Ausgabe 
6.12.1927
 
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tet den finnischen und estnischen wie in den isländischen Volksmärchen, in denen auf der Schilderung der Umwelt, der rauhen nordischen Natur, «in viel stärkerer Ton liegt als in unseren häufig kaum die Jahreszeit andeutenden deutschen Märchenerzählungen, die winterliche Landschaft meist der ganz selbstverständliche Hintergrund, vor dem sich die Handlung abspielt. Wenn der arme Besenbinder in die Stadt fährt, um seine Besen zu verkaufen, dann ist ohne besondere Erwähnung der Jahres­zeit notwendigerweise ein Schlitten sein Beförderungsmittel, wie auch der berühmteste, sagenumwobene Heid der estnischen Volksdichtung, der riesenstarke Kalevipoeg schon als Knabe

Sich aus hohen schlanken Birken, Die er aus der Erde rupfte, Als wenn' dünne Halme wären, Kleine nette Schlittchen machte."

Ja, so fest ist der Zusammenhang zwischen dem Schlitten und der winterlichen Jahreszeit im Volksbewußtsein verwachsen, daß sein Dol­metsch, das Märchen, den Schlitten schlechthin zum Symbol des Winters erhebt undDas kluge Weib" den Auftrag des Richters, sein Reittier zwischen Winter und Sommer anzubinden, erfüllt, indem er das Tier mit einem Fuß an einem Schlitten, mit dem andern an einem Wagen festmacht. Doch neben den Schlittenfahrten sind auch manch winterliche Freuden den altnordischen Sagenhelden, in deren Gestalten viel mär­chenhafte Züge eingeflofsen sind, nicht fremd. So eilt Ullr oder Skadhi in der Edda auf Schrittschuhen aus Knochen über die Eisfelder der Jagd entgegen, wie auch der junge Frithjof auf der Eisfläche seine kunst­volle Bahn zieht, während die Helden der finnischen und altisländischen Engen auf schnellen Schneeschuhen dahinstürmen.

Aber neben den winterlichen Freuden weiß das Märchen auch von manchem Leid zu künden, daß diese Jahreszeit den nordischen Helden als ein Hemmnis weiter Abenteuerfahrten und kühner Unternehmungen bereitet. Besonders die isländischen Märchen erzählen immer wieder von der unfreiwilligen Wintermütze, zu der die Helden durch diesen mächtigen Zwingherrn verurteilt werden, in die nur die Freuden des Julsestes eine angenehme Unterbrechung der Eintönigkeit bringen. Frei­lich, die tatenlustigsten der Helden lassen sich auch durch die Unbilden der Jahreszeit nicht abschrecken und suchen südlichere Fisch- und Jagd- pläize auf; doch müssen sie aus diesen Fahrten durch Schneestürme und über die weiten Eisflächen, von Riesen und andern bösen Geistern umlauert, furchtbaren Gefahren trotzen. Das Märchen vonAsmund Eüdfahrer" entwirft ein Bild voll packender Wucht von den Schreck­nissen des Nordlandwinters, die den in einem Schneesturm auf menschen­öder Heide Zurückgebliebenen umtoben. Denn nicht jedem der tollkühnen, den Wintergefahren sich aussetzenden Abenteurern ergeht es so gut wie demMann von Grimsö", den eine mitleidige Bärin zusammen mit ihren Jungen nährt und wärmt und schließlich durch die Fluten zurück­trügt oder dem auf einsamer winterlicher Insel zurückgebliebenen Fischer­knecht, den desEibenkönigs auf Selö" Tochter gastlich und immer wieder verzeihend aufnimmt, und der es ihr doch mit schnödestem Undank lohnt. Auch sonst weiß das nordische Märchen von manch schönem Zug winterlicher Gastfreundschaft und Mildtätigkeit zu berichten, die gegen den vor bitterster Not geborgenen Wintergast, fei es Mensch oder Tier, ausgeübt werden, wie auch unser deutsches Märchen vonSchnee­weißchen und Rosenrot" von der liebevollen Aufnahme und Pflege des halberfrorenen Bären am gastlichen Herdfeuer erzählt.

