Lit gewissenlosen, Vertragsbrüchigen, grausamen und hinterlistigen Män- Lrn jenseits vom großen Urwald, die auf den Flüssen herausgefahren ‘tonen, Gold und Kautschuk suchend und die mit der Flinte die Indianer jegfnallten, als wäre es Jagdwild — immer wieder mußte Koch-Grün- ierg von solchen niederträchtigen Handlungen eines Gesindels von ver- Wwenen Mischlingen gegen die Indianer hören und empört verurteilt t dies Vorgehen. Freilich, einen besseren Freund vermochten die Jn- taner nicht zu finden. Er lebt mit Urnen, er ißt ihre Speisen, tanzt mit snen und trinkt das Kakchiri, er tauscht seinen Namen mit einem der toianer und belächelt nicht ihren Aberglauben, der in jeder Stromschnelle «ne lauernde Schlange erblickt, die das Boot in den Stube! ziehen will, i)er der eigentümlich geformte Felsen für verzauberte Fische hält, die iuj ihrem Laichzug in Stein verwandelt wurden. Nur dies auhergewöhn- Hche Verständnis und Eingehen auf das Wesen und die Seele der Jn- flaner hat Koch-Grünberg die oft unerhörten Mühen und Gefahren der ftwaldrelse glücklich überstehen lassen, wo die Indianer ihn als einen )er Ihren ansahen und für ihn alles erduldeten und wagten, was dis j (tot des Augenblicks erforderte. Nur versteckt erkennt man in dem Reise- -jmcht, der den ersten Band des Werkes füllt, die unzähligen Gefahren, enen die Reife im brüchigen Boot, über Hunderte von Stromschnellen, urd; nässetriesenden Urwald und Fiebersümpse in wegelosem unbekann- im Gebiet unter einer oft mißtrauischen Bevölkerung ausgesetzt war. jies alles wird nur angedeutet. Denn die Gedanken des Forschers und Menschenfreundes im Boot, auf dem heißen Fußmarsch über die Savanne, in Dämmer des Urwaldes, beim Lagerfeuer, unterm Sternhimmel, gehen den Indianern, unter denen und mit denen er reist. So ist der irfte Band weit mehr als ein bloßer Bericht über die Reife: er gibt in lebendiges Bild von dem Land und vor allem von den Menschen, it dies Land bevölkern und deren Seele wohl selten ein Weißer so nahe Kommen ist wie Koch-Grünberg.
Im Spiegel einer reinen, gesunden und lebenswarmen Menschlichkeit rtlicfen wir das Land und nehmen teil an den ungezählten kleinen und roßen Erlebnissen des Tages, manchen Widerwärtigkeiten, ungezählten tfafjren und all den tiefen Eindrücken, die eine offene empfängliche vrjcherseele auf sich wirken läßt. Mit wenig Strichen meist wird die < moschaft gezeichnet, die endlosen Savannen, über die ein glühendheißer Sind fegt, und deren Schweigen nur die Grillen mit ihrem Zirpen stören, irr die Galeriewälder, die die großen Flüsse durch die Savannen geleiten «d die sich schließlich zum Urwald zusammenschließen, in dessen feuchtem Ammer die Reisesachen schimmeln und rosten und die Nachtruhe durch Mionen blutgieriger Mücken zur Qual wird. Die Landschaft ist im > roßen immer die gleiche. Nur die Sandsteintafel des Roroirna, die sich
500 Meter über ihre Umgebung zu 2600 Meter Meereshöhe erhebt, bildet ine Landschaft für sich mit einem Ring schier undurchdringlichen, von
I Ässe triefenden Regenwaldes, wo umgestürzte und vermoderte Baurn- imme, schlüpfrige Wurzeln über.. Felsblöcken und das Geschling der
i Ionen ein Vorwärtskommen ganz ungemein erschweren. Die Gipfelplatte k Berges trägt eine nur kümmerliche, aber in ihrem Artbestand einzig- rtige Vegetation. Schwere Regengüsse und die ungewohnte Kälte stell- ,« harte Anforderungen an die Indianer, die aus ihrer warmen Sa- mnenheimat Koch Grünberg hier herauf begleitet hatten.
Aber die Fährnisse und Mühen waren nicht geringer, als er später om Standlager Koimälemong aus, im Gebiet der Taulipang und Wa- uschana, den Weg auf unbekannten Pfaden nach Westen antrat. Galt es > sch, in ein Gebiet vorzudringen, das noch nie von einem wissenschaftlich ' lösenden betreten worden war. Auf dem Uraricuera aufwärts und über li Wasserscheide zum Merewari hinüber erreichten die beiden Weißen, ie von wenigen Indianern begleitet wurden, das Gebiet der Majong- eng, die eine auffällig Helle Hautfarbe haben und in ungesundem Klima
I «rch Fieber, wohl von der Orinokomündung eingeschleppt, langsam zu Krtommen scheinen. Die langen Monate der Regenzeit mußten hier bei iichrungsmangel inmitten einer verderbten, unzuverlässigen Bevölke- ung verbracht werden. Unter unsäglichen Schwierigkeiten, gegen den jiimlichen und offenen Widerstand der Indianer, wurde dann der «iiermarsch nach Westen erzwungen und auf dem Rio Ventuari, dessen
: Ms bis dahin noch fast unbekannt war, der Orinoko bei San Fernando k Alabapo erreicht. Damit war nach fast einem Jahr anstrengendsten mb aufreibendsten Lebens in der Wildnis der Anschluß an die Zivilisa- M und das Bekannte erreicht. Orinokoauswärts und auf dem sich ab- peigenben Casstquiare ins Rio Negro-Gebiet hinüber gelangten die Rei- Mden dann wieder zum Ausgangspunkt Manaos am 2lmnzonenstrom ■tütf.
