SiehenerKmiilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Siebener Anzeiger
Jahrgang 192Z
Frühttngsgrutz.
Bon Josef Freiherrn v. Eichendorfs.
Cs steht ein Berg in Feuer, In feurigem Morgenbrand, Und auf des Berges Spitze Ein Tannenbaum überm Land. Und auf dem höchsten Wipfel Steh ich und schau vom Baum, O Welt, du schöne Welt, du, Man sieht dich vor Blüten kaum.
Ein Besuch bei Hofmannsthal
Bon Robert Michel.
. Unter den Briefen der Morgenpost auf einem Umschlag die Schrift Hofmannsthals erkennen, bedeutet jedesmal das Aufspringen einer freudigen Stimmung. Schon das Bild dieser Schrift an sich, dieses Blütenhafte und Perlende in den Zügen, übt auf das Auge eine ähnliche Wirkung wie etwa eine Tonfolge von Mozart auf das Ohr. Nie ist man enttäuscht, wenn man einen Brief von seiner Hand öffnet. Wenn es auch nur ganz wenige Zeilen sind, haben die Worte immer einen ganz eigenartigen Klang, und das Alltäglichste ist in einer besonderen Wendung mitgeteilt, durch die sich der Empfänger des Briefes ausgezeichnet fühlt.
Ich erinnere mich aus Gesprächen mit Hofmannsthal, wieviel ihm der Briefwechsel an sich bedeutet, dieses ständige Euchen nach dem Ausdruck der Dinge des Lebens und dieses geistig« Ringen um die Aufklärung aller Zusammenhänge. Einmal versuchte er zu präzisieren, warum gerade die Deutschen am wenigsten ohne Briefwechsel auskommen können und fand dies, wenn er von verschiedenen Rasseeigenschaften abfah, besonders darin begründet, daß die Nation sehr groß und sehr verstreut ist. Mit den, Worte „verstreut" meinte er damals sicher nicht allein die sozusagen geographische Berstreutheit, sondern auch eine gewisse, von innen sich vollziehende Berstreutheit, die jeden Deutschen beständig mit Vereinsamung bedroht, auch wenn er in einem geschlossenen deutschen Sprachgebiet wohnt. Hofmannsthal bemerkte damals, daß im Deutschen allerdings zu viel geschrieben wird. Alle Schreibformen seien entweiht und die einzige unentweihte, weil unentweihbare, sei der Brief. Er kann es sich gar nicht vorstellen, wie man leben könnte, wenn man diese freundliche Gewohnheit vernachlässigen würde und sich nicht von Zett zu Zeit brieflich einmal etwa mit Thomas Mann oder Boßler in München, mit Rudolf Alexander Schröder in Bremen, mit Josef Nadler in Königsberg, mit Karl I. Burckhardt in Basel, mit Gagliardi in Zürich brieflich aussprechen könnte.
Findet man in dem Brief eine Einladung zu einem Besuche, so ist dies eine besonders festliche Angelegenheit: diesmal war mir die Einladung um so willkommener, weil ich in der letzten Zeit in der deutschen Presse wiederholt von neuen Arbeitsplänen des Dichters gelesen hatte und mich nun freute, aus feinem Munde darüber Näheres zu erfahren.
