Eichener ZainilienbMer

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Zahrgangmr^^^^^ Dienstag, den 7. Juni Nummerns

Der Abend.

Bon Josef Freiherr« von Eichendorfs.

Schweigt der Menschen laute Lust: Rauscht die Erde wie in Träumen Wunderbar mit allen Bäumen Was dem Herzen kaum bewußt. Alte Zeiten, linde Trauer, Und es schweifen leise Schauer Wetterleuchtend durch die Brust.

Durch das heimliche und unheimliche Deutschland.

VI. Ein Abend in Stein am Rhein.

Von Manfred Hausmann.

Das Schiff, von Schaffhausen kommend, macht am Rheinkai fest, der Fremde geht gemächlich an Land. Er trägt einen grauen Reisehut, einen modischen Schlips, einen hellen Mantel, die Garderobe eines Mannes von einiger Welt. Aber allem und jedem an ihm, auch seinen Augen und den Bewegungen seiner Hände, haftet etwas Unruhiges an, eine heimliche Abenteuerlichkeit. Und die Leute, die am Kai herumstehen und ihn unverhohlen betrachten, merken ganz wohl, daß er kein Handlungs- reisender oder dergleichen, daß er überhaupt kein richtiger Biedermann ist. Er macht sich nichts daraus, sondern winkt im Vorübergehen einen Hausdiener heran und weist ihm sein weniges Gepäck. Nach etlichen Schritten hält er inne, zieht die Lust ein und blickt umher. Ja, er ist wieder einmal wo angekommen. Und der Abend senkt sich allmählich ins Rheintal.

In den kleinen Städten waltet eine behutsame Ewigkeit. Was der Fremde hier vor hundert Jahren trieb, treibt er auch heute noch. Mag er auch den ganzen Atlantischen Ozean gesehen haben, das Gebirg in seiner bleichen Herrlichkeit, Paris, Berlin, Moskau ... in der kleinen Stadt muß er alles wieder vergessen. Sei still, fremder Mann, in.; hast einen grauen Hut mitgebracht, du präsentierst dich in einem hellen Mantel, ach ja, es hilft Nr alles nichts. Du bist in Stein am Rhein, wo nun die Kastanien blühen, und der weiß« Flieder übers Gemäuer hängt. Der Abend duftet nun, der Strom zieht dunkel unter der roten Brücke hin. Und am Schloßberg schimmern die Weingärten rosa hinauf bis zum Walde, tind über dem Walde, über aller Welt steht das feste Haus Hohenklingen mit seinem viereckigen Turm und wacht. Fühlst du nickst, fremder Mann, daß man hier manches beiseite lassen, daß man nichts als lächeln und träumen muß, fremder, törichter Monn?

Doch, der Fremde fühlt wohl so etwas. Jedenfalls tritt er lächelnd in ein Gasthaus und speist erst einmal zu Abend. Gedämpfte Felchen, frische Kartoffeln und ein Viertel Steiner Roten. Das kostet vier Fränkli und vierzig Rappen. Und die es ihm bringt, die bas Geld geschwind ein­streicht, ist ein schwarzhaariges, rotbackiges Maidli. Der Fremde findet, daß hier gut sein ist. Er sitzt im Fensterwinkel und träumt vor sich hin ...

Nach einer Stunde schlendert er durch das verdämmerte Städtchen. Soweit es angeht, besieht er die bunten Fachwerkhäuser, die Schnitzereien, die Erker und Giebel. Er bleibt auch eine Weile in der Nähe des vier­fach plätschernden Brunnens stehen und hört dem Gelächter der Mägde zu, die da ihre Eimer langsam voll Wasser laufen lassen. Und kaum daß er fünfzig Schritte weiter gekommen ist, muß er schon wieder verhalten und auf das zarte Andante achtgeben, das des Herrn Schulmeisters Töchterlein in der dunklen Stube aus dem Pianoforte aufschweben läßt. Ach Gott, wie hilflos die Melodie doch ist, wie bescheiden sich ein Ton an den anderen reiht, ein rührender Gesang! Aber nun will der Fremde weiter. Er geht an dem alten Kloster vorbei, dessen erleuchteter Hof wie ein Bühnenbild aus dem düsteren Rahmen des gotischen Torbogens hevausscheint, vorbei auch an den neugierigen Müttern, die aus den Fenstern auf die Gasse hinausgucken und den schlanken, jungen Menschen da unten gleich in ihre seltsamen Berechnungen hineinziehen, vorbei an diesem und jenem und schließlich durchs turmgekrönte Stadttor ins Freie. Da draußen vagen mächtige Linden auf, eine winzige Kapelle steht da­zwischen, es steht so aus, als ob da seitwärts der Friedhof wäre, man kann's nicht richtig erkennen. Dann kommen lauter Gärten mit Lust­häusern und hängendem Goldregen, und dann geht's die schmale Wein- bergstisge hinauf. Und di« Grillen singen immerzu, zuweilen rührt sich klar und süß die Amsel. Es ist fast Nacht geworden.

Di« Weinbevgsiiege mündet bei einem Brunnen auf den Schloßweg. -le der Fremde noch ein wenig höher hinaufgedrunaen ist, findet er iw eine Bank auf halber Hohe und setzt sich. Unten im Tal richt das Städt- Gen mit seinen wenigen Lichtern, -Ser Rhein kommt aus der Ferne und strömt wieder still m die Fern« hinein. Das düstere

Ufer spiegelt sich in der blassen Flut, ein Licht, noch ein Licht, zitternd. Aber der Himmel ist noch nicht völlig verfinstert, die Sterne schimmern nur schwach. In einem der Gärten am Strom spielt temand Ziehharmonika, es klingt so deuttich herauf. Dann und wann fällt eme schöne Männerstimme trällernd ein. Und wenn die Musik schweigt, hört man den Fluß rauschen und einen Wagen die Landstraße hin- knarren. Nun steigt auch das matte Licht des Dreiviertelmondes herauf. Die Nacht ist warm. Und di« Grillen fingen immerzu.