Der vollen Hingabe an eine schwere Forschungsaufgabe war auch ein Wer Erfolg beschieden. Die vier weiteren Bände des großen Werkes An davon beredtes Zeugnis ab. Haben die wundervollen Lichtdruck- iMN des ersten Bandes vor allem das Bild der Landschaft vermittelt, ! bringt der fünfte Band gleich einen ganzen Atlas von Raffenbildern, je für die Taulipang, unter denen Koch-Grünberg besonders lange weilte, «geradezu einzigartiges Studienmaterial darstellen (für diese allein 115 §eln!), da die Seelenzahl dieses Stammes nur 1000 bis höchstens 1500 ' «tagt.
®en meisten Beobachtungsstoff lieferten die Taulipang auch hinsichtlich ■ stofflichen und geistigen Kultur. Unermüdlich hat Koch-Grünberg da AMmelt, photographische, Laufbild- und phonographische Aufnahmen emacht, gezeichnet und gemessen, Wörterlisten der vielen verschiedenen Manersprachen angelegt und so geradezu eine völkerbundliche Mono- ulphle der Jndianerstämme südlich vom Roroirna geschrieben (Band 3), L eine Fülle von Zeichnungen, Skizzen und Tafelbildern erläutert ll»n r er en sehr bemerkenswerten zeichnerischen Versuchen der Inner selbst sind für den Geographen einige Skizzen der Flußsysteme M fr erstaunlicher Beweis für ihren Ortssinn und ihr räumliches twt “njgoermögen. Eine so tiefdringende, auch alle seelischen Regungen imlt £ ,?esintnis der Indianer, wie sie Koch-Grünberg sich erwerben befähigt ihn natürlich wie keinen anderen, die allgemeine n® !ef,r vieler seiner Beobachtungen zu erkennen. Wohl allzu be- en weist er selbst nur gelegentlich, oft nur in Anmerkungen, auf
diese Bedeutung hin. So ist auch der zweite Band, der die Mythen und Legenden der Taulipang und Aretuna-Jndianer enthält, ein ganz besonders kostbares Gut, das seinen vollen Wert erst erweisen kann, wenn von allen anderen Jndianerstämmen ähnlich vollständige Legenden- und Märchensammlungen oorliegen. Erst dann werden die „Verwandtschaften und Entsprechungen", die Koch-Grünberg in einem besonderen Kapitel des zweiten Bandes behandelt, in ihrer ganzen Tragweite zur Erkenntnis der Besiedlungsgefchichte Amerikas genützt werden können.
Ein überreicher Stoff ist es, den Theodor Koch-Grünberg von dieser Reise heimgebracht hat. Die Verarbeitung zu dem prachtvollen Werke er» forderte Jahre, aber schon bald nach dem Kriege zog es ihn erneut in die Wildnis: galt es doch, vor der unaufhaltsam vordringenden Zivilisation die letzten, noch unberührten Jndianerstämme aufzusuchen. Eine mit reichen Mitteln ausgeftattete amerikanische Expedition sollte ihm Gelegenheit dazu geben. Koch-Grünberg ist von dieser Reise nicht zurückgekehrt. Am Rio Branco, auf dem Wege feiner letzten Expedition, raffte ihn das Fieber dahin. Sein Tod ist ein unersetzlicher Verlust. Aber sein Name lebt in der Wissenschaft unauslöschlich fort, und im Gedächtnis und Herzen seiner Mitmenschen hat er sich ein unvergängliches Denkmal der Verehrung und Dankbarkeit gesetzt.
Die Handschuhe der Kaiserin.
Eine Novelle von Alfons v. Czibulka.
(Fortsetzung.)
Der General, der bis spät in die Nacht mit Friedrich gearbeitet hatte — sie hatten den Plan zum Angriff auf die Franzosen entworfen — dachte, daß diese Nachricht nicht gerade erschütternd sei, und es ihretwegen nicht nötig gewesen wäre, ihn so srüh aus dem Bette zu holen. Hätte der Hadik vielleicht warten sollen, bis ihm der Dessauer und der Seydlitz auf den Hals gekommen wären? So antwortete er gleichgültig: „Das war zu erwarten! Wie recht hatten doch Euer Majestät, zu sagen, daß diese Panduren zu nichts taugten, als die Fourage zu plündern!"