Es ist so wohltätig, aus dem Trubel der Großstadt in die Abgeschiedenheit seiner Dichterexistenz in Rodaun zu kommen. Schon dieser Punkt, den er als ständigen Aufenthalt gewählt hat, ist bezeichnet für fein Wesen und man stellt immer wieder gerne die Verwachsenheit seines Werkes mit der Landschaft, in der er lebt, fest. Da ist dieses Rodaun am Rande des großen Jndustriebeckens, das die Ebene von Wien bis Wiener-Neustadt ausfüllt, einer jener Orte an dem Auslauf eines Wienerwaldtales, die hier wie aus Füllhörnern die Häuschen gegen di« Ebene hinftreuen. Dort, wo der Betrieb der Liefinger Jndujtrie nicht mehr hinbrandet, liegt das liebliche Nest Rodaun an den Talhang geschmiegt, im Hintergrund beherrscht von der Kirche hoch auf dem Hügel, an dessen Fuße das alte Schlößchen aus dem Ende des 18. Jahrhunderts liegt, in dem der Dichter wohnt. Daneben sieht man das altehrwürdige Gasthaus Stelzers, das eine große Tradition aus dem alten Oesterreich hat und weiterhin das Jefliitenkonvikt Kalksburg, aus dem so viele leitende Männer des früheren Oesterreich hervorgegangen find. Wenn der Weg von der Bahn durch den anheimelnden Ort schon eine angenehme Vorbereitung ist, fühlt man sich beim Betreten des kleinen Hofes mit der hübschen Freitreppe für die Begegnung mit Hofmannsthal noch intimer vorbereitet. Dann geht man durch dieses Haus mit den dicken Mauern, an denen alte Bilder hängen über schönen Truhen.
Hofmannsthal begrüßt mich, aber schon wird er wieder abberufen, weil eine dringende Anfrage vom Theater in der Josefstadt kommt, wo eben wieder Proben zu „Cristinas Heimkehr" abgehalten werden sollen. Er ladet mich ein, mir die Zwischenzeit an dem Tisch mit den neuen Buchern und Zeitschriften zu vertreiben oder noch besser — wie er Icherzt — mittlerweile für ihn Korrekturen zu besorgen. Tatsächlich liegt em Stoß von Korrekturbogen da für die Neuausgabe des Deutschen Lesebuches, das er in München herausgibt.
Hummer 35
Als Hofmannsthal wieder zurückkehrt, bahnt sich in Anknüpfung an seine Unterredung mit dem Theater in der Josefstadt ein ergiebiges Ge- sprach über sein Schaffen für die deutsche Bühne an; „Cristinas Heimkehr" soll nach siebzehnjähriger Pause auf den Bühnen Reinhardts zu neuem Leben erblühen. Als sie das erstemal gespielt wurde, wirkte sie einigermaßen befremdend, denn das Publikum war in seiner Erwartung gestört, nicht nur dadurch, daß Hofmannsthal ein Stück in Prosa geschrieben, sondern gewiß auch, daß er sich vollständig dem Lustspiel zu- gewendet hatte. (Das Lustspielfragment „Sylvia im Stern", 1907, war wenig bekannt.) Dieser Eindruck beim Publikum war durch den Mangel an Einsicht hervorgerufen, da die oberflächlich Urteilenden noch nicht erkannt hatten, daß Hofmannsthal gerade für das Lustspiel ein Berufener und Begnadeter war. Fast in allen Stücken Hofmannsthals tauchen typische Lustspielfiguren auf, von den frühesten Dichtungen an, und in den eigentlichen Lustspielen tritt uns jene Mischung von Lustspielelementen entgegen, die Mokiere und Nestroy als die eigentlichen Ahnherren Hofmannsthals erkennen lassen. Schon nach „Der Abenteurer und die Sängerin und „Der Kaiser und die Hexe" hätte man erkennen müssen, daß sich da der kommende große deutsche Lustspieldichter ankündigt. Am meisten fühlt sich Hofmannschal von der Wiener Gesellschaft des alten Oesterreich angezogen, und er ist in ihr gleichermaßen heimisch in den Zelten Maria Theresias, in der Epoche des Biedermeier und in allen Zwischenzeiten bis zu unseren Tagen. „Der Schwierige" und „Der Unbestechliche" waren die reifen Früchte von diesem Zweig.
Indessen ist abermals ein neues Lustspiel vor der Vollendung. Auch dieses gehört stofflich im Grunde genommen neben die vorigen, obwohl es in der Antike spielt. Den Anstoß für dieses Werk fand Hofmannsthal in dem Mimifchen und Lustfpielhaften der Dialoge Platons und der Hetärengespräche Lukians.