Unter den deutschen Märchen ist vor allemFrau Holle" das wahre deutsche Wintermärchen, lieber viele Länder der Erde verbreitet, hat das Motiv von der fleißigen und der faulen Schwester, das im Deutschen mit der Gestalt der Frau Holle in Verbindung gebracht ist, in dem verschiedenartigsten Erdreich Wurzel geschlagen. Aber seltsam: außer dem deutschen Märchen trägt nur noch die bei den zwischen dem Schwarzen und Kaspischen Meer wohnenden Üben beheimatete Fassung ein ausgesprochen winterliches Gepräge, indem dort die Stieftochter zu dem Schneedämon Moroz Jwanssohn gelangt und, nachdem sie seine Betten zu seiner Zufriedenheit geklopft hat, von ihm mit einem Eimer voll Silberstücken belohnt wird, während die faule Schwester als Lohn ihrer Lässigkeit ein Eisstück davonträgt. Im deutschen Märchen übt Frau Holle, deren Gestalt im Mittelpunkt eines weit verzweigten Naturmythos steht, das Amt der lohnenden und strafenden Richterin über die Gold­man« und Pechmarie aus, wie ihr ja auch der Volksglaube die gleiche Aufgabe in den winterlichen Spinnstuben zuteilt. Zumal die Nächte um die Jahreswende, die Zwölften, deren letzte ihr besonders heilig ist, gelten als die Zeit ihrer Herrschaft. Dann hält sie ihren Umzug durch die winterlichen Fluren, bestimmt als Wettergöttin das Weiter des kommenden Jahres und segnet, eine Hegerin des Wachstums, Baum und Kraut. Aber nicht selten zeigt sich Frau Holle auch als Unholdin; dann laust sie im wirbelnden Schneesturm durch die Wälder und gesellt sich dem Heere der Wilden Jäger zu, Unheil drohend jedem Wanderer.

Wie in der Gestalt der Frau Holle zweifellos Züge des Märchens' und Naturmythos zufammengeflofsen sind, so hat eine sich in mytholo­gischen Andeutungen gefallende Epoche der Märchenforschung auch in dem im Zauberschlaf liegendenDornröschen" die in Winterbanden schlummernde, dem erlösenden Sonnengott entgegenharrende Erde zu erkennen geglaubt. Doch ursprünglicher als in diesem Märchen, lauter als tatSchneewittchen", wo die Schneelandschaft nur in der Vorgeschichte und im Namen der Heldin wie eine schimmernde Vision emporleuchtet, tritt das winterliche Element in dem Märchen von denDrei Männlein im Walde" zutage.Da war nichts als Schnee die Weite und die Breite, und war kein grünes Hälmchen zu merken", so schildert das Märchen die unendliche Oede der winterlichen Landschaft, in der das arme Mäd­chen, gehorsam dem Willen der bösen Stiefmutter, Erdbeeren suchen mutz.

Doch des Schnees wandelbare Fülle, fein plötzliches Dahinschwinden in der Sonne scheint auch so recht der geeignete Stoff, an dem die üppig wuchernde Phantasie des Lügenmärchens ihre Kunst übt. So entlehnt das seit den Tagen der fahrenden Spielleute in Deutschland gern gehörte, noch heute in Schwaben lebendige Märchen vomSchneekind" sein Mo­

tiv, den vorgeschützten Grund für das Austauchen und Verschwinden des Kindes, diesem schnell vergänglichen Element, wie auch die Fabulierkunst des berühmten Lügenbarons Münchhausen bald von der kaum aus den Schneemassen herauslugenden Kirchturmspitze, an der er sein später in der Luft hängendes Pferd anbindet, bald von der im Posthorn eingefrorenen und in der Wärme von selbst ertönenden Melodie zu er­zählen weitz, die noch heute in einem im Schwarzwald lokalisierten Mar- dienDas Posthorn" nachtönt. , ., , ,

Und wie die alten Märchen des Volkes Jahrhunderte lang ihre leuch­tendsten Blütenranken durch die winterliche Landschaft geschlungen, so ward auch für den nordischen Märchendichter einer spateren Zeit, für Andersen, der Winter das grötzte, das wunderbarste aller Märchen selbst. Keinem klang wie ihm das Raunen des fallenden Schnees, das Knirschen des Eises, das Heulen des Wintersturmes mit der lei en Me­lodie alter Märchenweisen zu einer so unlösbaren Einheit zusammen, keiner ward wie er der Winter-Märchendichter. Da steht das arme kleine annenbäumchen im schneebedeckten Wald, trauernd ob des kecken Has« leine, das über [ein Wipfelchen hinwegfpringt; dort träumt die alte Eiche in der sturmdurchtobten Weihnachtsnacht ihren letzten Traum, bevor sie entwurzelt auf der kalten Schneedecke ruht. Hier trotzt das tapfere kleme Mädchen allen Schrecken des Nordlandwinters, um den m die Gewalt der Schneekönigin gefallenen Freund aus ihren Banden zu erlösen, wa^ renb die Eisjungfrau den ihr schon als Kind Verfallenen unwiderstehlich in ihr Reich des ewigen Winters hinabzieht. Und der Dichter erzählt, wie der Winter mit milden, weichen Schneehänden das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern von der Erde hinweggetragen, es in einen letzten Glückstraum von strahlenden Weihnachtslichtern, von köstlichen Gerichten und einem warm leuchtenden Ofen wiegend. Dann wieder laßt er das Bild des grimmen Frostwinters, dieses Feindes der Vogelwelt erstehen, wie er sich in einein Spcrtzenköpschen malt, oder schildert Schneemanns Glück und Ende Bilder, farbenschimmernd wie die im Regenbogen- fpiel strahlenden Eiskristalle, vielgestaltig wie ihre Formenwelt.

