„Punktum hab' ich gesagt!" unterbrach der ihn barsch. „Und jetzt wollen wir überlegen, wie sich die Verteilung der Koutributionsbeiträge regelt. Wo ist das Burgerverzeichnis?" — „Dort in den Aktenkammer. Ich werd' es holen."
Der Sekretär stand auf und wollte zu der kleinen, offenstehendsn Tür, die hinter dem Pult des Bürgermeisters in der Wand war. Aber der Bürgermeister winkte ihm ab.
„Bleib' Er nur bei seiner Arbeit sitzen. Ich hol' es mir selber." Er ging in die Aktenkammer.
Der Sekretär schaute ihm nach, Hellen Zorn in seinem jungen, schmalen Gesicht, warf dann in plötzlicher Aufwallung das Aktenstück, in dem er gearbeitet hatte, auf sein Pult, daß das Tintenfaß hopste, und stampfte mit schweren Schritten durchs Zimmer.
Es dämmerte. In den Zimmerecken sammelten sich schon die Abendschatten. Nur auf den höchsten Giebeln draußen lag noch der gelbe Glanz des sinkenden Tages. Zabel, der Amtsdiener, kam pustend und hinter Atem herein. Er wischte sich den Schweiß ab.
„Ha, dat ist dir ein hitzig Volk, der Junkersdorf und der Pampus. Sie sind sich draußen in die Haare gefahren. Franzosenaff'I schrie der eine, Tyrannenknecht! der andere, und eh' dat man sich umdrehte, gab et Spän'! Und wie ich dazwischenfuhr, hab' ich auch mein Teil mitgekriegt. Hui!" Er rieb sich ächzend den Rücken.
Der Sekretär, in seinem Zorne, achtete nicht auf ihn; er hieb mit der Faust durch die Luft und schimpfte: „Fotte, feige Froschgesellschaft!"
„He?" machte Zabel und schaute ihn verwundert an.
„Duckt den Kopf, wenn ein Stein ins Wasser fällt. Läßt sich gottgelassen mit Haut und Haaren fressen."
„Was bleibt den Fröschen anders übrig?" meinte Zabel ahnungslos. „Sind wir Frösche, Zabel?" rief der Sekretär ausbrechend. „Ließet Ihr Euch fressen?" — „Ich töt' zum mindesten schwer im Magen liegen, dafür kawier' ich Euch! Aber wovon spricht der Herr Sekretarius? Der Herr Sekretarius scheint mir ein bißchen durcheinander."
„Blitz und Hagel sollen in die Puderköpfe fahren!" tobte der Sekretär und schlug dabei auf die Amtsperücke des Bürgermeisters, die auf dem Tische lag. Der Puder flog durch die Luft.
„(Sott behüte!" rief Zabel in komischem Schreck. „Des gestrengen Herrn Bürgermeisters Amts- und Staatsperücke!"
Der Sekretär nahm sie rasch vom Tische und setzte sie sich auf. „He, Zabel, seh' Er sich meinen Kopf an!"
„Ein exzellenter Kopf, dat muß ich sagen! Mit dem Kopf kann es der Herr Sekretarius einmal weit bringen." Der Sekretär lachte.
„Da schau' mir einer an, was doch die Perücke macht! Jetzt hält Er mich gar für einen exzellenten Kopf."
„Dat will nix heißen. Wieviel Narren hält man in der Perücke für kreuzgsfcheit." — „Das sagt Er wohl gut, Zabel."
Der Sekretär, in dem Drange, seinem Zorn Luft zu machen, griff nach dem Amtsmantel des Bürgermeisters und zog ihn an.
„Schaut, Zabel, und hängt vollends ein Mäntelchen um die Schultern, so ist mit aller Würde und Weisheit der Bürgermeister fertig. Ha, ha!"
Er stolzierte auf und ab und äffte den Bürgermeister nach, wie er soeben in seiner Hilflosigkeit zu den Stadträten gesagt hatte: „Meine wertgeschätzten Herren, Sie sehen mich außerstande, einen Entschluß zu fassen."
„Straf' mich Gott mit Blindheit an Arm und Bein," rief lachend Zabel, „der leibhaftige Herr BürAermeister!"
Der Sekretär stolzierte wieder auf und ab und freute sich an seinem eigenen Uebermut. Da trat schnell und leise Sabine, die Tochter des Bürgermeisters, herein. „Ei, der Teufel!" rief Zabel erschrocken und schlug sich aufs Maul.
„Der Teufel? Nein, Zabel, ich bin's bloß. Was ist da zu erschrecken?"
