hing ein runder schmiedeeiserner Leuchter mit halb nieder- gebrannten Kerzen, an denen bas abfließende Wachs in dicken, erstarrten Tropfen klebte. Den einzigen Schmuck der kahlen Wände über dem Holzgetäfel bildeten zwei schwarzgerahmte, stockfleckige Kupferstiche, von denen der eine den verstorbenen Landesfürsten, der andere den mit Wappen verzierten Plan der Stadt barftellte.
Zabel, der Amtsdiener, unb sein Sohn Flipp waren damit beschäftigt, die hochlehnigen, steifen Stühle um den Sitzungstksch in gehörige Ordnung zu stellen. Zabel war nicht zufrieden mit dem Jungen.
„Du sollst mir die Stähl' akkurat hinstellen," (notierte er, „bat sieht ja aus rote Kraut und Rüben. Ordnung, Jung, ist bat halbe Leben! So steht der Stuhl, so, du Stoppelkaw, einen Schenkel breit vom Tischbein."
„Die Schenkel sind verschieden breit", räsonierte Flipp. „Soll ich mich mit Erlaubnis nach Ihren Schenkeln oder nach den meinigen richten?" Dabei klatschte er sich auf seinen Oberschenkel.
Zabel hob bas große Tintenfaß des Bürgermeisters in die Höhe und j' hielt es in die Sonne. „Da, bloß noch der dicke Satz drin!"
i. „Das ist rasch geändert, Vatter. Mit eins werden wir wieder die schönste Tinte haben." Flipp nahm seinem Vater das Tintenfaß aus der Hand, spuckte hinein und rührte mit dem Fedwkiehl darin herum.
Zadel nahm einen Hausen Federkiele und verteilte sie auf dem Tische. Dabei verbeugte er sich vor jedem Stuhle und


