Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
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Jahrgang |927 Samstag, -en 7. Mai " Hummer 36
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ASLKdstrrnde.
Von Paul Wolf.
Ich habe dir oft wehgetan.
Nun deckt dich längst der stille Hügel ...
Doch naht die Nacht auf leisem Flügel, Stehst du oft bei mir, schaust mich liebreich an Und legst die lieben frommen Hände, Die arbeitsfrohen, auf mein fiebernd Hirn. — Und wie des Himmels herrlichstes Gestirn Aus blauen Tiefen übers Talgslände Sein Goldnstz breitet, wenn dis Nacht sich senkt. Spinnst du mich ein mit deiner milden Klarheit. Du, die dereinst der Himmel mir geschenkt, Du bringst mir Frieden, tiefe Ruhe, Wahrheit . . . Ich habe dir oft wehgetan . . .
Dmrch dss heimlichS und unheimliche DeMtschlKnd.
i.
Wanderbilder von der Nordsee und der Elbe.
Von Manfted Hausmann.
Ich setze einen Fuß vor den anderen, der Wind kommt von hinten,
von Wesermünde, und so treibe ich auf dem Deich hin. Weddewarden
. . Wremer Tief . . . Dorumer Tief . . . morgen will ich in Cuxhaven sein. Rechter Hand breitet sich das Land Wursten aus mit seinen
gedämpften Farben, da ist die rosa Erde, das fahle Schulf an allen Gräben entlang, die graugrünen Weiden, die Bäume mit bräunlichem Schimmer, die düsteren Strohdächer da und dort, ein vielfaches Durcheinander. Aber links tut sich in ungeheurem Schwung das Vorland auf, das Watt, die See. Hier gibt es nur eine Farbe, nur das ununterbrochen sich wandelnde Grau.
Und ich setzte einen Fuß vor den anderen und wandere an allem vorüber. Jetzt ist das Watt in lauter Lichtschleier gehüllt, sie wehen gegen den Deich und machen, daß ich meine, ich schwebte, ich glitte so leicht durch Licht und Glast und Abglanz von Wasser und blankem Schlick. Nicht lange, da schießt die Sonne wieder klar herab, die Schleier verlieren sich drinnen im Lande, der Deich zieht sich in kristallener Reinheit dahin. Und wie ich ein Weilchen in Gedanken abwinke, schleift schweres Gewölk übers Meer, ein Schatten trifft mich, ich wache auf: die ferne Marsch glüht noch grau und golden, aber über mir wühlt sich schwarzer Dampf landeinwärts, die See ist schwarz, der Wind stößt, eine Regenbö rauscht vorüber. Und wieder nach einer Viertelstunde sickert holdes Licht aus dem blauen Himmel, so hold und blau und warm, es taucht den ganzen Bereich, den ich überschauen kann, in diesige Bläue. Und die Lerchen, die zu Tausenden am Deich wohnen, flattern, eine nach der anderen, empor. Run wandere ich eine Zeitlang leise durch diese silbrige Musik, die wie ein einziger zitternder Ton im Archer steht, durch dies unendliche Lerchengetriller. Dann bricht wieder Kälte und Verfinsterung herein, die Lerchen fallen geschwind aus der Luft, es wird still. Nur die Sse rauscht ohne Unterlaß.
Nun ist die Nacht gekommen. Das Wasser hat sich weit zurückgezogen. Vom Deich aus sieht man's nur wie einen schmalen, hellen Streifen am Horizont schimmern. Ich stolpere durch die düsteren Weiden des Vorlandes dem kleinen Sommerdeich zu, der sich draußen an der gewöhnlichen Flutgrenze yinleitet. Es ist wohl eine halbe Stunde Wegs. Kiebitze fahren auf und überschlagen sich schreiend, eine Schafmutter trippelt mit ihren beiden Lämmern zur Seite und verNert sich in der Dunkelheit, Kühe stehen als weiße Flecke gespenstisch da. Ich patsche in Sumpflöcher und rutschte in Gräben, aber endlich gewinne ich den Sommerdeich . . .
Eine grenzenlose Oede liegt vor mir. So muß die Erde ausgesehen haben, als sie noch wüst und leer war, die eben geborene Welt, die Urwelt. Nichts als schwarzer Schlick, auf dem der matte Widerschein des Nachthirmnels ungewiß hinspielt. Kein Leben, kein Gedeih, kein Wechsel, kein Aus und Nieder. Nur dumpfe Unendlichkeit, nur verlorenes Licht. Und aus der Unendlichkeit dröhnt das Brausen der See herüber, traurig und ewig . . . traurig und ewig ... die Urwelt . . .
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Am Strand von Dünen zieht sich die herrlichste Deichpromenade entlang, die sich einer denken kann. Schräg vor einem geht das Elbefahrwasser hinaus in die See. Da gibt's immer etwas zu sehen: Ewer, Kohlenschifse, Segler, Ueberseer und was sonst das Herz erfreut. Sie schlagen sich, gehüllt in Rauch und Gischt, tapfer vorwärts in die Ferne, andere begegnen ihnen, fröhlich der Heimat zufchankelnd.