Der Sekretär, der keine Zeit fand, Mantel und Perücke abzulegen, drehte ihr rasch den Rücken. Er stand neben dem Bürgermeistersessel und wußte nicht, was er machen sollte.
„Sei Er so gut, Zabel," wandte sich Sabine an den, „und geh' Er. Ich muß mit dem Vater reden."
Zabel schnitt ein komisches Gesicht. „Mit dem Bater, Demoisellchen? So, so, mit dem Vater, aha!" Er zwinkerte schmunzelnd zum Sekretär hinüber.
„Ihr Vater, Demoisellchen, mag Ihnen vielleicht heut' seltsam vorkommen. Das darf Sie aber nicht genieren, hä, ha." Er ging kichernd hinaus.
Sabine sah ihm erstaunt nach. „Der närrische Kerl! Was meinte er damit?" _
Der Sekretär hatte sich in den Bürgermeistersessel gesetzt. Er drehte ihr den Rücken zu und blätterte in einem Aktenstück, das er nahe vors Gesicht hielt, als ob die zunehmende Dunkelheit ihm das Lesen erschwerte.
Sabine schaute mit unsicheren Blicken zu ihm hin. „Es will schon düster werden, Vater", sagte sie. „Ich will ein Licht holen." Damit wandte sie sich zur Türe.
Der Sekretär aber schüttelte heftig den Kopf und machte eine abwehrende Bewegung mit de>n Arm. Sabine blieb stehen und fragte: „Störe ich Sie, Vater?"
Der Sekretär schüttelte stumm den Kopf. Sabine trat ein paar Schritte näher.
„Das war heute ein böser Tag für Sie, Vater. Die Franzosen tragen uns den Krieg in die Stadt. Dieses Unglück! Man sagt, sie wollten die Stadt bombardieren. Ich habe so Angst!" Der Sekretär machte eine beruhigende Armbewegung.
„Sie haben recht, Vater", sagt« sie herzlich. „In Ihrem Schutze bin ich wohl geborgen."
Sie machte eine Pause und schaute den vermeintlichen Vater von der Seite an. „Sie sind wohl recht abgespannt, Vater?"
. Der Sekretär seufzte; es war ihm recht beklommen in der Rolle di, er, ohne es zu wollen, spielte.
„Soll ich Ihnen ein Gläschen Aßmannshauser bringen oder beifi™ Punsch?" Der Sekretär winkte „nein".
„Sie werden sich nach den aufregenden Debatten früh ins Belt legen, Vater. Ich tue Ihnen eine heiße Sauerwasserkanne ans Fuk, ende. — Hm —"
Sie machte wieder eine Pause. Man merkte ihr an, daß sie etwas auf dem Herzen hatte. Sie atmete tief auf. „Ei, was ich noch sagen Wollt« Sie hatten, schien es mir, soeben einen heftigen Disput mit Ihren! Sekretär?" Der Sekretär machte eine hastige Bewegung.
„Verzeihung, bester Vater!" sagte sie schnell, „es ist nicht Neugier. Si, werden fragen, was sonst?"
. Sie wandte sich etwas verlegen und errötend ab. „Es ist — es ijt mir, gradheraus gesagt, wunderlich, daß Sie sich mit ihm gestritten haben wo Sie sich sonst so gut miteinander verstehen. Sie fuhren ihn hart an und im Zorn. Was kümmert dich das, werden Sie mich schelten. Nun, weil — weil ich glaube, daß Sie ihm unrecht getan haben." Der Sekw tär unterdrückte mit Mühe ein Räuspern.
Sabine fuhr, warm werdend und tapfer fort: „Sicherlich werden Sie ib» unrecht getan haben! Er hat mir so oft voll Dankbarkeit und Ehrfurch über Sie gesprochen, und es kann mir nicht in den Kopf, daß er Si« beleidigt haben sollte." Der Sekretär schüttelte heftig verneinend den Kopf.
, ,'Sehen Sie!" rief Sabine erfreut. „Das ist mir lieb zu hören! ($t lst so ehrlich und so gradsinnig. Sie selber schätzen ihn, das haben Si« mir selber oft gesagt. Und — und ich muh gestehen —"
Sie stockte und vollendete dann zögernd: muß gestehen, daß et
mir wohl gefällt."
Der Sekretär wollte sich rasch zu ihr wenden, hielt aber an sich. Et war voll Erregung, die ihn nicht ruhig sitzen ließ. Ohne daß er it merkte, starrte er auf ein leeres Äktenblatt.