„Laß Er seine Komplimente!" verwies ihn ärgerlich der König. „Auch habe ich sie nicht verdient."
Fragend sah der Manstein auf seinen Souverän. „Versteht Er denn nicht?" sprach der König weiter und stieß die Spitze seines Stockes mißmutig gegen den Boden. „Verschwunden ist er, der Hadik, wie von der Erde verschlungen. Der Seydlitz jagt seine Husaren durch die Lausitz bis nach Böhmen und kann ihn nicht finden."
„Er wird eben ä la häte sich retirieret haben."
„Meint Er? Dacht' ich auch, aber les' Er doch!"
Der General nahm das Schreiben und las. Dann starrte er sprachlos den König an. Denn der Prinz Moritz von Dessau meldete mit Cilstaseite, die Oesterreicher hätten Sonntag plötzlich ihr Lager verlassen, und der Seydlitz lasse sich von seiner Opinion nicht detournieren, daß der Hadik geradewegs nach Berlin reite.
„Sottise!" entfuhr es dem General. Friedrich nahm's nicht übel. Vielleicht hatte er es auch nicht gehört. Seinen Spaziergang fortsetzend, die Hönde auf dem Rücken, den Blick auf den Boden geheftet, sagte er fast wie im Selbstgespräch: „Wir haben zu wenig Phantasie, mein Lieder. Glaub' Er mir, der Seydlitz weiß es besser als Er und ich, weich' ein Narr ein Reitergeneral sein kann. Narren sind gefährlich, weiß Er das? — Ich wollte fast, der Seydlitz wäre einer!" Der König schellte heftig. Der Adjutant trat ein. „Eine Cilstafette, rasch, rasch — so geh' Er doch!"
Kaurn war der Adjutant gegangen, warf Friedrich im Stehen hastig einige Worte auf ein Papier. Dann sprach er weiter. Er mußte reden, während er unruhig in der Stube auf- und niederlief. — „Weiß Er was, Manstein? Wenn der Seydlitz jetzt kein Narr ist und nicht, unbekümmert um den Dessauer, in dieser Stunde schon hinter dem Hadik herreitet — dann adieu bas Mirakel von Brandenburg!"
„Aber, Euer Majestät, der Hadik hat kaum mehr als dreitausend Mann, nur Reiterei, keine Infanterie ..."
Der König antwortete nicht und trat ans Fenster. Draußen war der Huffchlag einer Patrouille zu hören. Es war nicht die Stafette, die er befohlen. Ein Offizier glitt aus dem Sattel. Polternde Sprünge über die Treppen, hastiges Laufen auf den Gängen, die Tür flog auf, und ein Major vom Stabe des Dessauers stand in der Stube, Staubbedeckt, keuchend, schweißtriefend auch er.
Forschend sah ihn der König an. Ein Major als Kurier, das war Slten. Ohne den Blick von dem Offizier zu wenden, als wollte er in seinen ugen lesen, ob er Schlimmes bringe, nahm er das Schriftstück, riß es auf. Ungläubig starrte er auf das Blatt. Langsam begannen seine Augen zu strahlen. Mit einer Handbewegung entließ er den Major. Dann warf er den Stock auf bas Bett, griff nach ben Hänben bes Generals und rief lachend: „Dieu merci, Manstein! Der Seydlitz ist ein Starr! Ausgelassen ist er dem Dessauer und jagt hinter dem Hadik drein nach Berlin! — Mein Seydlitz — wenn ich den nicht hält'! — Mille tonnerres, was wird der Dessauer fluchen!" Hemmungslos fast lachte der König.
Eine Weile ging er noch im Zimmer umher, las dann noch einmal das Schreiben, legte es hin, nahm es wieder auf und sagte schließlich: „Setz' Er sich, Manstein!--Nehm' Er Papier!"
Langsam um den Tisch wandernd, manchmal stehenbleibend unb mit dem Krückstock über ben Boden tastend wie über eine Landkarte, diktierte er dem General die Befehle. Den ersten für ben Felbmarschall Moritz von Dessau: „Marschieren Sie, prince, immediatement nach Berlin! Fallen Sie bem Feind mit vivacit6 an ben Hals! Fangen Sie ihn, ob tot ober (ebenbig. Keine Katze barf mir echappieren!" — Den zweiten für die Generale in Eckartsberga. Um zwölf Uhr werde marschiert, mit allem, was Beine hat, mit leichtem Gepäck! Nur das Corps d’armSe des Marschalls Keith bleibe zurück, um gegen die Franzosen unb bie Reichsarmee zu sichern.
Verwundert sah der Generalleutnant auf. War man doch im besten Zuge gewefen, bie Franzofen erbärmlich zu traktieren.
Der König verstand den Blick. „Begreift Er denn nicht?" sagte er. „Es geht um Berlin! Weiß Er, was das heißt, wenn der Hadik Zeit hat,