Der Fremde fitzt da und blickt über das alles hin und sinnt. Er denkt, warum er so ruhelos in den Ländern Herumschweifen muh, und ob di« nicht glücklicher sind als er, di« Bürgersleute da unten, der Herr Zoll­einnehmer und seine Zolleinnehmersgattin, der Metzger, der Schuster und der Wirt zumGrünen Hahn". Sie wohnen jahraus jahrein an dem­selben Fleck dieser Welt, an einem gar so wundervollen Fleck. Sie haben ihre kleinen Sorgen, ihre kleinen Freuden, sie haben di« Stille, den Frieden, die Heimat sie haben auch Weib und Kind und alles miteinander. Und was hat er? Nichts. Er hat die Unruhe, er hat dies wehe und wirre Gefühl in der Brust. Ach ja.

Und der Fremde sicht die dunstigen Sterne an, er kennt die Sternbilder, den großen Bären, den Polarstern, er denkt nach Norden und denkt an das unsäglich geliebte Menschenkind da oben im Norden, da oben am Meer von dem er sich gerissen hat. und um der Fremde willen, einzig um der Fremde, um der Weite, um der blinden Sehnsucht willen.Irm­gard", sagt er. Und noch einmalIrmgard", so ruhig.

Mit einem Male weiß er, daß ihm dieser Abend, das Städtchen, bat versunkene Tal nur deshalb so hold erscheint, weil er morgen wieder weiterwandern muß. Kein Mensch liebt ja so inbrünstig, wie der, dem es bestimmt ist, niemanden und nichts besitzen zu dürfen. Es webt ein Geheimnis um das schnell Vergängliche. Nur der Wanderer, der nichts behalten kann, spürt die letzte und schmerzlichste Schönheit alles dessen, der Menschen, der Mädchen und Landschaften, alles dessen, an dem er vorbeistreift

Und der Fremde senkt das Gesicht in seine Hände und sinnt ergriffen vor sich hin. Ein ganz leiser Wind erhebt sich und weht durch die Bäume. Dann ist es wieder still .. .

Wie vor hundert Jahren. Auch damals ging der Fluh dunkel durchs Tal, glitzerten Lichter, erklang Musik, auch damals sang jemand gedämpft an solch einem Abend in feinem Garten, auch damals gab es jenen Fremden, der verlangend durch di« Welt streifte und manchmal dasaß und traurig war, auch damals fiel in einer ruhigen Nacht unversehens ein kleiner Wind ins warme Laub der Linden, und verlor sich wieder. Bor hundert Jahren oder so . . .

Geschloffenes Abenteuer.

Von Walter Petry.

Ein Privatgelehrter, Dr. Carlo Solei, auf dem Gebiete der mytho- logischen Symbolforschung ein angesehener Gelehrter, übrigens ein stiller, zufrieden hinlebender Mann, hatte einen Traum. Er war wie immer von der Bibliothek (er lebte in Brindisi) um acht Uhr abends nach Hause ge­kommen, hatte, wie er es seit Jahren gewohnt war, sein Essen sich selbst bereitet, später noch Notizen durchgesehen, war dann plötzlich müde ge- worden und, ohne dieser plötzlichen Schwere der Glieder, der Benommen- heit des Kopfes irgendeine Bedeutung beizumessen, schlafen gegangen. Er mochte etwa drei Stunden geschlafen haben, als er emporschreckte, mit einem Ruck im Bett aufsaß und, im Kreisen des Schweigens um ihn, noch deutlich eine Stimme zu hören meinte, die eine Zahl sprach. Eine Zahl, nichts weiter. Er horcht« noch eine Weile, die Hände vom vorgebeugten Körper seitwärts auf die Bettkanten gelegt, merkte dann, wie Müdigkeit ihn wieder ergriff, nahm, sich schwer zur Seite wendend und schon wieder halb schlafend, ein Blatt von den liegengebliebenen Notizen und einen Blei­stift und kritzelte, ohne hinzusehen, etwas hin, ein paar Zeichen, flüchtig und ihm irgendwie abgenötigt dann sank er in die warme Höhlung der Kissen zurück und schlief sofort wieder ein.

Am andern Morgen, nachdem er aufgestanden war, gefrühstückt hatte und die Papiere für die Arbeit des Tages ordnete, überraschte es ihn, auf einem der Blätter, schräg und schwer über den anderen Text geschrie­ben, eine Zahl zu finden. Eine Zahl, nichts weiter. Eine vierstellige, ihm unbekannte Ziffer, 3468, auf die er, das Blatt in der ausgestreckten Hand haltend, lange niedersah. Dann war es,ihm, als hätte er in der Nacht schwer geträumt, und nun sich mühsam besinnend, fiel ihm ein, wie er im Traum sich selbst gAehen hatte, als alten Mann über einen antiken Sar­kophag gebeugt, vMeicht um ein Symbol zu deuten. Auf dem Steindeckel des Grabes, sonst ganz ohne Ornament, waren nur, genau in der Mitte, ein paar Ziffern eingegraben, eben die des Zettels, wie es ihm schien, und wie er noch ihrer Bedeutung nachdachte, begann der spiegelnd schwarze Stein plötzlich zu glühen, durchscheinend zu werden, und jetzt, in der sich öffnenden Tiefe des Sarges, ungeheurer Reichtum glänzend und golden zu schimmern.