Sabine holte tief Atem. Sie strich verschämt über ihre Schürze, al» sie sagte: „Liebster Vater, Sie haben mir vor kurzem in Ihrer Zart' lichkeit und Sorge befohlen, zu Ihnen zu kommen, wenn ein Mann mein Herz gewonnen hätte. Ich sollte Ihnen sagen, wer es sei, wes Namen» und Standes. Nun sehen Sie, ich bin Ihnen eine gehorsame Tochter. Ihr — Ihr Sekretär ist es!" Der arme Sekretär wußte sich kaum nach zu halten. Er seufzte und zerknüllte den Aktendeckel.
„Nach mir, Vater," sagte Sabine leise, aber mit Festigkeit, „nach mir wär's der rechte. Und — und wenn ich ihm gefalle —"
Der Sekretär nickte kräftig mehrere Male. Voller Glück sturste sich Sabine zu seinen Füßen und verbarg den Kopf an der Sessellehne.
„Das wissen Sie, Vater?" rief sie. „Hat er es Ihnen gestanden? Oder haben Sie es gemerkt?" Der Sekretär nickte wieder und hielt die Akten vors Gesicht.
„Sie sind gerührt, Vater? Sie verbergen Ihr liebes Gesicht? Weinen Sie, lieber Vater? Sind Sie traurig, daß mein Glück in so schlimmen Zeiten gesprossen ist, daß vielleicht der Krieg und seine Not es wieder zerknicken könnten? O nein, Vater! Wer liebt, dem blühen im Sand« Rosen!"
Da rief der Bürgermeister aus der Aktenkammer heraus: „Sekretär, ich finde das Verzeichnis nicht!"
Sabine sprang, 311 Tode erschrocken, auf und wich einige Schritte zurück. „Himmel, was — ist — das?" stammelte sie. „Mein Baler? Und Sie?"
Der Sekretär stand mit einer stürmischen Bewegung aus. Dabei stich er, ohne darauf zu achten, die Türe der Aktenkammer zu. Er riß sich die Perücke ab und rief mit vor Glück zitternder Stimme: „Sabine!!"
Er wollte auf sie zu, sie wich aber zurück und bedeckte ihr Gesicht mit den Händen. „Pfui, Herr Sekretär!" rief sie weinend. „Ihren Spott mit mir zu treiben!"
Der Sekretär zog sie an sich und sagte sanft: „Sabine, Ihr Ge< ständnis ist dennoch an die richtige Adresse gekommen! Hat nicht soeben Ihr „Vater" gesagt, daß Sie dem Sekretär gefallen?"
Unter Tränen antwortete sie: „Gesagt? Bloh genickt!" Und plötzlich fiel ihr ein: „Bei Gott, jetzt wird mir erst bewußt, daß Sie kein Wort gesprochen haben."
„Hält' ich mit einem Worte nicht den Zauberkreis gestört?"
Er drückte ihren Kopf an seine Brust. „Liebste, der Sekretär kam dir bestätigen, was der Bürgermeister soeben genickt hat." Er küßte st«, und sie hing an seinem Halse.
„Sekretär!" rief der Bürgermeister da wieder in der Aktenkammer. „Zum Kuckuck, hört Er nicht?"
Sabine ließ erschrocken den Sekretär los. „Der Vater kommt!' rief sie. i
„Ich glaube nicht", erwiderte der Sekretär lächelnd, als er die Tür der Aktenkammer geschlossen sah.
„Sekretär!" rief der Bürgermeister mit zorniger Stimme, „will nicht so gefällig fein?"
Er wollte die Tür öffnen, fand sie aber verschlossen. Er rüttelte an der Klinke. „He, Sekretär, so mach' Er doch auf! Laß' Er den Schabernack! Das Teufelsschloh ist eingeschnappt. Die Tür läßt sich bloß von außen öffnen."
„Ich hab' den Schlüssel nicht", antwortete der Sekretär schadenfroh, — „Verwünscht! Ich hab' ihn in der Tasche. Hier, da hat Er ihn."
Er langte mit dem Arm durch ein Luftloch in der Ture und hielt den Schlüssel hin. „Rasch! Schließ' er auf!"
Der Sekretär nahm den Schlüssel schnell und rief dann nach einem plötzlichen Entschlüsse: „Nein, Herr Bürgermeister, mit Erlaubnis, da« tu’ ich nicht!" — „Zum Kuckuck, was tut Er nicht?"
Der Sekretär flüsterte Sabine hastig zu: „Liebste wenn die Tochter mich für ihren Vater hielt, fo werden mich die Ohnehosen als den Tu» germeister ästimieren." (Fortsetzung folgt.)
Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Bruck und Verlag: Vrühl'sche Universitäts-Buch- und Steinbruckerei, R. Lange, Gietzen.