Winterzeit Märchenzeit.

Vom Roroima zum Orinoko."

Crgebnisie einer Reise von Prof. Koch-Grünberg in Nordbrasilien und Venezuela.

Besprochen von Dr. Wolfgang Panzer.

Das Hochland von Guayana im nördlichen Südamerika erhebt sich wie ein breiter Schild zwischen der ungeheuren Niederung des Ama­zonenstroms im Süden und der Orinokosenke im Norden. Breite Strei­fen undurchdringlichen Urwalds an der fieberheißen Pfeffert liste und tm Amazonentiefland legen sich fast wie ein Ring um diese Landschaft und verwehren so den Zutritt. Nur wenige Forscher haben diesen Urwald- qürtel durchbrochen und sind ins Innere vorgedrungen. Große Teile sind noch heute völlig unbekannt. Weit im Westen hat vor hundert Jahren Alexander v. Humboldt das Stromgeflecht des Oberen Orinoko enträtselt. Den Gebrüdern Schomburgk verdanken wir die erste eingehendere Kunde von diesen weitgedehnten Urwald- und Sa- vannenlandschaften mit ihren vielen großen Flüssen, ihren riesigen Taselbergen und den in großer Unberührcheit von der Außenwelt leben­den Indianen,, und der Botaniker U 1 e erforschte die eigentümliche Pslan- zenwelt. Aber das blieben nur schmale Gassen der Kenntnis inmitten einer ungeheuren Fläche, über deren Bodengestaltung und Gewässernetz, deren Pflanzenwelt und deren Bewohner vor allem man nicht viel mehr als bloße Vermutungen zur Verfügung hatte. , ..

Einen Völkerkundler mutzte es besonders locken, tn dies sungfrauliche Gebiet einzudringen und die Jndianerftämme auszusuchen, die noch unbe­rührt von europäischer Zivilisation die geistige und stoffliche Kultur be­wahrt haben muhten, wie sie aus dem Geist und Willen und den Fähig­keiten dieserWilden" und den Gaben ihres Landes sich entwickelt haben.

Im Mai 1911 kam Professor Theodor K o ch - G r u n b e r a , der schon zwei große Reisen in Brasilien unternommen hatte, in Manaos am Amazonenstrom an und begann hier eine Forschungsreise, die ign mit dem deutschen Begleiter Schmidt an die Grenzen von Guayana, Bra­silien und Venezuela durch das noch kaum erforschte Gebiet der Wasser- cheide zwischen Rio Orinoko- und Rio Negro-Stromgebiei führte. Die Ergebnisse dieser zweijährigen Forschungsreise sind in einem großen Werke niedergelegt, das unter dem TitelB o m Roroima zum O r i n o k o" in fünf stattlichen Bänden im Verlag von Strecker & Schröder in Stuttgart erschienen ist*). Der erste Band bringt die Schilderung der Reife, der zweite enthält Mythen und Legenden der Taulipang- und Arekuna-Jndianer. Im dritten Band wird die geistige und stoffliche Kul­tur verschiedener Jndianerstämme behandelt. Der fünfte Band, ein Tafel­werk, bringt auf 180 Tafeln anthropologische Typen und Gruppen. Im vierten Band, der noch nicht erschienen ist, sind die sprachlichen Ergeb- * niste niedergelegt, Texte mit Interlinearübersetzungen und Wörterlisten von 23 Sprachen und Dialekten, von denen sechs bis dahin ganz unbe­kannt waren.

Es genügt fast, das Titelbild zu betrachten, das dem zweiten Bande vorgeheftet ist, um den Geist zu erkennen, mit dem die Reise durchgeführt und das Werk von Theodor Koch-Grünberg geschrieben wurde: Zwischen Felsblöcken unter einem Baum am Rande des Urwaldes fitzt der Forscher, barfüßig und kragenlos, das Notizbuch auf den Knien, und Ihm gegenüber ein nackter Indianer, die Arme gelassen auf den dunkel- glänzenden Schenkeln, Märchen erzählend. Nicht jedem Weißen öffnen die Indianer so ihr Herz. Sie, die so bittere Erfahrungen gemacht haben

*) Vom Roroima zum Orinoko. Ergebnisse einer Reise in Nordbrasilien und Venezuela in den Jahren 1911 bis 1913. Unternom­men und herausgegeben im Auftrag und mit Unterstützung des Baehler- Jnstitutes in Berlin von Theodor Koch-Grünberg. Bd. 1: 1917, 2: 1924, 3: 1923, 4: noch nicht erschienen, 5: 1923. Die Bünde sind völlig in sich abgeschlossen und daher auf einzeln käuflich. 404