Ich wandere mit müden Beinen und schlürfenden Schuhen über die Promenade. Die Dämmerung sinkt schon nieder, die weiche Dämmerung der Küste. Rechts ragen die Geschützrohre in den Himmel, Wälle und Forts einer Festung versperren die Aussicht ins Land hinein. Mit einem Male liegt der Deichweg da, wo die Kugelbake steht, um die Ecke, und der Elbstrom öffnet sich dem Blick. Der Elbstrom, weiß schimmernd, und die wirve Silhouette von Cuxhaven, die sich gleichsam bis zur Mitte des Stromes vorschiebt. Darüber ist der Abendhimmel blaß und glanzlos gespannt.
Cuxhaven. Schwarze Häusermassen wuchten vom Land aus vor, Schornsteine steigen scharf auf, vor den Häusern ein durchbrochenes Gewirr von schwarzen Masten, Türmchen, Signalen und Brücken. Schwarze Schiffe gleiten lautlos hinein, andere gleiten heraus und zerstoßen sanft die bleiblinde Fläche des Stromes. Und all das Schwarze, die Häuser, die Masten, die Schiffe, alles ist besetzt mit verschiedenfai»igen Lichtern. Die leuchten nun still und glitzern umher. Ein grüner Schleier treibt auf mich zu, ein weißer kommt ihm entgegen, ein gelbes Licht mhrt an einem Mast hoch und flimmert dort oben, eine glühende Jllu- schwimmt stromaufwärts, vor den Häusermassen hängen form- uche Girlanden von Lampen, darunter bewegen sich große und kleine Funken die kreuz und quer. Ich stehe lange da und kann mich nicht entschließen, auf das schwebende Gebild zuzugehen. Menschen und Städte sind nur von ferne schön!
, Der Himmel verdunkelt sich mehr und mehr. Aber die Nacht bleibt, ohne Sterne. Cuxhaven funkelt in der Nacht.
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Hoch über Hamburg ragt der Turm von Sankt Michel. Man kann hinaufklettern, ^ch bin dabei! Ich steige innen auf der eisernen Treppe an den brandgeschwärzten und geschmolzenen Mauern empor, ich schwinge mich an den allmächtigen Uhren vorbei, ich höre den Wind immer wütender heulen, ich lasse auch die großen .Glocken unter mir, sch orange höher und höher und trete schließlich durchs Türchen auf die Plattform hinaus.
Hinaus in den Sturm, in die stürmende Sonne, in die sonnige, stürmende Trunkenheit. Da qualmt nahebei der Hasen, da unten, das Wasser hüpft, winzige Schlepper nehmen mit zappelnder Schraube ihren Weg, Welle wirft sich an Welle, gischtet hoch und vergeht, die Werften schmettern aus ihrer Dunkelheit ein verworrenes Getöse heraus, das der Sturm zerreißt, Kröhne drehen sich, Ladegeschirr schwankt, Men- scheu kriechen umher, Boote, Eisenbahnen, Masten, Schornsteine, @e» dampf, Gedröhn, Gewimmel. Und langsam.drängt sich in starrer Maje- stat ein Dampferkoloß mitten hindurch. Zuweilen brüllt er, seinen Schornstein mit einer weißen Wolke umziehend, ein paarmal auf. Niemand darf ihn stören. Er ist hier der Herr.
Und hinein in das (Betriebe da unten stürzt das Licht aus den Wolken- schachten, wilde Sonnenbahnen, die jetzt den Strom zu rasendem Glanz, jetzt den Qualm zu irrem Geleucht, jetzt die Häuserblocks zu grellen Far- ben entzünden. Da reißt der Sturm alles weg und preßt Nacht und Dunst über den Hafen. Aber die Sonne schmeißt neue Lichtfetzen nieder. Hier am Turm vorbei stürzen sie, pflügen den Qualm auf, das Wasser blitzt wieder, die Schiffe leuchten wieder und vom Horizont her stürmt eine goldene Lichtwelle herbei . . .
Seht, nun ist der Aether nichts als Wehen und Hold und Klarheit! Ein Falke, oder was es nun ist, schwimmt zu meinen Füßen in dem durchsichtigen Meer. Ich blicke hinauf und hinunter . . . Licht, Licht, Licht! Ich muß mich am Geländer festhalten vor Sturm und Trunken- heit. Ich zittere vor Lust. Ich . . . großer Gott, was für ein Taumel, was für eine Verzückung, was für ein wundervoller Wahnsinn!
Cäsars Ende.
Von Geheimrat Professor Dr. Th. B i rt.
Die folgende Darstellung des einzigartigen Schilderers antike« Lebens stammt aus dem bekanntesten feiner Werke: „Römische Charakterköpfe. Ein Weltbild in Biographien", das bereits in 7. Auflage vorliegt. Verlag von Quelle & Meyer ht Leipzig.
3m Jahre 45 v. Chr. war Friede im Reich nach fünfjährigem Bürgerkrieg. Cäsar läßt sich endlich in Rom nieder. Friede auf Erden! Aus beiden Seiten hatte man jeden Justizmord vermieden; nicht der Mord, nur der ehrliche Soldatentod hatte unter den Bürgern aufgeräumt, und eine Aussöhnung mit der besiegten Partei schien also, wennschon Cäsar mit den Landbesitzungen der umgekommenen Pompejaner seit dem Jahre 48 eine schlimme Wirtschaft trieb, nicht ausgeschlossen. Friede aus Erden und den Menschen ein Wohlgefallen? So war es nicht. Nur fünf Monate hatte Cäsar noch zu leben. Erst gab er für das Volk die üppigsten Triumphalspiele, dabei auch Fechterspiele; er liebte besonders den auf»