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Es ist nicht zu verkennen, daß sich das Publikum allmählich immer mit mehr Genuß der Werke von Hofmannsthal bemächtigt. Die Menfchen gewöhnen sich nach und nach an die unwillkürliche Bewunderung und dringen infolgedessen leichter ins Innere der Dichtung. Lange Jahre hindurch war Hofmannsthal von der Masse der Leser und Zuschauer nicht so gewürdigt worden, wie es den Einsichtigen als selbstverständlich erschienen wäre. Ich verstehe diesen psychologischen Vorgang beim Publikum sehr gut, denn mir ist es bei der ersten Lektüre Hofmaimsthals nicht viel besser ergangen. Das war etwa vor dreißig Jahren gewesen, bald, nachdem ich Hofmannsthal kennengelernt hatte. Da sprachen wir uns einmal bei Leopold Andrian, und ich durfte mir dann die Manuskripte , Der weiße Fächer" und „Der Kaiser und die Hexe" mitnehrnen. Ich war anfangs von der Pracht der Hofrnannsthalschen Sprache so geblendet und überwältigt, daß ich wohl auch nicht zum reinen Genuß am Inhalt gekommen wäre. Aber da geschah es, daß mich plötzlich die Stelle im "Weißen Facher' .....Lerchen sitzen nie auf Büschen, Lerchen sind ent
weder hoch in der Luft ober ganz am Boden zwischen den Schollen", zur Besinnung brachte. Ich freute mich an dieser Beobachtung aus der alltäglichen Natur und damit waren wie durch einen Zauber plötzlich alle Hemmungen beseitigt. Bei der großen Masse kann sich ein ähnlicher Prozeß nur langsam vollziehen: aber es scheint, daß nunmehr die Zahl lener sehr rasch im Zunehmen ist, die sich durch die unvergleichliche Schönheit der Hofmannsthalschen Dichtungen nicht behindern lassen, bis zu ihrem köstlichen Kern zu bringen.
Zu ber vielfach verzweigten Probuktion ber letzten Zeit gehört auch bas Lustspiel „Helena in Aegypten", zu dem abermals Richard Strauß die Musik komponiert. Hier kommt es ähnlich wie bei „Ariadne auf Naxos" auf die Gegenüberstellung des Heroischen und Niedrigen und alles dessen, was sich in diesen Begriffen versteckt, an.
Schön ist es, wenn es, wie diesmal, die Zeit erlaubt, noch einen Spaziergang mit dem Dichter in bas Hügellanb hinter Robaun zu unternehmen. Diese Buchenwälber unb welligen Wiesen habe ich oft unb oft an seiner Seite burchstreift. Das alte schöne Haus neben dem Stelzer unb diese Lanbschast, bas alles gehört so innig zum Leben unb Werk des Dichters, daß einem hier so recht die große Gabe des Beharrens im Wesen Hofmannsthals gegenwärtig wirb. Man könnte hier fast vergessen, daß sich bie Einbildungskraft des Dichters doch auch fremder Welten und Zeiten bemächtigt hat. Trotzdem fällt mir auf einer Höhe, von der aus wir einen weiten Blick über das Wiener Feld haben, ein, ihn über [eine marokkanische Reise zu befragen. Offenbar geschieht dies, weil ich durch bas fonberbare Aussehen einer fernen Ziegelfabrik angeregt werbe, die in dem violetten Dunst sich ausnimmt wie eine Moschee ans einem orientalischen Märchen. Da erfahre ich, baß bie wenigen Berichte von ber norbafrikanifchen Reife, die ich kenne, nicht vereinzelt bleiben werben, daß schon neue Schilberungen in Vorbereitung sind: über einen ZU Gericht sitzenben Pascha, über ein Fest, über Gespräche mit Aradern — je weiter bie (Erinnerungen im Gebächtnis zurücktreten, um so lebendiger unb einfacher bieten sie sich zum endgültigen Ausdruck dar. Zwischen
Dienstag, den 3. Mai


